Disarstar

"Er ist ein sta­bi­ler Proll, aber auch ein sta­bi­les Vor­bild für Jugend­li­che", titelt der Stern. Die Zeit schrieb einst: "Der Stra­ßen­jun­ge". Die Rap­sze­ne emp­fin­det ihn oft als "poli­ti­schen Rap­per". Ich per­sön­lich den­ke: Disar­star hat von allem etwas. Ein biss­chen Stra­ße. Ein biss­chen Poli­tik. Ein biss­chen Pathos noch. Und vor allem viel Ambi­va­len­tes in sich mit dem vol­len Bewusst­sein für eben die­sen Umstand. Oben drauf kommt noch der Wil­le, immer dann etwas ande­res dar­zu­stel­len, wenn die Mei­nun­gen über ihn zu sehr fest­ste­hen.

Ein Abend im März. Es ist kurz vor Mit­ter­nacht, als wir Disar­star antref­fen. Eben noch auf der Büh­ne, nun in der leer­ge­feg­ten Lob­by eines Wies­ba­de­ner Hotels. Er ist gut gelaunt, hell­wach und hat Rede­be­darf, wie immer nach Auf­trit­ten: "Ich red' mich schon wie­der um Kopf und Kra­gen." Trifft sich gut, denn wir haben Fra­gen. Zig Inter­views gab es in letz­ter Zeit mit dem beken­nen­den St. Pauli-​Fan – aber vie­le Fra­gen, die uns auf der Zun­ge lie­gen, wur­den nicht gestellt. Und so stel­len wir sie. Und Disar­star ant­wor­tet – schier uner­müd­lich. Dabei dre­hen sich die The­men zunächst um Musik – von der neu­en Plat­te, objek­ti­vem Bewer­ten von Alben und dem gesam­ten künst­le­ri­schen Werk Disar­stars über die drei wich­tigs­ten Sta­tio­nen der bis­he­ri­gen Kar­rie­re bis hin zur Erläu­te­rung, war­um "Bil­der" von Tua einer der bes­ten deut­schen Rap­songs aller Zei­ten ist. Und da wären wir erst bei der Hälf­te des Inter­views ange­langt. Von einem kur­zen Exkurs, der Mar­cus Stai­ger behan­delt, geht das Gan­ze über zu – wie könn­te es anders sein – Poli­tik. Was ist nega­tiv dar­an, als poli­ti­scher Rap­per wahr­ge­nom­men zu wer­den? Wie steht es um Ableh­nung inner­halb der deut­schen Rap­sze­ne? Ist eigent­lich jeder Künst­ler poli­tisch? Gewalt, Hal­tung und Leid, Meckern, Deutsch­land und die Bun­des­tags­wahl sowie Kapi­ta­lis­mus, Demo­kra­tie und Nach­rich­ten … Das The­men­feld scheint schier unend­lich und Disar­star springt mun­ter, aber struk­tu­riert und nach­voll­zieh­bar von einem The­ma zum nächs­ten. Die Redak­ti­on ist sich des­sen bewusst, dass es sich bei die­sem Inter­view um eine Text­men­ge han­delt, die auf den ers­ten Blick erschla­gend wir­ken kann. Aber nach­dem wir das Gan­ze auf­be­rei­tet hat­ten, woll­ten wir es unse­ren Lesern ungern vor­ent­hal­ten.

MZEE​.com: Dei­ne neue Plat­te trägt den Titel "Minus x Minus = Plus". Kannst du zu Beginn des Inter­views von einer Situa­ti­on erzäh­len, in der zwei nega­ti­ve Ereig­nis­se zusam­men­ge­nom­men eine posi­ti­ve Aus­wir­kung haben?

Disar­star: Ich hab' das Gefühl, dass mein gan­zes Leben so ist. Immer, wenn ich dar­über spre­che, wer­den mir noch mehr Sachen klar. Ich weiß nicht, ob ihr das kennt: Wenn man eine schlech­te Zeit hat und an einen glück­li­chen Moment zurück­denkt, wird man trau­rig und nost­al­gisch in Gedan­ken an die­sen Moment. Wenn man aber in einem schlech­ten Moment an eine schlech­te Zeit zurück­denkt, ist es so: "Geil, dass ich das über­wun­den hab' und es vor­bei ist!" Dann ist man stolz und kriegt eher ein gutes Gefühl. Das ist eins von vie­len Bei­spie­len für "Minus x Minus = Plus".

MZEE​.com: War­um genau hast du denn die­sen Titel gewählt?

Disar­star: Das weiß ich ehr­lich gesagt nicht mehr. Ich glaub', 2014 mein­te ich mal in einem Blog: "Minus x Minus = Plus". Und seit­dem war der Titel in mei­nem Kopf … Habt ihr das Album vor­ab schon gehört?

MZEE​.com: Nein. Aber das wer­den wir noch – weil wir ja auch eine Review dazu schrei­ben.

Disar­star: Cool. Rich­tig schlecht wahr­schein­lich. (grinst) Die JUICE fand ich sehr cool: Ich hat­te beim letz­ten Album vier Kro­nen in der JUICE. Und jetzt stand in der Kri­tik, dass mein neu­es Album in allen Punk­ten bes­ser ist als das letz­te …

MZEE​.com: Und es hat weni­ger Kro­nen?

Disar­star: Es hat eine hal­be Kro­ne weni­ger. Ich muss ganz ehr­lich sagen: Es ist mir egal, wer was davon hält. Das gilt auch für Reviews. Über gute freut man sich. Schlech­te sind mir egal … Es ist ein­fach so: Ich bin ein der­be poli­ti­scher Typ. Ich weiß nicht, wie der poli­tisch drauf ist. Ich bin schon auch ein Hard­li­ner und eck' damit an. Wenn das jemand in die Fin­ger kriegt, der total schei­ße fin­det, was ich sag', dann geben ihm die Songs natür­lich dem­entspre­chend wenig. Das ist klar. Wie objek­tiv kann man Musik am Ende des Tages beur­tei­len? Es gibt ein paar Para­dig­men. Zum Bei­spiel: Wie ist die Sna­re? Ist es eine ein­ge­spiel­te oder eine Preset-​Snare? Das sind objek­ti­ve Kri­te­ri­en. Alles ande­re ist rein sub­jek­tiv.

MZEE​.com: Du kannst Musik nie­mals objek­tiv bewer­ten.

Disar­star: Das mein' ich auch. Wenn ein Rol­ling Stone Maga­zi­ne was schreibt – da denk' ich schon, dass das ziem­lich seriö­se Leu­te sind. Und dass die ganz bestimm­te Maß­stä­be anle­gen. Da pas­siert dann auch nicht, dass man das neue Album bes­ser fin­det als das letz­te, aber trotz­dem 'ne schlech­te­re Bewer­tung gibt … Jetzt hört sich das so an, als würd' mich das total jucken.

MZEE​.com: Zieht sich das Titel-​Thema denn wie ein roter Faden durch dein Album?

Disar­star: Auf jeden Fall. Er zieht sich wie ein roter Faden durch mei­ne gan­ze Musik. Es gibt immer wie­der Leu­te, die mir schrei­ben, dass ich ihr Leben nach­hal­tig ver­än­dert oder ihnen durch schwe­re Zei­ten gehol­fen hab'. Und das ja nicht mit erbau­li­cher, fröh­li­cher, bun­ter Musik … Des­we­gen ist das ein Teil jeder mei­ner Songs – oder des gesam­ten künst­le­ri­schen Werks.

MZEE​.com: Wun­dert es dich denn, dass Leu­te dir sowas schrei­ben? Für mich ist klar, dass dei­ne Musik viel­leicht nicht die Mas­sen anspricht. Aber Leu­te, die sich mit dei­ner Musik iden­ti­fi­zie­ren, füh­len das Gan­ze doch viel stär­ker. Du hast ja etwas Ehr­li­ches, ein biss­chen Pathe­ti­sches in dei­ner Musik, das …

Disar­star: (unter­bricht) Ein biss­chen pathe­tisch?!

MZEE​.com: Ja, klar.

Disar­star: Ja, okay. Weiß ich auf jeden Fall, ja.

MZEE​.com: … das Men­schen gera­de in schlech­ten Zei­ten stär­ker berührt. Und ihnen somit auch mehr gibt als seich­te, bun­te und fröh­li­che Musik.

Disar­star: Das denk' ich mir ja auch. Und des­we­gen mach ich das so, wie ich das mach’. Ich bin manch­mal schon ver­wun­dert, dass es Leu­te dann so berührt. Es ist ja nicht so, dass ich mich zu Hau­se hin­set­ze und über­le­ge: "Was schreib' ich jetzt, damit es Leu­ten aus 'ner schwe­ren Pha­se hilft?" Mit dem Anspruch hab' ich das nie gemacht – es hat sich ein­fach so erge­ben. Und des­we­gen wun­dert es mich manch­mal. Aber so ist die Mucke mit den Jah­ren auch immer wert­vol­ler gewor­den. Je mehr ich sowas krieg', umso mehr Trieb­fe­dern kom­men hin­zu. Ich hab' mich jetzt zum Bei­spiel pro­fes­sio­na­li­siert und dann wird auch Geld gezwun­ge­ner­ma­ßen zu einer Trieb­fe­der. Frü­her hab' ich das gemacht, um cool zu sein. Dann kam der Punkt, an dem Leu­te mir gesagt haben, dass das wich­tig für sie oder ihr Leben ist.

MZEE​.com: Apro­pos Leben: Lass uns mal über dei­ne Rap-​Anfängen spre­chen. Mit wel­chen Künst­lern hast du ange­fan­gen, Rap zu hören?

Disar­star: Der ers­te Rap-​Song, den ich je gehört hab', ist "Rap Super­star" von Cypress Hill. Dann hab' ich für Cypress Hill im Stadt­park Sup­port gemacht und konn­te mich mit Sen Dog bestimmt zehn, fünf­zehn Minu­ten dar­über unter­hal­ten, dass das der ers­te Rap-​Song war, den ich je gehört hab'. Sehr krass. Und der ers­te Deutschrap­per, der mich geprägt hat, ist Samy. Eigent­lich der­be wit­zig, weil jetzt DJ Vito mit uns unter­wegs ist – und das ist eigent­lich Samys DJ. "Gene­ra­ti­on" von Samy war mein ers­ter HipHop-​Song auf Deutsch. Und dann "Ich bin jung und brau­che das Geld" von Eko. (alle grin­sen) Gut, ich war zehn oder elf … Dann war ich ange­fixt und hat­te 'nen Jun­gen in mei­ner Klas­se, der das Inter­net schon ver­stan­den hat­te, als es Inter­net in mei­ner Welt noch gar nicht gab. Dem hab' ich ein­mal im Monat mei­nen mp3-​Player gege­ben und er hat mir irgend­was drauf­ge­zo­gen. Total egal, was. So hat­te ich dann Bushi­do und alles Mög­li­che.

MZEE​.com: Du hast ziem­lich früh ange­fan­gen, Rap zu hören.

Disar­star: Ja, auf jeden Fall. Ich hab' auch eine älte­re Schwes­ter, die immer auf dem Lau­fen­den war. Und mein Vater ist ein Typ, der extrem viel Mucke hört und tau­sen­de CDs hat. Er hat Alli­an­ce Eth­nik gehört – eine Schwei­zer Rap­grup­pe, die auf Fran­zö­sisch rappt. Die Lie­be zur Musik wur­de mir also in die Wie­ge gelegt. Und Rap war das Ers­te, das mich kom­plett abge­holt hat. Mit zehn hat­te ich schon "The Emi­nem Show" sel­ber gekauft, "Slim Shady LP", "Mar­shall Mat­ters LP", "D12 World" …

MZEE​.com: Was ist denn für dich einer der bes­ten deut­schen Rap­songs aller Zei­ten?

Disar­star: (über­legt) "Bil­der" von Tua. Weil er der Ers­te war, der mir gezeigt hat, dass ich Rap auch anders machen kann. Er hat mei­ne Mucke maß­geb­lich beein­flusst. Das weiß er mitt­ler­wei­le auch, wir haben für mein neu­es Album ja einen Song zusam­men gemacht. Er hat mir gezeigt: Du kannst auch ganz anders sein. Das hat mich ganz krass inspi­riert. Und ich fin­de ihn auch heu­te noch über­hef­tig.

MZEE​.com: Du bist noch recht jung und stehst am Anfang dei­ner Kar­rie­re. Den­noch rappst du schon seit Jah­ren und hast eini­ges erlebt. Kannst du uns kurz die drei bis­her wich­tigs­ten Sta­tio­nen dei­ner bis­he­ri­gen Rap-​Karriere auf­füh­ren?

Disar­star: Ganz kras­ses Erleb­nis: Ers­te CD im Laden, die "Tau­send in Einem"-EP. Über­kras­ses Erleb­nis: Platz 19, deut­sche Album­charts. Auch wenn's eigent­lich Quatsch ist. Aber man fängt an, zu rap­pen, und irgend­wann hat das dann Rele­vanz. Das war rich­tig krass für mich … Und MZEE Inter­view.

MZEE​.com: Das ist eine kras­se Lüge. (alle lachen) Also kei­ne Live-​Momente?

Disar­star: Oh, doch. Ers­tes Kon­zert als Sup­port der Kon­tra K-​Tour. Ab da hat­te ich nor­ma­les Lam­pen­fie­ber. Bis dahin war's total krank, mit Wesens­ver­än­de­rung, Panik-​Attacken, Weglaufen-​wollen. Drü­ber nach­den­ken, sich sel­ber zu ver­let­zen, damit man das nicht machen muss. Also rich­tig krank.

MZEE​.com: Und jetzt ist es …

Disar­star: … geil. Von Anfang bis Ende. Die­se Ner­vo­si­tät kommt, aber ich kann sie mitt­ler­wei­le genie­ßen. Danach bin ich aus­ge­las­sen und fühl’ mich wohl … schon krass. Kurz vor dem Kon­zert, meis­tens auch schon Stun­den davor, schließt sich so 'ne Glo­cke um mich. Die­se Glo­cke ist ja aber auch nur eine Welt. Sie ist nur anders als die­se Welt. Und je öfter man dann in die­ser Glo­cke war, des­to mehr weiß man: "Okay, da ist oben, da ist unten, dies, das." Und dann fin­det man sich in die­ser Welt viel bes­ser zurecht und ist hand­lungs­fä­hi­ger, als wenn alles so neu ist.

MZEE​.com: Apro­pos Kar­rie­re: Vor drei Mona­ten hast du einen Ver­trag bei War­ner unter­schrie­ben. Was genau siehst du für Vor­tei­le dar­in, bei einem Major unter Ver­trag zu ste­hen?

Disar­star: Auf jeden Fall Bud­gets. Und Reich­wei­te, Erreich­bar­keit, Con­nec­tions. Das sind auf jeden Fall Vor­tei­le.

MZEE​.com: Bist du dir eigent­lich des­sen bewusst, dass du kar­rie­re­tech­nisch in den kom­men­den Jah­ren ver­mut­lich einen ordent­li­chen Sprung machen wirst?

Disar­star: Das hört man gern … Ich bin aller­dings nur sel­ten davon über­zeugt. Das ist auch gut so – wenn ich sel­ber zu über­zeugt davon wär', hät­te ich auch nicht mehr den Anspruch, den ich hab'. Es ist mal so, mal so. Ich bin ein ganz ambi­va­len­ter Typ. Zwi­schen Grö­ßen­wahn und kom­plet­ten Selbst­zwei­feln: alles dabei. Auch lau­fend. Ich schaff' es, mich zehn Minu­ten lang für den größ­ten Macker aller Zei­ten zu hal­ten. Und ich schaff' es dann, zehn Minu­ten spä­ter das kom­plet­te Gegen­teil zu füh­len. Aber das inspi­riert mich auch. Und ich glaub', so sind alle Künst­ler.

MZEE​.com: Kom­men wir mal kon­kret auf dein neu­es Release zu spre­chen. Was genau ist denn der größ­te Unter­schied zwi­schen dei­ner neu­en und der letz­ten Plat­te?

Disar­star: Kom­plett anders. Das neue Album ist ein­fach das, das ich immer machen woll­te. Und des­halb ist es für mich auch so untouch­a­ble. (über­legt) Ich mein', zum Bei­spiel Stai­ger – er ist ein Kol­le­ge von mir. Und er fand die letz­te Plat­te der­be schei­ße. Er ist eine wich­ti­ge Refe­renz für mich, denn er hat auf jeden Fall Know-​how von Hip­Hop. Er fand das Album schei­ße und hat das bei jeder Gele­gen­heit gesagt, obwohl er mein Ver­le­ger ist und ich auf sei­ner Edi­ti­on bin.

MZEE​.com: (lacht) Das ist auch geil.

Disar­star: (lacht) Das ist voll behin­dert. Aber des­we­gen weiß ich, dass er ehr­lich ist. Er fin­det das neue Album zum Bei­spiel voll geil. Und wirk­lich alle, mit denen ich dar­über gespro­chen hab', sagen: "Das ist dein bes­tes Pro­jekt!" Weil es genau­so gewor­den ist, wie ich es immer haben woll­te. Der wesent­li­che Unter­schied zu mei­nem letz­ten Album ist, dass mir nie­mand gesagt hat: "Du machst das jetzt so und so!" Ich wür­de mir auch nie­mals bie­ten las­sen, dass jemand mit 'nem Rot­stift durch mei­ne Mucke geht. Aber es war damals so, dass vie­le Leu­te ihren Senf dazu­ge­ge­ben haben. Und dann fängt man neu an und sagt: "Das zwei­te Album ist am schwers­ten!" Was ich aber nicht gecheckt hab': Eigent­lich war mei­ne EP "Tau­send in Einem" das ers­te und "Kon­tras­te" das zwei­te Album. Guck' dir die Pro­mo­pha­se von damals an: Ich hab' zwan­zig Kilo abge­nom­men. Zu "Tau­send in Einem" war ich ein Bre­cher und hab' 100 Kilo gewo­gen, bei "Kon­tras­te" dann 80. Weil ich mir so 'nen Stress gemacht hab'. Und des­halb ist "Kon­tras­te" von vor­ne bis hin­ten kon­stru­iert. Und dann kamen Sinch und Hou­tan jetzt beim neu­en Album in mein Leben, die mir ein­fach den Raum gege­ben haben, das genau­so zu machen, wie ich mir das immer erhofft hab'. Des­halb bin ich jetzt genau da, wo ich sein möch­te. Und dabei bleib' ich jetzt erst mal für drei Alben, bis ich wie­der ver­su­che, mich neu zu erfin­den.

MZEE​.com: Ich fand das letz­te Album ehr­lich gesagt nicht kon­stru­iert.

Disar­star: Inhalt­lich ist es immer Disar­star. Jedes Pro­jekt in den letz­ten zehn Jah­ren. Das war auch bei "Kon­tras­te" nicht anders. Aber die Beats waren zum Teil Sachen, die ich gar nicht abfei­er'. Ich bin eigent­lich auf dem Oldschool-​Film hän­gen­ge­blie­ben und hab' da dann viel Synthie-​Kram. Des­we­gen bin ich da mitt­ler­wei­le so unzu­frie­den mit. Aber Tex­te hab' ich mir noch nie aus den Fin­gern geso­gen. Das hört man am Ende wahr­schein­lich auch und dar­um fin­den es vie­le gut. Aber es ist mir hier und da ein­fach zu gewollt gewe­sen.

Hou­tan (Disar­stars Tour­ma­na­ger, Anm. d. Red.): Ich glaub', das Album hät­te auch erst viel spä­ter kom­men kön­nen. Da gab es drei, vier Num­mern, das waren klas­si­sche Radio-​Nummern. Kei­ne Bal­la­den, aber stim­mi­ge Songs, bei denen ich mir dach­te: "Das hät­te auch in drei, vier Jah­ren erst kom­men kön­nen."

Disar­star: Und das Ding ist: Ich dach­te, dass ich sie machen muss. "Jetzt hab' ich 'nen Ver­trag, mein ers­tes Album – jetzt muss ich so sein." Weil mir vie­le Leu­te rein­ge­quatscht haben und ich mir das zu Her­zen genom­men hab'. Mein neu­es Album ist ein­fach kom­plett Rap. Da ist nichts Fernseh- oder Radio-​verwendbar. (lacht)

MZEE​.com: Du hast mal gesagt, dass man bei dei­nem letz­ten Album nicht sehen konn­te, wofür Disar­star eigent­lich steht. Für was genau möch­test du am liebs­ten wahr­ge­nom­men wer­den?

Disar­star: Ich bin auf jeden Fall der, der das genau­so macht, wie er will, weil er ein Stur­kopf ist. Und dabei nie Rück­sicht dar­auf nimmt, was ande­re – außer die Leu­te aus mei­nem Camp, mit denen ich das zusam­men mache – davon hal­ten.

MZEE​.com: Punkt.

Disar­star: Punkt. Ich will mir nie wie­der – wie bei "Kon­tras­te" – Gedan­ken dar­über machen, was die Leu­te davon hal­ten könn­ten. Des­halb war ich auch so angreif­bar …

MZEE​.com: Punkt. "Was ich aber trotz­dem noch sagen woll­te …" (alle lachen)

Disar­star: Des­halb war ich auch so angreif­bar, was das Album angeht, weil ich mir alles so zu Her­zen genom­men habe. Vor allem schlech­te Kri­tik. Weil das Gan­ze für mich sel­ber so labil war. Das neue Album aber ist genau Disar­star. Wenn man's mag, mag man's. Wenn nicht, nicht … Ich red' mich schon wie­der um Kopf und Kra­gen.

MZEE​.com: Stell dir vor, du müss­test jeman­dem dei­ne Musik mit nur einem Song dei­ner neu­en Plat­te näher­brin­gen: Wel­cher wäre das? War­um gera­de der?

Disar­star: Boah, das ist eine gute Fra­ge. (über­legt) Ich glau­be, "Kon­sum". Weil er so schön wider­sprüch­lich ist. Das ist auf jeden Fall 'ne kras­se Wei­ter­ent­wick­lung.

Hou­tan: Ich glau­be auch, "Kon­sum" ist die rich­ti­ge Ant­wort auf die Fra­ge. Er hat ja eine gewis­se poli­ti­sche Hal­tung und trotz­dem sind wir Teil der Gesell­schaft und tra­gen Nikes … die­se Dua­li­tät kommt da gut raus. (über­legt) Ich sag' immer, dass er als Künst­ler poli­tisch ist. Er macht sei­nen Mund auf und setzt sich für Leu­te ein, denen es schei­ße geht. Und ande­re MCs, die nur vom Koks reden, die …

Disar­star: (unter­bricht) Sol­len halt mal die kri­ti­siert wer­den! An mir wird immer ein Maß­stab ange­legt … Egal, was ich sag'! Wenn ein ande­rer Rap­per das mal sagen wür­de, wür­de er toben­den Applaus krie­gen – weil das so toll ist, dass der auch mal was Poli­ti­sches sagt. Und wenn ich das sag', kom­men sie gleich mit dem Maß­band …

Hou­tan: Das ist wie der Schü­ler, der immer nur Ein­sen schreibt. Wenn er dann mal 'ne Fünf schreibt, fra­gen alle: "Hä? Wie kann das denn sein?!"

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MZEE​.com: Ihr habt bei­de etwas sehr Ambi­va­len­tes in dem, wie ihr bei­spiels­wei­se äußer­lich und inhalt­lich gese­hen wirkt.

Disar­star: Wir hat­ten bei­de genug Schei­ße – das ist ja auch Teil unse­rer Iden­ti­tät. Wenn ich mir jetzt die Haa­re wach­sen las­sen und Skin­ny Jeans tra­gen wür­de, wür­de ich mich sel­ber nicht mehr reprä­sen­tie­ren. Und wenn die Leu­te da nicht drauf klar­kom­men, dann ist das so. (über­legt) Das ist eigent­lich voll deep. Auf die Idee bin ich bei 'nem Kabarett-​Auftritt gekom­men. Der Mensch ist ja nie – was aber vor­aus­ge­setzt wird – das eine oder das ande­re. Er ist immer "sowohl, als auch". Der Mensch ist nicht intel­lek­tu­ell oder rudi­men­tär. Die Leu­te che­cken das aber nicht. Ich bin nicht das oder das. Ich bin "sowohl, als auch". Und Mucke hat mir da voll gehol­fen. Die gan­ze Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung. Wenn man sel­ber an die Öffent­lich­keit geht, fällt es einem viel leich­ter, dazu zu ste­hen. Weil man so einen kras­sen Rea­li­täts­ab­gleich hat. Ich mein', es gibt auch vie­le Leu­te, die mich schei­ße fin­den. Ich geh' auf Tour – was ich an Dro­hun­gen jetzt schon von irgend­wel­chen Faschos krieg', die mei­ne Kon­zer­te stür­men und mich abste­chen oder umbrin­gen wol­len. Man­che Leu­te fin­den mich schon rich­tig, rich­tig schei­ße. Aber da bin ich dann auch cool mit. Ich fahr' ganz nor­mal in jede Stadt – sol­len die mal kom­men.

MZEE​.com: Denkst du, dass es dir mit Blick auf kom­mer­zi­el­len Erfolg irgend­wann im Weg ste­hen kann, dass du auch als poli­ti­scher Rap­per wahr­ge­nom­men wirst?

Disar­star: Es steht mir jetzt schon lau­fend im Weg! Ich wär' auf der einen Sei­te an einem ganz ande­ren Punkt, wenn ich das weg­las­sen wür­de. Auf der ande­ren Sei­te auch wie­der nicht. Aber ich könn­te mich auch sel­ber nicht mehr ernst neh­men, wenn ich das weg­las­sen wür­de … Ich merk' das ja. Ich merk' das in der JUICE-​Review, wenn er sagt: "Es ist in allen Punk­ten bes­ser." Er nimmt aber die gan­ze Zeit Bezug auf Poli­tik. Behaup­tet, dass ich nicht wüss­te, wovon ich rede. Ich könn­te schwö­ren, wenn ich mich mit dem Typen zusam­men­set­zen wür­de, Face to Face, hät­te er gar nichts mehr zu reden. Man wird dann ja auch zum Opfer – ich kann mich gar nicht dage­gen weh­ren. Er sagt: "Du bist Schei­ße!", und ich steh' hin­ter 'ner Glas­schei­be, wür­de eigent­lich ger­ne dazu Stel­lung neh­men … Aber das ist dann ja auch albern. Das hat mich trotz­dem aus poli­ti­scher Per­spek­ti­ve abge­fuckt. Nicht auf mensch­li­cher Ebe­ne, nicht, was mei­ne Musik angeht. Und ja, es steht mir lau­fend im Weg, über­all. Beim Klä­ren von Inter­views, Talk­shows, dem Radio …

MZEE​.com: Was denkst du, war­um das so ist?

Disar­star: Weil die Leu­te ein­fach kei­ne Eier haben, 'ne Hal­tung zu haben. Die schwim­men immer irgend­wo in der Mit­te. Das bes­te Bei­spiel ist Mar­kus Lanz. Da set­zen sich dann irgend­wel­che Leu­te hin – das kotzt mich an! Sol­che Neo­li­be­ra­len. Und Mar­kus Lanz selbst. Jeder von denen wür­de sagen: "Gewalt find' ich schei­ße. Ich bin gegen Gewalt." Aber das ist so 'ne extrem ober­fläch­li­che Aus­sa­ge. Sie sind nicht gegen die Gewalt, die der Poli­zist aus­übt, der Oma Erna nach 50 Jah­ren aus ihrer Woh­nung trägt, weil der Inves­tor das Haus abrei­ßen will, um Büro­ge­bäu­de zu bau­en. Sie haben nichts gegen Gewalt, die der Poli­zist aus­übt, wenn er einen syri­schen Fami­li­en­va­ter aus sei­ner Woh­nung trägt, in sei­ne Hei­mat abschiebt und sei­ne Fami­lie hier­lässt. Sie haben nichts gegen die Gewalt, die 'ne Kran­ken­kas­se aus­übt, wenn sie nicht das Mög­li­che, son­dern das Nötigs­te zahlt. Es ist so extrem ober­fläch­lich. Und die­se Leu­te kom­men halt mit Hal­tung nicht klar. (grinst) Da könn­te ich mich in Rage reden! Ich gucke das manch­mal abends. Und ich ras­te aus.

MZEE​.com: Glaubst du denn auch, dass Men­schen Angst davor haben, in Inter­views mit dir zu reden?

Disar­star: Die haben alle Angst vor 'ner Hal­tung. Die haben kei­nen Mut. Die haben eine Hal­tung, die sie sich bequem gemacht haben. Die rund geschlif­fen ist, die sie oft genug aus­pro­biert haben. Das heißt, sie simu­lie­ren 'ne Hal­tung, mit der alle d'accord sind. Aus­sa­gen wie: "Nazis find' ich doof." Das sind gute Aus­sa­gen – ich will nichts gegen die Aus­sa­ge sagen. Aber es ist 'ne unre­flek­tier­te, ober­fläch­li­che Aus­sa­ge. Und die­se gan­zen Leu­te trau­en sich nicht, nur einen Mil­li­me­ter wei­ter­zu­ge­hen.

Hou­tan: Das ist halt der Unter­schied zwi­schen RTL gucken und ARTE gucken …

Disar­star: Genau. Aber die hal­be Gesell­schaft ist halt RTL.

MZEE​.com: Ich fin­de es erstaun­lich, dass dir gera­de in der Rap­sze­ne so oft Ableh­nung ent­ge­gen­kommt.

Disar­star: Andau­ernd. Was mir seit Jah­ren für Stei­ne in den Weg gelegt wer­den. Rich­tig aktiv. Wenn ihr wüss­tet, wie das ablief … Aber ich fei­er' das. Ich genieß' das. Ich fühl' mich rich­tig wohl in die­ser Rol­le und die­ser Posi­ti­on. Viel­leicht muss ich aber auch dazu­sa­gen: Bis zu 'nem gewis­sen Maße fin­den die Leu­te das alle gut. "Boah, er ist ja voll poli­tisch. Voll hip und voll alter­na­tiv." Habt ihr die Sin­gle "Death Metal" gese­hen? Die hab' ich genau für sol­che Leu­te gemacht, die ich eigent­lich kri­ti­sier'. Bis zu 'nem gewis­sen Grad fin­den sie es cool. Aber ab da: Über­haupt nicht mehr.

MZEE​.com: Gibt es auch Men­schen, die ger­ne öffent­lich mit dir über Poli­tik reden?

Disar­star: Ja, Stai­ger oder so. Aber auch nicht rich­tig. Aber Stai­ger ist voll auf mei­ner Wel­len­län­ge. In man­chen Punk­ten nicht, aber in den meis­ten auf jeden Fall.

MZEE​.com: Fin­dest du, es soll­te Pflicht sein, dass Musi­ker poli­tisch sind?

Disar­star: Nein, find' ich nicht. Aber ich glau­be, du kannst kei­ne Musik machen, dich auf eine Büh­ne stel­len oder irgend­ei­ne Kunst­form machen, ohne poli­tisch zu sein. Ich glau­be, die Back­street Boys sind der­be poli­tisch. Weil die was reprä­sen­tie­ren, für was ste­hen, etwas sagen und auch etwas nicht sagen. Ich mein', alles ist poli­tisch. Da kann man natür­lich auch drü­ber dis­ku­tie­ren: Wo fängt Poli­tik an? Wo hört Poli­tik auf? Aber du kannst nicht nicht-​politische Mucke machen. Und des­we­gen ist auch nie­mand gezwun­gen, das offen­siv zu machen. Denn pas­siv ist jeder poli­tisch.

MZEE​.com: Gibt es in dei­nen Augen ein Posi­tiv­bei­spiel aus den letz­ten Mona­ten, in denen ein Rap­per sich poli­tisch geäu­ßert oder poli­tisch gehan­delt hat?

Disar­star: Ich fand das gan­ze K.I.Z-Album rich­tig geil. Ich check' das ja seit Jah­ren. Aber plötz­lich hört man aus allen mög­li­chen Ecken: "Alter, die sind ja voll poli­tisch." Als wenn man das nicht schon seit zehn Jah­ren wüss­te. Das sind voll gei­le Jungs. Und das Album fand ich auch rich­tig geil.

Hou­tan: Ich hat­te immer ein biss­chen das Gefühl, dass Leu­te, die Inter­views machen, den­ken: Disar­star ist der Rap­per für die lin­ken Kon­su­men­ten. Dabei ist er ein­fach nur ein MC, der poli­tisch für alle spricht.

Disar­star: Es gibt ein­fach auch Sachen zwi­schen Him­mel und Erde, da hat Poli­tik nichts mit zu tun. Natür­lich ist Poli­tik etwas, das unse­re Gesell­schaft maß­geb­lich kon­di­tio­niert und kon­sti­tu­iert – und damit ist unser Leben auch krass von Poli­tik abhän­gig. Aber halt nicht aus­schließ­lich. Es gibt Sachen, die völ­lig unab­hän­gig davon funk­tio­nie­ren. Und ich will auch nicht so krass dar­auf redu­ziert wer­den. Da mach' ich dann wie­der ganz ande­re Songs, mit denen ich mir Luft ver­schaff'. Immer, wenn ich das Gefühl hab', jetzt läuft alles in der Bahn, in der mich alle sehen wol­len, mache ich etwas, womit kei­ner rech­net. Und hau' 'nen Love­song raus, der voll kit­schig ist. (grinst) Kenn' ich nix. Ich bin ein­fach ein stu­rer Typ, ne. Es ist nicht so, dass ich das mar­ke­ting­mä­ßig durch­kal­ku­lier', ich mach' das nach Gefühl. Und das ist dann halt meis­tens kon­tro­vers und stur. Und viel­leicht schwer nach­voll­zieh­bar.

MZEE​.com: Wann hat denn das poli­ti­sche Inter­es­se bei dir ange­fan­gen?

Disar­star: Mit 13 oder 14 eigent­lich schon. Dann hab' ich ein paar Kur­den auf mei­ner Schu­le ken­nen­ge­lernt, die der­be poli­tisch waren. Und dann war ich mit 15 schon kom­plett durch­agi­tiert.

MZEE​.com: Und heu­te bist du Anfang 20?

Disar­star: 23.

MZEE​.com: Erstaun­lich, dass gera­de jemand in dei­nem Alter schon mit am meis­ten für sei­ne poli­ti­schen The­men in der deut­schen Rap­sze­ne auf­fällt.

Disar­star: Und trotz­dem pos­tet Hip​hop​.de dann alle fünf Tage: "Die­se Rap­per bezie­hen jetzt Stel­lung zur Flücht­lings­de­bat­te." Und da sind dann ein­fach so zehn Rap­per, ey … (lacht) Ich mach' das Han­dy an, ite­ra­tiv, immer wie­der. Und find' da dann halt auch nicht statt. Sowas pas­siert regel­mä­ßig. Ich möch­te da gar kei­ne böse Absicht unter­stel­len. Es kann auch wirk­lich sein, dass es Zufall ist.

MZEE​.com: Das ist schon ein Zwie­spalt. Natür­lich könn­te man einer­seits sagen: "Es ist gut, denn da äußern sich jetzt end­lich mal wel­che, die sich sonst nie äußern. Des­we­gen bekom­men sie jetzt 'ne Platt­form." Ande­rer­seits könn­te ich es auch ver­ste­hen, wenn man sagt: "Lie­ber pos­te ich jetzt, dass Hans-​Peter sich geäu­ßert hat, weil er berühmt ist und das viel­leicht eine posi­ti­ve Wir­kung auf Leser hat …"

Hou­tan: Ich hab' das Gefühl, wenn es Kana­ken – Leu­te mei­ner Her­kunft – machen, ist es dann mega-​interessant. Egal, wie sie es for­mu­lie­ren. Da schei­nen dann die Spot­lights drauf. Ich hab' aber bei mei­nen deut­schen Freun­den – egal, aus wel­cher Schicht – das Gefühl, das will man gar nicht dis­ku­tie­ren. Gera­de in der Mit­tel­schicht.

Disar­star: Es könn­te ja sein, dass dei­ne Hal­tung jeman­den anpisst. Und dar­um lie­ber klein­ma­chen und rund blei­ben. Und immer über­all durch­mo­geln.

Hou­tan: Und dann bringst du kras­se Rhy­mes plus poli­ti­schen Inhalt und Flows auf einen Punkt – wenn du ein Mensch bist, der so 'ne schö­ne, hei­le Welt hat, dann kannst du dir das halt nicht geben. Dann stört dich das, dann willst du das weit weg hal­ten. Weil die wei­ßen Kids aus der Mit­tel­schicht den­ken: "Dann las­sen wir den Kana­ken über Koks rap­pen." Und dann laut die Mucke auf­dre­hen, weil das berie­selt und enter­taint. Dann ver­än­dert sich die Welt auch nicht. Aber ich glau­be, auch die­ser Zug ist irgend­wann abge­fah­ren.

Disar­star: Das hast du rich­tig auf den Punkt gebracht: "Die wei­ßen Jungs aus der Mit­tel­schicht, die die Kana­ken hören." Und das ja eigent­lich auch künst­le­risch nicht ernst neh­men. (über­legt) Das ist sogar ras­sis­tisch und chau­vi­nis­tisch, wenn man einen Schritt wei­ter­ge­hen möch­te. Die­ser Hype, den man dann fährt. Das hat ja auch was mit 'nem Erha­ben­heits­ge­fühl zu tun: "Haha, guck mal. Der dum­me Kana­ke."

MZEE​.com: Das typi­sche The­ma, dass einem das Nega­ti­ve von ande­ren ein bes­se­res Selbst­wert­ge­fühl gibt. Wie Fern­seh­sen­der gucken, auf denen nur Unsinn läuft, um sagen zu kön­nen: "Guck mal, mir geht's bes­ser."

Disar­star: Das ist auch ein Pro­blem. So rum funk­tio­niert das dann. Aber es gibt auch die Situa­ti­on, dass jemand was erzählt und es wird gesagt: "Ach, heul nicht rum." Wen ich da frü­her ganz schlimm fand – und da könnt' ich ihm echt für ein paar Zei­len in die Fres­se hau­en – ist F.R. Rich­ti­ges Klischee-​weißes-​Mittelschicht-​Kind. Das sich anmaßt, dar­über zu urtei­len, ob jemand im Ghet­to lebt oder nicht. Ob jemand bro­ke ist oder nicht. Ob jemand Pro­ble­me hat oder nicht. Er kann ja auch recht haben. Aber das steht ihm ein­fach nicht zu … Das ist auch ein Pro­blem in Deutsch­land. Meckern ist ja auch immer ein biss­chen Beschwe­ren. Und wenn man dann mal meckert und sagt: "Das und das find' ich schei­ße!", dann kommt: "Ja, aber guck doch mal: die Kin­der in Afri­ka." Ich sag' immer: Wenn du zu 'nem The­ra­peu­ten gehst und die Frau, die vor dir beim The­ra­peu­ten war, wur­de von ihrem Mann ver­las­sen, ihre Mut­ter hat sich umge­bracht und sie steht kurz davor, sich 'ne Kugel in Kopf zu schie­ßen … Dann wird dir der The­ra­peut trotz­dem nicht sagen: "Jam­mer nicht rum. Der vor dir ging es viel schlech­ter!" Leid kann man halt nicht mit Leid ver­glei­chen. Und das kann man auch nicht auf­wie­gen. Nur, weil ich in Deutsch­land im Ver­hält­nis viel­leicht bes­ser leb' als ein gro­ßer Teil der Welt, heißt das nicht, dass ich mich über die Sachen, die in mei­ner Welt schei­ße lau­fen, nicht auf­re­gen darf.

MZEE​.com: Noch mehr nervt mich das Geme­cker von Men­schen, die nicht bereit sind, in ihrem win­zig klei­nen Kos­mos etwas zu ver­än­dern.

Disar­star: Das ist aber Deutsch. Das ist Meckern aus Lei­den­schaft. Da geht's nicht dar­um, irgend­ei­nen Anspruch zu haben. Da geht's nur dar­um, den Zei­ge­fin­ger zu erhe­ben und den Dicken zu machen. (über­legt) Ich bin weiß Gott kein Anti­deut­scher, aber ich bin den Deut­schen gegen­über oft genug am ras­sis­tischs­ten. Es liegt ein­fach am nächs­ten. Es gibt ein Zitat, das lau­tet: "Du kannst etwas, was du liebst, nur kri­ti­sie­ren." Oder, was dein ist. Sagen wir mal, du bist Mos­lem und fei­erst die gan­ze Zeit den Islam kom­plett ab. Ohne ihn zu hin­ter­fra­gen, zu kri­ti­sie­ren, zu reflek­tie­ren. Dann liebst du ihn auch nicht. Du kannst als Mos­lem das Chris­ten­tum lie­ben und sagen: "Ey, das ist 'ne gei­le Idee!" (grinst) Das ist viel­leicht nicht der bes­te Ver­gleich und ich komm' der­be vom The­ma ab. Aber: Ich has­se vie­le Klischee-​Deutsche, die ich kenn'. Wenn ich Hou­tan fra­ge, ob er mir 'nen Fuf­fi gibt, damit ich mir bei McDonald's ein paar Cheese­bur­ger holen kann, dann gibt er mir 'nen Fuf­fi. Und er wird mich inner­halb der nächs­ten zwei Jah­re nicht fra­gen, ob ich ihm den Fuf­fi zurück­geb': Ich wer­de ihm den aber ein­fach wie­der­ge­ben, wenn's soweit ist. Und dann kenn' ich so Hen­riks, die zwei Tage spä­ter einen Euro fünf­zig wie­der­ha­ben wol­len. (über­legt) Das ist schon ras­sis­tisch, oder? Darf ich das als Deut­scher sagen?

Hou­tan: Man darf doch sagen, was man denkt?!

Disar­star: Hm, ist das nicht schon wie­der so pseudo-​deep hoch­ge­kocht?

MZEE​.com: Das wirst du ja lesen, wenn du die 30 Sei­ten, die du uns gera­de erzählt hast, mal vor dir hast. (alle lachen) Kom­men wir noch mal auf ein ande­res The­ma: Die­ses Jahr steht die Bun­des­tags­wahl an. Inter­es­siert dich das?

Disar­star: Ja, das inter­es­siert mich die­ses Mal schon. Es wür­de mich nicht inter­es­sie­ren, wenn die AfD nicht im Spiel wäre. Die Lin­ke, SPD, FDP, Grü­ne – mitt­ler­wei­le haben die sich alle ange­bie­dert. Das ist ja alles Kon­sens. Die Grü­nen waren ja irgend­wann mal 'ne pazi­fis­ti­sche Par­tei. Heu­te stellt sich Cem Özde­mir hin und sagt: "Die Grü­nen waren nie eine pazi­fis­ti­sche Par­tei." Und pisst damit ein­fach mal im Vor­bei­ge­hen auf die Leu­te, die die­se Par­tei über­haupt ermög­licht haben.

Hou­tan: Mei­ne Mama sagt: "Poli­tik ist Mafia."

Disar­star: Ist es auch. Unterm Strich ist es ein­fach das. Ich hal­te ja vom Kapi­ta­lis­mus als sol­ches nichts. Ich glaub', es gibt kei­nen guten und kei­nen schlech­ten. Ich glau­be nicht, dass man ihn refor­mie­ren kann und vor dem Hin­ter­grund ist der gan­ze bür­ger­li­che Par­la­men­ta­ris­mus 'ne Far­ce. Ich glaub' nicht an tat­säch­li­che Demo­kra­tie in die­sem Land. Denn du kannst wäh­len, was du willst: Es ändert sich nichts. Du kannst die Illu­si­on haben, Lin­ke wäh­len … Im End­ef­fekt: Bis auf dass es ihm (Hou­tan, Anm. d. Red.) wahr­schein­lich schlech­ter geht und ande­ren Kol­le­gen von mir auch, wird sich auch durch die AfD nicht groß­ar­tig was ver­än­dern. Durch Trump wird sich auch nicht groß­ar­tig was ver­än­dern. Trump mäßigt sich ja jetzt. Aus der Mau­er ist ein Zaun gewor­den. Viel­leicht wer­den aus dem Zaun nur Grenz­kon­trol­len. Es ändert sich nichts. Du kannst noch so viel Hal­tung haben. Trotz­dem: Immer wäh­len gehen. Und sei­nen Wahl­zet­tel ungül­tig machen. Weil: "Wäh­len ist wie Zäh­ne put­zen. Wenn man's nicht macht, wird's braun."

MZEE​.com: Du hast vor zwei Jah­ren gesagt, dass du dir kei­ne Nach­rich­ten mehr anse­hen wür­dest. Wor­an lag das und hat sich das bis heu­te wie­der geän­dert?

Disar­star: Ich fand das teil­wei­se so über­trie­ben albern. Das ist mitt­ler­wei­le schon so pla­ka­tiv, dass ich das gar nicht mehr anspre­chen möch­te. Jetzt hat hier wie­der irgend­ein Kin­der­mör­der Kin­der umge­bracht. Der ist Christ. Steht das irgend­wo? Wenn ein Mos­lem das macht, ist es das ers­te Wort, das in einem Arti­kel fällt. So sind Medi­en ein­fach. In neun von zehn Fäl­len. Da kann man nicht mal 'nen rich­ti­gen Vor­wurf draus machen, denn: Du kannst nicht objek­tiv schrei­ben. Das geht gar nicht. Du bist sozia­li­siert. Du hast einen Stand­punkt, du stehst und lebst irgend­wo in der Welt … Wenn, dann gucke ich mir das an, weil ich mein', ich hät­te den Mas­ter­plan, um irgend­was zu ent­schlüs­seln. Sie sagt das und ich den­ke mir: "Ah, okay, das ist grad Pha­se." Zum Bei­spiel Ukrai­ne: "Wir wol­len die Ukrai­ne befrei­en. Okay, wer unter­jocht sich die Ukrai­ne – Russ­land oder die EU?" Bei sowas zum Bei­spiel find' ich Nach­rich­ten dann unter­halt­sam. Aber vom Ding her Käse.

MZEE​.com: Zum Abschluss: Wenn du dir eine Sache in Bezug auf die deut­sche Rap­sze­ne wün­schen dürf­test, die mor­gen in Erfül­lung geht – wel­che wäre das?

Disar­star: Oh. Ich wür­de mir wün­schen, dass es beim Erfolg von Rap wie­der um Skills geht. Punkt.

(Flo­rence Bader und Kris­ti­na Scheu­ner)
(Fotos von Mar­cel Schaar)