Türchen #23 – DIGGEN 2022: "Vögel" von OG Keemo

Ob Jour­na­lis­ten oder Rapper:innen, Produzent:innen oder DJs – von Jan Kawel­ke über Donvtel­lo und Pimf bis hin zu DJ Ron und V.Raeter: Sie alle waren schon in unse­rem For­mat "DIGGEN mit …" am Start. Sie alle haben uns Play­lis­ten zu The­men zusam­men­ge­stellt, die ihnen ganz beson­ders am Her­zen lie­gen. Und sie alle haben uns Track für Track Rede und Ant­wort gestan­den, erzählt, war­um genau die­ser eine Song es in ihre Play­list geschafft hat und was sie mit ihm verbinden.

Zum Jah­res­en­de möch­ten wir, die MZEE Redak­ti­on, Euch mit unse­rem dies­jäh­ri­gen Advents­ka­len­der nun eine eige­ne DIGGEN-Play­list schen­ken: "DIGGEN 2022" beinhal­tet 24 Lieb­lings­lie­der der Redak­ti­on aus die­sem Jahr. Wir öff­nen somit jeden Tag ein neu­es Tür­chen und erzäh­len Euch von einem Song und war­um wir ihn so sehr schätzen.

Der Track für das heu­ti­ge Tür­chen wur­de von unse­rem Lei­ter des Kommentar-​Teams Simon ausgewählt.

 

 

Im heu­ti­gen Tür­chen zu fin­den ist:

23. OG Kee­mo – Vögel (prod. by Funk­va­ter Frank) 

Simon: Gefühlt wur­den OG Kee­mo und Funk­va­ter Frank vom Fluch des frü­hen Releases erwischt: Eini­ge haben ver­ges­sen, dass die bei­den schon im Janu­ar mit "Mann beißt Hund" das Album des Jah­res releast haben. Der Song "Vögel" bringt alle Genie­strei­che der Plat­te zusam­men. Sei es die her­vor­ra­gen­de Instru­men­tie­rung, die mehr Film­mu­sik als Beat ist, die klei­nen Sound­schnip­sel oder die ver­än­der­te Akus­tik, wenn der Prot­ago­nist aufs Dach tritt – immer mehr sol­cher Details ent­deckt man mit jedem Hören. OG Kee­mo zeigt auf dem Song, was ihn zum Bes­ten des Lan­des macht: Gro­ße The­men in klei­ne Geschich­ten packen, Sto­rytel­ling auf dem höchs­ten Niveau und eine Inten­si­tät im Vor­trag, die sechs Minu­ten wie zwei vor­kom­men las­sen. "Vögel" ist sound­tech­nisch und inhalt­lich ein Gegen­ent­wurf zu allem, was aktu­ell releaset wird. Und genau das macht ihn so groß.

 


 

Alle bis­her geöff­ne­ten Tür­chen gibt es hier zum Nachlesen:

 

 

1. Mari­y­bu – Daten­ight (prod. by Kronsberg) 

Marie: Ich habe eine Schwä­che für Rache-​Songs. "CopKKKil­la" von Haft­be­fehl etwa ist einer mei­ner abso­lu­ten Lieb­lings­songs. In die­sem Jahr war aber "Daten­ight" von Mari­y­bu einer mei­ner gro­ßen Favo­ri­ten. Auch sie rächt sich, wie schon Haft, in die­sem Song an Poli­zis­ten. War­um? "Weil ich Cops nicht mag", erklärt sie selbst im Song. Anders als Haf­ti setzt sie in ihrer Rachefan­ta­sie aller­dings weni­ger auf rohe Gewalt als auf etwas, das man in den 90ern wohl "Die Waf­fen einer Frau" genannt hät­te. Sie datet einen Poli­zis­ten, nur um ihn bei sich zu Hau­se zu ver­füh­ren, zu fes­seln und ihm anschlie­ßend Geld und Kar­re zu klau­en. Oder wie sie es nennt: "Heut ist Daten­ight und du bezahlst." Im Video ist zu sehen, wie sie anschlie­ßend eine Freun­din in das geklau­te Auto ein­lädt und die zwei durch die Nacht fah­ren. Selbst­er­mäch­ti­gung, die ich in die­sem Jahr gefühlt habe.

 

2. $oho Bani – PLACEBO (prod. by Jurij Gold & Falconi) 

Enri­co: 2022 war für mich ein Jahr, in dem ich nach lan­gen Ein­schrän­kun­gen durch die Pan­de­mie end­lich wie­der etwas erle­ben woll­te. Auf Fes­ti­vals gehen, Par­tys fei­ern, jung, dumm und unver­nünf­tig sein. Den rich­ti­gen Sound dafür hat mir per­sön­lich in die­sem Som­mer $oho Bani gelie­fert. Der Ber­li­ner hat mich mit sei­ner unbe­küm­mer­ten Art schon mit sei­nem Debüt­al­bum gecatcht und die­ses Jahr mit "Kids aus dem Ver­steck" noch mal einen drauf­ge­setzt. Fol­ge­rich­tig soll­te der Besuch sei­ner Tour zum für mich ers­ten Kon­zert seit Lan­gem wer­den. Ver­schwitzt, mit einem dicken Knö­chel und über­glück­lich ver­ließ ich die Münch­ner Muf­f­at­hal­le und war end­gül­tig zum Fan der E-​Gitarren, Tech­n­obäs­se und sei­ner jugend­li­chen Leich­tig­keit gewor­den. All das fin­det man bei­spiel­haft auch auf "Pla­ce­bo". Und genau die­sen Sound habe ich die­ses Jahr gebraucht.

 

3. Waving the Guns – Gran Cana­ria (prod. by DJ Joaf & BRYCK) 

Eli­as: Ich fin­de Wider­sprü­che super­span­nend. Auch der Track "Gran Cana­ria" von Waving The Guns star­tet mit einer Sche­re zwi­schen Beat und Text. Wäh­rend BRYCKs Instru­men­tal zu Beginn bei mir für Som­mer­lau­ne sorgt, ver­passt mir Mil­li Dance hin­ge­gen wenig spä­ter mit den Wör­tern "Hand­brü­che" und "Brand­brie­fe" die lyri­sche Wach-​auf-​Schelle. Eine so woh­li­ge Melo­die wie die­se schafft es meist, mich in leich­te Trance zu ver­set­zen. Mil­li Dance lässt das mit sei­nen gesell­schafts­kri­ti­schen Pun­ch­li­nes in "Gran Cana­ria" aller­dings nicht zu. Statt­des­sen nicke ich mit und den­ke mit einer Mischung aus Wut und Eupho­rie: Fühlt sich gut an, mit der sozio­po­li­ti­schen Lage nicht zufrie­den zu sein. Und gleich­zei­tig erin­nern mich WTG an die eige­ne Inkon­se­quenz: "Auch mei­ne Wes­te fle­ckig und die Hän­de blutig."

 

4. Lug­at­ti & 9ine – AK (prod. by Traya) 

Mina: Ich habe die­ses Jahr so vie­le beschis­se­ne Live-​Shows gese­hen, ich kann sie nicht mehr zäh­len – Play­back auf der Büh­ne, durch­ge­hend Mosh­pit ohne Sinn und Ver­stand im Publi­kum. Und vie­le Rap­per, die Men­schen­mas­sen besorg­nis­er­re­gend auf­sta­cheln oder aber völ­lig kalt las­sen. Außer­dem Müll von Einmal-​E-​Zigaretten mit fan­cy Geschmä­ckern wie Blueber­ry Cheeseca­ke so weit das Auge sieht. Ich ver­ach­te alles dar­an. Was den aktu­el­len Rap-​Zeitgeist angeht, über­zeu­gen mich Lug­at­ti & 9ine aller­dings jedes Mal wie­der davon, dass man auch wür­de­voll per­for­men kann. Bei ihren Kon­zer­ten fin­det man alles, das ein Fan-​Herz erwärmt: ein "Fick Red Bull!", eine irre, aber unge­fähr­li­che Ener­gie im Publi­kum, guten Live-​Rap, emo­tio­na­le Songs, Humor, Zuschauer:innen, die gesam­te Tex­te mit­rap­pen kön­nen, und ein biss­chen Pyro für die Freund:innen der visu­el­len Unter­ma­lung. Das Trio ist ein­fach für die Büh­ne gemacht und "AK" macht mir bei jedem Hören Lust auf ein küh­les Erfri­schungs­ge­tränk bei einem ihrer Auftritte.

 

5. CONNY – Kannst du woan­ders trau­rig sein? (prod. by ok schade.) 

Mana: Da ich schon über 20 Jah­re Deutschrap höre, den­ke ich oft, dass mich nichts mehr so rich­tig über­ra­schen kann. Aber jedes Jahr gibt es eben doch wie­der min­des­tens die­sen einen Track, der es schafft. CONNY hat mich mit sei­nem Song und auch dem dazu­ge­hö­ri­gen inter­ak­ti­ven Video voll abge­holt. Mit einem Kloß im Hals und einem Hau­fen Emo­tio­nen saß ich nach dem ers­ten Hören wort­los da und habe die Fra­ge, ob ich "woan­ders trau­rig sein" kann, am Ende sei­nes Vide­os per Maus­klick beant­wor­tet. Ich lie­be es, wenn Rapper:innen auch mal den Mut haben, unpo­pu­lä­re The­men wie Depres­sio­nen auf­zu­grei­fen, beson­ders wenn sie wie in CON­NYs Track eigent­lich abso­lut prä­sent in unse­rem All­tag sind und sich jede:r auf eine Art und Wei­se damit aus­ein­an­der­set­zen sollte.

 

6. Crys­tal F x Stock­mann x Ika­rus – Neue Pro­ble­me (prod. by Ika­rus & Stockmann) 

Jens: In die­sem Jahr konn­ten mich nur weni­ge Releases über­ra­schen. Eine Viel­zahl an qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen Ver­öf­fent­li­chun­gen habe ich per­sön­lich als logi­sche Fort­füh­run­gen des bis­he­ri­gen Werks emp­fun­den. Bli­cke ich auf die letz­ten Mona­te zurück, sehe ich aber einen Künst­ler, der kon­stant am eige­nen Stil gefeilt hat: Die künst­le­ri­sche Wei­ter­ent­wick­lung von Crys­tal F fas­zi­niert mich sehr und ist anhand von "Neue Pro­ble­me" mit Ika­rus und Stock­mann deut­lich zu erken­nen. Ika­rus lie­fert ein von Reese-​Bässen getrie­be­nes Drum 'n' Bass-​Instrumental, auf dem Crys­tal F sei­nen Emo­tio­nen frei­en Lauf lässt. Mit Stock­manns gesun­ge­ner Hook stel­len sie die Fra­ge danach, wann die Nor­ma­li­tät zurück­kehrt – eine Fra­ge, die mir in Zei­ten von glo­ba­len und pri­va­ten Kri­sen direkt aus dem Her­zen spricht.

 

7. Pimf – final.wav Intro 2022 (prod by. Wyshmaster) 

Jakob: Stol­ze 13 Tracks hat es gedau­ert, bis Hof­geis­mars finest Pimf das Intro sei­ner pimf_final.wav-Playlist ver­öf­fent­licht hat. Der Track "final.wav Intro 2022" steht für mich stell­ver­tre­tend für die Pla­cke­rei von Pimf und sei­ner Crew, die auch die­ses Jahr kei­ne Pau­se kann­ten. Die sechs Tracks, die die­ses Jahr hin­zu­ge­fügt wur­den, geben mir das Gefühl, dass Pimf musi­ka­lisch immer mehr da ankommt, wo er hin­will. Musi­ka­lisch ist die­se Style- und Sinn­su­che höchst abwechs­lungs­reich: Von Dir­ty South-​Beats geht es bis zu Instru­men­tals mit Techno- oder Elektro-​Einfluss. The­ma­tisch war es dafür ver­gleichs­wei­se die­ses Jahr eher weni­ger deep und mehr auf Repre­sen­ter aus­ge­rich­tet, was jedoch nicht wei­ter rele­vant ist. Pimf hat es 2022 geschafft, dass man wirk­lich jeden Song auf Repeat hören kann, ohne gelang­weilt zu wer­den. Für mich steht dem­nach "final.wav Intro 2022" sym­bo­lisch für die­se kras­se Leis­tung und sei­nen bru­ta­len Grind. Und ob das jetzt ein Album, eine Play­list oder irgend­was ande­res ist – who cares?

 

8. Mega­loh feat. MONSOUN – Licht (prod. by Truva) 

Kers­tin: Mega­loh ist am Start, so lan­ge ich den­ken kann – ich bin also qua­si mit ihm erwach­sen gewor­den. Von den rau­en Anfän­gen in den 00er Jah­ren über die deut­lich reflek­tier­te­ren Alben "End­lich Unend­lich" und "Regen­ma­cher" bis zum im Som­mer erschie­ne­nen "Drei Kreu­ze" hat er mich sel­ten ver­lo­ren und häu­fig abge­holt. Genau­so erging es mir wie­der, als "Licht" zum ers­ten Mal in mei­ne Play­list gespült wur­de. Zei­len wie "Hab kei­ne Angst vor den eige­nen Schat­ten. Bes­ser, man kennt sei­ne eige­nen Macken. Wun­den sind da, um sie hei­len zu las­sen" tref­fen bei mir mit­ten ins Schwar­ze. Er beschreibt sehr genau, wie man einen neu­en Blick auf das eige­ne Auf­wach­sen rich­tet, wenn man ein Kind, das even­tu­ell eini­ge die­ser Macken geerbt hat, dabei beglei­tet. Auch wenn Mega­loh immer mal wie­der an ein Kar­rie­re­en­de denkt, hof­fe ich sehr, dass er noch lan­ge am Start ist und mir gedank­li­che Impul­se und "Licht" mit auf den Weg gibt.

 

9. Don­na Sava­ge – Trit­te (prod. by Brenk Sinatra) 

Malin: An Ener­gie man­gelt es die­sem Track kein biss­chen. Genau das hat mich auch an Don­nas Live­show auf der Tape­fa­brik so über­zeugt, als sie die Sin­gle dort per­form­te. Die Wie­ne­rin strahl­te dabei geball­te Power aus, bret­ter­te über den Beat von Brenk Sina­tra und feu­er­te Pun­ch­li­nes ab, die sich gewa­schen haben. Dabei schie­nen sie und ihre Crew eine Men­ge Spaß zu haben: Auf der Büh­ne ging genau das ab, was im Track "Trit­te" beschrie­ben wird – eine fet­te Par­ty. Wer den Auf­tritt ver­passt hat, bekommt den glei­chen Vibe auch im Musik­vi­deo gelie­fert. Außer­dem gibt es dort alles, was 2022 in ein Rap­vi­deo gehört: Sport­zi­ga­ret­ten, Schaum­wein und schnel­le Bril­len. Man spürt förm­lich, dass die Zei­len, die sie rappt, direkt aus dem Her­zen kom­men und ihre Cli­que sie bedin­gungs­los supportet.

 

10. Tom Hengst – ESKALATION (prod. by Brenk Sinatra) 

Hol­le: Ich hät­te ehr­lich gesagt nicht gedacht, dass mein per­sön­li­ches Hype-​Level für das Debüt-​Album von Tom Hengst im Vor­hin­ein noch stei­gen könn­te. Doch die Ankün­di­gung, dass Brenk Sina­tra die Plat­te kom­plett pro­du­ziert, hat genau das geschafft. Der Beat auf "ESKALATION" ist ein Para­de­bei­spiel dafür, dass Brenks cha­rak­te­ris­ti­scher Sound nicht nur nah am Zeit­geist ist, son­dern teil­wei­se weit vor die­sem. Denn das Bet­ty Ford Boys-​Member spiel­te das Instru­men­tal schon vor Jah­ren regel­mä­ßig auf Shows der Crew. Dass der Song trotz eines "alten" Beats so per­fekt ins Jahr 2022 passt, zeigt die Qua­li­tät der Kom­bi­na­ti­on aus Hengst und Sina­tra. Außer Kwam.E ver­bin­det für mich kein Rap­per den alten und den neu­en Unter­grund in Deutsch­land so gut wie Tom­my H. Sei­ne druck­vol­le Art zu rap­pen gibt einem Instru­men­tal, das bereits allein funk­tio­niert hat, noch deut­li­chen Mehr­wert. "Brenk x Tom­my, die Kom­bo sitzt, aber so richtig!"

 

11. Horst Wege­ner – Blei­be hier (prod. by Golow & Ras­mus Zschoch) 

Kris­sy: Die Lie­be zur eige­nen Stadt mit allen Facet­ten ist etwas, das nur weni­ge von außen nach­voll­zie­hen kön­nen. Es gibt Grün­de, wie­so man an einem Ort bleibt und nicht wie ande­re weg­zieht, um Erfah­run­gen zu sam­meln oder beruf­li­chen Mög­lich­kei­ten nach­zu­ge­hen. Wäh­rend man­che das als dumm erach­ten, weiß man selbst ganz genau, dass man dort zu Hau­se ist und erfolg­reich sein will. Was für Horst Wege­ner Wup­per­tal ist, ist für mich zwar eine ande­re Stadt, aber ich kann das Gefühl sehr gut nach­voll­zie­hen. Schon die ers­ten Sekun­den des Tracks cat­chen mich durch den Beat von Golow & Ras­mus Zscho­ch immer wie­der, weil sie mich sehr an mei­nen liebs­ten Track aus dem letz­ten Jahr erin­ne­ren: "Indus­try Baby" von Lil Nas X feat. Jack Har­low. In sei­nen bei­den Parts zeigt Horst Wege­ner aus­drucks­stark, dass er Hun­ger auf mehr hat und noch lan­ge nicht gesät­tigt ist. Egal, ob in Wup­per­tal oder im Stu­dio – er bleibt hier.

 

12. Cas­per – FABIAN (prod. by Biz­tram & Max Rieger) 

Micha­el: Es gibt so vie­le Songs über den Tod und damit ver­wand­te The­men. Der ein oder ande­re davon fin­det sich auch in Cas­pers Dis­ko­gra­fie und ich wür­de lügen, wür­de ich behaup­ten, dass das Gebiet mich nicht eben­falls fas­zi­niert. Der aktu­ells­te – "Fabi­an" – beginnt zunächst als Lei­dens­ge­schich­te des gleich­na­mi­gen Krebs­pa­ti­en­ten aus der Per­spek­ti­ve sei­nes Freun­des Cas­per, bei der man als Hörer:in minu­ten­lang befürch­tet, dass sie mit des­sen Able­ben endet. Bei der Zei­le "Und was ein blö­der Idi­ot nennt ein Album auch 'Lang lebe der Tod'?" bleibt mir noch immer für einen Moment die Luft weg. Doch in der zwei­ten Hälf­te des Tracks stellt sich her­aus, dass die Krank­heit über­wun­den wer­den konn­te und die eigent­li­che Mes­sa­ge des Stücks lau­tet: Das Leben ist stär­ker als der Tod. Des­halb zählt der Song die­ses Jahr auch zu mei­nen per­sön­li­chen Highlights.

 

13. Rok­ko Weis­sen­see feat. Dj iLL O. – Tisch­de­cke (prod. by MecsTreem) 

Nusha: Pünkt­lich zum Herbst­be­ginn lud Rok­ko Weis­sen­see mit "Tisch­de­cke" zum Nach­den­ken ein – dar­über, ob wir in Selbst­ver­wirk­li­chung auf­ge­hen oder im Hams­ter­rad unse­rer Spie­ßig­keit einer Illu­si­on nach­ja­gen. Ein inne­rer Kampf mit sich und der Gesell­schaft in einem Entweder-​oder-​Verhältnis als "Herr­scher oder Unter­tan", als "Frei­heit oder Unter­gang". Die Pro­duk­ti­on von Mec­sTreem besteht aus einem Sam­ple von The Syl­vers' "Cry of a Drea­mer" und Film­se­quen­zen einer melan­cho­li­schen Retro­spek­ti­ve des end­li­chen Lebens als eine Art Traum­vor­stel­lung. Dj iLL O.s Cuts holen mich, da ich selbst auf­le­ge, beson­ders ab und ver­lei­hen dem Track sei­nen magi­schen Fein­schliff. Ich lie­be durch­dach­te Wer­ke wie die­ses und erwi­sche mich gleich­zeitg oft in Tag­träu­me­rei­en. Die the­ma­ti­sche Auf­ar­bei­tung von Traum und Illu­si­on sowie die Gegen­über­stel­lung zum Strugg­le des Lebens bil­den hier ein in sich geschlos­se­nes Konzept.

 

14. Roger Rekless feat. Helio­c­op­ta – Kei­ne Dis­kus­si­on (prod. by Roger Rekless & Drun­ken Masters) 

Alec: Mit "Kei­ne Dis­kus­si­on" hat Roger Rekless mich mal wie­der kom­plett abge­holt. Dabei erin­nert das Rock-​lastige Out­ro des Songs an sei­ne Crossover-​Band GWLT und ent­fal­tet eine unfass­ba­re Ener­gie. Rekless hat eine Gabe dafür, höchst emo­tio­na­le und poli­ti­sche The­men in Songs ein­zu­ar­bei­ten, ohne dass es sich nach dem "erho­be­nen Zei­ge­fin­ger" anhört. Der Beat von "Kei­ne Dis­kus­si­on" geht rich­tig nach vor­ne und Rekless lässt sei­ner berech­tig­ten Wut über Fake-​Allies und angeb­li­che Woke­ness frei­en Lauf. Er nimmt sich den Raum, der ihm zusteht, für ein wich­ti­ges State­ment: "Es gibt kei­ne Dis­kus­si­on" mit Nazis. Helio­c­op­ta run­det die Visi­on mit sei­ner Power ab: "Fick die AfD"! Das dazu­ge­hö­ri­ge Album "Mela­nin" bie­tet enorm viel anti­ras­sis­ti­sches Know-​how in musi­ka­li­scher Per­fek­ti­on. "Kei­ne Dis­kus­si­on" sticht sound­tech­nisch her­aus und ist zudem die Empowerment-​Hymne 2022.

 

15. Fuf­fi­fuf­zich – Par­ty Har­dy (prod. by Jung Cho Cho) 

Mina: Meis­tens dig­ge ich mit Kopf­hö­rern in mei­nem Bett in dem Strea­ming­dienst mei­ner Wahl und skip­pe mich durch unzäh­li­ge Songs. Dabei war­te ich immer auf den "Oh mein Gott, was ist das denn Geiles?"-Moment. Zuge­ge­ben gibt es den nicht so oft, wie ich mir das wün­schen wür­de. Mit Fuf­fi­fuf­zich geht mir das aller­dings seit ihrem ers­ten Song genau so. Die Theater-​affine Ber­li­ne­rin kennt man vor allem daher, dass sie auf einem für sie übli­chen Synthie-​Beat, der an die NDW erin­nert, vor drei Jah­ren Anzei­ge wegen "Heart­brea­ke­rei" erstat­ten woll­te. Seit­her flasht mich alles, was ich von ihr höre, und ich kann nicht mal genau erklä­ren wie­so. Fuf­fi­fuf­zich ist defi­ni­tiv kei­ne Rap­pe­rin, aber mit "Par­ty Har­dy" hat sie einen sehr raplas­ti­gen Song gemacht. Ob auf dem Weg zur Arbeit, zur nächs­ten Par­ty oder beim Staub­saugen – er moti­viert mich ein­fach krass.

 

16. Miksu/​Macloud x mak­ko – Nachts wach (prod. by Miksu/​Macloud, Bars­ky, Deats, Lee & Truva)

Tim: Mit "Nachts wach" hol­te sich New­co­mer mak­ko die­ses Jahr zusam­men mit den Erfolgs­ga­ran­ten Mik­su und Macloud sei­nen ers­ten Nummer-​eins-​Hit. Gewohnt läs­sig und laid back flowt der Rap­per über den ent­spann­ten, aber trotz­dem tanz­ba­ren Beat der Pro­du­zen­ten. Ich bin auch gro­ßer Fan von mak­kos rest­li­chen Songs, die oft nach DIY klin­gen, doch die klang­lich voll­ende­te Pro­duk­ti­on von "Nachts wach" hebt sein Talent noch mal auf eine ande­re Stu­fe. Die­ses Jahr war ich häu­fig auf Raves und Techno-​Veranstaltungen unter­wegs, auf denen der Track zu mei­ner Freu­de dank des schnel­len Beats in so man­ches DJ-​Set ein­ge­baut wur­de. Und auf allen Heim­we­gen, auf denen bereits lang­sam die Son­ne auf­ging, erzeug­te "Nachts wach" genau die Stim­mung, die ich in die­sen Momen­ten am liebs­ten hatte.

 

17. David Asphalt – Der Astro­naut und der Traum (prod. by Vierling.Sound)

Micha­el: Nach acht Jah­ren Schaf­fens­pau­se hat David Asphalt zunächst als Teil der For­ma­ti­on Kids mit Knar­ren sein musi­ka­li­sches Come­back gefei­ert und im Janu­ar 2022 erst­mals wie­der einen Song als Solo­künst­ler ver­öf­fent­licht. In "Der Astro­naut und der Traum" erzählt er die Geschich­te eines Fami­li­en­va­ters, der über die Jah­re ver­ges­sen hat, wofür er lebt und was sei­ne Zie­le sind. Dabei bringt der Künst­ler sein Talent als Kurz­ge­schich­ten­au­tor ein und lässt mich die Gedan­ken und Gefüh­le des Prot­ago­nis­ten an jeder Stel­le nach­emp­fin­den. Setzt man das Motiv des Astro­nau­ten in den Kon­text von Traum­deu­tung, bekommt der Song gleich meh­re­re Ebe­nen ver­lie­hen, was ihn für mich erst recht zum Meis­ter­werk macht. Außer­dem ist er von Davids KmK-​Partner Dani­el Vier­ling pro­du­ziert, wodurch nur unter­stri­chen wird, dass die Kom­bi­na­ti­on der bei­den funk­tio­niert, egal wel­chen Namen man dem Gan­zen gibt. Ob nun als David Asphalt oder Kids mit Knar­ren, ich hof­fe auch 2023 auf Nachschub!

 

18. grim104 feat. LGo­o­ny – Numb (prod by. Kenji451) 

Leo: Nach den düs­te­ren Grau­en des ers­ten Solo­al­bums von grim104, das 2019 erschien, schlägt der Künst­ler auf sei­ner neu­es­ten Plat­te "Impe­ri­um" eine ande­re Rich­tung ein. Schon die ers­te Sin­gle, die gleich­zei­tig als Ankün­di­gung für das Album dien­te, wirkt melan­cho­li­scher und nach­denk­li­cher. "Numb" gibt mir genau das, was grim und LGo­o­ny sich in den Zei­len des Songs her­bei­seh­nen: Eska­pis­mus. Eine Ablen­kung von den Sor­gen und Ängs­ten des All­tags, wenn auch nur für knapp drei Minu­ten. Auch die Pro­duk­ti­on von Kenji451 mit einem klim­pern­den Piano-​Sample und Lo-​Fi-​Drums ist für mich wie "dämp­fen­de Wat­te und Kis­sen", mit denen grim die Wid­rig­kei­ten des Lebens abfe­dern will. Die für LGo­o­ny unge­wöhn­lich schwer­mü­ti­ge Hook – "Ich krieg' kei­ne Luft, ich kann nicht mehr lau­fen" – passt für mich gut in die­ses Jahr, das ab und zu erdrü­ckend und trist sein konn­te. Und den­noch höre ich, wenn ich mich von der­ar­ti­gen Gefüh­len für kur­ze Zeit ver­ab­schie­den will, genau die­sen Track.

 

19. Lord Fol­ter feat. YRRRE – Kaum Bist Du Weg (prod. by Lord Folter) 

Lukas: Lord Fol­ter ist schon immer sehr expe­ri­men­tell in sei­nem Schaf­fen. Wäh­rend er die­se Expe­ri­men­tier­freu­de in frü­he­ren Releases haupt­säch­lich noch in sei­nen Tex­ten aus­leb­te, aber noch sehr straigh­ten Rap mach­te, merkt man das heu­te eher an sei­nem Aus­lo­ten von Gen­re­gren­zen. Schon seit dem Album "1992day" ist sei­ne Musik aber weit mehr als Rap. Und die­ses Jahr hat er mir vor allem mit "Kaum bist du weg" gezeigt, wie krass er aus sei­nem fast sper­ri­gen Untergrund-​Image her­aus­ge­wach­sen ist. Nicht mehr ganz so kryp­ti­sche Lyrics, ein über­aus pas­sen­des Fea­ture von YRRRE und eine Hook, die so sehr im Kopf bleibt wie der in ihr ent­hal­te­ne Herz­schmerz. Ganz zu schwei­gen davon, wie smooth der selbst pro­du­zier­te Beat klingt. Lord Fol­ter ist ein­fach ein Meis­ter sei­nes Fachs, der mir nach all den Jah­ren immer noch Hun­ger auf mehr macht und mich stets überrascht.

 

20. Kraft­klub – Ein Song reicht (BLVTH Ver­si­on) (prod. by BLVTH & Flo August) 

Lenn­art: KUMMER und BLVTH haben schon auf "KIOX" bewie­sen, dass sie unglaub­lich gut zusam­men­ar­bei­ten und in sich stim­mi­ge Songs erschaf­fen kön­nen. Dem­entspre­chend erschien es nur logisch, dass BLVTH auch einen Remix zur ers­ten Kraftklub-​Single des neu­en Albums "Kar­go" pro­du­ziert. KUM­MERs Text ist bei "Ein Song reicht" bereits gewohnt poin­tiert und auf den Punkt geschrie­ben. Die Pro­duk­ti­on von BLVTH macht den Song für mich aber beson­ders. Der Beat ist von Anfang an unglaub­lich trei­bend, wobei die Instru­men­tie­rung in den Stro­phen durch­ge­hend sehr redu­ziert gehal­ten wird. In den Hooks lässt der Wahl­ber­li­ner sei­ner Pro­duk­ti­on dann bereits deut­lich mehr Raum und fügt ihr so noch mehr Ener­gie hin­zu. Das Gan­ze gip­felt schließ­lich in einem furio­sen letz­ten Refrain, in dem Syn­thies dazu­kom­men, die Pro­duk­ti­on groß wird und BLVTH alles schep­pern lässt, was schep­pern kann. Für mich eta­bliert er sich damit nur noch wei­ter als einer der Bes­ten im Lande.

 

21. Rosc – Stern­zei­chen Arro­gant (prod. by Gretz­ky & Hauro) 

Mimi: In den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren hat mich deut­scher Rap sel­ten so wenig abge­holt wie in die­sem. Die all­seits bekann­ten Play­lists sowie das eige­ne Release Radar regel­mä­ßig durch­geskippt und nur weni­ge Songs dabei ent­deckt, die ich tat­säch­lich ein zwei­tes Mal ange­spielt habe. Eine die­ser Rari­tä­ten war aller­dings "Stern­zei­chen Arro­gant" von Rosc – ein lyri­scher Mit­tel­fin­ger an die all­seits bekann­ten Hater. Mit einer Arro­ganz, die grö­ßer kaum sein könn­te, rappt der Künst­ler über den ein­gän­gi­gen Beat und macht klar: "Ich bin was Bess'res." Die per­fek­te musi­ka­li­sche Unter­ma­lung, wenn die Mensch­heit mal wie­der anstrengt und man einen klei­nen Remin­der braucht, ein paar weni­ger Fucks zu geben und sich statt­des­sen ein­fach gut zu fühlen.

 

22. Apsi­lon – Druck (prod. by Palaz­zo x Kabeh) 

Nico: Apsi­lon ist für mich einer der Hoff­nungs­trä­ger der Deutschrap-​New Wave. Kaum ein jun­ger Artist ver­eint Inhalt, Sound und Gefühl so gut mit­ein­an­der wie der Ber­li­ner. Genau das beweist er ins­be­son­de­re auf dem im Mai erschie­ne­nen Song "Druck". Hier beschäf­tigt er sich mit den fami­liä­ren Erwar­tun­gen, denen er sich als Gast­ar­bei­ter­kind stel­len muss, und sei­nem Umgang mit eben­je­nen. Sei­ne ein­präg­sa­me Stim­me wird dabei von ent­spann­ten Chords und trap­pi­gen Drums beglei­tet. Pro­du­ziert wur­de der Track von Kabeh und Palaz­zo, wobei Letz­te­rer sogar schon für US-​Superstars wie Young Thug gear­bei­tet hat. Bei "Druck" kann man sowohl den gelös­ten Vibe genie­ßen, als auch den emo­tio­na­len Inhalt auf­neh­men und mit­füh­len. Allei­ne des­halb schon einer der bes­ten Songs des Jahres.

 

All die­se Tracks fin­det ihr hier in unse­rer "DIGGEN 2022 mit der MZEE Redaktion"-Playlist auf Spotify.

(die MZEE​.com Redaktion)
(Titel­bild von Dani­el Fersch)