24 Jahre deutscher Rap in Tracks: Türchen #23 – OG Keemo (2019)

Es ist kalt, es ist grau, es gibt immer noch Coro­na. Die idea­le Zeit also, um Tag für Tag bei unse­rem Advents­ka­len­der mit­zu­fie­bern. Wie­der wer­fen wir einen Blick zurück auf die letz­ten 24 Jah­re: Wel­che Mei­len­stei­ne gab es? Wel­che Momen­te sorg­ten dafür, dass deut­scher Rap ein­fluss­rei­cher wur­de denn je? Weil uns Alben zu ein­fach sind (und wir sie schon hat­ten, sie­he hier), haben wir uns die­ses Jahr dran­ge­macht und den jeweils einen Track gesucht, der die Sze­ne über sein Erschei­nungs­jahr hin­aus ent­schei­dend geprägt hat. Jeden Tag stel­len wir Euch somit – ange­fan­gen 1997 – einen Song vor, der ent­we­der durch sei­nen Sound, sei­nen Inhalt oder sei­ne Form unse­rem Lieb­lings­gen­re sei­nen Stem­pel auf­ge­drückt hat.

 

2019: OG Kee­mo – 216

Ich wache auf und sehe kei­nen Gott, son­dern Schwar­ze im Sarg.
Und wenn nicht, dann im Faden­kreuz von 'nem wei­ßen Cop.

Nur ein Jahr nach Release ihrer "Skalp"-EP hau­en OG Kee­mo und Funk­va­ter Frank den nächs­ten Kra­cher raus: "Geist" – ein Album, das nicht nur wegen sei­ner ganz eige­nen Ästhe­tik, kan­ti­gen Beats sowie bra­chia­lem Gun- und Klepto-​Talk schon jetzt Kult­sta­tus hat. Son­dern auch, weil mit "216" eine der bewe­gends­ten und packends­ten Hym­nen aller Zei­ten ihren Platz auf dem Album gefun­den hat – ein Meisterwerk.

Ein Meis­ter­werk, in des­sen 48 wort­ge­wal­ti­gen Zei­len mehr Inhalt, Wut, Trau­er und Wahr­heit steckt als in den meis­ten musi­ka­li­schen Relea­ses der letz­ten Jah­re. OG Kee­mo erzählt auf "216" die Geschich­te des Schwar­zen Man­nes in einer wei­ßen Welt, der sich im ewi­gen Kampf zwi­schen Anpas­sung und Abgren­zung, Akzep­tanz und Aus­gren­zung gefan­gen sieht. Dass die­ser Kampf noch immer real ist, ist beschä­mend, aber für vie­le unse­rer Mit­men­schen bit­te­re Lebens­rea­li­tät – sei­en es schie­fe Bli­cke, ein ver­ächt­li­ches Schnau­ben oder direk­te Anfein­dun­gen. Die Tat­sa­che, dass Ras­sis­mus viel zu oft igno­riert, gedul­det und sogar akzep­tiert wird, gleicht einer Kapi­tu­la­ti­on der wei­ßen Mehr­heits­ge­sell­schaft vor ihren (ach so hei­li­gen) christ­li­chen Wer­ten. Logisch, dass sich Kee­mo gezwun­gen sieht, den inne­ren Mal­colm X der Bevöl­ke­rung zu befeu­ern. Denn wozu gewalt­frei­er Pro­test führt, muss­ten Mar­tin Luther King und Nel­son Man­de­la schmerz­haft erfah­ren: "Schwar­ze Früch­te hän­gen (immer noch) von Ahorn­bäu­men". Wäh­rend sich die Welt rasend ver­än­dert, bleibt Ras­sis­mus die trau­ri­ge Kon­stan­te. Es ist an uns, zu ver­hin­dern, dass sich sol­che und ande­re Geschich­ten wiederholen.

"216" ist ein klei­ner, aber wich­ti­ger Schritt auf einem lan­gen Weg Rich­tung Gleich­be­rech­ti­gung und Tole­ranz anstel­le von Ras­sis­mus und Igno­ranz. Oder wie Ulys­se, der stän­dig mit der Pro­ble­ma­tik kon­fron­tiert wird, es aus­drückt: "Dafür, dass Schwar­ze nicht von Anfang an dumm ange­guckt und gefragt wer­den, ob sie deutsch oder der Spra­che mäch­tig sind. […] Und all­ge­mein dafür, dass Aus­län­der nicht das Dop­pel­te machen müs­sen, um das Glei­che zu errei­chen wie der Karl-​Heinz." – "Und wer das nicht rafft, ver­schwen­det unnö­tig Platz" – OG Kee­mo.

(Jonas Jan­sen)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)