Goldroger – ein Gespräch über Zeit

Zeit spielt in unse­rem Leben eine gro­ße Rol­le, denn die Abfol­ge von Ereig­nis­sen prägt uns seit der Geburt. Aus Momen­ten wer­den Erin­ne­run­gen, von denen uns eini­ge mehr im Gedächt­nis blei­ben als ande­re. Man­che die­ser Erin­ne­run­gen waren schon lan­ge nicht mehr prä­sent und kom­men einem plötz­lich wie­der ins Gedächt­nis – zum Bei­spiel durch Gefüh­le, Gerü­che oder auch Musik. Die­ses nost­al­gi­sche Gefühl kön­nen auch die Songs des Köl­ner Künst­lers Gold­ro­ger aus­lö­sen. Sie han­deln unter ande­rem von der Leich­tig­keit der Jugend und der Roman­ti­sie­rung von Bezie­hun­gen. Wenn man Musik als Zugang zur eige­nen Ver­gan­gen­heit nutzt, kann dies einer­seits posi­ti­ve Gefüh­le aus­lö­sen, ande­rer­seits kann man es auch als nega­tiv emp­fin­den, wenn man sich bei­spiels­wei­se alte Zei­ten zurück­wünscht. Wir haben Gold­ro­ger zum Gespräch gebe­ten, um mit ihm über die Wahr­neh­mung von Zeit und das Los­las­sen der Ver­gan­gen­heit zu spre­chen. Außer­dem ging es dar­um, ob sich Zeit­druck nega­tiv auf Pro­duk­ti­vi­tät aus­wirkt und wie man sich vom Stress, der dadurch ent­ste­hen kann, löst.

MZEE​.com​: Ich habe dir zwei unter­schied­li­che Defi­ni­tio­nen von Zeit mit­ge­bracht. In der Phy­sik ist Zeit eine Grö­ße, über die sich die Dau­er von Vor­gän­gen und die Rei­hen­fol­ge von Ereig­nis­sen bestim­men las­sen. In der Phi­lo­so­phie ist sie dage­gen die vom mensch­li­chen Bewusst­sein wahr­ge­nom­me­ne Form der Abfol­ge von Ereig­nis­sen. Wie defi­nierst du Zeit für dich?

Gold­ro­ger: Für mich trifft eher die zwei­te Defi­ni­ti­on zu. Ich fin­de es magisch, dass Musik ein zeit­ba­sier­tes Medi­um ist im Gegen­satz zu Bil­dern. Du kannst die Zeit anhal­ten und ein Bild ist immer noch da. Wenn man einen Song anhält, ist da kei­ne Musik. Das ist rich­tig cra­zy. Auch, dass sich Musik mit der Zeit poten­zie­ren kann. Wenn ein­hun­dert Leu­te einen Track hören, der drei Minu­ten lang ist, hat der Künst­ler drei­hun­dert Minu­ten gere­det, obwohl er eigent­lich nur drei Minu­ten auf­ge­nom­men hat. Das ist mega mys­tisch.

MZEE​.com​: Denkst du, dass du grund­sätz­lich genug Zeit im Leben hast oder kommt sie dir manch­mal zu wenig vor?

Gold­ro­ger: Es kommt mir stän­dig so vor, als ob ich zu wenig Zeit hät­te. Ich habe nach dem Abi ange­fan­gen, zu stu­die­ren und gemerkt, dass das nichts für mich ist. In der elf­ten Klas­se bin ich sit­zen geblie­ben. Durch das ver­schenk­te Jahr war ich zwei Jah­re älter als die ande­ren. Ich dach­te, dass ich für alles Mög­li­che zu alt gewor­den und mein Leben gelau­fen sei. An die­sem Punkt habe ich ange­fan­gen, Musik zu machen. Man denkt ja, man müss­te zum Bei­spiel schon mit zwölf ange­fan­gen haben, Gitar­re zu spie­len. Leu­te, mit denen ich Abi gemacht habe, haben jetzt rich­ti­ge Jobs. Einer ist ver­hei­ra­tet. Dann den­ke ich, auch mir rennt die Zeit davon. Man wird sich bewusst, dass man irgend­wann abkratzt. Ich habe stän­dig das Gefühl, dass mei­ne Zeit abläuft, aber so ist es nicht. Die­ses Gefühl ver­ur­sacht Reue, weil man in der Ver­gan­gen­heit sei­ne Zeit nicht gut genutzt hat. Außer­dem denkt man zu sehr an die Zukunft und die Zeit, die einem noch davon­ren­nen wird. Dann ist man über­all außer in dem Moment, in dem man gera­de wirk­lich Ein­fluss auf das Vor­ge­hen hät­te. Die cools­ten Momen­te habe ich, wenn ich mich davon lösen kann und ver­su­che – so hip­pie­mä­ßig sich das anhört – im Jetzt statt­zu­fin­den.

MZEE​.com​: Albert Ein­stein hat ein­mal sinn­ge­mäß gesagt: Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft sind nichts als eine Illu­si­on. Jedoch eine sehr hart­nä­cki­ge. Was denkst du dar­über?

Gold­ro­ger: Wenn wir bei gro­ßen Phy­si­kern und Illu­sio­nen sind, möch­te ich ein Buch von Ste­phen Haw­king erwäh­nen, das mei­ne Mut­ter mir an Weih­nach­ten geschenkt hat. Er hat gesagt, dass die Leu­te sich immer fra­gen, was vor dem Urknall gewe­sen ist, aber das sei die fal­sche Fra­ge. Mit dem Urknall kam erst die Gebun­den­heit der Raum-​Zeit. Das heißt, es gab vor­her kei­ne Zeit. Einen kon­ti­nu­ier­li­chen Ablauf gab es nicht, als es noch kei­nen Raum gab. Das heißt, es gibt kein "vor dem Urknall". Ich kann die­sen Gedan­ken­gang einer­seits nach­voll­zie­hen, ande­rer­seits ist das auch so weit weg, dass man ihn doch nicht ver­ste­hen kann. Vor dem Urknall kann es logi­scher­wei­se kei­ne Zeit gege­ben haben. Das fin­de ich mind blowing. Genau­so, wie man sich kei­nen Raum vor­stel­len kann, in dem wirk­lich nichts ist. Man stößt auf einen Error im Gehirn, an dem es nicht wei­ter­geht.

MZEE​.com​: Auf dem Song "Wie leicht" sagst du: "Ich will nicht, dass es heilt. Wenn etwas drü­ber wächst, reiß ich's ein." – Wenn eine Wun­de nicht heilt, spielt die Ver­gan­gen­heit eine gro­ße Rol­le in der Gegen­wart. Glaubst du, dass Ver­let­zun­gen nie kom­plett ver­schwin­den?

Gold­ro­ger: Man muss sie hei­len las­sen. Bei "Wie leicht" spielt die Hoff­nung mit, dass es viel­leicht doch noch klappt. Die Wun­de darf nicht zuge­hen, denn dann gäbe es kei­nen Punkt zum Anknüp­fen. Man hat Angst, mit dem The­ma abzu­schlie­ßen. Mit dem Schmerz ver­schwin­det der Rest an Gefüh­len für die ande­re Per­son. Des­we­gen hält man – in die­sem Fall ich – die Wun­de offen. Das ist natür­lich nicht gesund, weil es einen dar­an hin­dert, vor­wärts zu gehen. Am Ende hat es mich per­sön­lich lan­ge in einem Stru­del gehal­ten ohne ein Hap­py End. Natür­lich denkt man dann, dass man das nicht hät­te machen sol­len. Aber auch das ist Reue: Man lebt wie­der in der Ver­gan­gen­heit. Bes­ser ist es, zu ver­su­chen, es nicht noch mal zu machen.

MZEE​.com​: "Lavalam­pe Lazer" han­delt von dei­ner Jugend und klingt sehr nach Frei­heit. Wünschst du dir die alten Zei­ten zurück oder bist du mit dem Sta­tus quo zufrie­den?

Gold­ro­ger: Ich bin zufrie­den damit, dass das Leben eine Abfol­ge an Momen­ten ist und sich Sachen nicht zu krass wie­der­ho­len. In der "Lavalam­pe Lazer"-Zeit habe ich mir gewünscht, irgend­wann 18 zu wer­den. Wenn man jung ist, will man ja unbe­dingt älter wer­den. Dann ist es so weit, man ist bro­ke und alle erwar­ten Din­ge von einem. Dann wäre man viel­leicht ger­ne wie­der acht oder denkt sich, viel­leicht wird es gei­ler, wenn ich 28 bin. Manch­mal roman­ti­siert man die Ver­gan­gen­heit. Vie­le Sachen sind ner­vig dar­an gewe­sen, ein Tee­nie zu sein. Das Schö­ne ist, dass man sich in sol­chen Momen­ten kurz über die Illu­si­on hin­weg­hel­fen kann. Man merkt, dass eigent­lich alles eins ist und selbst die Momen­te wie auf "Wie leicht" oder "Lavalam­pe Lazer" irgend­wie schön waren. Wenn ich alles zu einem Hau­fen kom­pri­mie­ren wür­de, sind ja alle Erfah­run­gen, die ich gemacht habe, irgend­wie immer prä­sent. Es ist cool, dass man bestimm­te Sachen erlebt hat – die­se Erin­ne­run­gen blei­ben für immer. Des­we­gen muss ich die nicht wie­der­ho­len. Ich schaue, dass ich ande­re ansamm­le, die es wert sind, sich an sie zu erin­nern.

MZEE​.com​: Man lernt ja mit der Zeit auch dazu und sam­melt Erfah­run­gen, die einen prä­gen.

Gold­ro­ger: Gera­de bei Bezie­hun­gen ist das so. Natür­lich enden die meis­ten irgend­wann. Dann denkt man ja auch nicht: "Ich wünsch­te, ich hät­te nicht drei Jah­re die­sen Men­schen geliebt." Man emp­fin­det das nicht wirk­lich als Ver­lust. Die­se Erfah­rung ist für immer da. Oder ein ver­sau­tes Stu­di­um, bei dem ich mir im Nach­hin­ein den­ke: Geil, das hat mich zum Rap­pen geführt. Die Kau­sa­li­tät ist natür­lich auch eine Illu­si­on. Eigent­lich ist alles ein rie­si­ger, abge­fuck­ter Zufall. Man hat super­we­nig Kon­trol­le über die Zukunft. Das Leben kommt, wie es kommt – "et kütt wie et kütt", sagt man in Köln.

MZEE​.com​: Wir alle haben die­sel­ben 24 Stun­den am Tag. Manch­mal bekommt man den Ein­druck, dass eini­ge Leu­te mehr aus die­ser Zeit raus­ho­len als ande­re. Was macht das mit dir?

Gold­ro­ger: Ich bin ein Mensch, der sich ab und an was vor­nimmt. Dann schrei­be ich mir eine dum­me Lis­te, wann ich auf­ste­he und was ich erle­di­gen wer­de. Das ist bescheu­ert, weil ich mitt­ler­wei­le weiß, dass ich so über­haupt nicht funk­tio­nie­re. Natür­lich den­ke ich auch: Wie macht Fynn Klie­mann das? Wie­so bekom­me ich das nicht hin? Wenn ich mich davon löse, schaf­fe ich wesent­lich mehr, als ich mir vor­stel­len kann. Wenn ich mir einen strik­ten Plan mache, emp­fin­de ich das als Arbeit und brau­che Pau­sen davon. Wenn du immer das machst, wonach dir gera­de ist, brauchst du kei­ne Pau­sen. Du musst kei­nem Ter­min gerecht wer­den, der dir Stress macht. Dex­ter ist ja bekann­ter­wei­se Arzt. Ich habe ihn mal gefragt, wie er das macht. Die Ant­wort war: "Ich has­se es ein­fach, nichts zu tun." Der macht ein­fach die gan­ze Zeit irgend­wel­che Din­ge, aber, ich glau­be, nichts, wozu er sich zwin­gen muss. Bei Fynn Klie­mann ist es aber wirk­lich mys­tisch, weil der so schnell auf DMs ant­wor­tet. Wie kann der genau­so viel am Han­dy hän­gen wie wir alle? Wann macht er dann noch die ande­ren Sachen? Das ergibt über­haupt kei­nen Sinn. Ich wet­te, es gibt noch einen zwei­ten Fynn Klie­mann. Bestimmt sind das Zwil­lin­ge und die ver­ar­schen uns nur. (lacht)

MZEE​.com​: Kannst du selbst gut mit Zeit­druck umge­hen, wenn du bei­spiels­wei­se eine Dead­line vom Label bekommst?

Gold­ro­ger: Unter Zeit­druck Musik machen kann ich gar nicht. Das ist irgend­wie doof. Ich wünsch­te manch­mal, ich könn­te mich dazu zwin­gen. Aber die bes­te Musik mache ich, wenn es mir egal ist und es mir nur um den Spaß geht. Dann habe ich mehr Aus­dau­er. Ande­re Sachen kann ich gut unter Stress machen. Ich war schon in der Schu­le jemand, der immer auf den letz­ten Drü­cker gelernt hat, aber dann cra­zy Power dabei hat­te. Ich brau­che den Druck und den Stress, um aus mei­ner Lethar­gie zu kom­men. Nur beim Musik­ma­chen hilft mir das abso­lut gar nicht.

MZEE​.com​: Hast du das Gefühl, über dei­ne Zeit frei ent­schei­den zu kön­nen, was dei­ne Musik angeht oder bekommst du Druck von außen?

Gold­ro­ger: Gott sei Dank war noch nie jemand in der Posi­ti­on, mir Druck in irgend­ei­ner Art und Wei­se zu machen. Ich habe frü­her über ein Indie-​Label releast, da hat­ten wir kei­ne Ver­trä­ge. Jetzt habe ich zwar einen Deal, aber der beinhal­tet, dass kei­ner mir irgend­et­was sagen kann. Natür­lich mache ich mir manch­mal trotz­dem selbst Druck. Man will im Som­mer eine Festival-​Saison spie­len, wenn nicht gera­de Coro­na ist. Wenn man gebucht wer­den will, soll­te das Album im Win­ter kom­men, damit es in der Booking-​Saison drau­ßen ist. Da kommt schon Druck auf. Aber immer, wenn ich die­sen Stress zuge­las­sen habe, habe ich die Dead­lines nicht ein­ge­hal­ten. Ich glau­be, ich hät­te jede von denen geschafft, wenn ich gesagt hät­te: "Fuck it, wenn es so sein soll, soll es so sein."

MZEE​.com​: Nimmst du dar­aus etwas mit? Zum Bei­spiel, dir in Zukunft selbst weni­ger Druck zu machen?

Gold­ro­ger: Das stre­be ich auf jeden Fall an. Man sagt, in der Ruhe liegt die Kraft. Das war für mich auch mal ein lee­rer Satz, bis ich irgend­wann gemerkt habe, dass all der Stress wirk­lich das ist, was am wenigs­ten bringt. Er bringt einen dazu, Din­ge zu über­se­hen, den Spaß zu ver­lie­ren und Fehl­ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Er ver­gif­tet das Den­ken und das Kör­per­ge­fühl. Wenn man ruhig bleibt, kriegt man am aller­meis­ten geba­cken. Die­se Erkennt­nis ist cra­zy. Du darfst dich von den Pro­ble­men nicht stres­sen las­sen, um sie zu lösen. Ich dach­te mitt­ler­wei­le schon so oft: Wie kom­me ich aus die­ser Schei­ße raus? Ich war kom­plett bro­ke, hat­te Schul­den und wuss­te nicht, wie ich mei­ne Mie­te zah­len soll­te. Ich habe aus jedem scheiß Pro­blem einen Weg raus­ge­fun­den. Nichts davon war am Ende so schlimm, dass es mich kom­plett gefickt hät­te. Irgend­wann hat man zuneh­mend die­ses Ver­trau­en, dass alles irgend­wie gut gehen wird.

MZEE​.com​: Gibt es Tätig­kei­ten, bei denen du das Gefühl hast, Zeit zu ver­schwen­den?

Gold­ro­ger: Ich glau­be, bei fast jedem wird die Ant­wort lau­ten: Smart­pho­ne. Ich ver­brin­ge so viel Zeit im Inter­net. Dar­an ist nicht alles schlecht, aber ich könn­te bestimmt zwei Stun­den am Tag frei­schau­feln, indem ich nicht so dumm auf Ins­ta rum­s­crol­le oder Fak­ten zu belang­lo­sen The­men ein­samm­le. Das ist manch­mal schon toxi­scher Shit, der mir die Zeit raubt. Ansons­ten frisst es Zeit, in irgend­wel­chen Gedan­ken­schlei­fen zu hän­gen und Sze­na­ri­en durch­zu­spie­len, die am Ende eh nicht so pas­sie­ren.

MZEE​.com​: Man kann vie­les eh nicht beein­flus­sen – egal, wie viel man dar­über nach­denkt.

Gold­ro­ger: Ich glau­be, man unter­schätzt, wie oft man in die­sen Schlei­fen hängt und irgend­wel­che Din­ge oder Gesprä­che, vor denen man Angst hat, durch­spielt. Man könn­te in der Zeit bewuss­ter ande­re Sachen wahr­neh­men.

MZEE​.com​: In der aktu­el­len Corona-​Situation ist der­zeit noch kein Ende in Sicht. Nichts ist wirk­lich plan­bar. Wie gehst du damit um und wie geht es dir damit?

Gold­ro­ger: Das ist ein super Bei­spiel. Ich habe mich letz­tes Jahr krass iso­liert, viel gekifft und das Album geschrie­ben. Im Janu­ar habe ich mir gesagt: Ich kann jetzt nicht mehr wei­ter paf­fen und muss erst mal klar­kom­men. Ab hier kann mein Jahr ja nur bes­ser wer­den. Irgend­wann kommt die Son­ne raus und ich spie­le gei­le Festival-​Shows. Ich gehe jeden Tag pum­pen. Dann kam die Corona-​Nummer und hat mir all die­se Gewiss­heit weg­ge­nom­men. Ich spie­le kei­ne Fes­ti­vals, gehe kei­ne Tinder-​Girls daten, wer­de nicht pum­pen gehen und schon gar nicht in den Urlaub fah­ren. Es hat Wochen gedau­ert, das los­zu­las­sen. Ich habe gehofft, dass es eine Pres­se­kon­fe­renz gibt und raus­kommt, das alles nur ein Scherz war. Irgend­wann habe ich gemerkt, dass es mega­dumm war, wie ich mich ver­hal­ten habe. Man muss einen Work­around fin­den und sich mit der Situa­ti­on arran­gie­ren, weil man sonst noch mehr Zeit ver­liert.

MZEE​.com​: Durch Covid-​19 wur­de das öffent­li­che Leben stark ein­ge­schränkt. Dadurch ist in eini­gen Lebens­be­rei­chen eine gewis­se Ruhe ent­stan­den und man ist mehr als sonst zu Hau­se. Hat sich dein Zeit­ge­fühl seit­dem ver­än­dert?

Gold­ro­ger: Ja, ich habe das Gefühl, dass die Zeit schnel­ler ver­geht. Es pas­sie­ren irgend­wie weni­ger Din­ge pro Tag. Man sagt ja eigent­lich, dass die Zeit wie im Flug ver­geht, wenn man schö­ne Din­ge erlebt. Ich fin­de, dass die Tage gleich­för­mig und ereig­nis­los wer­den. Dadurch gehen sie für mich unglaub­lich schnell vor­bei, weil sie nicht in unter­schied­li­che Abschnit­te geglie­dert sind. Es sind ein­fach weni­ger Kapi­tel.

MZEE​.com​: Erlebst du im Moment auch schö­ne Din­ge? 

Gold­ro­ger: Ich gehe jetzt immer ins Stu­dio und übe Sin­gen. Ich will auf der nächs­ten Plat­te mehr sin­gen. Das ist lei­der eine die­ser Sachen, die man üben muss, damit man bes­ser wird. Ich brau­che mor­gens einen Grund, um raus­zu­ge­hen. Und ich weiß genau, dass bis 12, 13 Uhr im Stu­dio nichts los ist. Dann kann ich in Ruhe dort sin­gen. Das ist ein Grund, um abzu­lie­fern und dar­auf freue ich mich jeden Tag. Ich sehe ein paar Leu­te im Stu­dio, dann haue ich ab und der Tag ist auch wie­der vor­bei. Viel mehr pas­siert gera­de lei­der nicht. Und das geht mir auf den Sack. Auch, dass am Wochen­en­de nichts pas­siert. Ich kom­me nach Hau­se und muss mich abfu­cken, dass mei­ne Nach­ba­rin immer auf dem Bal­kon hockt, weil die auch nicht mehr raus kann. Die ist sehr out­go­ing und lädt jetzt immer Leu­te zu sich nach Hau­se ein. Die hängt da immer und ich ras­te kom­plett aus. Aber na gut, macht nichts. Es sei ihr gegönnt.

MZEE​.com​: Es ist teil­wei­se erschre­ckend, dass eini­ge Leu­te ver­su­chen, ande­re anzu­zei­gen. Das ist eine sehr bedenk­li­che Ent­wick­lung.

Gold­ro­ger: Ich habe letz­tens etwas gese­hen, das ich mega­schlimm fand. Es gibt in Köln einen Spot, das Mäu­er­chen an der Uni. Da hocken immer vie­le Leu­te. Dann kam das Ord­nungs­amt mit zwei Wagen. Acht Leu­te sind aus­ge­stie­gen und anstatt sich auf­zu­tei­len, sind sie wirk­lich zu der ein­zi­gen Grup­pe von Leu­ten mit offen­sicht­li­chem Migra­ti­ons­hin­ter­grund gegan­gen, um sie zu kon­trol­lie­ren. Wäh­rend­des­sen konn­ten sich die gan­zen ande­ren Alman-​Studenten ver­pis­sen. Was soll sowas? Für man­che Leu­te ist das ein will­kom­me­ner Grund, Men­schen zu drang­sa­lie­ren. Jetzt kann man ja fra­gen: War­um seid ihr als Grup­pe unter­wegs?

MZEE​.com​: Sowas konn­te ich zum Glück noch nicht beob­ach­ten, aber ich kann mir sehr gut vor­stel­len, dass Racial Pro­filing im Moment häu­fi­ger pas­siert.

Gold­ro­ger: Die einen sagen halt: "Ach, komm, da drü­cken wir mal ein Auge zu, die sehen doch nett aus." Die ande­ren sagen: "Wie, ihr lauft hier zu dritt? Ich glau­be euch nicht, dass ihr zusam­men­wohnt. Aus­weis­kon­trol­le. Ah, sie hat­ten schon mal etwas mit Dro­gen zu tun, machen sie mal die Taschen leer." Geht bestimmt alles super­schnell gera­de.

MZEE​.com​: Ich glau­be auf jeden Fall, dass die­se Zeit unse­re Gesell­schaft nach­hal­tig beein­flus­sen wird. Wahr­schein­lich lei­der auch im nega­ti­ven Sin­ne in man­chen Aspek­ten.

Gold­ro­ger: Das den­ke ich auch. Vie­le haben das in den ers­ten zwei Wochen roman­ti­siert nach dem Mot­to, viel­leicht wird die Welt nach Coro­na eine schö­ne­re sein. Viel­leicht wer­den wir uns alle besin­nen, dass es auch lang­sa­mer geht. Der Kapi­ta­lis­mus wird sich von sel­ber abschaf­fen. Da den­ke ich mir: Was habt ihr für eine hän­gen­ge­blie­be­ne Ansicht? Es gehen gera­de Leu­te plei­te und es wird eine rie­si­ge Rezes­si­on geben. Die Welt nach Coro­na wird auf kei­nen Fall eine bes­se­re wer­den als zuvor. Es wird eine Welt sein, in der Exis­ten­zen zugrun­de gegan­gen sein wer­den. Die Selbst­mord­ra­ten wer­den dras­tisch gestie­gen sein. Es wird mehr häus­li­che Gewalt gege­ben haben. Die Welt nach Coro­na wird auf jeden Fall noch ein Stück kaput­ter sein als zuvor. Gebt mir mehr Pod­casts. (lacht) Und mehr Bana­nen­brot. Das sind die bei­den Din­ge, die danach viel­leicht bes­ser sein wer­den. Und die Infra­struk­tur für Livestream-​Konzerte wird viel­leicht bes­ser sein. Außer­dem wird es neue Livestream-​Konzertanbieter geben. Aber sonst erwar­te ich lei­der nicht viel Posi­ti­ves.

MZEE​.com​: Viel­leicht wird die Digi­ta­li­sie­rung dadurch schnel­ler und bes­ser vor­an­schrei­ten, weil jetzt auf ein­mal alle Leu­te von zu Hau­se arbei­ten müs­sen und die Chefs mer­ken, dass das auch cool sein kann.

Gold­ro­ger: Genau, die Chefs mer­ken, dass das cool sein kann. Aber die Leu­te, die das gera­de machen müs­sen, den­ken, es war viel­leicht doch geil, ins Büro zu müs­sen. Dadurch kommt man vor die Tür und trifft Kol­le­gen. (lacht) Die ent­ge­gen­ge­setz­te Sicht ist, dass die Chefs sehen: Geil, ich kann die Leu­te in Zukunft auch zu Hau­se mit Arbeit beläs­ti­gen und muss kei­ne Mie­te mehr für das Büro zah­len. Wer weiß.

(Malin Tee­gen)
(Fotos von Fre­de­ri­ke Wet­zels)