Adventskalender: Türchen #23 Alex Barbian & Kevin Rühländer

Und wie­der neigt sich ein prall gefüll­tes HipHop-​Jahr dem Ende zu. Um es gebüh­rend abzu­schlie­ßen, stell­ten wir rele­van­ten Per­sön­lich­kei­ten der deut­schen HipHop-​Szene vier Fra­gen zu den ver­gan­ge­nen Mona­ten. Egal, ob Jour­na­list, Rap­per, Pro­du­zent oder ande­re, dem Hip­Hop nahe­ste­hen­de Künst­ler – sie alle ver­ra­ten uns ihre per­sön­li­chen High­lights aus 2019. Zudem beant­wor­te­ten sie uns eine wei­te­re Fra­ge, um auch das ver­gan­ge­ne Jahr­zehnt noch ein­mal Revue pas­sie­ren zu las­sen. Somit las­sen wir nicht nur ein ein­zel­nes Jahr, son­dern gleich eine gan­ze Deka­de fei­er­lich aus­klin­gen. Wir wün­schen unse­ren Lesern sowie allen Lieb­ha­bern und Prot­ago­nis­ten der Kul­tur eine besinn­li­che Weih­nachts­zeit.

 

Alex Bar­bi­an

MZEE​.com: Wel­ches Album aus die­sem Jahr war dein abso­lu­ter Favo­rit?

Alex Bar­bi­an: Ein­deu­tig "Tua" von Tua. In mei­nen Augen das kom­plet­tes­te, inspi­rie­rends­te und gleich­zei­tig kom­pak­tes­te Deutschrap-​Album 2019.

MZEE​.com: Und wer ist dei­ne Per­sön­lich­keit des Jah­res der deut­schen Rap­sze­ne?

Alex Bar­bi­an: Max Her­re. Weil er über die letz­ten Mona­te hin­weg bewie­sen hat, dass es mög­lich ist, sich als alter Hase stil­voll an den Zeit­geist anzu­pas­sen. Auf sei­nem Album hat er durch die Gäs­teaus­wahl meh­re­re Genera­tio­nen und Sub­gen­res ver­eint und sich poli­ti­schen The­men über­ra­schend prä­zi­se und authen­tisch zuge­wandt.

MZEE​.com: Von wel­chem New­co­mer 2019 wird man in den nächs­ten Jah­ren noch viel hören?

Alex Bar­bi­an: Ich bin mir sicher, dass sich spe­zi­ell LockeNumma19, KeKe, Brudi030, Ify Knows und Lugat­ti & 9ine eta­blie­ren wer­den … Um nur ein paar Namen zu nen­nen.

MZEE​.com: Wel­che Emp­feh­lung aus dem Jahr 2019 kannst du unse­ren Lesern vor Ende des Jah­res noch geben?

Alex Bar­bi­an: Gese­hen haben soll­te man das groß­ar­ti­ge Video zum groß­ar­ti­gen Song "216" von OG Kee­mo. Gehört haben soll­te man defi­ni­tiv die aktu­el­len Sin­gles von Gold­ro­ger. Die sind maxi­mal under­ra­ted. Gele­sen haben soll­te man "GRM. Brain­fuck" von Sibyl­le Berg, auch wenn's manch­mal weh tut.

MZEE​.com: Mit 2019 endet auch gleich­zei­tig eine Deka­de. Was waren dei­ne liebs­ten drei Alben aus den 2010er Jah­ren?

Alex Bar­bi­an: "Aschen­be­cher" von NMZS und Dan­ger Dan. Weil die­ses Tape mei­ne Gedan­ken zu Lot­ter­le­ben und Welt­schmerz nahe­zu per­fekt in Musik umge­setzt hat. Immer noch unfass­bar, dass alle zehn Songs im Lau­fe eines ein­zi­gen Tages ent­stan­den sind. Dann auf jeden Fall "Hin­ter­land" von Cas­per, des­sen Sound die Rap-​Dekade geprägt hat wie kein ande­rer. Das Album war vol­ler Hits und in mei­nen Augen die bes­te Ca$$ler-Platte nach sei­nem Debüt. Und "Hin zur Son­ne" fällt gar nicht in die letz­te Deka­de. Oh mein Gott, bin ich alt. "Rus­sisch Rou­let­te" von Haft­be­fehl darf dann irgend­wie auch nicht feh­len in die­ser Auf­zäh­lung … Ein unha­te­ba­res Meis­ter­werk und für mich bis heu­te das ein­zi­ge Straßenrap-​Album auf Deutsch, das es geschafft hat, die kom­plet­te Band­brei­te an Gefühls­zu­stän­den ohne jeg­li­chen Kitsch abzu­de­cken. Schwer aus­zu­ma­len, wo die Sze­ne heu­te ste­hen wür­de, wenn es "Rus­sisch Rou­let­te" nicht gege­ben hät­te.

 

Kevin Rüh­län­der

MZEE​.com: Wel­ches Album aus die­sem Jahr war dein abso­lu­ter Favo­rit?

Kevin Rüh­län­der: Das ent­schei­det die jewei­li­ge Tages­lau­ne. Wir hat­ten in die­sem Jahr so vie­le star­ke Releases, dass es mir schwer­fällt, mich für eines zu ent­schei­den. Im End­ef­fekt kom­me ich jedoch auf "Tua" von Tua. Ich habe sehr lan­ge auf die­ses Album gewar­tet und kann auch heu­te noch neue Details und Knif­fe in sei­ner Musik ent­de­cken. Unglaub­li­cher, nie­mals zufrie­de­ner Musi­ker. Knapp dahin­ter kommt "Per­ro­quet" von Hai­y­ti. Falls inter­na­tio­nal auch mit inbe­grif­fen war: "GINGER" von BROCKHAMPTON.

MZEE​.com: Und wer ist dei­ne Per­sön­lich­keit des Jah­res der deut­schen Rap­sze­ne?

Kevin Rüh­län­der: Es fällt mir sehr schwer, die­se Fra­ge zu beant­wor­ten, da ich nicht nur eine Per­son vor Augen habe. Mei­ner Mei­nung nach kann man heut­zu­ta­ge auch nicht mehr von "der" deut­schen Rap­sze­ne spre­chen, son­dern muss von meh­re­ren klei­nen deut­schen Rap­sze­nen aus­ge­hen. Rap ist 2019 rie­sig und wächst in sei­nen ver­schie­dens­ten Aus­prä­gun­gen ste­tig wei­ter. Dem­entspre­chend müss­te man auch meh­re­re Per­sön­lich­kei­ten der Sze­nen hier auf­zäh­len. Aller­dings kann ich mich nicht ent­schei­den, da sehr vie­le Leu­te in Fra­ge kom­men. In die­sem Jahr ist für mich nie­mand extrem her­vor­ge­sto­chen. All­ge­mein freue ich mich sehr dar­über, dass die neue Genera­ti­on deut­scher Rap­jour­na­lis­ten wei­ter­hin gute Arbeit leis­tet und auf­merk­sa­mer für sen­si­ble The­men wird.

MZEE​.com: Von wel­chem New­co­mer 2019 wird man in den nächs­ten Jah­ren noch viel hören?

Kevin Rüh­län­der: Ich hof­fe und glau­be, dass wir noch viel von MAJAN hören wer­den. Unglaub­li­ches Talent.

MZEE​.com: Wel­che Emp­feh­lung aus dem Jahr 2019 kannst du unse­ren Lesern vor Ende des Jah­res noch geben?

Kevin Rüh­län­der: Lest die Recherche-​Arbeit von Johann Voigt, Dani­el Drep­per und Paul Schwenn zum "Alpha Mentoring"-Programm von Kol­le­gah. Sie haben sich dort under­co­ver ein­ge­schleust und ihre Erfah­run­gen auf­ge­schrie­ben. Die Sto­ry zeigt eine der bedenk­lichs­ten Ent­wick­lun­gen im deut­schen Rap 2019 auf.

MZEE​.com: Mit 2019 endet auch gleich­zei­tig eine Deka­de. Was waren dei­ne liebs­ten drei Alben aus den 2010er Jah­ren?

Kevin Rüh­län­der: Das wären dann wohl Cas­pers "XOXO", Haft­be­fehls "Rus­sisch Rou­let­te" und Trett­manns "#DIY". Komi­scher­wei­se fällt es mir deut­lich leich­ter, die­se drei Alben zu benen­nen, als zu sagen, wel­ches Album in die­sem Jahr mein Favo­rit war. War­um das mei­ne liebs­ten Alben sind? Cas­per hat mir, sich und deut­schem Rap mit "XOXO" eine unglaub­lich gro­ße Tür geöff­net. Weni­ge Jah­re spä­ter spielt er in Sta­di­en. Unglaub­lich. Haft­be­fehl hat mit "Rus­sisch Rou­let­te" nicht nur einen Klas­si­ker geschaf­fen, son­dern auch nach­hal­tig die deut­sche Spra­che geprägt. Und Trett­mann lie­fer­te mit "#DIY" die per­fek­te Phoenix-​aus-​der-​Asche-​Story sowie das viel­leicht bes­te deutsch­spra­chi­ge Album seit "Stadt­af­fe". Allein die­se The­se unter­streicht, wie gut das Album ist.

(Lukas Päck­ert)
(Fotos von Jonas Haff­ke (Kevin Rüh­län­der) & Bart Spen­cer (Alex Bar­bi­an))
(Gra­fik von Dani­el Fersch)