10 Breaker gefragt: Bekommt Breaking zu wenig Aufmerksamkeit?

Mit­te der 80er war Brea­king das Ding. Direkt impor­tiert aus den USA, war es für vie­le deut­sche Heads der ers­te Berüh­rungs­punkt mit Hip­Hop und über­nahm die Rol­le der Ein­stiegs­dro­ge, durch die man Zugang zu den übri­gen Ele­men­ten – Rap­ping, Wri­ting und DJing – bekam. Mitt­ler­wei­le ist Brea­king – fälsch­li­cher­wei­se häu­fig als "Break­dan­cing" bezeich­net – nicht mehr die vor­der­grün­digs­te Dis­zi­plin, wenn man an Hip­Hop denkt. Gera­de auf media­ler Ebe­ne scheint der phy­sischs­te Teil unse­rer Lieb­lings­kul­tur bes­ten­falls noch eine Rand­no­tiz zu sein, von der die brei­te Mas­se nicht viel mit­be­kommt. Doch Ver­an­stal­tun­gen wie das Batt­le of the Year dür­fen sich noch immer über zahl­rei­che Zuschau­er freu­en und sind über die Jah­re zu fes­ten Insti­tu­tio­nen her­an­ge­wach­sen – auch über die HipHop-​Kultur hin­aus. Fer­ner kön­nen vie­le Akteu­re, die Zeit und Arbeit inves­tiert und an sich geglaubt haben, heu­te in vie­len Fäl­len von ihrer Lei­den­schaft leben. Wird Brea­king als eine der Säu­len von Hip­Hop zu wenig Aner­ken­nung gezollt oder ist man viel­leicht gar nicht mehr auf die Aner­ken­nung des Mut­ter­schiffs ange­wie­sen, weil man ihm ent­wach­sen ist? Um die­se Fra­ge zu klä­ren, haben wir 10 Brea­ker gefragt: "Fin­dest du, dass Brea­king als HipHop-​Element aktu­ell zu wenig Auf­merk­sam­keit bekommt?"

 

Osman Osman: Ich fin­de, dass Brea­king gera­de in der heu­ti­gen Zeit gut Auf­merk­sam­keit bekommt, wenn es dar­um geht, dass Tän­zer davon leben kön­nen. Natür­lich nur, wenn die­se es ernst neh­men. Die meis­ten sind da ein biss­chen ent­spann­ter und den­ken, alles wäre so easy. Aber man muss halt arbei­ten wie in jedem ande­ren Job und sich um sein Busi­ness küm­mern. Dann kann man gut davon leben und kriegt sei­ne Auf­merk­sam­keit. Ob es für eine Show, das Thea­ter oder Kur­se ist … Du kannst so viel damit machen. Gera­de jetzt sehe ich als Mit­glied der Fly­ing Steps selbst, dass die Thea­ter­shows machen und die ers­te Breaking-​Crew sind, die einen Echo bekom­men hat. Die haben eine eige­ne Tanz­agen­tur, sind mit Brea­king welt­weit unter­wegs, machen Kunst und Klas­sik. Jetzt soll Brea­king 2024 eine olym­pi­sche Dis­zi­plin wer­den und das wird auch extrem viel ver­än­dern. Das Gan­ze wird dann noch mehr Auf­merk­sam­keit bekom­men, es wer­den bestimmt Ver­ei­ne gegrün­det, in denen Brea­ker für Olym­pia trai­niert wer­den wie bei ande­ren Sport­ar­ten auch. Für mich nur posi­tiv, aber klar, es gibt Men­schen, die sehen das anders. Brea­king ist gut dabei, schon lan­ge dabei und hat viel revo­lu­tio­niert. Frü­her war es mehr eine urba­ne Sze­ne, dann wur­de es mehr Thea­ter und auch kom­mer­zi­el­ler, sodass die Leu­te davon leben und sich ein Busi­ness damit auf­bau­en kön­nen. Jetzt kommt noch Olym­pia … Das vol­le Pro­gramm, wir sind über­all prä­sent und inspi­rie­ren die gan­ze Welt. Das ist doch Ham­mer.

 

Dario Cas­til­let­ti: Seit 19 Jah­ren tan­ze ich Brea­king. Ich rep­re­sen­te die Crews Fusi­on Art und The Tri­be. Brea­king bekommt defi­ni­tiv zu wenig Auf­merk­sam­keit von den ande­ren HipHop-​Elementen, so bekom­me ich es jeden­falls mit. Ich kann mir das aber gut erklä­ren, denn wir brau­chen den DJ auf unse­ren Events, der uns Musik auf­legt und das ist meis­tens Funk oder Rap. Somit ken­nen wir viel Musik durch die DJs und gleich­zei­tig auch vie­le MCs. Graf­fi­ti sieht man über­all auf den Stra­ßen, an Hal­te­stel­len. Wir Tän­zer hin­ge­gen sind meis­tens im Trai­nings­raum und somit haben wir auch weni­ger Sicht­bar­keit. Ich den­ke, nur eine Hand­voll Rap­per, DJs oder Wri­ter könn­ten zehn Top-​Breaker benen­nen. Die meis­ten kom­men bestimmt nicht ein­mal auf fünf … Und das ist sehr scha­de, denn wir sind an den ande­ren HipHop-​Kunstformen sehr inter­es­siert! Bei den meis­ten gro­ßen HipHop-​Events oder Fes­ti­vals sind lei­der nicht alle Ele­men­te ver­tre­ten. Ich hof­fe, dass Brea­king mit der Teil­nah­me an den Olym­pi­schen Spie­len 2024 in Paris end­lich mal den Aner­ken­nungs­wert bekommt, den es ver­dient.

 

Con­ni Tromm­litz: Mir per­sön­lich ist es rela­tiv egal, wie viel Auf­merk­sam­keit Brea­king bekommt. Das ist mein Leben und ob es einen Hype gibt oder kei­nen, eine Sub­kul­tur dar­stellt oder nicht, ist egal. Wir leben davon und mir als Tän­zer geht es nicht dar­um, wie viel Auf­merk­sam­keit es bekommt. Wenn du es liebst und dahin­ter­stehst, dann machst du es nicht davon abhän­gig, wie vie­le Leu­te dar­auf gucken oder eben nicht.

 

Chris­ti­an "NoIn­dex" Oláh: Ich den­ke, dass Brea­king durch sei­nen sport­li­chen Aspekt und die Com­pe­ti­ti­ons immer etwas am Ran­de zu ste­hen scheint und sei­ne eige­ne Sze­ne dar­stellt. Wobei jeder in der Breaking-​Szene sich zu 100% als ein Teil von Hip­Hop iden­ti­fi­ziert. Denn streng genom­men sind wir auf jedes Ele­ment ange­wie­sen, wenn es um den Erhalt unse­rer Sze­ne geht. Wir brau­chen Wri­ter, also Grafik-​Designer, für unse­re Fly­er, Trai­ler, Tanz­schu­len oder ande­re Arten von Pro­mo­ti­on. Wir brau­chen den DJ, der uns mit Beats ver­sorgt und einen MC, der unse­re Ver­an­stal­tun­gen pro­mo­tet und mit einem gewis­sen Vibe durch­mo­de­riert. Es ist zum Groß­teil noch ein biss­chen wie frü­her, wo die B-​Boys auch noch in ande­ren Berei­chen in der Kul­tur aktiv oder zumin­dest geschult waren. Vie­le B-​Boys waren oder sind noch Wri­ter, MCs oder DJs. Nichts­des­to­trotz fehlt es mei­ner Mei­nung nach tat­säch­lich etwas an Auf­merk­sam­keit. Es gibt vie­le talen­tier­te Tän­zer aus Deutsch­land, von denen kein Hip­Hop­per oder gar nor­ma­ler Staats­bür­ger je gehört hat, die aber inter­na­tio­nal reprä­sen­tie­ren und sich tag­täg­lich im Trai­nings­raum vor­be­rei­ten und ver­su­chen, die­se Kunst­art vor­an­zu­trei­ben. Wir haben unse­re eige­ne Struk­tur geschaf­fen und sind gefühlt eher die­je­ni­gen, die auch ver­su­chen, die ande­ren Ele­men­te auf unse­ren Jams ver­tre­ten zu haben. Bei­spiels­wei­se Rap­per, die eine Per­for­mance ablie­fern auf Ver­an­stal­tun­gen wie BOTY Natio­nal oder Out­break oder als MCs mit­wir­ken kön­nen. Sprü­her wie bei Street­li­fe­day, BOTY Natio­nal oder Def Style Rockers Anni­ver­s­a­ry, denen wir Wän­de zur Ver­fü­gung stel­len oder deren Kunst wir als Tro­phä­en ver­ge­ben. Und DJs, ohne die unse­re Sze­ne ohne­hin nicht exis­tie­ren könn­te. Es gibt ab und an mal Musik­vi­de­os, in denen wir mit­wir­ken dür­fen, aber oft­mals bie­ten die Lyrics und die Mes­sa­ge der Rap­per nicht viel Spiel­raum oder gar Sinn, dass Brea­ken dort einen Platz hät­te. Momen­tan gibt es eine gro­ße Olym­pia­de, mit der sich die Sze­ne aus­ein­an­der­set­zen muss. Denn Brea­king wird 2024 olym­pisch und dafür wer­den wir als Sport­art wahr­ge­nom­men. Um als Ver­band aner­kannt zu wer­den, sol­len wir dafür auch die ent­spre­chen­den Struk­tu­ren her­stel­len. Eine Hür­de, die in den nächs­ten Jah­ren szenein­tern bewäl­tigt wer­den muss. Wenn uns die­ser Schritt dann gelingt und die Olym­pi­schen Spie­le 2024 ein Erfolg wer­den, dann rech­ne ich mit einem Auf­merk­sam­keits­über­fluss: von Brands, dem nor­ma­len Volk und ande­ren Kunst­ar­ten. Ich hof­fe, es trägt dazu bei, dass mehr B-​Boys vom Brea­king leben kön­nen. Man­che von uns ver­brin­gen täg­lich vier bis sechs Stun­den im Trai­nings­raum neben Arbeit, Fami­lie, Freun­den und Com­pe­ti­ti­ons. Als Abschluss: Momen­tan trägt auch das Wachs­tum der B-​Girl-​Szene einen Groß­teil dazu bei, dass wir mehr Auf­merk­sam­keit bekom­men.

 

Hei­ko "Hah­ny" Hah­ne­wald: Brea­king ist schon seit Anbe­ginn die­ser Kul­tur eines der Ele­men­te, wel­ches im Ver­gleich zu den ande­ren Grund­säu­len immer ein wenig im Hin­ter­grund stand. Das ist mei­ner Ansicht nach dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass sehr vie­le Men­schen Hip­Hop lie­ber nur kon­su­mie­ren. Sich aktiv als Tän­zer, Wri­ter oder Rap­per zu ent­wi­ckeln und zu pro­fi­lie­ren, braucht Zeit, Ener­gie und viel Wil­len. Wirt­schaft­lich konn­te auch nicht so viel Geld damit ver­dient wer­den wie durch Musik. Rap­per haben viel mehr Mög­lich­kei­ten, sich per­ma­nent über ver­schie­de­ne Medi­en, bei Kon­zer­ten, in Movies und auf ande­ren Ebe­nen zu prä­sen­tie­ren. Viel­leicht ist Brea­king auch nicht jeder­manns Sache. Unab­hän­gig davon hat es die­ses Ele­ment in cir­ca 40 Jah­ren geschafft, sich zu eta­blie­ren und immer mehr Auf­merk­sam­keit zu erhal­ten. Brea­king wird 2024 als olym­pi­sche Dis­zi­plin in Paris Hip­Hop prä­sen­tie­ren. Davon abge­se­hen, wie das ver­schie­de­ne Grup­pie­run­gen in der Sze­ne fin­den, ist es nur ein Beleg für den stei­gen­den Zuspruch. Fern­ab vom Kom­merz und gro­ßen inter­na­tio­na­len Wett­be­wer­ben gibt es Com­mu­nities, die Arbeit an den Wur­zeln der Kul­tur betrei­ben. Das ist oft nicht ohne Unter­stüt­zung von Städ­ten, Gemein­den und För­der­gel­dern mög­lich. Auch hier erkennt man, in wel­chem Umfang sich der Zuspruch ent­wi­ckelt hat. Unzäh­li­ge Batt­les, inter­na­tio­na­le Aus­tausch­pro­gram­me, Vor­trä­ge und Theater- und Schul­pro­jek­te sind inzwi­schen All­tag. In Deutsch­land gibt es vie­le Crews und Tän­zer, die sich in Shows prä­sen­tie­ren oder als Cho­reo­gra­phen arbei­ten und so ihren Lebens­un­ter­halt ver­die­nen. An Schu­len wer­den Ange­bo­te zum Brea­king offe­riert, in Jugend­häu­sern gehört es schon zum All­tags­an­ge­bot. TV-​Produktionen, welt­weit agie­ren­de Unter­neh­men und Spon­so­ren unter­stüt­zen Brea­king. Tän­zer sind gefrag­te Wer­be­trä­ger. Ohne Zuspruch wäre all dies nicht mög­lich. Somit sehe ich schon, dass die Auf­merk­sam­keit in vie­ler­lei Hin­sicht extrem zuge­nom­men hat, auch wenn man das nicht mit den Top-​Stars und Super­ver­die­nern der Musik­bran­che ver­glei­chen kann. Brea­king ist in vie­len Rich­tun­gen prä­sent, ob jede davon ziel­füh­rend ist, wird die Zeit zei­gen.

 

B-​Girl Ann­ski: Da ich das Gan­ze natür­lich nur recht sub­jek­tiv beant­wor­ten kann: Ja, schon. Ich den­ke, dass eine Über­schnei­dung von Brea­king, Graf­fi­ti, Rap und DJing nur noch auf weni­gen Events pas­siert, eben auf HipHop-​Jams. Die­se sind sehr rar und zudem eher schlecht besucht. Und wenn doch gut besucht, dann kocht da jeder sei­ne eige­ne Sup­pe und es gibt meist rela­tiv wenig Auf­merk­sam­keit für Brea­king. Irgend­wo gibt es dann einen Linoleum-​Boden, der lieb­los in einer Ecke plat­ziert wird für die Brea­ker zum Cyphern. (lacht) Nein, mal ganz im Ernst. Ich den­ke, dass wir B-​Boys und -Girls zu beschäf­tigt sind. Wir haben unse­re eige­ne klei­ne Sze­ne auf­ge­baut. Neben dem vie­len Rei­sen mit Zügen, Flü­gen und Bus­sen durch Euro­pa oder welt­weit, um an Brea­king Com­pe­ti­ti­ons teil­zu­neh­men, wer­den Events orga­ni­siert, geplant und gut durch­dacht. Dann hat ja jeder noch sein eige­nes Leben zu meis­tern, wie so ziem­lich alle in der Sze­ne. Jeder Tän­zer kann mitt­ler­wei­le aus­wäh­len, zu wel­chem Event er geht oder wel­che Crew er unter­stützt. Egal, ob gigan­ti­sches Red Bull BC One-​Event oder eine klei­ne pop­li­ge Jam mit einer Hand­voll Tän­zern. Fame oder Real­ness. Jam oder Batt­le. Auf unse­ren Jams haben wir natür­lich auch alle ande­ren HipHop-​Elemente invol­viert – einen Break-​DJ, ein Pau­sen­pro­gramm mit Rap-​Liveact und Graffiti- oder Writing-​Battles. Wir leben das ein­fach. Wenn ich dann aber mit mei­nen ande­ren Freun­den, die eben­falls aus der HipHop-​Szene stam­men, weg­ge­he, füh­le ich mich häu­fi­ger etwas fehl am Platz bei den Kon­zer­ten und Events. Den­noch ver­su­che ich mich da immer mal wie­der – so fern es die Zeit zulässt – bli­cken zu las­sen und mich zu inte­grie­ren. Ich will das jetzt auch nicht schlecht­re­den, aber ich den­ke, dass sich weni­ge Leu­te aus der Sze­ne mal mit allen Ele­men­ten rich­tig aus­ein­an­der­set­zen. Ich habe selbst schon Graf­fi­tis gemalt, mich im Auf­le­gen aus­pro­biert oder bei einer Rap-​Cypher gerappt. Ich habe eini­ge Bücher und Arti­kel gele­sen, die sich mit der HipHop-​Entstehung befas­sen. Ich den­ke, man muss da nur das Eigen­in­ter­es­se mit­brin­gen. Für Brea­king wün­sche ich mir in der Sze­ne den­noch ein biss­chen mehr Auf­merk­sam­keit. Ein­fach, dass die har­te Arbeit der Tän­zer hono­riert wird. So ein paar Wind­mills und Free­zes und Foot­works lernt man eben nicht im Hand­um­dre­hen. Dahin­ter ste­cken jah­re­lan­ge Trai­nings­ses­si­ons mit viel blau­en Fle­cken, Ver­let­zun­gen und Dis­zi­plin.

 

Cra­zy Ste­bo: Brea­king ist immer noch eines der schwächs­ten Ele­men­te im Hip­Hop, obwohl es eigent­lich das Stärks­te sein müss­te. Lei­der wird die­ses am meis­ten aus­ge­nutzt – auch finan­zi­ell – und hat die letz­ten 15 Jah­re sehr gelit­ten. Wäh­rend sich Brea­king stets in sei­ner Leis­tung stei­ger­te und ein neu­es Level erreich­te, fiel es immer mehr in der Ranking-​Liste der vier Säu­len. Wenn wir die ande­ren drei Ele­men­te neh­men, dann ist es selbst­ver­ständ­lich, dass die­se etwas kos­ten, wenn sie doch beschaf­fen wer­den sol­len. So müs­sen wir bei einem Sprü­her Dosen zur Ver­fü­gung stel­len plus Auf­wand und Bezah­lung des Künst­lers. Buchen wir einen DJ, brau­chen wir das Equip­ment und so wei­ter. Kom­men wir beim Brea­ker an, will man ihn mit Frei­ge­trän­ken oder frei­em Ein­tritt locken. Wür­de der Tän­zer den glei­chen Preis nen­nen wie der MC, DJ oder Sprü­her: Die Ant­wort wäre zu 100%, dass das Bud­get nicht reicht oder zu hoch wäre. In eini­gen Län­dern habe ich sogar erlebt, wie den Tän­zern nicht ein­mal Unter­künf­te gestellt wur­den, wäh­rend die ande­ren ins Hotel kamen. Vie­le sehen nicht die Leis­tung, die dahin­ter­steckt, oder das Ver­let­zungs­ri­si­ko, das ein pro­fes­sio­nel­ler Tän­zer mit sich trägt. Auch die Künst­ler, die uns für Vide­os buchen … Es wird Geld für teu­re Autos und Pro­duk­ti­on aus­ge­ge­ben und bei den Tän­zern möch­te man am liebs­ten Pro­fis, damit der Clip Bom­be wird, aber am bes­ten zum Null­ta­rif. Brea­king wird von allen mehr als ein Hob­by ange­se­hen. Vie­le sehen nicht, dass eini­ge von uns bis zu sechs Stun­den am Tag trai­nie­ren und sich von ande­ren abhe­ben.

 

Tiz­zey: Wenn es um die media­le Auf­merk­sam­keit geht, dann auf jeden Fall. Brea­king ist schon ewig kei­ne Randgruppen-​Erscheinung mehr, wo Ghet­to­kids sich auf dem Kopf dre­hen, son­dern eine welt­wei­te, gut ver­netz­te Sze­ne mit ihren eige­nen Super­stars und Mega-​Events. Abge­se­hen davon fin­den jedes Wochen­en­de in Deutsch­land vier bis fünf Dance-​Events statt die klei­nen Underground-​Veranstaltungen wohl­ge­merkt nicht mit­ge­zählt. Die­se Events sind mitt­ler­wei­le von gro­ßen Getränke- und Mode­mar­ken gespon­sert, wodurch eine brei­te­re Mas­se an Kin­dern und Jugend­li­chen den Zugang zur Breaking-​Szene fin­det. Es ist tat­säch­lich so, dass heut­zu­ta­ge auf den Breaking-​Events der wirk­li­che HipHop-​Spirit Peace, Love and Unity gelebt und zele­briert wird, ohne den Anschein zu erwe­cken, es hand­le sich um ein Fes­ti­val, bei dem Hip­Hop auf dem Deckel steht, aber nur Rap­mu­sik prä­sen­tiert wird. Ein gro­ßes aktu­el­les The­ma ist ja zum Bei­spiel auch, dass Brea­king auf der nächs­ten Olym­pia­de ver­tre­ten sein wird. Dar­auf haben sich natür­lich alle Medi­en, inklu­si­ve HipHop-​Medien, gestürzt. Ich jedoch wür­de mich dar­über freu­en, wenn ich Berich­te und Reviews über die zahl­rei­chen welt­wei­ten Breaking-​Events lesen und sehen könn­te. Break­dance … sor­ry … Brea­king ist für mich das ein­zi­ge ech­te, unver­fälsch­te HipHop-​Element. Punkt!

 

Raf­fa­el Sten­zel: Kurz gefasst, das fin­de ich nicht, nein. Aller­dings nicht aus dem Grund, dass Brea­king irgend­wo irgend­ei­ne nen­nens­wer­te Auf­merk­sam­keit genießt, son­dern weil jede Sze­ne nun mal ihr Süpp­chen kocht und das okay so ist. Die Vier-​Elemente-​Geschichte ist ja ganz cool, aber es scheint immer schon eine Min­der­heit um Zulu her­um gewe­sen zu sein, die das gan­ze HipHop-​Ding so lebt, wie es seit Bam ger­ne gepre­digt wird. HipHop-​Musik belie­big weit gefasst ist nun mal ein Teil zeit­ge­nös­si­scher Pop­kul­tur, der nicht mehr weg­zu­den­ken ist. Und vie­le Tän­zer in der Breaking-​Szene – offen­sicht­lich in allen ver­wand­ten Sze­nen – sind nun mal Fans der Musik und hören, unter­stüt­zen oder tan­zen auf die Künst­ler, weil sie es lie­ben. In der Tat ist Brea­king als Gan­zes eng an die musi­ka­li­sche HipHop-​Kultur gebun­den. Wie­der­um haben eini­ge eben ganz ande­re pop­kul­tu­rel­le Hin­ter­grün­de. Sie haben eigent­lich nichts mit dem Rest des HipHop-​Periodensystems zu tun. Punk und Indie waren zum Bei­spiel vor 15 bis 20 Jah­ren sehr ein­fluss­reich in manch einer rele­van­ten Sub­sze­ne. Hip­Hop hat sei­ne eige­nen DJs und MCs und eini­ge Wri­ter sind Teil der Sze­ne, sodass in die­sem Rah­men gegen­sei­ti­ger Respekt sowie Aus­tausch durch­aus vor­han­den ist. Wenn eben ein Rap­per, Pro­du­cer, Wri­ter, Beat­bo­xer oder was auch immer ein Breaking-​Fan ist, dann wird er so auf Events kom­men, wie wir auf Kon­zer­te gehen. Oder mit Tän­zern in der eige­nen Arbeit koope­rie­ren oder sonst wie sup­por­ten, weil der­je­ni­ge es geil fin­det und ein­fach Teil davon sein möch­te. So ist das ja auch zum Bei­spiel mit der Ska­te­kul­tur in allen mög­li­chen Ecken der pop­kul­tu­rel­len Land­schaft; ins­be­son­de­re im Hip­Hop, auch wenn es kei­nes die­ser Ele­men­te ist. Wer Brea­ken cool fin­det, ist auf jeder Ver­an­stal­tung herz­lich will­kom­men. Und über Zusam­men­ar­beit auf Augen­hö­he mit einem Künst­ler, den man selbst fei­ert, freut sich jeder Tän­zer. Und wem es halt egal ist, ist es egal. Sind ja doch alles sehr ver­schie­de­ne Platt­for­men, ist okay. Der ein­zi­ge Move, der in die­sem Rah­men Magen­schmer­zen berei­tet, ist der des Pro­du­zen­ten­teams, das schlech­te Tän­zer schlecht oder gar nicht bezahlt. Sie soll­ten eher Tän­zer, die Schweiß und Blut in ihre Arbeit ste­cken, ihrem Leis­tungs­stan­dard gemäß enga­gie­ren, als einen ver­meint­lich authen­ti­schen Clip zu dre­hen mit komi­schen Cuts, in dem alle Betei­lig­ten wie Dilet­tan­ten aus­se­hen. Wird den Wri­tern mit Video­clips und Pro­mo­bil­dern vor mie­sen Pie­ces – ein­fach Asso­zia­ti­on Stra­ße – ähn­lich gehen. Das ist kei­ne Auf­merk­sam­keit, von der irgend­wer etwas hat. Doch scheint dies lei­der so popu­lär zu sein, dass der Main­stream bis heu­te glaubt, Brea­king habe sich künst­le­risch und ath­le­tisch in 40 Jah­ren nicht über eine Frei­zeit­be­schäf­ti­gung hin­aus ent­wi­ckelt. Eine sozia­le Funk­ti­on hat es natür­lich auch immer noch, und das ist wun­der­bar so, aber es ist eben wesent­lich mehr. Wenn die Sze­ne eines nicht nötig hat, dann sind es Almo­sen im Schwarz-​Weiß-​Filter gespen­det von HipHop-​Heads, die zwar kom­mer­zi­el­len Erfolg, aber lei­der weder Plan noch Geschmack haben.

 

Anton Hof­meis­ter: Ich den­ke, Auf­merk­sam­keit ist ein natür­li­ches Phä­no­men und soll­te nicht zu stark erzwun­gen wer­den. Beson­ders im Bezug auf Brea­king wür­de ich mir den­noch eine tie­fe­re Bericht­erstat­tung wün­schen. Hin­ter den Tän­zern ste­hen Künst­ler, die es ver­dient haben, zu mehr befragt zu wer­den als ihren Trai­nings­zei­ten und Titeln. Alle von uns gehen durch Kri­sen, rei­sen, for­schen und kre­ieren eige­ne Sti­le und Wege. Es gibt wahn­sin­nig vie­le Geschich­ten zu erzäh­len, unab­hän­gig davon, wie vie­le sie ver­ste­hen. Brea­king bekommt mei­ner Mei­nung nach mehr als genug Auf­merk­sam­keit – Fern­seh­shows, Musik­vi­de­os – nur lei­der wirkt sie auf mich häu­fig ober­fläch­lich.

(Dan­ny Fischer)
(Fotos von Hong Thai Pho­to­gra­phy (Osman Osman), Con­ni Tromm­litz (Dario Cas­til­let­ti), Vu Hoang Ngo (Chris­ti­an NoIn­dex Oláh), Bernd Kra­mer (Tizzey/​Sucuk Mafia), Gra­fik von Puffy Punch­li­nes)