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Oktober 2016: Chima Ede x Ghanaian Stallion und Maeckes

"Okay – was ha­be ich ver­passt?" Eine Frage, der wohl je­der von uns schon ­mal begeg­net ist. Egal, ob man sie selbst ge­stellt hat oder mit ihr kon­fron­tiert wur­de. Manch­mal kommt ein­fach der Zeit­punkt, an dem man si­ch vor al­lem ei­nes wünscht: "Bringt mi­ch doch mal auf den neu­es­ten Stand!" Doch wie ant­wor­tet man dar­auf? Was hält man für beson­ders erwäh­nens­wert? Es ist schwer, ei­ne kur­ze, aber voll­stän­dige Ant­wort dar­auf zu fin­den. Wie misst man über­haupt Rele­vanz? An media­lem Hype? Am Über­ra­schungs­fak­tor? Oder doch an dem musi­ka­li­schen Anspruch? In "Hört, hört!" geht es um das al­les, redu­ziert auf zwei Ver­öf­fent­li­chun­gen. Ein Release, das vor al­lem im Unter­grund auf Zuspruch gesto­ßen ist, und ei­nes, das in der brei­ten Öffent­lich­keit wahr­ge­nom­men wur­de. Zwei Werke, die wir nicht unbe­dingt gut fin­den müs­sen, aber ei­ne ge­wisse Rele­vanz oder ei­ne Bedeu­tung jeg­li­cher Art für die hie­sige Rapland­schaft besit­zen. Zwei Werke, die am Ende des Monats vor al­lem ei­nes aus­sa­gen: "Hört, hört! Genau das habt ihr ver­passt!"

 

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Chima Ede x Ghanaian Stallion – Principium

Neben den of­fen­sicht­li­chen Protagonisten ei­nes Releases, näm­li­ch den Rappern, er­freu­en si­ch mitt­ler­wei­le auch die hie­si­gen Produzenten im­mer grö­ße­rer Bekanntheit. Einer, der die Arbeit der Jungs eben­falls zu schät­zen weiß, ist Chima Ede. In Zusammenarbeit mit Megalohs Haus- und Hofproduzenten Ghanaian Stallion ent­stand die be­mer­kens­wer­te Kollabo-​EP "Principium".

Die Platte wirkt ein­fach wie aus ei­nem Guss. Selten gibt es Werke zu hö­ren, bei de­nen man die­se be­son­de­re Art der Harmonie von Lyrics, Flow und Beat so­fort spürt. Das Ganze ist mit Sicherheit zum Teil der be­son­ders in­ten­si­ven Zusammenarbeit zwi­schen Rapper und Produzent zu ver­dan­ken. Allerdings be­sit­zen bei­de Protagonisten als Einzelperson auch un­glaub­li­che Skills. Ghanaian Stallion bas­telt ein viel­fäl­ti­ges Portfolio an Brettern zum Kopfnicken und me­lo­di­sch schwer­mü­ti­gen Klängen. Die Art, mit der Chima Ede die­se ma­kel­lo­se Basis dann für si­ch nutzt, ver­dient es, ge­hört zu wer­den. Es ge­lingt ihm je­der­zeit, sei­ne mar­kan­te Stimme ent­spre­chend ein­zu­set­zen und durch den ste­ti­gen Wechsel von Representer-​Texten und me­lan­cho­li­schen, in­tel­li­gen­ten Inhalten für die not­wen­di­ge Abwechslung zu sor­gen. Das Duo bil­det so­mit ei­ne un­er­schüt­ter­li­che Einheit und trägt je­des ein­zel­ne Musikstück von "Principium" ge­mein­sam.

Dass bei die­ser Platte die Namen von Rapper und Produzent auf dem Cover er­schei­nen, soll­te für je­den, der sie ge­hört hat, mehr als selbst­ver­ständ­li­ch sein. Dank der Vereinigung zahl­rei­cher Alleinstellungsmerkmale bei­der Künstler ge­lang es, ei­nes der bes­ten Releases des letz­ten Monats zu for­men und da­mit auf gan­zer Linie zu über­zeu­gen. Und er­freu­li­cher­wei­se sieht es so aus, als wür­den uns bei­de no­ch sehr lang er­hal­ten blei­ben, um häu­fi­ger mit­ein­an­der Musik zu ma­chen.

(Benjamin Borowitza)

 

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Maeckes – Tilt

Maeckes ist ei­ner die­ser Künstler, die aus dem Einheitsbrei an Veröffentlichungen her­aus­ste­chen. Sein dis­tink­ter Stil zeich­net si­ch durch ver­kopf­te Texte und ei­ne ex­pe­ri­men­tier­freu­di­ge mu­si­ka­li­sche Untermalung aus. Sechs Jahre nach sei­nem Solodebüt "Kids" folgt nun mit "Tilt" sein zwei­tes of­fi­zi­el­les Album. Dieses ver­deut­licht wie­der ein­mal, dass das Orsons-​Mitglied durch­aus über ei­ne äu­ßer­st ei­gen­stän­di­ge künst­le­ri­sche Auffassung ver­fügt.

Maeckes tut in sei­ner Musik ge­n­au das, wo­vor si­ch vie­le fürch­ten: Er zeigt si­ch von sei­nen schwächs­ten Seiten. Das be­deu­tet je­doch nicht, dass er si­ch in Selbstmitleid ver­liert. Vielmehr scheint er si­ch selbst mit all sei­nen Fehlern voll­ends zu ak­zep­tie­ren. Diese per­sön­li­che Stärke des Rappers er­weist si­ch auch als po­si­ti­ve Eigenschaft sei­ner Texte. Denn das Bewusstsein, un­per­fekt zu sein, zieht si­ch durch sein ge­sam­tes Schaffen und so­mit auch durch "Tilt". Das Album ver­brei­tet je­doch trotz der un­ge­wöhn­li­ch in­ten­si­ven Auseinandersetzung mit Makeln und Fehlern kei­ne schlech­te Laune. Sämtliche Kritik – die, die Maeckes an si­ch selbst, an zwi­schen­mensch­li­chen Beziehungen oder der Gesellschaft als Ganzes aus­übt – wird stets mit ei­nem Augenzwinkern vor­ge­tra­gen. Dabei gibt es je­doch auch durch­aus dra­ma­ti­sche, me­lan­cho­li­sche oder trau­ri­ge Momente. Das ge­wal­ti­ge Finale von "Kreuz" et­wa stellt ei­ne Explosion von Gefühlen dar, die man auf Rap-​Alben sel­ten zu hö­ren be­kommt. Auf alternativ-​poppigen Produktionen von ihm selbst und Äh, Dings so­wie mit tat­kräf­ti­ger Unterstützung von Tristan Brusch ge­lingt es Maeckes, das Bild ei­nes Künstlers zu zeich­nen, der in sei­ner Selbstinszenierung als ge­wöhn­li­cher Mann al­les an­de­re als ge­wöhn­li­ch ist.

"Tilt" bie­tet durch die au­ßer­ge­wöhn­li­chen Texte des Protagonisten, die ei­ne Menge in­ter­pre­ta­to­ri­schen Freiraum zu­las­sen, in­spi­rie­ren­den Stoff zum Nachdenken. Doch auch zum ent­spann­ten Hören und Abschalten eig­net si­ch die­ses Release äu­ßer­st gut. Es schafft den Spagat zwi­schen post­mo­der­nen Inhalten und ein­gän­gi­gen, schö­nen Melodien und ist so­mit ein wei­te­rer in­ter­es­san­ter Baustein in Maeckes' Vita.

(Steffen Bauer)