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Wie eine Behörde deut­schem Rap auf die Finger guckt: die BPjM

Wir alle lie­ben HipHop – uns ge­fällt so ziem­lich al­les, was mit der Kultur zu­sam­men­hängt. Und wenn wir et­was mal nicht fei­ern, kön­nen wir ihm oft zu­min­dest po­si­tive Aspekte ab­ge­win­nen. Bei dem Blick auf die Szene durch diese „ro­sa­rote Brille“ ist es oft un­ver­ständ­lich, warum es Menschen gibt, für die HipHop oder ei­nige Bereiche da­von schlicht­weg ein ro­tes Tuch sind. Klar, über Geschmack lässt sich be­kannt­lich strei­ten – und Anlässe gibt es da­für tat­säch­lich zur Genüge. Anwohner von Veranstaltungsgeländen be­schwe­ren sich über Müll und Lärmbelästigung, wäh­rend Festivalbesucher aus­ge­las­sen ih­rer Leidenschaft nach­ge­hen und die Musik fei­ern. Jugendliche rap­pen be­geis­tert jede Zeile von Haftbefehls "Chabos wis­sen wer der Babo ist" mit, par­al­lel dazu be­kla­gen Sprachwissenschaftler und Beamte den Verfall der deut­schen Sprache. Bahn- und Gebäudereiniger müs­sen Überstunden ma­chen, um „Schmierereien“, die von an­de­ren als Kunstwerke be­trach­tet wer­den, zu ent­fer­nen. Wir möch­ten an die­ser Stelle ei­nen Brückenschlag wa­gen, in­dem wir die „an­dere Seite“ zu Wort kom­men las­sen, um nach­zu­voll­zie­hen, wie sich Vorurteile ge­gen­über HipHop bil­den und wes­halb Probleme ent­ste­hen.

 

Das Telefon klin­gelt nicht lange, be­vor ein Mann den Hörer ab­nimmt und freund­lich grüßt. "Guten Tag, Bass Sultan Hengzt hier", er­wi­dert ein sicht­lich amü­sier­ter B.S.H. "Ich wollte nur Bescheid ge­ben, dass mein Album am 04. April 2014 er­scheint. Ich wollte das im Vorhinein klä­ren, weil sie meine Alben ja eh im­mer auf den Index pa­cken." Der über­for­derte Mann am Telefon ver­bin­det wei­ter, be­vor der nächste Mitarbeiter Fabio Cataldi mit ru­hi­ger Stimme dar­auf hin­weist, wie der Indizierungsvorgang ab­läuft. Zu in­ter­es­sie­ren scheint das den Rapper al­ler­dings kaum – er hofft eher auf den schnel­len Lacher und die gute Unterhaltung in sei­nem knapp vier­mi­nü­ti­gen Promo-​Video.

Durchaus könnte man je­doch mei­nen, die Bundesprüfstelle für ju­gend­ge­fähr­dende Medien, kurz BPjM, habe Bass Sultan Hengzt auf dem Kieker. Schon vier Mal setzte die Behörde Veröffentlichungen des Berliner Künstlers auf den Index. Doch "Rap braucht kein Abitur", "Berliner Schnauze", "Der Schmetterlingseffekt" und "Zahltag" sind nur vier von aber­hun­der­ten Platten, die ih­ren Weg hin­aus aus dem freien Handel fan­den. Sie wei­len so­gar in pro­mi­nen­ter Gesellschaft: Von Jimi Hendrix über die Beatles bis hin zu Britney Spears und Lady Gaga – eine hohe Anzahl von Künstlern mit Rang und Namen hat sich auf die­sem eher frag­wür­di­gen "Walk of Shame" ver­ewigt.

Aufgrund von Videos wie je­nem Hengzt-​Clip ge­nießt die BPjM in Deutschland ei­nen schlech­ten Ruf. In Zeiten, in de­nen je­der seine Meinung mit nur ei­nem Klick ei­nem brei­ten Publikum prä­sen­tiert, sind die Beschwerden lau­ter denn je. Natürlich wird dies auch durch Künstler be­feu­ert, die sich häu­fig selbst nur in ge­fähr­li­chem Halbwissen son­nen: "Warum denn mein Album? Also die Platte von XY ist um ei­ni­ges schlim­mer! Aber Hauptsache, ich bin wie­der dran – na geil!" Natürlich bleibt man selbst da­bei stets das un­schul­dige Lämmchen, das gar nicht ver­steht, wieso das ei­gene Release denn ver­bo­ten wird.

Die BPjM ist hier aber le­dig­lich die Behörde, die be­son­ders häu­fig den Sündenbock spie­len muss. Dabei be­ginnt eine Indizierung an ganz an­de­rer Stelle, wie wir im Gespräch mit ei­nem Mitarbeiter fest­stel­len. "Die BPjM prüft nur das, was ihr von ei­ner nach dem Jugendschutzgesetz antrags- oder an­re­gungs­be­rech­tig­ten Stelle ein­ge­reicht wird", ver­rät man uns. Heißt: Es gibt kei­nen Angestellten, der mit blut­un­ter­lau­fe­nen Augen je­des er­schie­nene Album auf un­zu­mut­bare Äußerungen prüft und dann dar­auf pocht, diese Werke schlag­ar­tig wie­der vom Markt zu fe­gen. Jede Indizierung be­ginnt bei ei­ner Privatperson oder ei­ner Kommission wie der für Jugendmedienschutz, kurz KJM, von der ein Antrag wei­ter­ge­lei­tet wird. Die BPjM be­ar­bei­tet die­sen nur und ent­schei­det dann, ob das Werk tat­säch­lich als ju­gend­ge­fähr­dend ein­zu­stu­fen ist.

Ganz von je­der Schuld frei­zu­spre­chen ist die Behörde da­mit aber nicht: Jedem Antrag kann man schluss­end­lich auch den Stempel "Abgelehnt" auf­drü­cken. Der Vorwurf der wahl­lo­sen Indizierung und Mutwilligkeit, be­stimm­ten Künstlern von vorn­her­ein keine Chance zu ge­ben, wird so also nicht wi­der­legt. Erst, wenn man sich da­mit be­schäf­tigt, wer denn ei­gent­lich hin­ter ei­ner Indizierung steht, wird dies deut­li­cher: Ein Gremium aus drei be­zie­hungs­weise zwölf Personen ent­schei­det fi­nal, wel­che Platte wei­ter­hin über den Ladentisch wan­dern darf. Drei Beisitzer bei of­fen­sicht­li­chen Fällen von Jugendgefährdung, an­sons­ten wird auf die brei­tere Meinung zu­rück­ge­grif­fen. Eine Zweidrittelmehrheit des Zwölfergremiums be­zie­hungs­weise eine ein­stim­mige Abstimmung des Dreiergremiums reicht hier aus, um ein Album für satte 25 Jahre aus dem Verkehr zu zie­hen.

Das Logo der BPjM, die seit 1954 – damals noch als Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften – den hiesigen Jugendschutz regelt.

Das Logo der BPjM, die seit 1954 – da­mals noch als Bundesprüfstelle für ju­gend­ge­fähr­dende Schriften – den hie­si­gen Jugendschutz re­gelt.

Insbesondere diese Erklärung der BPjM wirft im Laufe des Gesprächs wei­tere Fragen auf: Wie kön­nen zwölf Leute stell­ver­tre­tend für 80 Millionen Deutsche spre­chen? Und wer sind diese Menschen? "Die Beisitzerinnen und Beisitzer der BPjM kom­men aus ver­schie­de­nen Gruppierungen, zum Beispiel der Lehrerschaft, der öf­fent­li­chen und freien Jugendhilfe und der Kunst. Sie wer­den von den je­wei­li­gen Verbänden für die­ses Ehrenamt be­nannt", so die Prüfstelle. Einen Altersdurchschnitt gebe es da­bei nicht, die BPjM führe keine Daten. Das wirft viel­leicht das Hauptproblem auf: Natürlich fin­det es bei­spiels­weise eine 65-​jährige Lehrerin ir­gend­wie be­fremd­lich, wenn mir Aykut Anhan aka Haftbefehl mit ei­nem "Pushkick" droht, be­vor er mich "Hurensohn" nennt. Dass dies nichts wei­ter als Straßenrap-​Jargon ist, steht in mei­nen Augen da­bei au­ßer Frage. So mag "Hafti Abi, der im Lambo und Ferrari sitzt", auf viele Leute im­mer noch ir­ri­tie­rend wir­ken, ob­wohl "Babo" für die "Generation Azzlack" längst Standardvokabel und so­gar ge­wähl­tes Jugendwort des Jahres 2013 ist. Vom Mittelstand ak­zep­tiert wird der Rapper da­mit je­doch nicht, steht "Blockplatin" satte drei Jahre nach Veröffentlichung plötz­lich auf dem Index.

Wie sinn­voll das noch ist, kann man durch­aus hin­ter­fra­gen – nicht nur von in­halt­li­chen Standpunkten aus, auch auf­grund der Aktualität die­ser Entscheidung. In den letz­ten drei Jahren konnte je­des Kind da­bei zu­hö­ren, wie Haftbefehl in sei­nen Texten das Straßenleben in all sei­ner Hässlichkeit schil­dert. Jeder, der die Platte hö­ren wollte, hat dies ver­mut­lich längst ge­tan. Die BPjM selbst nimmt hier aber eine ver­ant­wor­tungs­volle Position ein als die Institution, die mit er­ho­be­nem Zeigefinger Richtung Kinderzimmer deu­tet und den Eltern sug­ge­riert: "Hier, das ist ge­fähr­lich für dei­nen Sprössling!" Dabei geht es also mehr um die mo­ra­li­sche Verantwortung hin­ter der Indizierung als um reine Formalitäten, die so et­was wie Vertriebsbeschränkungen mit sich brin­gen.

An der feh­len­den Weitsicht in Bezug auf die sich stän­dig ver­än­dernde Jugendkultur tut sich da­durch aber wei­ter­hin nichts. Die Frage, wer wirk­lich ent­schei­den sollte, was 2016 zu­mut­bar für ein Kind ist, stellt sich wei­ter­hin. Liegt viel­leicht nur ein Generationskonflikt vor? Und wie prüft man dies nach, ohne ei­nen wirk­li­chen Altersdurchschnitt fest­le­gen zu dür­fen? "Der BPjM ist auf­grund von Rückmeldungen von Jugendlichen und jun­gen Erwachsenen auf Messen wie bei­spiels­weise der 'ga­mes­com' be­kannt, dass in die­sen Altersgruppen – wie in an­de­ren Altersgruppen auch – be­stimmte Medieninhalte durch­aus kri­ti­sch ge­se­hen wer­den", ant­wor­tet man uns auf Nachfrage. Auch auf Listenstreichung nach zehn Jahren kann plä­diert wer­den. Nähere Zahlen will man hier je­doch nicht nen­nen – oder er­klä­ren, was ge­nau als kri­ti­sch an­ge­se­hen wird.

In den letzten Jahren berichteten viele Medien – auch szeneexterne – immer wieder über Rapper, die sich mit der möglichen Indizierung ihres Werks und damit auch der BPjM konfrontiert sahen.

In den letz­ten Jahren be­rich­ten viele Medien – auch szene­ex­terne – im­mer wie­der über Rapper, die sich mit der mög­li­chen Indizierung ih­res Werks und da­mit auch der BPjM kon­fron­tiert se­hen.

Musik und ins­be­son­dere Songtexte sind stark ab­hän­gig vom zeit­li­chen Wandel. So ver­hält es sich auch mit an­de­ren Medien, wie ein Ausflug in die Videospielszene zeigt: Da stand lange Jahre ein 1994 er­schie­ne­nes "Doom" auf dem Index auf­grund sei­ner ro­hen und ge­walt­ver­herr­li­chen­den Spielszenen. Das ein­zige Gemetzel, das man in Zeiten von mo­der­nen Kriegsshootern da noch sieht, ist das von Pixeln. Folgerichtig wurde die Indizierung nach nur 17 Jahren auf­ge­ho­ben. Mit mu­si­ka­li­schen Werken ver­hält es sich da ganz ähn­lich. Verboten wer­den gewalt- und dro­gen­ver­herr­li­chende so­wie na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Texte. Auch Diskriminierung, bei­spiels­weise von Homosexuellen, ist ein gro­ßes Thema. Die Diskrepanz wird klar: Wo hört Kunst auf, wo fängt die Straftat an? Fällt es noch un­ter künst­le­ri­sche Freiheit, wenn Farid Bang Ferris MC auf dem "JBG 2"-Track "4 Elemente" Schusswaffengebrauch an­droht, weil er "voll out ist wie das PlayStation-​Spiel"?

Ein Entschluss, der wohl von Fall zu Fall un­ter­schied­lich aus­ge­legt wer­den kann und erst dann wie­der auf­ge­rollt wird, wenn ein Künstler die Richtigkeit der Entscheidung ak­tiv an­zwei­felt. Dies zeigt das Urteil, wel­ches im Oberverwaltungsgericht Münster 2015 ge­fällt wurde. Dort wur­den näm­lich Shindys Debütalbum "NWA" und die da­zu­ge­hö­ri­gen, zu­vor in­di­zier­ten Videos wie­der vom Index ge­nom­men. Nicht nur auf­grund von Verfahrensfehlern, son­dern auch we­gen ei­ner "nicht aus­rei­chend ge­prüf­ten" künst­le­ri­schen Freiheit. "Das Oberverwaltungsgericht hat in sei­ner Entscheidung for­melle Verfahrensfehler be­män­gelt, die in­halt­li­che Auffassung des Zwölfergremiums zur ju­gend­ge­fähr­den­den Wirkung der Lieder aber nicht in­frage ge­stellt", be­harrt man je­doch sei­tens der BPjM. Inhaltlich also doch nicht für den freien Verkauf ge­eig­net? Wobei "freier Verkauf" hier ge­nauer de­fi­niert wer­den muss: Eine Indizierung be­deu­tet le­dig­lich, dass man ein Produkt nicht mehr im Laden öf­fent­lich be­wer­ben oder aus­stel­len darf. Im Prinzip ist es für Personen ge­gen Vorlage des Ausweises durch­aus mög­lich, Index-​Produkte zu er­ste­hen, ist man als Künstler nicht auf "Liste B" ver­merkt. Diese ist kon­kret mit ei­nem mög­li­chen Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft ver­bun­den, weil in Liedtexten Straftaten ge­schil­dert wer­den. Liste A hin­ge­gen ist straf­recht­lich nicht wei­ter re­le­vant.

Für Musik-​Streamingseiten und an­dere Online-​Medien gel­ten die­sel­ben Bestimmungen un­ter den Listen C be­zie­hungs­weise D. Generell ist es in­ter­es­sant, mit wel­chen Schwierigkeiten die BPjM sich auf­grund des Internets kon­fron­tiert sieht. Auf YouTube soll­ten dem­nach die glei­chen Bestimmungen gel­ten wie auf je­der an­de­ren Plattform – und den­noch fin­det man hier na­hezu je­den in­di­zier­ten Song. Die Eindämmung der Jugendgefährdung scheint so­mit schier un­mög­lich. Anbieter von Streaming-​Diensten stellt dies vor ähn­lich kom­pli­zierte Herausforderungen: Für das Streamen in­di­zier­ter Alben be­darf es ei­ner strikt ab­ge­rie­gel­ten "Ab 18"-Rubrik, die via Passkontrolle ar­bei­tet. Eine tech­ni­sch sehr auf­wen­dige Schose, auf die bis­her je­der Anbieter ver­zich­tet und Index-​Alben ein­fach nicht ins Sortiment auf­nimmt.

Viele Schwierigkeiten, die hier auf­tre­ten – ganz zum Wohle des Jugendschutzes. Ein eh­ren­vol­les Anliegen, das Musikschaffende wie BPjM vor ein zen­tra­les Problem stellt: Wie weit darf man ge­hen? Die Antwort dar­auf liegt ir­gendwo zwi­schen ei­nem Entscheidungsgremium von zwölf Personen und wü­ten­den Kommentaren di­ver­ser Künstler, warum aus­ge­rech­net das ei­gene Album schon wie­der ver­bo­ten wird. Dass die Prüfstelle mit um­ständ­li­chen Indizierungsvorgängen nicht un­be­dingt zu ih­rer ei­ge­nen Popularität bei­trägt, ist klar. Doch viel­leicht sollte man sich als Künstler und Hörer vor dem nächs­ten Facebook-​Sturmlauf lie­ber fra­gen, ob Politiker wirk­lich "noch mehr Löcher als ein Golfplatz" brau­chen oder ob der­ar­tige Äußerungen nicht doch ir­gendwo be­denk­lich sind. Im Endeffekt fängt eine Indizierung nicht erst bei ei­ner Behörde an, son­dern be­reits bei Künstlern und Hörern.

(Sven Aumiller)
(Fotos: BPjM, Titelbild: Daniel Fersch)