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Lakmann

Sieht man von ei­ner Handvoll Namen ab, ha­ben sich wohl sämt­li­che Untergrundgrößen aus den spä­ten 90ern und frü­hen 2000ern in­zwi­schen zum Mainstream im Sinne von "Kennt man" ge­mau­sert. Einer der we­ni­gen Acts, die be­reits seit ge­fühl­ten Ewigkeiten die Flagge für den "Underground" hoch­hal­ten und die­sen in ab­seh­ba­rer Zeit wohl auch nicht ver­las­sen wer­den, ist das Wittener Rap-​Urgestein Lakmann. Vor rund 20 Jahren re­vo­lu­tio­nierte er ge­mein­sam mit Kollege Flipstar, der spä­ter als ei­ner der Mitgründer von Selfmade Records be­kannt wurde, als Creutzfeld & Jakob die hie­sige Raplandschaft. Seine wirk­li­che Solokarriere kommt al­ler­dings ge­rade erst ins Rollen: "Wir kom­men aus ei­ner Zeit, in der man nur alle drei, vier Jahre CDs ge­macht hat. Und mein per­sön­li­ches Ziel ist tat­säch­lich, das in ei­nem Ein-​Zwei-​Jahre-​Zeitraum zu ma­chen". In un­se­rem Interview lässt Lakmann seine kom­plette Karriere noch ein­mal Revue pas­sie­ren, er­zählt von längst ver­gan­ge­nen Tagen, der da­ma­li­gen Battlerapkultur und ge­währt ei­nen Einblick in kom­mende Solo- und neue Witten Untouchable-​Projekte.

MZEE​.com: Du bist nun seit knapp drei Jahren wie­der ak­tiv als Rapper un­ter­wegs, mal al­leine, mal als Teil von Witten Untouchable. Davor war es knapp sechs Jahre re­la­tiv still um dich. Kannst du heute rück­bli­ckend sa­gen, dass es die rich­tige Entscheidung war, eine so lange krea­tive Pause ein­zu­le­gen?

Lakmann: Generell denk' ich, das hat mir gut ge­tan. So, wie es jetzt ge­lau­fen ist, ist es rich­tig ge­lau­fen – da würd' ich die Entscheidung be­für­wor­ten. Aber sechs Jahre Abwesenheit sind das auch nicht wirk­lich ge­we­sen, weil ich mit Freunden auch ein­fach nur so Musik ma­che. Wir jam­men halt und da fin­det ja auch eine ge­wisse Entwicklung be­zie­hungs­weise ein "Growing" statt. Und auf­tre­ten, Features oder Konzerte be­su­chen ist ja auch Teil des gan­zen Prozesses. Ich würd' das nicht so fest­na­geln auf: "Sechs Jahre keine Album-​Veröffentlichung gleich krea­tive Pause", aber wenn man's so sieht, hat mir das auf je­den Fall gut ge­tan. Trotzdem gab es in die­ser Zeit ge­nug mu­si­ka­li­schen Output und krea­tive Schaffensprozesse von uns. Die Bunkerwelt hat ja im­mer aus­ge­zeich­net, dass sie sich auch ohne CD-​Veröffentlichung oder Auftritte im­mer wie­der am Wochenende ge­trof­fen hat, um im Proberaum zu­sam­men Musik zu ma­chen. Das muss man als ste­tige Weiterentwicklung und Konstante se­hen – dann ha­ben sechs Jahre Release-​Abstinenz nicht so eine große Gewichtung.

MZEE​.com: Aber wird es dann für ei­nen Künstler nicht schwie­ri­ger, sich in der Öffentlichkeit zu be­wei­sen? 

Lakmann: Wenn man das Spiel, sich zu be­wei­sen, erst mal er­lernt hat, glaube ich nicht. Gerade, weil HipHop ja die­sen Competition-​Gedanken in sich trägt. Das ist wie Fahrradfahren, das ver­lierst du für dich nicht mehr. Nebenbei fin­det par­al­lel dazu im­mer eine künst­le­ri­sche Entwicklung und Selbstfindung statt. Aber trotz­dem sind diese Fundamentals und Basics in ei­nem drin. Deshalb find' ich: Wenn dir das wirk­lich ins Blut über­ge­gan­gen ist und du das nicht ir­gend­wie künst­lich machst, ver­lernst du das auch nicht mehr. Darum tut ei­nem so eine Pause – das hab' ich ja am Anfang ge­sagt – viel­leicht echt nicht schlecht. Die me­diale Öffentlichkeit wie­derum na­gelt dich na­tür­lich auf dei­nem Release-​Output fest. Man könnte ja da­von aus­ge­hen, dass man – wenn man kein Release hat – ein­fach das Mic weg­ge­legt hat. Aber das ist bei mir ja nicht der Fall.

MZEE​.com: Andererseits ist die Szene heut­zu­tage sehr schnell­le­big und in den letz­ten sechs Jahren kam eine ganz neue Generation von Deutschrap-​Hörern dazu. Besteht da nicht die Gefahr, ein biss­chen in der Versenkung zu lan­den oder viel­leicht so­gar als Newcomer ab­ge­stem­pelt zu wer­den? Einfach, weil jün­gere Fans dich gar nicht mehr ken­nen?

Lakmann: Wie an­dere mich be­wer­ten oder be­ur­tei­len, hab' ich ja gar nicht in der Hand. Aber ich denke, da hast du voll­kom­men Recht: Das hängt auch mit dem neuen Medienzeitalter und der wach­sen­den Berichterstattung zu­sam­men. Das Internet hat die­sen Prozess auf je­den Fall be­schleu­nigt. Dadurch ver­lierst du al­ler­dings auch die Möglichkeit, et­was nach sei­ner Wertigkeit und Wichtigkeit ein­zu­schät­zen. Das ist die an­dere Seite der Medaille. Ich für mich ver­su­che, mich von bei­dem frei­zu­ma­chen. Diese Abstinenzzeiten wer­den ein­fach im­mer be­deut­sa­mer, von we­gen "Wenn du ein Jahr lang kein Album re­least, bist du weg vom Fenster". Ich denke, da­durch ist auch dein Haltbarkeitsdatum heut­zu­tage viel kür­zer als frü­her. Wenn du heute erst an­fängst, bist du schnel­ler wie­der weg. Ist doch so, oder? Ich meine: Cro hin oder her, ich kann mir nicht vor­stel­len, dass der in fünf Jahren noch gerne Rap macht.

MZEE​.com: Du nimmst ge­gen­über der Musikindustrie und de­ren Marktmechanismen be­kann­ter­ma­ßen eine ge­wisse Antihaltung ein und leis­test "Widerstand", wenn man so will …

Lakmann: Lass mich da kurz zwi­schen­grät­schen – das will ich gar nicht. Dieses Bild ist teil­weise rich­tig, aber na­gelt mich dar­auf nicht fest. (lacht) Es ehrt mich, wenn du sagst, dass ich die Widerstandsflagge hoch­halte, aber würde ich dar­auf ein­ge­hen, dreh' ich mich wei­ter in die­sem Kreislauf. Das hätte man zu mei­ner jun­gen Zeit auch auf Torch an­wen­den kön­nen. Um wie­der den Bogen zu span­nen: Ich will ver­mei­den, in mei­ner Rapkarriere ir­gend­wann der Typ zu sein, der nur noch Festivals hos­tet oder von 'ner al­ten Platte ver­kauft. Ich denke, dass meine Generation die er­ste sein kann, die als "Großvaterrapper" oder wie man das auch im­mer nen­nen soll im­mer noch Rap ma­chen kann. Wenn du siehst, wie viele Leute aus der Generation vor uns nicht mehr rap­pen … die konn­ten das halt nicht. Vielleicht war Rap nicht groß oder stark ge­nug, aber jetzt hab' ich das Gefühl, dass die Leute aus mei­ner Generation oder der da­nach auch nach ih­rer ak­ti­ven Zeit noch Rap ma­chen kön­nen. Auch, wenn die Medien nicht mehr über dich be­rich­ten, du keine CD machst oder live auf­trittst. Um ein blö­des Beispiel zu nen­nen: In Amerika gibt es auch ge­nü­gend Leute, die über 50 sind und trotz­dem noch Rap ma­chen. Oder?

MZEE​.com: Definitiv. Ich meinte das auch gar nicht ne­ga­tiv …

Lakmann: Ich finde das auch nicht ne­ga­tiv, son­dern völ­lig wert­frei. Das ist ei­gent­lich eine gute Sache. Das mit den Marktmechanismen ist halt lei­der so – das kann ich auch nicht än­dern, das merk' ich schon. Aber man muss ja auch für ir­gend­was ein­ste­hen und Haltung zei­gen und wenn's zu dem Punkt kommt, an dem ich mich ent­schei­den müsste, würde ich sa­gen: Dann hast du voll­kom­men Recht. Das ist meine Haltung. Aber da steckt so viel mehr da­hin­ter. Gerade, wenn man mal auf 20 Jahre Musikerfahrung zu­rück­blickt, ei­gent­lich schon auf der an­de­ren Seite war und al­les ge­se­hen hat … Gar keine Frage, heute ist das ein biss­chen an­ders. Das ha­ben wir ge­rade ja schon ge­sagt: Durch das Internet ist al­les schnell­le­bi­ger ge­wor­den, frü­her gab's nur Fernseher und Radio. Trotzdem fühl' ich mich nicht wie vom al­ten Eisen oder ver­lo­ren, so wie das Spiel läuft. Das kann ru­hig so lau­fen – mit Facebook, Instagram und alle paar Jahre 'ne CD. Man muss nur für sich ent­schei­den, ob man das al­les selbst mit­ma­chen will. Ganz ehr­lich: Ich wär' auch lie­ber reich und er­folg­reich, aber das ist mir nicht ge­ge­ben. Was soll ich jetzt sa­gen? Soll ich jetzt ver­bit­tert sein? Ich will auch nicht wie ein ver­bit­ter­ter, al­ter Opa klin­gen, der denkt, er hätte al­les ver­passt. Jeder hat seine 15 Minuten Fame im Leben und ich finde, meine 15 Minuten wa­ren schon län­ger als eine Stunde. Ich hatte das al­les schon und merke, dass mir das nicht mehr so viel be­deu­tet.

MZEE​.com: Was sind ei­gent­lich deine per­sön­li­chen Ziele, die du dir mit Rap nach rund 17 Jahren Musikkarriere noch ge­setzt hast?

Lakmann: Ich möchte auf je­den Fall noch lange Musik ma­chen und ent­de­cke erst jetzt die Freude daran, kon­stant Rap zu ma­chen. Wir kom­men aus ei­ner Zeit, in der man nur alle drei, vier Jahre CDs ge­macht hat. Und mein per­sön­li­ches Ziel ist tat­säch­lich, das in ei­nem Ein-​Zwei-​Jahre-​Zeitraum zu ma­chen. Falls mir das noch er­laubt ist, möchte ich in 15 Jahren zu­rück­bli­cken und so eine Musikkarriere mit ge­wis­sem Abstand Revue pas­sie­ren las­sen. Und dann kann man schauen, wie die Sachen nach 2010 im Verhältnis zu de­nen vor 2000 ste­hen. Das kann man mal ma­chen, wenn man den Weg zu Ende ge­gan­gen ist. Und wenn man seine Sachen dann noch­mal be­trach­tet, ent­deckt man, glaube ich, so ei­nen ge­wis­sen ro­ten Faden in sei­nem Werden und Wachsen.

MZEE​.com: Sprechen wir mal über dein ak­tu­el­les Album "Aus dem Schoß der Psychose" ...

Lakmann: Ach so. (lacht) Ich hab' ganz ver­ges­sen, dass wir da jetzt noch drü­ber re­den. Ich war ge­rade noch voll im Film, ein Interview über die al­ten Zeiten zu füh­ren. (grinst)

MZEE​.com: Den Bogen dazu be­kom­men wir nach­her auf je­den Fall auch noch­mal, aber wenn wir jetzt "Aus dem Schoß der Psychose" be­trach­ten: Obwohl du be­reits seit Anbeginn rappst, ha­ben wir hier nach "2 Gramm ge­gen den Stress" erst deine zweite Soloplatte vor uns lie­gen …

Lakmann: Eigentlich so­gar meine er­ste! "2 Gramm ge­gen den Stress" hatte auch noch zwei Amibeats. (lacht) Aber nein, du hast schon voll­kom­men Recht – ich seh' "2 Gramm ge­gen den Stress" auch als mein ers­tes Album an.

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MZEE​.com: Man sagt ja im­mer, dass das zweite Album das schwerste ist – wie viel Druck hast du dir selbst bei der Produktion ge­macht?

Lakmann: Gut, dass du das an­sprichst. Genau das hab' ich auch Mess und Kareem ge­sagt, weil wir ge­rade das zweite Untouchable-​Album ma­chen. "Ihr müsst mir nicht in vie­len Sachen ver­trauen und seid ganz al­leine ge­stan­den und er­wach­sen, aber ich mach' jetzt schon zum drit­ten Mal ein zwei­tes Album. Einmal mit Creutzfeld & Jakob, ein­mal solo und jetzt wie­der ein Untouchable-​Album. Und wenn ich euch et­was sa­gen müsste, das für mich fest­steht, dann: Das zweite Album ist im­mer das schwerste." Du hast für dein ers­tes Album dein gan­zes Leben lang Zeit – des­we­gen ist es dann auch so gut. Aber beim zwei­ten hast du ei­nen Rattenschwanz von Erwartungen in­ner­halb kur­zer Zeit: Weiterentwicklung, Wachstum, Sehnsucht, Ziele … All das musst du un­ter ei­nen Hut brin­gen und in Musik pres­sen. Davon musst du dich ein­fach frei­ma­chen. Im Endeffekt musst du's auf zwei Sachen run­ter­bre­chen: Mach' ich ein­fach eins zu eins das Gleiche oder mach' ich was Neues? … Und du kannst es kei­nem der bei­den Lager Recht ma­chen. Das geht Hand in Hand mit der Individualität ei­nes Künstlers. Wenn je­mand an­de­res kommt und nur eine Schablone ist und den glei­chen Sound macht und mit je­dem Album von Stil zu Stil hüpft, sieht man doch, dass der nur ein Fähnlein im Winde ist.

MZEE​.com: In der heu­ti­gen Zeit ist das ge­ne­rell schwie­rig: Die Fans er­war­ten, dass man et­was Neues macht, aber wenn's dann nicht wie das Album da­vor klingt, wird es auch nicht an­ge­nom­men.

Lakmann: Da sagst du was ganz Tolles. Gestern hab' ich eine Review über mein Album ge­le­sen, bei ei­nem ös­ter­rei­chi­schen Magazin. Die ha­ben uns im Dezember iro­ni­scher­weise noch als Witten Untouchable in­ter­viewt und wa­ren voll nett und be­geis­tert, aber bei der Kritik ha­ben alle ge­sagt, dass die Platte ir­gend­wie sehr mit­tel­mä­ßig rü­ber­kommt. Es gab auch nur 3,5 von 5 Ananassen. Ich hab' mich da­von nicht be­lei­digt ge­fühlt, aber es hat so­fort bei mir gekrib­belt, ich hab' Stift und Blatt ge­nom­men und ge­nau das ge­rappt, was du ge­rade ge­sagt hast. Ich kann dir jetzt nicht den ge­nauen Wortlaut sa­gen, weil das noch ganz fri­sch ist, aber der Text sagt sinn­ge­mäß: "Ich mach' jah­re­lang nichts und für alle bin ich weg, dann dropp' ich zwei­mal in zwei Jahren und bin au­to­ma­ti­sch wie­der schlecht". (lacht) So ging der Rhyme! Entweder du bist weg und die Leute ver­mis­sen dich oder du machst alle zwei Jahre et­was und die Leute ha­ben was zu me­ckern. Entweder bist du ih­nen dann zu ab­wechs­lungs­reich oder du bist in den 90ern hän­gen ge­blie­ben. Du kannst es nie­man­dem Recht ma­chen – nur in Gedanken kon­zi­pie­ren und durch­ge­hen, aber in der Praxis schei­tert man ge­ne­rell. Ich hab' das Gefühl, das ist ein biss­chen wie Quantenphysik. (lacht) Je mehr du dich an­strengst, al­les rich­tig zu ma­chen, desto mehr ge­rät al­les aus dem Ruder. Und des­halb sag' ich auch zu Mess und Kareem: "Macht euch frei von al­lem und ein­fach was ihr wollt."

MZEE​.com: Ich hab' aber auch teil­weise das Gefühl, dass die Leute ein­fach gerne me­ckern, die Musik im Endeffekt aber trotz­dem an­hö­ren, fei­ern und auch kau­fen – die Klicks und Verkaufszahlen sin­ken selt­sa­mer­weise ja nicht …

Lakmann: Ja, das ist ir­gend­wie to­tal ver­rückt – seh' ich auch so. Aber wie ge­sagt: Ich möchte nicht ver­bit­tert klin­gen oder der Typ sein, der hän­gen­ge­blie­ben ist. Ich nehm' das Game so, wie es ist, und hab' da­mit gar keine Probleme. Anstatt ir­gend­ei­nen Weg von an­de­ren zu ge­hen, will ich lie­ber meine ei­ge­nen Spuren hin­ter­las­sen. Das ist ganz wich­tig.

MZEE​.com: Auf der Platte gibt es ei­nen Track na­mens "Es gibt nie­man­den der singt in mei­ner Hood", der zeit­gleich in sehr viele Richtungen schießt – egal, ob heu­ti­ges Gangsterrapideal oder "Hipster-​Rapper". Das ist na­tür­lich al­les sehr ne­ga­tiv be­las­tet, aber: Gibt es denn auch et­was Positives an deut­schem Rap 2016?

Lakmann: Auf je­den Fall. Ich will ja auch nicht der Spielverderber sein – das ist zwar eine coole Haltung, aber na­gelt mich nicht dar­auf fest. Es gibt so viele gute Sachen und ich pro­fi­tier' ir­gend­wie ja auch da­von. Ein Homie hat mir letz­tens ein Bild ge­schickt, auf dem Sido per Instagram eine Playlist von mir pos­tet. Das ist ein viel grö­ße­res Promo- und Marketingtool als al­les, was wir mit mei­nem Label ge­ris­sen ha­ben. Ich hab' ja nicht mal ein Video ge­dreht. Dass ihr euch ge­mel­det habt und wir jetzt ein Interview ma­chen, zeigt ir­gend­wie auch, dass nur ein paar aus­er­wählte Schäfchen kom­men … und dar­auf will ich hin­aus. (lacht) Meine ge­ne­relle Haltung, die­ser Widerstand, dringt in den Songs na­tür­lich durch, aber auf der an­de­ren Seite gibt es so viel Positives. Die letz­ten Songs, die mir nach­hal­tig im Gedächtnis ge­blie­ben sind, hab' ich erst in den letz­ten Wochen ge­checkt. Das war ein­mal "Alles was ich bin" von Schote und "Allerbeste Medizin" von – man höre und staune – Blut&Kasse. Es gibt ge­nü­gend Sachen, die ich feier' oder von de­nen man nichts mit­kriegt. Zum Beispiel auch Credibil – der ist ja ein rich­ti­ger Untouchable-​Homie. Der hat ge­rade erst mit je­man­dem aus Mannheim auf­ge­nom­men, mit Butch, den ich noch aus Creutzfeld & Jakob-​Zeiten kenne. Und es ist schön zu se­hen, dass sich so wie­der ein Kreis schließt. Aber al­les, was auf der Berichterstattungsebene pas­siert – da kann ich dir nicht sa­gen, ob das po­si­tiv oder ne­ga­tiv ist. Ich möchte nicht sa­gen, dass ich da den Überblick ver­lo­ren habe, aber dem mess' ich ein­fach nicht so viel Wichtigkeit zu.

MZEE​.com: Gerade, weil du ei­ner die­ser "Alten Hasen" bist, hast du die Entwicklung der Szene prak­ti­sch von Beginn an haut­nah mit­er­lebt – was war dei­ner Meinung nach der ein­schnei­dende Moment, der die Deutschrapszene plötz­lich so ins Licht der Öffentlichkeit ge­rückt hat? Womit hat das al­les an­ge­fan­gen?

Lakmann: Dieses ganze Auf-​die-​Eins-​Charten würde ich ei­gent­lich von Rap tren­nen, das ist schon mehr ein Pop-​Mechanismus. Rap hat in den Charts ei­gent­lich im­mer die an­dere Seite re­prä­sen­tiert – Sachen, die nicht auf die Eins ge­gan­gen sind. Das hat sich in den letz­ten Jahren trans­for­miert und ich finde, das ist die neue Pop-​Szene. Das darf man industrie- und wer­be­mä­ßig auch ein­fach nicht als Rap-​Mechanismus ver­ste­hen, son­dern als kal­ku­lier­tes Marketing. Ich muss euch ja nicht er­zäh­len, wie das heut­zu­tage funk­tio­niert mit den Boxen, den Charts, der Instrumentalisierung, der Wertsteigerung … Im Januar hat sich ge­rade erst das Gesetz ge­än­dert, dass Online-​Streaming auch mit in die Charts zählt. Das ist so ein dy­na­mi­scher Prozess und ehr­lich ge­sagt nichts für mich. Die Box, die ich ge­macht hab', kommt nicht mal in die Charts rein.

MZEE​.com: Wir wür­den die Entwicklung der Szene jetzt gerne mal un­ter der These "Creutzfeld & Jakob ha­ben Deutschrap ge­prägt" be­trach­ten: Kannst du den Einfluss, den ihr da­mals auf Deutschrap ge­nom­men habt, heut­zu­tage noch aus dem Schaffen an­de­rer Künstler raus­hö­ren?

Lakmann: Ich krieg' schon viel mit, aber um das voll­kom­men zu be­ur­tei­len, hör' ich noch zu we­nig. Aber du hast voll­kom­men Recht: Wir ha­ben das auf je­den Fall ge­prägt. Aber der Originator kriegt ja nie den Respekt – ich glaube, in der Wahrnehmung der Leute ha­ben an­dere al­les ge­prägt. Aber ich weiß schon, wer das wirk­lich war, des­halb bin ich ganz im Reinen mit mir.

MZEE​.com: In dem Zusammenhang kom­men wir mal auf dei­nen Track "Selbst ist der Lakmann" zu spre­chen. Darauf rappst du un­ter an­de­rem die Zeile: "Wir sind we­nigs­tens au­then­ti­sch". Aber: Was be­deu­tet Authentizität in der heu­ti­gen Deutschrapszene für dich? Ist es wirk­lich so ein­fach zu sa­gen: "MC XY rappt nicht ex­akt das, was er lebt, also ist er nicht au­then­ti­sch"?

Lakmann: Das muss man be­stimmt dif­fe­ren­zier­ter se­hen, wenn man so ein Nerd ist. Vom ly­ri­schen Potenzial her, das Rap bie­tet, ist es schon fast so, als würde man in eine Bibliothek ge­hen und ein Genre aus­su­chen … Als ich mit Rap an­ge­fan­gen hab', kam ich auch aus die­ser Realtalk-​und-​Ansagen-​Ecke, aber hab' to­ta­len Bullshit er­zählt. (lacht) Das muss man aber auch so ma­chen. Man muss am Anfang Bullshit er­zäh­len, da­mit man am Ende re­flek­tie­ren kann, sonst macht das kei­nen Sinn. Du kannst es ja nicht um­ge­kehrt ma­chen: erst re­flek­tie­ren und dann Bullshit er­zäh­len.

MZEE​.com: Gibt es denn ak­tu­ell je­man­den, bei dem du sa­gen wür­dest: "Das kauft ihm doch nie­mand ab"?

Lakmann: Gib mal ein Beispiel. Es gibt ja etwa auch Genres wie Horrorcorerap, die ein­fach nur zur Unterhaltung die­nen. Da ste­cken na­tür­lich auch ge­wisse mensch­li­che Tendenzen drin, sonst würde man das ja nicht ma­chen, aber das is noch­mal ein Unterschied zu bei­spiels­weise Conscious-​Rap, um mal die Klischees zu be­die­nen. Aber ge­ne­rell finde ich, man sollte sich die Integrität be­wah­ren und ich halte nicht son­der­lich viel von Namedropping. Ich will auch nicht über an­dere er­zäh­len, son­dern von mir. (grinst) Aber wenn mich je­mand fragt, ant­worte ich auch gerne.

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MZEE​.com: Nehmen wir mal ei­nen Kollegah oder Farid Bang. Deren Musik ist klar Entertainment, aber denkst du, dass es da drau­ßen auch Leute gibt, die sol­che Texte für bare Münze neh­men?

Lakmann: Auf je­den Fall. Ich war vor ein paar Wochen auf mei­ner Tour in Karlsruhe und da kam je­mand zu mir, der meinte: "Ey, du hast doch ei­nen Song mit Plusmacher ge­macht …" Das war halt so ein rougher Typ, ein biss­chen street­mä­ßig an­ge­haucht. Und der hat mich ge­fragt: "Ist Plusmacher wirk­lich so, wie er rappt?" Und da hab' ich ge­sagt: "Ich hab' ihn über Kareem ken­nen­ge­lernt, wir ha­ben zu­sam­men auf Festivals ab­ge­han­gen und der ist so höf­lich, so nett, so zu­vor­kom­mend und ge­nauso wa­ren wir auch zu ihm. Ich kann dir sa­gen: Das, was er rappt, ist der nicht. Ich will nicht sa­gen, dass er fake ist – na­tür­lich hat er das als Background, aber er gibt sich halt als rich­tig kor­rek­ter Typ." Da war er schon et­was stut­zig und meinte dann wei­ter: "Karate Andi kennst du doch auch. Ist der so, wie er sich in den Videos gibt?" Und ich meinte nur: "Karate Andi hab' ich in Berlin ge­se­hen und er war der größte Lakmann-​Fan. Den kannte ich von Mortis, mit dem hab' ich ja auch schon eine lange Vergangenheit. Und der Karate Andi ist zwar ein biss­chen schrill und durch­ge­dreht, aber ge­nauso lieb. Der ist vor uns auf­ge­tre­ten und war durch und durch ein chil­li­ger Junge." Und der Typ dann so: "Hm, scheiße, die sind ja alle gar nicht so. Der ein­zige, der wirk­lich so ist, wie er von sich er­zählt, bist du, weil du auch wirk­lich broke bist." Da muss­ten dann alle la­chen. (lacht) Er hat dann ab­ge­wun­ken, mit dem Kopf ge­schüt­telt und wollte auch gar nicht glau­ben, dass die Leute nicht so sind, wie sie auf di­cke Hose ma­chen. Auch Farid Bang und Kollegah – alle sa­gen, dass die bei­den su­per kor­rekt sind. Auch Rooq, der Hausproduzent von Witten Untouchable. Der hat schon mit Farid zu­sam­men­ge­ar­bei­tet, für ihn Beats ge­baut und meinte auch nur: "Wenn ich ihm ei­nen ver­kauf', ist die Kohle am nächs­ten Tag da, ich kann über Farid Bang nichts Negatives sa­gen. Der macht seine Geschäfte pünkt­lich und kor­rekt, wieso soll ich me­ckern?" Und da­mit war's das für mich. Ist doch cool für ihn – ich muss meine ei­ge­nen Erfahrungen sam­meln. Ich hab' bis jetzt keine, also ver­such' ich, das Blatt so un­be­schrie­ben wie mög­lich zu hal­ten.

MZEE​.com: Viele Rapper sa­gen heut­zu­tage, dass Rap für sie so et­was wie Therapie sei und sie nicht wüss­ten, wie sie ohne die Musik klar­kom­men wür­den. Du hin­ge­gen rappst: "Die Texte, die ich schreib', fi­cken mei­nen Kopf". Da könnte man den­ken, dass Rappen für dich eher ein we­nig ne­ga­tiv be­las­tet ist. Trügt das?

Lakmann: Rap ist to­tale Therapie. Es geht ei­nem da­nach im­mer bes­ser. Man schreibt halt ne­ga­tive Sachen auf und manch­mal fickt, was du schreibst, auch dei­nen Kopf – sei es, weil du es ge­rade nicht hin­kriegst oder weil du dei­nen in­ne­ren Seelen-​Striptease machst. Unterm Strich geht's dir da­nach aber im­mer bes­ser. Wenn je­mand Horrorcore oder to­tal de­pres­sive, me­lan­cho­li­sche Sachen schreibt, geht's ihm da­nach auch gut. Es über­wiegt auf je­den Fall das Gefühl: "Boah, ich hab' was Geiles ge­schrie­ben". Das hat auch ein biss­chen was von Battlerap: Man batt­let sich sel­ber und wenn man es dann schafft, die Lines im Battle ge­gen sein Gegenüber um­zu­mün­zen … rich­ti­ger Todesstoß. Nicht die üb­li­chen Floskeln, Klischees und Beleidigungen, son­dern so rich­tige Realtalk-​Kaputtmacherei. Stell dir mal vor, du schaffst es, das, was du vor dem Spiegel rappst, in ei­nem Battle ge­gen den Gegner um­zu­mün­zen.

MZEE​.com: Man hört auch im­mer wie­der von Konsumenten, de­nen es ähn­lich geht – die viel­leicht ge­rade in ei­nem Loch sind, de­pres­si­vere Musik hö­ren und sich da­nach aber iro­ni­scher­weise bes­ser füh­len. Kennst du das auch?

Lakmann: Klar. Ich hab' ge­rade erst ei­nen Screenshot von Kareem be­kom­men – ei­ner hatte eine neun Jahre alte Psychose und wollte mir sa­gen, wie cool er das Album fin­det und wie viel ihm das be­deu­tet.

MZEE​.com: Das sind ver­mut­lich auch die Nachrichten, die man als Künstler selbst am liebs­ten liest, oder?

Lakmann: Voll. Ich mein', na­tür­lich liest du Lob am liebs­ten. Kritik les' ich selbst aber auch gerne, weil sie bei mir auch ein Alleinstellungsmerkmal hat. Ich be­komm' sehr we­nig Kritik, aber ge­rade des­halb kann man dann auch sa­gen, dass da ein Körnchen Wahrheit drin­steckt. Und dann zwickt's mich auch selbst im Schuh, das zu be­he­ben. Mit ei­ner ge­wis­sen Reflexion er­kennt man das dann auch selbst und wenn man es ein­mal er­kannt hat, will man auch daran ar­bei­ten – also, rapt­ech­ni­sche Sachen. Wenn jetzt je­mand ein Video nicht li­ket, weil ich "voll be­hin­dert" bin oder "scheiße aus­seh'" … na ja, das ist was an­de­res. (lacht)

MZEE​.com: Wo wir ge­rade schon das Thema "Battlerap" an­ge­schnit­ten ha­ben: Das war ja schon im­mer ein wich­ti­ger Teil dei­ner Kunst. Du warst bei­spiels­weise auch auf dem ers­ten Teil von "Feuer über Deutschland" ver­tre­ten, eine DVD-​Reihe, die die heu­tige Written Battle-​Kultur stark ge­prägt hat. Verfolgst du Formate wie Rap am Mittwoch oder Don’t let the la­bel la­bel you?

Lakmann: Ja klar. Der Chief, der das hos­tet, war ei­ner der ers­ten, die die "2 Gramm ge­gen den Stress"-CD be­stellt ha­ben. Die hab' ich ihm per­sön­lich si­gniert – er war wirk­lich Fan ers­ter Stunde. Die Rap am Mittwoch-​Jungs kenn' ich schon, seit­dem sie Kaosloge wa­ren. Beide krie­gen Props für ihre Sache, weil Battlerap im­mer et­was war, das ich gerne ge­macht habe. Aber das ist halt wirk­lich nicht mehr mein ak­ti­ves Ding, weil meine Battleraps nicht zu­ge­schnit­ten be­zie­hungs­weise per­sön­lich sind. Wir kom­men aus ei­ner Zeit, in der man ei­nen ima­gi­nä­ren Gegner ge­habt hat. Man mus­ste eine Beleidigung so for­mu­lie­ren, dass sie in der Praxis auf je­den um­zu­mün­zen war. Heutzutage ist es so, dass man ein­fach nur in­time Sachen aus­gräbt und die dann ver­brät und ins Negative dreht. So kannst du je­den batt­len – aber es zeigt nicht wirk­lich deine Rapskills. Die Leute bauen das quasi wie ei­nen schlech­ten Comedy-​Pointe-​Witz auf und dann hörst du meist noch ei­nen schlech­ten Rap-​Versprecher. Was zählt, sind Pflicht und Kür: Was du sagst, aber auch, wie du es sagst. Ich würde so­fort bei ei­nem Battle mit­ma­chen, bei dem man nicht weiß, wen man als Gegner be­kommt – das wird dann live aus­ge­lost. Und da will ich dann mal se­hen, wie gut die Leute batt­len, wenn sie ih­ren Gegner nicht auf­grund sei­ner Historie nie­der­ma­chen kön­nen. Dann trennt sich die Spreu vom Weizen und das ist halt, was ich ge­macht hab'. Aber es ist nicht so, dass ich bei Karate Andi, Main Moe, Percee und so nicht ge­lacht hätte – ich kann mir das ge­ben, wenn's gut ist. Vieles mach' ich aber auch weg. Trotzdem ha­ben die et­was ge­schaf­fen.

MZEE​.com: Um mal ein ganz an­de­res Thema ge­gen Ende an­zu­schnei­den: Wie gut ist dein heu­ti­ger Kontakt zu Flipstar ei­gent­lich noch?

Lakmann: Der ist gut. Er war auch auf mei­ner Release-​Party da­bei, er ist auf mei­nem Album und wir se­hen uns re­gel­mä­ßig. Wenn er am Wochenende mal Zeit hat, tref­fen wir uns auch und ma­chen was.

MZEE​.com: Wäre ein ty­pi­sches Creutzfeld & Jakob-​Album heute über­haupt noch mög­lich?

Lakmann: Ein ty­pi­sches? Gar nicht. Wenn du un­se­ren ge­mein­sa­men Song auf mei­nem neuen Album hörst, ist der auch viel re­flek­tier­ter und gar nicht bat­t­le­mä­ßig. Eher so ein Zurückdenken an die gute Zeit. Ich denke, man müsste die­ses schlum­mernde Tier in Flipstar, die­ses Sich-​Beweisen, wie­der we­cken, um ein ty­pi­sches Creutzfeld & Jakob-​Album zu ma­chen.

MZEE​.com: Wie würde die Szene wohl dar­auf re­agie­ren?

Lakmann: Die Szene heut­zu­tage kennt Flipstar doch gar nicht mehr. Die würde auf ihn wie auf ei­nen Newcomer re­agie­ren, oder? Und selbst wenn nicht: Dann hast du hohe Erwartungen und willst den prä­zi­sen Mr. Flipstar und er macht dann viel­leicht was ganz an­de­res. Ich kann's aber auch nicht be­ur­tei­len – der Text, den er für das "Aus dem Schoß der Psychose"-Album ge­schrie­ben hat, ist der ak­tu­ellste, den ich von ihm kenne. Und wenn das sein State of the Art ist, ist er halt weg von die­sem Battleshit.

MZEE​.com: Wir schät­zen dich ge­rade we­gen dem ein oder an­de­ren Featurepart für et­was un­be­kann­tere Acts so ein, dass du dich nach wie vor viel mit dem Untergrund aus­ein­an­der­setzt. Zum Abschluss des Interviews: Gibt es den ein oder an­de­ren Newcomer, den du kon­kret auf dem Schirm hast und ver­folgst?

Lakmann: (über­legt) Also, Newcomer sind sie nicht, die sind schon lange da­bei, aber: Kennst du Schaufel und Spaten?

MZEE​.com: Klar.

Lakmann: Die emp­fehl' ich im­mer. Das sind quasi auch die Mentoren von Plusmacher. Dann gibt's noch 'ne Newcomer-​Crew aus Hamburg, die heißt Plusdick und Reisser. Und dann … Dollar Hugo! Kennt ihr Dollar Hugo? Der ist auch noch un­be­kannt und Newcomer. Den hab' ich im Süden auf ei­ner Jam in Karlsruhe ge­se­hen. Sonst … Credibil ist jetzt kein Newcomer mehr, oder? Dann waren's die drei.

(Pascal Ambros & Fabian Thomas)