Eva Ries – ein Gespräch über ihre Zeit mit dem Wu-​Tang Clan

Der Wu-​Tang Clan: eine Grup­pe von neun Män­nern aus den Sozi­al­woh­nungs­bau­ten, den soge­nann­ten "Pro­jects", Sta­ten Islands, deren künst­le­ri­sches Schaf­fen die HipHop-​Kultur maß­geb­lich präg­te. Bestand der har­te Kern des Clans in den 90er Jah­ren aus RZA, GZA, Ol' Dir­ty Bas­tard, Method Man, Ghost­face Kil­lah, Rae­kwon, Mas­ta Kil­la, Inspec­tah Deck und U-​God, ver­än­der­te sich das Umfeld der Grup­pe ste­tig durch Per­so­nen, die den Mit­glie­dern nahe­stan­den, soge­nann­te "Affi­lia­tes". Ande­res ist hin­ge­gen bis heu­te – abseits vom Logo der gel­ben Fle­der­maus – gleich geblie­ben: Der Clan ist bekannt für sein Auf­tre­ten als Grup­pe, fie­se Bli­cke, absur­de Geschich­ten bei Pro­mo­ter­mi­nen oder auf Kon­zer­ten und vor allem für har­te Lines und roug­he Beats. Nach­dem die Grup­pe auch über die Stadt­gren­zen hin­aus bekannt wur­de, soll­te sich auf das inter­na­tio­na­le Geschäft fokus­siert wer­den. Die­se nicht ganz ein­fa­che Auf­ga­be wur­de Eva Ries zuteil – einer Frau aus Baden-​Württemberg, die es durch viel Dis­zi­plin und Durch­hal­te­ver­mö­gen in die ame­ri­ka­ni­sche Musik­bran­che geschafft hat­te und fort­an als Mana­ge­rin des Plat­ten­la­bels Loud/​RCA Records für jene inter­na­tio­na­len Geschäf­te des Wu-​Tang Clans zustän­dig war. In ihrem Buch "Wu-​Tang is fore­ver" berich­tet sie ein­drucks­voll über Streit und Schlich­tun­gen, Aus­ras­ter und Ver­söh­nun­gen. In unse­rem Inter­view gab sie tie­fe Ein­bli­cke in die Zeit der 90er Jah­re, sprach mit uns über die Prä­senz vom Wu-​Tang Clan in der Gegen­wart und wirft einen Blick in die Zukunft.

MZEE​.com: Wäh­rend dei­ner Arbeit mit dem Wu-​Tang Clan hast du vor vie­len Her­aus­for­de­run­gen gestan­den, denen du dich bewusst stel­len woll­test. Zuerst woll­test du aber laut dei­nen eige­nen Aus­sa­gen die Tex­te und Bot­schaf­ten des Clans ver­ste­hen, wodurch die Mit­glie­der zu dei­nen Men­to­ren wur­den und dir ihre Lebens­rea­li­tät gezeigt haben. Erin­nerst du dich an eine der frühs­ten Lek­tio­nen, die dir bei­gebracht wurden?

Eva Ries: Es ist ganz wit­zig, dass du das fragst, denn die frü­hes­te Lek­ti­on war an dem ers­ten Tag, als ich die Jungs ken­nen­ge­lernt habe. Im Buch wird die­se Geschich­te auch beschrie­ben, das war Anfang 1994 in einem Foto­stu­dio und es soll­te das ers­te gemein­sa­me Grup­pen­fo­to der Band gemacht wer­den. Es gab vor­her noch keins, obwohl das Album "Enter the Wu-​Tang (36 Cham­bers)" Ende 1993 raus­kam. Der Wu-​Tang Clan bestand damals aus neun Mit­glie­dern und es war immer sehr schwer, alle zusam­men an einen Ort zu brin­gen. Ich habe an dem Tag eher als Beob­ach­te­rin teil­ge­nom­men, weil ich von der ame­ri­ka­ni­schen Pres­se­be­treue­rin an die Arbeit her­an­ge­führt wur­de. Nach die­ser Foto­ses­si­on hat GZA mir gesagt, dass er auch ger­ne zum BMG-​Gebäude fah­ren will, und wir haben aus­ge­macht, dass wir gemein­sam ein Taxi neh­men. Er sag­te zu mir, dass ich das Taxi anhal­ten müs­se, er sich jetzt nicht an die Stra­ße stel­len wür­de und wenn das Taxi dann ange­hal­te habe, kom­me er ein­fach hin­zu. Ich habe mich gewun­dert, was das soll, aber es mit­ge­macht. Im Taxi erklär­te er mir dann, dass für ihn als Schwar­zer Mann kein Taxi hal­ten wür­de, wes­halb er mich als Lock­vo­gel hin­ge­stellt habe und dann dazu gestie­gen sei. Wäh­rend der Fahrt hat er mir gesagt, dass ich dem Taxi­fah­rer bloß kein Trink­geld geben soll, weil New Yor­ker nun mal kein Trink­geld geben und man sich so als dum­mer Tou­rist outen wür­de. Außer­dem hat er mich auf der Stra­ße beob­ach­tet: Ich wür­de die gan­ze Zeit nach oben gucken, um die Wol­ken­krat­zer zu bewun­dern. Das wür­de mich eben­falls als frem­de Per­son outen, wodurch ich für bestimm­te Ver­bre­chen, in denen man mich über­vor­tei­len will, anfäl­li­ger wäre. Er sag­te mir, dass ech­te New Yor­ker schnel­len Schrit­tes gehen, immer mit dem Blick nach vor­ne. Aber nicht in die Augen eines ande­ren bli­ckend, son­dern den Blick peri­pher auf den Boden gerich­tet, um noch mit­zu­be­kom­men, was sich in der Umge­bung abspielt. So habe ich direkt meh­re­re Lek­tio­nen an einem Tag gelernt.

MZEE​.com: Durch die enge Arbeit mit dem Clan hast du neben täg­li­chen Wut­aus­brü­chen eini­ge absur­de Geschich­ten erlebt wie die Flucht aus einem Lon­do­ner Hotel wegen zu hoher Tele­fon­kos­ten. Was war das größ­te Lear­ning, das du für dich aus der Arbeit mit dem Wu-​Tang Clan gezo­gen hast?

Eva Ries: Es gibt tat­säch­lich sehr vie­le Lear­nings, die ich durch den Clan gewon­nen habe. Die hät­te ich wahr­schein­lich nie gelernt, wenn ich nicht mit ihnen zusam­men­ge­kom­men wäre oder ewig in Laden­burg, in der baden-​württembergischen Pro­vinz, gehockt hät­te. Ich lache oft, wenn Leu­te in Deutsch­land von so schö­nen Schlag­wor­ten reden wie inter­kul­tu­rel­ler oder sozia­ler Kom­pe­tenz und emo­tio­na­ler Intel­li­genz, die sie alle angeb­lich haben. So was lernt man aber erst, wenn man sei­ne Kom­fort­zo­ne ver­lässt. Ich glau­be, dass das mein größ­tes Lear­ning ist. Ich wür­de auch jedem ans Herz legen, sich aus der Kom­fort­zo­ne raus­zu­be­we­gen und in eine ande­re Welt ein­zu­tau­chen oder etwas ganz ande­res zu machen. Das muss jetzt nichts Gra­vie­ren­des sein, wie vom gut­bür­ger­li­chen Deutsch­land ins Ghet­to in Sta­ten Island ein­zu­tau­chen, aber es geht dar­um, sich mal etwas zu trau­en und zu ver­su­chen, an Ängs­ten zu arbei­ten. Ich habe gelernt, Din­ge zu machen, ohne sie tau­send­mal zu hin­ter­fra­gen oder lang zu zögern, son­dern ein­fach aus dem Affekt her­aus zu agie­ren. Wie bei der Flucht aus dem Hotel: Das war schon fast eine Art Ent­füh­rung und da war mir klar, dass ich mit­ge­hen muss, denn wenn ich es nicht tue, dann hät­te ich die Jungs nie wie­der­ge­fun­den. Klar hat­te ich Angst, mei­nen Job zu ver­lie­ren, denn ohne zu bezah­len aus einem Hotel zu flüch­ten, ist auch nicht so toll. Aber das war das klei­ne­re Übel, denn hin­ter­her hät­ten mei­ne Chefs mich alle gefragt, ob ich die Jungs ein­fach so gehen las­sen habe. Ich hat­te einen Bruch­teil an Sekun­den, um zu ent­schei­den: mit­ge­hen oder die Jungs gehen las­sen. Der Worst­ca­se wäre, mei­nen Chef in New York anzu­ru­fen und ihm zu sagen, dass ich sie ver­lo­ren habe, weil ich dar­auf bestan­den habe, eine Rech­nung zu bezah­len. Ich muss­te schnel­le Ent­schei­dun­gen tref­fen und auch im Nach­hin­ein habe ich die nicht groß über­dacht, weil ich immer das Gefühl hat­te, dass sie rich­tig waren.

MZEE​.com: Der Clan scheint die Art, wie du an Din­ge her­an­gehst oder über Sach­ver­hal­te nach­denkst, nach­hal­tig geprägt zu haben. Was denkst du, wel­chen Impact du mit dei­nen mit­ge­brach­ten Eigen­schaf­ten auf sie und ihre Her­an­ge­hens­wei­se hattest? 

Eva Ries: Sie wür­den sich jetzt wahr­schein­lich auf die Zun­ge bei­ßen und sagen, dass sie noch immer so kom­pro­miss­los sind, wie sie immer waren, aber natür­lich stimmt das nicht. Einen sol­chen Effekt siehst du nicht nach vier Wochen, aber nach einem bis zwei Jah­ren. Als wir die ers­te Tour gemacht haben, haben sie sich schon sehr geöff­net – auch für ande­re Kul­tu­ren. Man muss dazu sagen, dass sie außer mit ein paar Leh­rern, Ärz­ten, Poli­zis­ten und Leu­ten auf dem Amt nichts mit Wei­ßen zu tun hat­ten. Sie kamen aus einer rein Schwar­zen Gesell­schaft. Ich war zu den Anfangs­zei­ten eine der weni­gen Wei­ßen in ihrem Umfeld. Auch wenn der Clan von Ste­ve Rif­kind (Anm. d. Red.: Grün­der und Vor­sit­zen­der von Loud Records), der eben­falls weiß ist, gesignt wur­de, waren die Leu­te, mit denen sie arbei­ten muss­ten – wie A&R, Mar­ke­ting oder Pres­se –, alle Schwarz. Wenn man Hip­Hop oder Urban Music mach­te, waren die Leu­te, mit denen man gear­bei­tet hat, alle Schwarz. Es gab ein Black oder Urban Depart­ment mit einem Black Pre­si­dent und ich war als Ver­ant­wort­li­che für Inter­na­tio­nal die ein­zi­ge wei­ße Per­son, die mit den Künst­lern gear­bei­tet hat. Der Clan war im Grun­de wie in einer Bubble von ande­ren Schwar­zen umge­ben, weil sie durch ihr gan­zes Lebens­um­feld kei­ne Berüh­rungs­punk­te mit Wei­ßen hat­ten, wodurch ich eine der weni­gen wei­ßen Per­so­nen war, die eben immer kon­stant auf­ge­taucht sind. Neben mir gab es noch Sere­na Gal­lag­her, eine freie Pres­se­be­treue­rin iri­scher Her­kunft, die aber längst nicht so viel Zeit mit dem Clan ver­bracht hat. Sie ist auch nicht nach Sta­ten Island gefah­ren, son­dern hat die Band für Ter­mi­ne mit Jour­na­lis­ten an den Times Squa­re in einen Kon­fe­renz­raum bestellt, weil das ein­fa­cher zu kon­trol­lie­ren war. Ich den­ke schon, dass ich einen gewis­sen Ein­fluss auf sie hat­te, weil sie durch mich Berüh­rungs­punk­te mit ande­ren Din­gen hat­ten – vor allem, als wir dann spä­ter aus den USA raus und in ande­re Län­der gereist sind. Das war ein unheim­li­cher Lern­pro­zess für die Jungs.

MZEE​.com: Trotz des schwie­ri­gen Umgangs mit man­chen Clan-​Mitgliedern hat­test du nie das Gefühl, alles hin­schmei­ßen zu wol­len. Wor­aus hast du für dich inner­halb die­ser Zusam­men­ar­beit die Kraft gezo­gen, stets weiterzumachen?

Eva Ries: Ich ver­mu­te aus mei­ner eige­nen Stur­heit, denn ich bin wirk­lich ein stu­rer Bock. Vor allem habe ich es mir zu mei­ner eige­nen Mis­si­on gemacht, dass ich aus den Jungs etwas mache. Viel­leicht war das mein Sozialarbeiter-​Gen oder irgend­was in der Art, aber ich habe mir das Ziel gesteckt und sie dar­auf ein­ge­schwo­ren, dass sie die­sen welt­wei­ten Erfolg haben müs­sen. Ich glau­be sogar, dass ich mehr dar­an geglaubt habe als sie und dar­aus mei­ne Kraft gezo­gen habe. Mir gin­gen die­se absur­den Geschich­ten gar nicht so nah und even­tu­ell habe ich auch die Gabe, gewis­se Sachen nicht ganz an mein Inners­tes ran­zu­las­sen. Ich weiß, dass ich mir wie ein Ver­sa­ger vor­ge­kom­men wäre, wenn ich das Hand­tuch geschmis­sen hät­te – ich bin der Typ, der dann nicht mehr in den Spie­gel gucken kann, weil man auf­ge­ge­ben hat. Die­ses Auf­ge­ben war mir zuwi­der, sodass ich gesagt habe: Wir zie­hen das durch.

MZEE​.com: Du sprichst in dei­nem Buch davon, dass du anders als ande­re Leu­te in der Musik­bran­che nicht über das teil­wei­se schwie­ri­ge Ver­hal­ten des Clans geur­teilt hast, weil es eine Über­le­bens­stra­te­gie auf­grund der Lebens­rea­li­tät in den Pro­jects war. Wel­che Stra­te­gie des Clans ist dir schnell aufgefallen?

Eva Ries: Die ers­te Stra­te­gie war immer, dass sie ver­sucht haben, ande­ren Angst ein­zu­ja­gen. Sie sind immer als Rudel auf­ge­taucht oder waren zumin­dest in Zwei­er­grup­pen unter­wegs wie Ghost zusam­men mit Rae­kwon oder RZA mit GZA. Es gab immer eine Kon­stel­la­ti­on und nur ganz sel­ten war jemand allei­ne anzu­tref­fen. Als Grup­pe waren immer unge­fähr fünf Leu­te zusam­men und zusätz­lich waren noch Freun­de, Bekann­te und Tritt­brett­fah­rer dabei. Wenn sie zu uns ins Büro gekom­men sind, stan­den immer 10 oder 20 Leu­te da, es roll­te gefühlt ganz Sta­ten Island an. Schon allein durch die­se Grup­pen­grö­ße waren vie­le Leu­te ein­ge­schüch­tert. Und selbst, wenn sie nur zu zweit waren, hat­ten sie ihre street smart­ness und woll­ten ultra­hart sein. Oft haben sie die­sen unnah­ba­ren Ein­druck gemacht und eine Aggres­si­vi­tät nach außen zur Schau gestellt – ganz nach dem Mot­to: Angriff ist die bes­te Ver­tei­di­gung, weil sich dann kei­ner traut, irgend­et­was zu sagen. Das war ihr Mar­ken­zei­chen. Im Grun­de waren sie eine Street­gang und so bewe­gen die sich halt.

MZEE​.com: Gab es denn eine Situa­ti­on, wo du im Umgang mit dem Clan Angst hattest? 

Eva Ries: Es gab mal eine Mas­sen­schlä­ge­rei bei einem Kon­zert in Har­lem, die ich, glau­be ich, auch nicht im Buch ange­führt habe. Dum­mer­wei­se war ich da mit einem Kame­ra­mann von VIVA TV und einem Jour­na­lis­ten und wir haben erst gar nicht bemerkt, wie sich in der Hal­le die Stim­mung immer wei­ter aggres­siv ver­schlech­ter­te, weil wir im Back­stage­be­reich waren. Der Clan hat den Kra­wall ange­fan­gen, indem er mit dem Kon­zert­pro­mo­ter gestrit­ten hat. Dann kam es zu einer Aus­ein­an­der­set­zung mit einer Schlä­ge­rei. Ich weiß noch, dass Ghost den Tisch mit sämt­li­chen Geträn­ken und Zeug, das da drauf­stand, auf den Ver­an­stal­ter gekippt hat. Dar­auf­hin hat ODB vol­le Cola-​Dosen als Wurf­ge­schos­se genom­men und sie durch den Raum geschmis­sen. Da wur­de mir ein biss­chen mul­mig und beim Raus­schau­en habe ich gese­hen, dass sich die gesam­te Hal­le gera­de prü­gelt. Die Men­schen haben sich in Trau­ben bewegt und auf­ein­an­der ein­ge­schla­gen. Der Kame­ra­mann war noch immer dabei, die Vor­grup­pen zu fil­men, und hat gar nicht gese­hen, was hin­ter ihm pas­siert. Ich habe ihm gesagt, dass wir sofort hier weg­müs­sen. In die­sem Moment hat­te ich Angst um unse­re Sicher­heit und der Clan war mir scheiß­egal, denn die haben das Gan­ze ja befeu­ert. Die haben sich mit dem größ­ten Ver­gnü­gen auf die­ses Men­schen­knäu­el gewor­fen und auf Leu­te ein­ge­schla­gen. Da wuss­te ich, dass ich allein bin und sich kei­ner mehr um mich küm­mert. Ich kann die auch nicht von den Leu­ten run­ter­zie­hen. Also habe ich geguckt, dass der Kame­ra­mann, der Jour­na­list und ich lebend da raus­kom­men. Ich bin gerannt und habe gemerkt, dass der ers­te Not­aus­gang ver­schlos­sen war, also wei­ter zum nächs­ten Trep­pen­haus, die Trep­pe run­ter und da ging er auf. Drau­ßen vor der Venue war das NYPD mit drei Mann­schafts­wa­gen und gut 50 Poli­zis­ten. Sie haben alles her­me­tisch abge­rie­gelt, aber sind nicht rein­ge­kom­men, um irgend­je­man­dem zu hel­fen. Das war für mich ein Schock. Zum Glück stand der Chauf­feur noch da, der so Angst gekriegt hat, dass er das Auto ver­rie­gel­te. Ich habe dann an die Schei­be geklopft und ihm gesagt, dass wir hier schnell weg­müs­sen, weil ich Angst hat­te, dass es zu einer Mas­sen­pa­nik kommt und Men­schen sich tot­tram­peln. Aber ich kann nicht sagen, dass irgend­wann mal einer durch­ge­dreht ist, wo man hät­te Angst haben müssen.

MZEE​.com: Wie du schon gesagt hast: Sie haben ein­fach nicht mehr an dich gedacht, weil sie ihren Fokus auf die Schlä­ge­rei gerich­tet haben. Dadurch muss­test du dir eine Über­le­bens­stra­te­gie suchen und schau­en, wie du da raus­kommst, bevor Panik ausbricht. 

Eva Ries: Natür­lich habe ich mich immer irgend­wo ein biss­chen gefürch­tet. Du musst über­le­gen: Wir waren in Har­lem an der 125. Stra­ße und Len­ox Ave­nue, eine abso­lut Schwar­ze Gegend. Wir waren die drei ein­zi­gen wei­ßen Per­so­nen in der Venue und da schla­gen sich gera­de 5 000 bis 6 000 Schwar­ze. Wenn das jetzt auf ein­mal umschlägt und die auf uns zukom­men, haben wir ein Pro­blem. Etwas Ähn­li­ches ist mir in einem Nacht­club in South Cen­tral Los Ange­les pas­siert, wo der Clan auch kom­plett vor Schwar­zen auf­ge­tre­ten ist. Da haben die Jungs sogar zu mir gesagt: "Eva, du gehst nicht in die Crowd, du bleibst immer schön bei uns im Back­stage­be­reich, weil hier nur Schwar­ze sind und du die ein­zi­ge Wei­ße bist. Du musst bei uns blei­ben." Sie waren wie Body­guards und ich habe mich gehü­tet, mich da irgend­wie unter die Leu­te zu mischen. Manch­mal schlägt die Stim­mung ein­fach um und dann bist du der eine, der anders aus­sieht. Dann hast du ein Problem.

MZEE​.com: Es kam selbst mit dem Clan und sei­nem Umfeld zu Strei­tig­kei­ten, bei denen dir vor­ge­wor­fen wur­de, eine Aus­beu­te­rin und Ras­sis­tin zu sein. Das sind dann natür­lich Din­ge, die man im Streit sagt und die man oft nicht so meint. Aber in einer sol­chen Gegend, die dir nicht bekannt ist, und zu einer Zeit, die noch mal ganz anders war als die heu­ti­ge, weißt du nicht, wer dir gegen­über­steht und wie die Per­son drauf ist.

Eva Ries: Wit­zi­ger­wei­se haben RZA und ich uns oft über gefähr­li­che Orte und Plät­ze unter­hal­ten, wo man bes­ser nicht hin­geht. Und er sag­te mir mal, ich sol­le bloß nie auf die Idee kom­men, nach Jamai­ka zu gehen. Ich habe dar­an wirk­lich nie gedacht, aber aus Inter­es­se gefragt, war­um. Er ent­geg­ne­te mir, dass ich da kei­nen Spaß haben wer­de, weil die dort so ras­sis­tisch sei­en. Das ist schon krass, wenn er das sagt. Natür­lich sind im Streit auch mal blö­de Sachen, haupt­säch­lich von Popa Wu (Anm. d. Red.: ein soge­nann­ter "Affi­lia­te" des Wu-​Tang Clan-​Umfelds), gefal­len, aber am Ende haben wir dar­über gelacht. Ich bin nicht nach­tra­gend. Wenn sich jemand ent­schul­digt oder dar­über gelacht wird, weil man den Dampf abge­las­sen hat, dann bin ich nie­man­dem mehr sauer.

MZEE​.com: Das Begeg­nen auf Augen­hö­he ist gera­de bei unter­schied­li­chen Lebens­rea­li­tä­ten und dem Auf­ein­an­der­tref­fen ver­schie­de­ner Kul­tu­ren ein zen­tra­ler Aspekt. Fiel dir das in all den Jah­ren auch mal schwer?

Eva Ries: Die haben lau­fend irgend­ei­nen Scheiß gemacht und ich habe hin­ter­her dar­über gelacht. Das war ja alles außer­halb der Nor­ma­li­tät, gera­de ODB hat total ver­rück­te Sachen gemacht. Er hat mit vol­len Cola-​Dosen auf Men­schen gezielt – da hät­te jemand zu Tode kom­men kön­nen. Als ich mit den deut­schen Jour­na­lis­ten in Brook­lyn war, hat er mit einer schar­fen Pis­to­le ein­fach aus dem Fens­ter in die Luft geschos­sen. Ich, der gro­ße Schis­ser, wenn es um Waf­fen geht, habe nicht mal da mit der Wim­per gezuckt oder mich dar­über auf­ge­regt, son­dern mir nur gedacht: "Okay, das ist ein­fach ODB." Ich hab' dann zuge­se­hen, dass wir da weg­kom­men, denn man muss das Gan­ze natür­lich auch im Zusam­men­hang sehen: Er war voll betrun­ken, nahm eine Pis­to­le und schoss in die Luft – da kann natür­lich etwas pas­sie­ren. Aber wenn man sich jedes Mal über­legt, was da noch alles hät­te pas­sie­ren kön­nen oder was sie viel­leicht als nächs­tes machen, wäre das zu viel gewe­sen. Es hat sich mir gar nicht mehr die Fra­ge gestellt, wie vie­le Gren­zen teil­wei­se über­schrit­ten wur­den. Im Buch erzäh­le ich auch die eine Geschich­te, wo Ghost die Fla­sche Dom Péri­gnon vom Nobe­lita­lie­ner ent­wen­det hat. Da woll­te ich ein­mal ein Exem­pel sta­tu­ie­ren, weil der mir so auf den Keks gegan­gen ist und ich einen per­sön­li­chen Hass auf ihn hat­te. Nor­ma­ler­wei­se hat­te ich aber gar kei­ne Zeit, här­ter durch­zu­grei­fen oder Lek­tio­nen zu ver­tei­len. Du musst über­le­gen: Ich hat­te ja nicht nur eine Per­son vor mir, son­dern acht oder neun. Das ist wie als Klas­sen­leh­rer einer ers­ten Klas­se – da kannst du nicht über­all gleich­zei­tig sein.

MZEE​.com: Im Inter­view mit der Süd­deut­schen Zei­tung sag­test du, dass du für den Clan je nach Lau­ne unter­schied­li­che Rol­len hat­test – wie Mut­ter, Schieds­rich­ter, Coach oder Psy­cho­lo­gin. Im Buch führst du an, dass du auch als Gate­kee­pe­rin zwi­schen dem Clan und der Musik- und Medi­en­welt fun­giert hast. Wie haben sich die­se unter­schied­li­chen Rol­len bemerk­bar gemacht und wie waren sie mit dei­ner Arbeit als zum Label gehö­ren­de Mana­ge­rin vereinbar?

Eva Ries: Ach, das ist gar nicht so groß auf­ge­fal­len, denn ich habe die­se Rol­len je nach Situa­ti­on flie­ßend gewech­selt. Ich muss­te immer noch mei­nen Job machen. Aber es gab Momen­te, in denen ich eher die Trös­te­rin oder die Ver­ständ­nis­vol­le sein muss­te, und dann eben wel­che, in denen ich wie eine Mut­ter oder ein Schieds­rich­ter die Streit­par­tei­en aus­ein­an­der­hal­ten muss­te. Die Jungs haben sich unter­ein­an­der viel und mit gro­ßem Gebrüll gestrit­ten und sind sich an die Gur­gel gegan­gen – da muss­te man auf­pas­sen, dass da nichts pas­siert. Man kann gar nicht sagen, dass ich an einem Tag den Hut der Mut­ter und am ande­ren den des Schieds­rich­ters getra­gen habe, denn das hat eigent­lich stünd­lich gewechselt.

MZEE​.com: Das stand so bestimmt nicht in dei­ner Job­be­schrei­bung, oder?

Eva Ries: (lacht) Nein, eigent­lich nicht und sie hät­ten mich drei­mal so gut bezah­len müs­sen, den­ke ich mir im Nachhinein.

MZEE​.com: Wer­fen wir einen kur­zen Blick in die Gegen­wart: Wie prä­sent ist der Wu-​Tang Clan oder die Zeit von damals heu­te noch für dich?

Eva Ries: Natür­lich ist es durch das Buch sehr prä­sent. Die Leu­te fra­gen mich immer wie­der danach und Gott sei Dank hat das Buch eine sehr gute Reso­nanz erhal­ten! Abseits davon arbei­te ich mit RZA. Der­zeit haben wir ein kon­kre­tes Film­pro­jekt und es gibt eine Kam­pa­gne mit Ballantine's Whis­ky, in die ich invol­viert bin. Wir sehen uns oder tele­fo­nie­ren am meis­ten, aber ich tele­fo­nie­re auch mit den ande­ren. Im Sep­tem­ber bezie­hungs­wei­se Okto­ber habe ich die Jungs ja wie­der auf der Tour in Ame­ri­ka mit Nas gese­hen. Ich bin nicht weg aus ihrer Welt, aber es gibt kein kon­kre­tes Pro­jekt, wodurch ich tag­täg­lich mit ihnen zu tun habe. Wenn man jetzt aber mal über­legt, was in der Zukunft pas­siert: Seit ein paar Tagen weiß ich, dass es nächs­tes Jahr eine welt­wei­te Tour­nee geben wird. Denn nächs­tes Jahr ist ers­tens das 50-​jährige Jubi­lä­um von Hip­Hop und zwei­tens das 30-​jährige Jubi­lä­um vom Clan. Dafür wird die "NY Sta­te of Mind"-Tour, die ich jetzt schon in Ame­ri­ka gese­hen habe, nach Euro­pa, Süd­ame­ri­ka und Aus­tra­li­en sowie Neu­see­land kom­men. Die deut­schen Daten ken­ne ich jetzt noch nicht, ich ken­ne nur eins Ende Juli in Spa­ni­en beim Mone­gros Desert Fes­ti­val und es wird eine Show Anfang Juli in Lon­don geben, aber die ande­ren Ter­mi­ne ste­hen noch nicht fest. Dem­nächst bin ich dabei, mei­ne eige­ne Doku zu machen, die wie­der­um auf dem Buch basiert. Da wer­de ich mit Sicher­heit auch mit den Jungs arbei­ten, denn da brau­che ich sie ja für die Inter­views. Dar­auf freue ich mich!

MZEE​.com: Zum Abschluss des Inter­views wür­de ich ger­ne von dir wis­sen, was dein per­sön­li­cher Lieb­lings­track des Wu-​Tang Clans ist.

Eva Ries: Ich habe vie­le, aber wahr­schein­lich ist es immer noch "C.R.E.A.M.", weil das für mich der Durch­bruch war. Das war der Song, der den Erfolg und das Lebens­ge­fühl des New Yorks der frü­hen 90er Jah­re ver­kör­pert hat. Als der Song dann wirk­lich aus jeder Boom­box in New York auf der Stra­ße ertön­te, wäh­rend ich zur Arbeit gelau­fen bin, fand ich das toll. Für mich war es mein Song. Ich war damals der­ma­ßen stolz, denn am Anfang war alles nebu­lös und obskur – kei­ner kann­te so rich­tig den Wu-​Tang Clan. Auf ein­mal sit­zen alle im Som­mer drau­ßen vor den Town­hou­ses, durch die Boxen läuft die­ser Song und jedes Kind hat das irgend­wie gesun­gen. Egal, wo du warst, der Track wur­de gespielt und ich habe immer zu mei­nem Mann gesagt: "Hey, das ist mein Song! Die spie­len schon wie­der 'C.R.E.A.M.'" Ein ande­rer Song, der mir super­gut gefällt, ist "Tri­umph", obwohl der sehr lang und eigent­lich ein end­lo­ser Free­style ohne anstän­di­ge Hook ist. Ich habe sehr vie­le gute Erin­ne­run­gen dar­an. Wenn man sich mal das Video genau anguckt, sieht man einen klei­nen Cameo-​Auftritt von mir. Das war eigent­lich ganz wit­zig, weil die­ser Video Shoot schon wie­der so irre war mit so vie­len gräss­li­chen Gege­ben­hei­ten und Hür­den. Dass das über­haupt geklappt hat, ist ein Welt­wun­der. Das sind Sachen, die du nie ver­gisst, weil die­ser Song die Sto­ry zu einem ver­rück­ten Video Shoot ist. So hat alles sei­ne Bedeu­tung für mich.

MZEE​.com: Und es star­tet natür­lich auch mit "Wu-​Tang is here forever".

Eva Ries: (grinst) Genau! Und ich hät­te damals nicht gedacht, dass sie eine sol­che Lang­le­big­keit haben wür­den. Wenn du dir jetzt über­legst, wie lan­ge die Jungs eigent­lich schon zugan­ge sind, inzwi­schen sind sie alle über 50 und im Grun­de machen sie immer noch wei­ter … Das ist sehr sel­ten im HipHop.

MZEE​.com: Das stimmt. Im Mar­ke­ting spricht man immer von der Halb­werts­zeit und die hat der Wu-​Tang Clan nicht. Ich fin­de es fas­zi­nie­rend, dass so vie­le Per­so­nen unter­schied­li­chen Alters und zu ver­schie­de­nen Zei­ten auf den Clan und ihr Schaf­fen gesto­ßen sind, sobald sie sich mit Hip­Hop beschäftigen.

Eva Ries: Mei­ne Toch­ter ist 1998 gebo­ren und ich habe ihr viel Wu-​Tang vor­ge­spielt, sie hat die Jungs natür­lich auch als Kind ken­nen­ge­lernt. Ich lie­be Rae­kwons ers­tes Album "Only Built 4 Cuban Linx" und um die Klei­ne nachts zum Schla­fen zu brin­gen, war der Trick, ein­fach "Cri­mi­no­lo­gy" abzu­spie­len. Sie lag in ihrem Git­ter­bett­chen und ist zu die­sem Geschie­ße und dem klir­ren­den Glas ganz fried­lich ein­ge­schla­fen. Ich bin froh, dass die Nach­barn nicht das Jugend­amt geru­fen haben. (lacht) Irgend­wann habe ich Rae­kwon erzählt, dass ich "Cri­mi­no­lo­gy" als Kin­der­lied nut­ze, um mei­ne Toch­ter zum Schla­fen zu brin­gen und er ent­geg­ne­te nur: "What? Are you insane?!"

MZEE​.com: (lacht) In dem Track gibt es auf jeden Fall ein paar Lines, die unter "expli­cit con­tent" fallen …

Eva Ries: (grinst) Ja, aber das ist egal, denn wenn sie das nicht gehört hat, hat sie AC/​DC gehört. Im Grun­de haben wir immer tol­le Musik gespielt, jetzt nicht laut, aber eben als Hin­ter­grund­me­lo­die, damit sie schla­fen konn­te. Rae­kwon hat sich natür­lich auch ein biss­chen gefreut, als ich ihm erzählt habe, dass mei­ne acht Mona­te alte Toch­ter beson­ders gut zu "Cri­mi­no­lo­gy" einschläft.

(Kris­tina Scheuner)
(Fotos von Ivo Klujce)