Blumentopf – Manfred Mustermann

"Was?! Du kennst das nicht? Sekun­de, ich such' dir das mal raus." Und schon öff­net sich die Plat­ten­kis­te. Wer kennt die­sen Moment nicht? Man redet über Musik und auf ein­mal fällt ein Name – egal ob von einem Song, einem:einer Künstler:in oder einem Album – mit dem man nicht so recht etwas anzu­fan­gen weiß. Und plötz­lich hagelt es Lob­prei­sun­gen, Hass­ti­ra­den oder Anek­do­ten. Gera­de dann, wenn der:die Gesprächspartner:in ins Schwär­men ver­fällt und offen zeigt, dass ihm:ihr das The­ma wich­tig ist, bit­tet man nicht all­zu sel­ten um eine Kost­pro­be. Die Musik setzt ein und es beginnt, was der Per­son so sehr am Her­zen zu lie­gen scheint. In die­sem Fall – was uns so sehr am Her­zen liegt: Ein Aus­zug aus der Musik, mit der wir etwas ver­bin­den, die wir fei­ern, die uns berührt. Ein Griff in unse­re Plat­ten­kis­te eben.

 

Vor eini­gen Jah­ren wur­de ich ein­mal gefragt, wel­cher Rap­song sich am meis­ten in mein Gedächt­nis gebrannt hät­te. Und obwohl es lan­ge her ist, wür­de ich immer noch die glei­che Ant­wort geben: "Man­fred Mus­ter­mann" von Blu­men­topfs Plat­te "Gern Gesche­hen". Denn bis heu­te hat mich kein ande­rer Song der­ma­ßen emo­tio­nal berührt wie dieser.

Jeder kennt wohl das Pseud­onym "Mus­ter­mann". Schon durch die ers­ten Lines wird klar, dass Blu­men­topf die­sen fik­ti­ven Platz­hal­ter in ihrem Song leben­dig machen. Die Jungs ver­bild­li­chen durch ihre Zei­len das Leben von "Man­fred Mus­ter­mann" bereits ab der Befruch­tung einer Eizel­le. Aus Man­freds kind­li­cher Per­spek­ti­ve erfährt man ers­te Details aus sei­nem Leben und hört das ers­te Mal von dem Nach­bars­mäd­chen Marie, die im spä­te­ren Ver­lauf als Gelieb­te auf­tau­chen soll. Durch das abwech­seln­de Beschrei­ben der ver­schie­de­nen Lebens­ab­schnit­te ent­steht ein immer prä­zi­se­res Bild von "Man­fred Mus­ter­mann" und auch das Instru­men­tal passt sich durch stim­mungs­tech­ni­sche Varia­ti­on stets an. Wie man es aus dem eige­nen Leben kennt, gibt es Ups und Downs. Das scho­nungs­lo­se Offen­le­gen jedes Details sei­nes Lebens führt dazu, dass ich Empa­thie gegen­über der fik­ti­ven Per­son emp­fin­de und mich ihr ver­bun­den füh­le: wenn die Kom­pro­mis­se, die er ein­geht, ihm Bei­ne stel­len und er bei­spiels­wei­se sei­nen Plan, Tauch­leh­rer zu wer­den, der Fami­lie zu Lie­be ver­wirft. So brin­gen Blu­men­topf die Hörer:innen gekonnt dazu, durch den Track auch das eige­ne Dasein zu reflektieren.

"Man­fred Mus­ter­mann" ist ein ein­zig­ar­ti­ger Song in der Geschich­te des deut­schen Raps. Wer ihn ein­mal gehört hat, wird auch nach Jah­ren nicht ver­ges­sen kön­nen, wor­um es in dem Song geht. Hät­te mich jemand vor­her gefragt, ob man ein gan­zes Leben in knapp neun Minu­ten erzäh­len kann, hät­te ich mit "Nein" geant­wor­tet. Blu­men­topf haben gezeigt, wie es geht, und so dafür gesorgt, dass ich bis heu­te von kei­nem ande­ren Song fas­zi­nier­ter bin.

(Dzer­ma­na Schönhaber)