High Five: 11 /​ 19 – mit u.a. Tua, Tarek K.I.Z & The Breed

Der Deutschrap­zir­kus ist ein umtrie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir jeden Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die abseits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren unse­re Redak­teu­re hand­ver­le­se­ne Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein beson­ders per­sön­li­cher Bezug, eine wich­ti­ge Mes­sa­ge oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zel­ne Facet­ten der Rap­welt gebo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für unse­re "High Five"!

 

TUA - Wenn ich gehen muss (Offi­ci­al Video)

State­ment: Tua

"TUA – Wenn ich gehen muss (Offi­ci­al Video)". So steht es in der Beschrei­bung zu Tuas neu­es­tem Clip. Doch was man zu sehen bekommt, ist kein klas­si­sches Musik­vi­deo – son­dern töd­li­che Rea­li­tät. Das ist der bit­te­re All­tag von Sea-​Eye. Einer Orga­ni­sa­ti­on, die sich für zivi­le See­not­ret­tung ein­setzt, Flüch­ten­de vor dem Ertrin­ken im zen­tra­len Mit­tel­meer bewahrt und so bis heu­te bereits mehr als 14 000 Men­schen­le­ben geret­tet hat. Auf der Home­page von Sea-​Eye heißt es, dass ihr "Han­deln eine Ant­wort auf die geschei­ter­te Migra­ti­ons­po­li­tik der Euro­päi­schen Uni­on" ist, "die sich ihrer Ver­ant­wor­tung für die tau­sen­den Todes­fäl­le in ihrer direk­ten Nähe ver­wei­gert". Mit dem Video nutzt Tua sei­ne Reich­wei­te, um die Auf­merk­sam­keit auf die­ses wich­ti­ge The­ma zu len­ken, da es in den Medi­en aktu­ell wenig prä­sent ist. Er selbst geht dabei mit gutem Vor­bild vor­an und spen­det alle Ein­nah­men, die seit der Ver­öf­fent­li­chung der Sin­gle durch sel­bi­ge gene­riert wur­den, an den Ver­ein. Wer auch etwas tun möch­te, kann also den Song in End­los­schlei­fe hören oder hier spen­den.

 

Tarek K.I.Z - Nach wie vor (offi­ci­al video)

Video: Tarek K.I.Z – Nach wie vor

Gewis­se Men­schen zu trig­gern, gehör­te lan­ge Zeit zum Tages­ge­schäft von K.I.Z. Dass Tarek dazu auch ohne sei­ne Kol­le­gen imstan­de ist, zeigt er mit der drit­ten Video-​Single zu sei­nem Solo­al­bum. Er wird dar­in durch eine Men­ge wüten­der Men­schen geführt und lan­det vor Spit­zen­po­li­ti­kern der AfD. Die wer­den zwar nicht nament­lich genannt, sind aber durch ihre Trade­marks leicht zu erken­nen. Statt auf sei­nen Pro­zess zu war­ten, befreit sich Tarek und besiegt alle Anwe­sen­den. Das pas­siert auf den ers­ten Blick zwar bru­tal sowie mit jeder Men­ge Blut und Splat­ter – die Effek­te und Schau­spie­le­rei sind aber bewusst so über­zeich­net, dass man sie eigent­lich nicht ernst neh­men kann. Jeder, der sich ansatz­wei­se mit Spiel­fil­men aus­kennt, sieht außer­dem deut­lich die "Matrix"-, Tarantino- und "Kill Bill"-Anleihen, die HUSH & HYPE bei der Pro­duk­ti­on haben ein­flie­ßen las­sen. Damit ist das Video von "Nach wie vor" eben­so stumpf wie die Mit­tel, derer sich AfD-​Politiker zuwei­len bedie­nen – und trig­gert genau die rich­ti­gen Leu­te.

 

Cr7z - Ewig­keit (prod. Dj Eule)

Song: Cr7z – Ewig­keit

Das Allein­stel­lungs­merk­mal des Rosen­hei­mer Rap­pers Cr7z war – gera­de auf sei­nen zahl­rei­chen, aus dem tiefs­ten Unter­grund her­aus ver­öf­fent­lich­ten Tracks – die scho­nungs­lo­se Deep­ness und Ehr­lich­keit sei­ner Tex­te, die er stets tech­nisch ver­siert prä­sen­tier­te. Vie­le sei­ner letz­ten Releases waren jedoch vor allem vom Savas-​typischen "Rap über Rap" geprägt, was nach kur­zer Zeit red­un­dant und ein­tö­nig wur­de. Auf sei­nem neu­es­ten Song "Ewig­keit" kehrt Cr7z zu sei­nen Wur­zeln zurück. Kom­pro­miss­los stellt er sich sei­nen eige­nen Schwä­chen und berich­tet auf einem stim­mi­gen Instru­men­tal, das von Dj Eule pro­du­ziert wur­de, von über­sinn­li­chen Erfah­run­gen. So regt er den Hörer zum Nach­den­ken über sich selbst an. Einer­seits bleibt er dabei mit sei­ner Stim­me stets ruhig, ande­rer­seits gelingt es ihm, einen star­ken Flow an den Tag zu legen und sei­ne Mes­sa­ge tech­nisch anspruchs­voll vor­zu­tra­gen. Er besinnt sich wie­der auf die Stär­ken, die ihm allein vor­be­hal­ten sind. Und genau das macht die­sen Track zum High­light des Monats.

 

PLUSMACHER - IMMUN ► Prod. The BREED (Offi­ci­al Video)

Instru­men­tal: Plus­ma­cher – Immun (prod. by The Breed)

Die rich­ti­gen Über­gän­ge zu fin­den, ist essen­zi­ell für ein gelun­ge­nes Instru­men­tal. Gera­de­zu ein Para­de­bei­spiel dafür ist der von The Breed pro­du­zier­te Beat für Plus­ma­chers neue Sin­gle "Immun". Er schafft es, von einem musi­ka­lisch eher ori­en­ta­li­schen Intro zu einem rich­ti­gen Ban­ger über­zu­lei­ten. Doch nicht nur das ist dem Pro­du­cer beson­ders gut gelun­gen. Denn er hat einen Weg gefun­den, die musi­ka­li­sche Unter­ma­lung des Songs abso­lut viel­fäl­tig zu gestal­ten, ohne dass sie über­la­den wirkt. Ver­schie­dens­te Melo­die­an­sät­ze fin­den im Hin­ter­grund statt und har­mo­nie­ren per­fekt neben­ein­an­der. Somit wirkt die Pro­duk­ti­on an kei­ner Stel­le lang­wei­lig und hat trotz des schlich­ten Drum­sets abso­lu­tes Kopfnicker-​Potenzial. In der Hook­li­ne taucht die ori­en­ta­lisch anmu­ten­de Melo­die erneut auf und bil­det eine Ein­heit mit den Drums, die abso­lut über­zeugt. So besitzt "Immun" einen enorm mit­rei­ßen­den Beat, der nicht nur auf­grund sei­ner Über­gän­ge schon den Titel "Instru­men­tal des Monats" ver­dient.

 

Max Her­re, Fato­ni, Sugar MMFK - Dunk­les Kapi­tel ft. MEGALOH, Dirk von Lowt­zow

Line: Max Her­re – Dunk­les Kapi­tel

Alles ver­ges­sen, wie­der rei­hen sie sich ein.
'Deutsch­land, Deutsch­land' und so wei­ter

Die Mei­nun­gen zu Max Her­res neu­em Album mögen durch­wach­sen sein. Aber zumin­dest mit der Sin­gle "Dunk­les Kapi­tel" hat der Stutt­gar­ter alles rich­tig gemacht. Die The­ma­tik, die Fea­ture­gäs­te, der düs­te­re Beat und selbst das Video spie­len per­fekt zusam­men. Und alles, um auf das auf­merk­sam zu machen, was Max Her­re prä­gnant in weni­gen Zei­len der Hook zusam­men­fasst: "Alles ver­ges­sen, wie­der rei­hen sie sich ein." Der Rap­per braucht kei­ne gro­ßen Wor­te oder aus­ge­klü­gel­te Meta­phern, um das zu sagen, was so vie­le den­ken: Wir sind wie­der an dem Punkt, an dem wir schon vor über 80 Jah­ren waren. Tra­gi­sche Ereig­nis­se die­ser Zeit wer­den geleug­net. Blind wird wie­der einer ver­werf­li­chen Ideo­lo­gie gefolgt, statt Din­ge kri­tisch zu hin­ter­fra­gen. Wer ein­deu­ti­ge­re Wor­te braucht zu dem, was gera­de in die­sem Land falsch läuft, muss sich nur "Dunk­les Kapi­tel" in jeder vor­han­de­nen Ver­si­on anhö­ren. Und wer nicht, der stimmt dann wohl ein in "'Deutsch­land, Deutsch­land' und so wei­ter …".

(Tho­mas Lin­der, Jakob Zim­mer­mann, Micha­el Col­lins, Dzer­ma­na Schön­ha­ber, Lukas Päck­ert)
(Gra­fik von Puffy Punch­li­nes)