History-​Adventskalender: Türchen #17 – Marteria (2010)

Wenn es drau­ßen lang­sam wie­der käl­ter wird und sich das Jahr dem Ende neigt, blickt man selbst ja ger­ne mal zurück und lässt die ver­gan­ge­nen Tage Revue pas­sie­ren. Wir möch­ten mit unse­rem dies­jäh­ri­gen Advents­ka­len­der einen Blick zurück­wer­fen – von heu­te bis hin zu den Anfän­gen von Hip­Hop in Deutsch­land. Sprich: knapp ein Vier­tel­jahr­hun­dert deut­scher Rap. Eine Sze­ne, die Mit­te der 90er unter ande­rem "direkt aus Rödel­heim" kam, aus dem "Fens­ter zum Hof" klet­ter­te, sich "vom Bord­stein zur Sky­line" auf­schwang und "zum Glück in die Zukunft" reis­te, um sich letzt­lich zwi­schen ein paar "Pal­men aus Plas­tik" nie­der­zu­las­sen. Kein Ele­ment der hie­si­gen HipHop-​Kultur dürf­te in all den Jah­ren einen so gewal­ti­gen Wan­del, so vie­le Höhen und Tie­fen, so vie­le Erfol­ge und Miss­erfol­ge durch­lebt haben wie Rap. Genau die­se Ent­wick­lung inner­halb der letz­ten 24 Jah­re möch­ten wir nun für Euch skiz­zie­ren, indem wir jedes Jahr anhand eines Albums dar­stel­len, wel­ches – unse­rer Mei­nung nach – nicht nur das ent­spre­chen­de Ver­öf­fent­li­chungs­jahr, son­dern auch die Sze­ne all­ge­mein nach­hal­tig präg­te.

 

2010: Mar­te­ria – Zum Glück in die Zukunft 

Spring' von Level zu Level zu Level zu Level zu Level …
Bis der End­boss kommt.

Sieht man deut­schen Rap 2010 in den Charts, so kommt die­ser meis­tens von den Sze­ne­grö­ßen Sido oder Bushi­do. Gangs­ter­rap domi­niert das Bild in Deutsch­land – zumin­dest scheint es so. Irgend­wo gibt es die­sen Cas­per und einen Prinz Pi, der erst noch Prinz Por­no hieß, doch die wol­len nicht so recht den Weg in die Mas­sen­taug­lich­keit fin­den. Auf ein­mal fällt Mar­te­ria vom Him­mel – der zu die­sem Zeit­punkt haupt­säch­lich durch sein Alter Ego Mar­si­mo­to und die Teil­nah­me bei "Feu­er über Deutsch­land" im Unter­grund bekannt ist.

Mar­ten Laci­ny bedient sich in sei­ner Musik bei­der Cha­rak­te­re, wobei Mar­si­mo­to eher eine Art Alien-​Kunstfigur dar­stellt. Mit "Zum Glück in die Zukunft" prä­sen­tiert der Ros­to­cker – ange­lehnt an die Film­rei­he mit Micha­el J. Fox – schließ­lich das zwei­te Album als Mar­te­ria, der zumeist ihn als Per­son ver­kör­pert. Dabei hilft ihm das Pro­du­zen­ten­team The Krauts, ein Sound­bild zu kre­ieren, das für deut­schen Rap zwar zunächst gen­re­fremd erschei­nen mag, jedoch nicht all­zu expe­ri­men­tell wirkt. Mit Gast­bei­trä­gen von För­de­rern wie Jan Delay und Peter Fox, aber auch Kol­le­gen wie Yasha, Miss Plat­num und Cas­per ent­wi­ckelt der Ros­to­cker inhalt­lich einen erfolg­rei­chen Gegen­ent­wurf zum omni­prä­sen­ten Gangs­ter­rap, ohne dabei den Ein­druck zu erwe­cken, von oben her­ab zum Hörer zu spre­chen. Authen­tisch und sym­pa­thisch geht es dabei um gesell­schaft­li­che The­men wie Ver­gäng­lich­keit und Tabus, aber auch per­sön­li­che Inhal­te wie den eige­nen Sohn sowie kri­ti­sche Bli­cke auf Dro­gen­kon­sum.

"Zum Glück in die Zukunft" war sei­ner­zeit eine intel­li­gen­te, erfri­schen­de Plat­te, die zeig­te, dass deut­scher Rap auch ohne fan­tas­ti­sche Zele­brie­run­gen von Ver­bre­chen, dem zig­tau­sends­ten Schwanz­ver­gleich und Anein­an­der­rei­hun­gen plat­ter Schimpf­wör­ter funk­tio­nie­ren kann. Ob "XOXO" von Cas­per oder auch ein völ­lig anders­ar­ti­ges "Rus­sisch Rou­let­te" von Haft­be­fehl als Gegen­ent­wurf der­art ein­ge­schla­gen hät­te, wenn Mar­te­ria nicht da gewe­sen wäre, steht in den Ster­nen. Die­ses Album war trotz allem weg­wei­send und hat der Sze­ne eine neue Rich­tung auf­ge­zeigt – "zum Glück in die Zukunft".

(Micha­el Col­lins)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)