History-​Adventskalender: Türchen #16 – Tua (2009)

Wenn es drau­ßen lang­sam wie­der käl­ter wird und sich das Jahr dem Ende neigt, blickt man selbst ja ger­ne mal zurück und lässt die ver­gan­ge­nen Tage Revue pas­sie­ren. Wir möch­ten mit unse­rem dies­jäh­ri­gen Advents­ka­len­der einen Blick zurück­wer­fen – von heu­te bis hin zu den Anfän­gen von Hip­Hop in Deutsch­land. Sprich: knapp ein Vier­tel­jahr­hun­dert deut­scher Rap. Eine Sze­ne, die Mit­te der 90er unter ande­rem "direkt aus Rödel­heim" kam, aus dem "Fens­ter zum Hof" klet­ter­te, sich "vom Bord­stein zur Sky­line" auf­schwang und "zum Glück in die Zukunft" reis­te, um sich letzt­lich zwi­schen ein paar "Pal­men aus Plas­tik" nie­der­zu­las­sen. Kein Ele­ment der hie­si­gen HipHop-​Kultur dürf­te in all den Jah­ren einen so gewal­ti­gen Wan­del, so vie­le Höhen und Tie­fen, so vie­le Erfol­ge und Miss­erfol­ge durch­lebt haben wie Rap. Genau die­se Ent­wick­lung inner­halb der letz­ten 24 Jah­re möch­ten wir nun für Euch skiz­zie­ren, indem wir jedes Jahr anhand eines Albums dar­stel­len, wel­ches – unse­rer Mei­nung nach – nicht nur das ent­spre­chen­de Ver­öf­fent­li­chungs­jahr, son­dern auch die Sze­ne all­ge­mein nach­hal­tig präg­te.

 

2009: Tua – Grau

Wenn du kein' Son­nen­schein siehst, wirst du depres­siv.
Streck die Hand aus, spür den Regen flie­ßen.

2009 stand deut­scher Rap kurz vor einem Neu­be­ginn. Über Jah­re hin­weg litt die Sze­ne unter einem Man­gel an Eigen­stän­dig­keit und inno­va­ti­ven Ide­en. In die­ser Zeit war Tuas zwei­tes Solo­al­bum für vie­le eine Offen­ba­rung. Denn das Reut­lin­ger Mul­ti­ta­lent brach auf "Grau" mit etli­chen Szene-​Konventionen und schuf ein düs­te­res Werk, das für vie­le bis heu­te als Mei­len­stein gilt.

Von der Musik über die Vide­os bis hin zum Art­work ist der Name des Albums Pro­gramm. Tuas ein­zig­ar­ti­ger Stil kommt dabei sowohl auf inhalt­li­cher als auch auf musi­ka­li­scher Ebe­ne zum Tra­gen. Hier gehen auf den meis­ten Tracks aut­ar­ke, elek­tro­ni­sche Pro­duk­tio­nen eine Sym­bio­se mit Lyrics ein, wel­che zwi­schen Melan­cho­lie, Trau­er und Reue vie­ler­lei Gefüh­le und emo­tio­na­le Zwi­schen­tö­ne abde­cken, die jen­seits von guter Lau­ne und Aus­ge­gli­chen­heit mög­lich sind. Wenn das Orsons-​Mitglied auf "Für immer" bei­spiels­wei­se mit scho­nungs­lo­ser Ehr­lich­keit und vol­ler Scham davon berich­tet, als Jugend­li­cher ein aus schwie­ri­gen Ver­hält­nis­sen stam­men­des Mäd­chen gemobbt und einen geis­tig behin­der­ten Jun­gen beklaut zu haben, dann spürt man die Wahr­haf­tig­keit der trans­por­tier­ten Gefüh­le in jeder ein­zel­nen Sil­be. Um ein eben­so ergrei­fen­des Sto­ry­tel­ling han­delt es sich bei "Ohne Titel", auf dem Tua die Geschich­te einer Abtrei­bung der­ma­ßen detail­liert beschreibt, dass man die damit ver­bun­de­nen emo­tio­na­len Schmer­zen förm­lich selbst zu spü­ren beginnt. Ein beson­de­res High­light ist zudem das ener­ge­ti­sche "MDMA". Die Abkür­zung steht dabei für die Fra­ge "Magst du mich auch?", die der Rap­per und Sän­ger wahl­wei­se an eine Frau oder die gleich­na­mi­ge, ihn ver­ein­nah­men­de che­mi­sche Dro­ge stellt.

Auch neun Jah­re nach Erschei­nen von "Grau" ist Tua noch immer Kri­ti­ker­lieb­ling und ein abso­lu­ter Aus­nah­me­künst­ler, der fern­ab jeg­li­cher Trends sein ganz eigens Ding macht – wenn auch lei­der mit recht gerin­gem Out­put als Solo-​Künstler. Doch die­ses groß­ar­ti­ge Album wird immer einen beson­de­ren Platz in der Geschich­te deutsch­spra­chi­gen Raps haben.

(Stef­fen Bau­er)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)