Alligatoah – Musik ist keine Lösung

Schenk den Men­schen Bot­schaf­ten und dein Tem­pe­ra­ment.
Sie wer­den nur dar­über strei­ten, wer dich län­ger kennt.

Letz­tens auf einer Par­ty: Es läuft Alli­ga­to­ahs "Willst du". Nichts Beson­de­res, ist der mil­lio­nen­fach geklick­te Song doch der bahn­bre­chen­de Erfolg für den Rap­per gewe­sen. Doch unge­fähr in der Mit­te des Tracks geschieht etwas Schreck­li­ches. Der DJ fadet über zu Hele­ne Fischer. Panik steigt in mir auf. Ist Alli­ga­to­ah tat­säch­lich schon so weit – ja, zu weit – in die glatt­ge­bü­gel­te Pop-​Richtung des Main­streams abge­rutscht? Nicht ohne Skep­sis sah ich des­halb der Ver­öf­fent­li­chung sei­nes vier­ten Albums ent­ge­gen. Bie­tet "Musik ist kei­ne Lösung" auch Qua­li­tä­ten abseits von geschmei­di­gen Mitgröhl-​Hooks für das "Fes­ti­val­ge­socks"?

Um die ent­schei­den­de Ant­wort vor­weg­zu­neh­men: Ja, tut es. Fans bekom­men mit der neu­en Plat­te die gewohn­ten Alli­ga­to­ah-Qua­li­tä­ten in neu­em Gewand. "Musik ist kei­ne Lösung" ist wesent­lich poli­ti­scher und in gewis­ser Wei­se muti­ger als sein Vor­gän­ger. Vor allem aber ent­hält es weni­ger Skip-​lastiges Füll­ma­te­ri­al. Jeder Song kommt mit einem durch­dach­ten Kon­zept daher, das in sei­ner jewei­li­gen Umset­zung als ein­zig­ar­tig gel­ten dürf­te. "Team­geist" etwa nimmt die radi­ka­le Dyna­mik bei der Abschot­tung ein­zel­ner Inter­es­sen­grup­pen aufs Korn. "Du bist schön" stellt Schön­heits­idea­le an den Pran­ger, wäh­rend "Lass lie­gen" unse­re Weg­werf­ge­sell­schaft auf den Punkt bringt. Alli­ga­to­ah behan­delt die zuwei­len sehr erns­ten und aktu­el­len The­men mit einer gewis­sen Leich­tig­keit, ohne sie dabei zu ver­harm­lo­sen. Iro­nie ist hier wohl die wich­tigs­te, aber nicht sei­ne ein­zi­ge krea­ti­ve Waf­fe. Wort­spie­le­rei, stimm­li­che Varia­tio­nen, ton­nen­wei­se Anspie­lun­gen und Per­spek­tiv­wech­sel – beim Song über Krebs spricht er aus der Sicht der Krank­heit – sor­gen stets für eine ein­neh­men­de Atmo­sphä­re. Nur ganz sel­ten schießt der Musi­ker etwas über das Ziel hin­aus. "Denk an die Kin­der" etwa kommt in sei­ner schla­ge­res­ken Auf­ma­chung gewal­tig schmal­zig daher. Das mag zwar durch­aus gewollt sein und der Kri­tik des Songs ent­spre­chen – den Hör­ge­nuss schmä­lert es den­noch.

Bis auf die­se weni­gen Aus­nah­men beweist Alli­ga­to­ah bei der Behand­lung von gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen The­men stets das rich­ti­ge Händ­chen. Am Ende lau­fen dann alle Fäden zusam­men, um auf dem Titel­track zer­schmet­tert zu wer­den. Aus der Per­spek­ti­ve eines Macht­ha­bers attes­tiert der Prot­ago­nist die Sinn­lo­sig­keit von Musik beim Kampf gegen die Pro­ble­me der Welt. Das groß­ar­ti­ge und gleich­zei­tig erschüt­tern­de Werk lässt einen auf­ge­wühlt zurück. Im Gesamt­kon­text des Albums wird die­ses Gefühl aller­dings schnell rela­ti­viert. Mit sei­nen Lie­dern regt Alli­ga­to­ah zum Nach­den­ken an. Musik ist somit viel­leicht nicht die Lösung. Den Weg dort­hin ver­mag sie aber durch­aus zu ebnen.

(Flo­ri­an Peking)

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