Mai 2015: Snew und Xatar

"Okay – was habe ich ver­passt?" Eine Fra­ge, der wohl jeder von uns schon ein­mal begeg­net ist. Egal, ob man sie selbst gestellt hat oder mit ihr kon­fron­tiert wur­de. Manch­mal kommt ein­fach der Zeit­punkt, an dem man sich vor allem eines wünscht: "Bringt mich doch mal auf den neu­es­ten Stand!" Doch wie ant­wor­tet man dar­auf? Was hält man für beson­ders erwäh­nens­wert? Es ist schwer, eine kur­ze, aber voll­stän­di­ge Ant­wort dar­auf zu fin­den. Wie misst man über­haupt Rele­vanz? An media­lem Hype? Am Über­ra­schungs­fak­tor? Oder doch an dem musi­ka­li­schen Anspruch? In "Hört, hört!" geht es um das alles, redu­ziert auf zwei Ver­öf­fent­li­chun­gen. Ein Release, das vor allem im Unter­grund auf Zuspruch gesto­ßen ist, und eines, das in der brei­ten Öffent­lich­keit wahr­ge­nom­men wur­de. Zwei Wer­ke, die wir nicht unbe­dingt gut fin­den müs­sen, aber eine gewis­se Rele­vanz oder eine Bedeu­tung jeg­li­cher Art für die hie­si­ge Rapland­schaft besit­zen. Zwei Wer­ke, die am Ende des Monats vor allem eines aus­sa­gen: "Hört, hört! Genau das habt ihr ver­passt!"

 

Snew – Frank Dre­bin

Kennt ihr noch Frank Dre­bin? Das ist der toll­pat­schi­ge Poli­zei­er­mitt­ler, den man hier­zu­lan­de vor allem durch "Die Nack­te Kanone"-Filme kennt. Für Snew, den man­che viel­leicht noch als eine Hälf­te von eou in Erin­ne­rung haben, ist der von Les­lie Niel­sen ver­kör­per­te Cha­rak­ter ein Kind­heits­held. Grund genug, sei­ne aktu­el­le EP nach ihm zu benen­nen. 

Auf sechs Stü­cken ver­bin­det der Rap­per, der alle Beats selbst pro­du­ziert hat, Ein­flüs­se aus Indie-​Pop, Rap und Lie­der­ma­che­rei. Auf den für Hip­Hop sehr unty­pi­schen Pro­duk­tio­nen gibt Snew sich leicht­fü­ßig sowie selbst­iro­nisch und umschifft dabei gekonnt gän­gi­ge Rap­pa­ra­dig­men. Auf den ers­ten Blick ist die "Frank Drebin"-EP ein sehr kurz­wei­li­ges Ver­gnü­gen. Schaut man jedoch ein­mal genau­er hin, offen­bart sich ein Sam­mel­su­ri­um an Quer­ver­wei­sen und klei­nen Details. Auf der Fehlfarben-​Hommage "Es geht vor­an" bei­spiels­wei­se wer­den gesell­schafts­kri­ti­sche Sai­ten ange­schla­gen, aber auf locke­re Wei­se zu einem ein­gän­gi­gen Pop­song kom­po­niert.

Es lässt sich sicher behaup­ten, dass es "Frank Dre­bin" an inhalt­li­chem Tief­gang fehlt – jedoch ist es kaum vor­stell­bar, dass dies der Anspruch Snews bei der Pro­duk­ti­on war. Viel­mehr ist die EP ein klei­nes Expe­ri­ment, bei dem Snew sich ver­schie­dens­ter musi­ka­li­scher Quel­len bedient und so ein ganz eige­nes, sehr ver­spiel­tes Klang­bild erschafft, das sich gän­gi­gen Trends oder Klang­vor­stel­lun­gen bewusst ent­zieht. Im Gegen­satz zum namens­ge­ben­den Frank Dre­bin steht die Musik Snews glück­li­cher­wei­se nicht für völ­li­gen Kla­mauk. Viel­mehr betrach­tet Snew das Leben sowie sein eige­nes Schaf­fen mit einem gewis­sen Augen­zwin­kern und das ist ein­fach immer sym­pa­thisch.

(Chris­ti­an Weins)

 

xatar

Xatar – Baba aller Babas

"Scar­face", "Good­fel­las", "Der Pate" … Auf­stieg und Fall von Gangs­tern, die im gro­ßen Stil agie­ren, üben eine unglaub­li­che Fas­zi­na­ti­on aus. Der exzen­tri­sche Lebens­stil, das strik­te Ehr­sys­tem und die Aura des Gefähr­li­chen bil­den die Eck­punk­te, die Gang­ster­bos­se so reiz­voll für die Pop­kul­tur machen. 2015 wur­de die­se Begeis­te­rung auch end­gül­tig in den deut­schen Rap über­tra­gen – in Form von Xatar.

Die Geschich­te von Xatars Gold­trans­por­ter­über­fall kennt auf den Schul­hö­fen Deutsch­lands jedes Kind. Giwar Haja­bi ist ein ech­ter Gangs­ter. Die har­te Rea­li­tät, die sich in Form des Gold­raubs und dem anschlie­ßen­den Gefäng­nis­auf­ent­halt äußert, bie­tet einen unver­gleich­li­chen Treib­stoff für die Kar­rie­re des Bon­ners. Schon die Ent­las­sung aus dem Knast wird geheim­nis­voll in einem Facebook-​Video insze­niert. Von die­sem Moment an machen Xatar und sein Label Alles oder Nix Records alles rich­tig: Xatar rappt nicht nur, er sieht auch aus wie ein film­rei­fer Ver­bre­cher. Die groß­spu­rig insze­nier­ten Musik­vi­de­os kom­men wie wasch­ech­te Hol­ly­wood­strei­fen daher und selbst der Gold­raub wird in der limi­tier­ten Fan­box als bei­ge­leg­ter Gold­zahn ver­ar­bei­tet. Der Rap­per prä­sen­tiert sich durch und durch als unan­tast­ba­rer Gang­ster­boss, der "Baba aller Babas" eben. Doch damit nicht genug: Xatar legt, im Ver­gleich zu sei­ner bis­he­ri­gen Dis­ko­gra­fie, auch rap­t­ech­nisch noch eine gewal­ti­ge Schip­pe drauf. Sou­ve­rän rappt sich der Man­tel­trä­ger durch die Tracks, unter­malt von einem extrem stim­mi­gen Oldschool-​Sound, der mit sei­nen Kopfnicker-​Brettern Tri­but an die gol­de­nen Tage von West­co­ast und New York zollt.

Insze­nie­rung, Rap, Beats, Real­ness, Humor – hier stimmt ein­fach alles. Das wis­sen auch die Fans zu schät­zen und belohn­ten Xatar mit der Pole Posi­ti­on der deut­schen Album­charts. Vom Ver­bre­cher zum Häft­ling, Auf­stieg und Fall. Doch Xatar ist nicht Tony Mon­ta­na, sei­ne Geschich­te nimmt kein tra­gi­sches Ende. Er dreht den Spieß um. Vom Knast schafft er es an die Spit­ze der Charts: Xatar IZ DA.

(Flo­ri­an Peking)