Winston

Kaum eine Szene hier­zu­lande scheint so fa­cet­ten­reich zu sein wie die Deutschrapszene. Während es be­reits jetzt schon fast un­mög­lich er­scheint, je­den ein­zel­nen, eta­blier­ten Vertreter zu ken­nen, steigt die Zahl neuer, noch un­be­kann­ter Künstler ex­po­nen­ti­ell wei­ter an. Den Überblick zu be­hal­ten, gleicht ei­ner Herkulesaufgabe: Hat man sich ein Gesicht der HipHop-​Hydra ge­merkt, tau­chen schon wie­der min­des­tens zwei neue auf. Gleichzeitig ist es für un­be­kannte, junge Talente über­aus schwer, aus der über­wäl­ti­gen­den Masse an Musikern her­aus­zu­tre­ten und sich ei­nen Namen zu ma­chen.

Beiden Seiten soll un­ser Mic Check eine Hilfestellung bie­ten. Rappern, die bis­her noch in den Tiefen des Untergrunds un­ter­ge­gan­gen sind, eine Plattform ge­ben, auf der sie sich kurz, aber prä­gnant prä­sen­tie­ren kön­nen. Und Hörern und Fans er­mög­li­chen, sich ei­nen schnel­len Überblick über nen­nens­werte Künstler zu ver­schaf­fen, die sie bis­her viel­leicht noch gar nicht auf dem Schirm hat­ten.

 

MZEE.com: Du bist schon recht lange Teil dieser Szene und hast bereits 1996 mit der Chefetage und deinen damaligen Partnern Daster und Socka auf der Bühne gestanden. Wie und wann genau bist du HipHop denn zum allerersten Mal begegnet?

Winston: Hui, da muss ich aber ganz weit nach hinten ins Hirnstübchen greifen. So ganz genau weiß ich das ehrlich gesprochen gar nicht mehr. Damals war jedes Wochenende in irgendeinem Jugendhaus irgendwo zwischen Sylt und Garmisch eine HipHop-Jam. Eine echte, mit Breakdancern auf der PVC-Matte vor der Bühne und Graffiti-Sprühern draußen an der Fassade. Anfangs waren wir unendlich beflügelt. Wir sind hunderte Kilometer weit für ein paar Stunden HipHop-Spirit gefahren. Irgendwann haben wir uns dann gedacht, dass wir das auch selbst hinbekommen. Einer wollte DJ sein, DJ Socka, der kaufte sich zwei Plattenspieler und wir anderen beiden waren eh schon ständig am Freestylen und übernahmen den Rappart. Anfangs hießen wir Laberkas, später dann zwecks der Seriosität Chefetage. Wir organisierten selbst Jams hier in Landsberg und holten einige, damals noch kleine Pflänzchen zu uns, die heute stämmige Eichen im Business sind.

MZEE.com: Wer bereits so lange rappt und Texte schreibt, erinnert sich sicherlich auch an die ein oder andere Zeile von früher zurück, die ihm mittlerweile unangenehm ist. Gibt es sowas bei dir?

Winston: Selbstverständlich nicht. Damals wie heute stehe ich zu 100 Prozent hinter jedem jemals gesprochenen Wort.

MZEE.com: Auf deinem Album "Waschecht!" kritisierst du unter anderem, dass Rapper heutzutage mit ihrer Musik für die falschen Werte stehen und fragwürdige Inhalte weitergeben. Was willst du mit deiner eigenen Musik vermitteln?

Winston: Du hast also reingehört. So ist's fein. Damals waren wir alle HipHop-Fans mit Leib und Seele und das wurde auch reichlich in den Texten erwähnt. Heute fehlt mir das irgendwie. Heute ist HipHop angekommen. Läuft im Radio, ist in den Charts. Was ja grundsätzlich gut ist. HipHop ist erwachsen geworden und verdient Geld. Damals warst du Sell-out, wenn du ein Video auf "Freestyle" laufen hattest. Logisch gab es schon immer Battle MCs und übertriebene Selbstdarsteller, es ging aber nie wirklich unter die Gürtellinie, weil man sich ja auch meistens Auge in Auge gegenüberstand. Es gab kein Internet und auch nicht diese Anonymität. Jeder kannte jeden zumindest vom Sehen und wurde respektiert für das, was er repräsentierte – egal, ob man das nun wirklich gut fand oder nicht. Hey, wir sind sechs Stunden im Auto gesessen für 50 Mark Spritgeld und 30 Minuten Auftritt vor 40 Leuten, da hast du schlicht keinen Bock auf Beef mit irgendwelchen Leuten, die anders ticken. Klar, Geschmäcker sind verschieden, deshalb kann ich auch nur für mich selbst sprechen. Wegen mir kann jeder machen und rappen, was er möchte, ob ich mir das dann anhöre und gut finde, ist allerdings eine andere Frage. Was ich vermitteln will? Ehrlich gesprochen wusste ich das bis zum finalen Mastering nicht wirklich. Der Schaffensprozess ging über zwei Jahre und lief meistens nach dem gleichen Schema ab. Ich bekomm' 'nen Beat, kann den im Idealfall fühlen und hab' sofort 'ne Idee, wo die Geschichte hingehen soll. Wenn der Text dann fertig ist, feil' ich noch ein paar Tage dran rum und lern' das Ding so gut es geht auswendig. Aufnahme, zack, fertig. "Waschecht!" ist quasi die Essenz solcher Prozesse ohne vorher ausgedachten Plan und ist das, was Musik meiner Meinung nach sein sollte: gute Unterhaltung.

MZEE.com: Du hast bereits mit Namen wie Snaga, Donato, Tatwaffe, Spax, Flo Mega und Pal One zusammengearbeitet. Gibt es überhaupt noch einen Rapper, den du unbedingt einmal featuren möchtest?

Winston: Die meisten von den Jungs kenn' ich aus alten Tagen und eine Zusammenarbeit war längst überfällig. Was die Zukunft bringt, kann man natürlich nicht sagen, aber es gäbe schon noch ein, zwei Herzenskandidaten, mit denen ich mir ein gemeinsames Stück wunderbar vorstellen könnte.

MZEE.com: Auf dem Titeltrack deines Albums stellst du dir die Frage, ob du eventuell zu alt für Rap geworden bist. Denkst du, dass dieser Fall irgendwann wirklich eintreten kann?

Winston: Leider glaub' ich das. Prioritäten ändern sich. Früher hatte man nur und ausschließlich Rap im Kopf. Heute hab' ich 'nen Job, der mich ausfüllt, und zwei Kinder, die ich genieße, wann immer ich kann. Logo nerven die auch irgendwann. Erst dann oder wenn der Nachwuchs im Bett ist, setz' ich mir 'nen Kopfhörer auf und horch', was so geht im Lande. Ich mag es, wenn mich ein Texter herausfordert und ich den Track zwei-, dreimal höre, bis ich hinter die Bedeutung der Zeilen gekommen bin. Das ging mir zuletzt bei einem Cr7z-Track so, von dem ich dir nicht mal sagen kann, wie er heißt. Schlimm.

 

Ein Exclu­sive von Winston könnt Ihr Euch ab so­fort auf dem YouTube-​​Channel von MZEE​.com an­se­hen:

Winston – Waschecht! (MZEE.com Exclusive Audio)

 

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(Daniel Fersch & Lukas Päckert)
(Grafiken von Puffy Punchlines, Logo von KL52)
(Foto von Tobias Hümmler, Portrait von Hombre SUK)

 

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