Goldroger – Avrakadavra

"Was?! Du kennst das nicht? Sekun­de, ich such' dir das mal raus." Und schon öff­net sich die Plat­ten­kis­te. Wer kennt die­sen Moment nicht? Man redet über Musik und auf ein­mal fällt ein Name – egal ob von einem Song, einem Künst­ler oder einem Album – mit dem man nicht so recht etwas anzu­fan­gen weiß. Und plötz­lich hagelt es Lob­prei­sun­gen, Hass­ti­ra­den oder Anek­do­ten. Gera­de dann, wenn der Gesprächs­part­ner ins Schwär­men ver­fällt und offen zeigt, dass ihm das The­ma wich­tig ist, bit­tet man nicht all­zu sel­ten um eine Kost­pro­be. Die Musik setzt ein und es beginnt, was der Per­son so sehr am Her­zen zu lie­gen scheint. In die­sem Fall – was uns so sehr am Her­zen liegt: Ein Aus­zug aus der Musik, mit der wir etwas ver­bin­den, die wir fei­ern, die uns berührt. Ein Griff in unse­re Plat­ten­kis­te eben.

 

Rap auf gitar­ren­las­ti­gen Beats und Tex­te mit einer erschla­gen­den Anzahl an pop­kul­tu­rel­len und lite­ra­ri­schen Refe­ren­zen: Das sind sicher­lich kei­ne Attri­bu­te, bei denen ein Mana­ger vor Begeis­te­rung in die Hän­de klatscht, wenn hohe Ver­kaufs­zah­len erreicht wer­den sol­len. Was in der Pra­xis ziem­lich leicht schief­ge­hen kann, ist auf "Avraka­dav­ra" der­art gelun­gen umge­setzt, dass das Zuhö­ren eine pure Freu­de ist.

Bei Goldro­ger tau­chen Ver­wei­se auf lite­ra­ri­sche Wer­ke wie "Der Step­pen­wolf" völ­lig selbst­ver­ständ­lich neben Kind­heits­hel­den wie Alf und Son Goku auf. Die The­men­aus­wahl ist eben­so bunt gemischt. Es schwingt jedoch immer ein sehr lebens­be­ja­hen­der Grund­ton mit. So wird das The­ma "Selbst­mord" auf "Har­ry Hal­ler" bei­spiels­wei­se zu einer eman­zi­pa­to­ri­schen Abhand­lung. Neben all sei­ner Kom­ple­xi­tät gibt das Album Denk­an­stö­ße, die so offen­sicht­lich schei­nen, dass man sie oft ein­fach nicht in Erwä­gung zieht. "Such mir mal jemand, der, wenn er durch Zufall eine Super­kraft bekäm, den Mut beweist zu kämp­fen für das Gute an Fei­er­ta­gen ohne Urlaub und das unbe­zahlt. Schei­ße nein, ich wüss­te kei­nen" – ja, ich ehr­lich gesagt auch nicht! Goldro­ger meis­tert mit die­ser LP für mich einen wahn­sin­nig schma­len Grat. Beim ers­ten Durch­hö­ren fällt es schwer, auch nur ansatz­wei­se die Viel­zahl an Quer­ver­wei­sen zu ver­ste­hen. Anstatt die Plat­te ent­nervt weg­zu­le­gen und ver­stau­ben zu las­sen, brennt den­noch der Repeat-​Button. Die Inhal­te sind von Dienst&Schulter musi­ka­lisch ein­fach so fes­selnd umge­setzt. "Avraka­dav­ra" funk­tio­niert somit auch für den durch­schnitt­li­chen Hörer, der sich vor allem durch die Instru­men­ta­le ange­spro­chen fühlt. Goldro­ger wird sich den­noch bewusst sein, dass er mit sei­ner sper­ri­gen Art des Schrei­bens eine gewis­se Exklu­si­vi­tät erschafft. Aber wird Musik nicht sowie­so erst dann zu einer rich­ti­gen Dro­ge, wenn man beim 20. Durch­lauf immer noch ein wei­te­res klei­nes Detail für sich ent­de­cken kann?

Es wird sich zei­gen, ob das Album den Test der Zeit besteht und sich das wert­vol­le Prä­di­kat "zeit­los" ver­dient. Zumin­dest haben Goldro­ger und Dienst&Schulter hier­mit ein kon­tem­po­rä­res Meis­ter­werk erschaf­fen – und wenn es nur ein paar Jah­re rele­vant bleibt, sind das sehr schö­ne Jah­re.

(Lenn­art Wen­ner)