Esmaticx

ÉSMaticx

Nach drei EPs und zwei Teilnahmen am VBT ver­öf­fent­lichte ÉSMaticx am 27. Mai die­ses Jahres mit "Rot" ihr ers­tes Soloalbum. Gleichzeitig fei­erte die Rapperin aus Attendorn da­mit ihr Debüt bei Egoland Musik. Durch die neue Labelheimat konnte sie auf die Fähigkeiten von Produzent Lucry bauen, der für die kom­plette mu­si­ka­li­sche Untermalung der bis zu zwei Jahre al­ten Texte ver­ant­wort­lich ist. Im Interview be­frag­ten wir És da­her zu ih­rem Labeldeal, der Entstehungsphase von "Rot" so­wie ih­rem ei­ge­nen Stil. In die­sem Zusammenhang ka­men wir auch auf den Internet-​Hate, mit dem sich ÉSMaticx wie­der­holt aus­ein­an­der­set­zen mus­ste, und Frauen im Rap zu spre­chen. Neben all den mu­si­ka­li­schen Inhalten re­de­ten wir mit ihr auch über die Flüchtlingsthematik. Dabei ging es vor al­lem um Erfahrungen aus ih­rem Heimatort so­wie das Problem der Deutschrapszene, po­li­ti­sche Themen in Raptexten an­zu­spre­chen.

MZEE​.com: Plötzlich bist du wie­der da, kün­digst das Album "Rot" an und ver­öf­fent­lichst die ers­ten Songs. Wann gab es bei dir den Zeitpunkt, an dem du ge­sagt hast: "Ich muss jetzt mal lang­sam ein Album brin­gen"?

ÉSMaticx: Ich hab' das schon die ganze Zeit ge­habt, aber ir­gend­wie hat es am Funken Hoffnung ge­fehlt und daran, dass ich weiß, wie ich es an den Mann bringe. Ich hätte wahr­schein­lich noch ein wei­te­res Jahr gestrugg­let und es am Ende als Free Download raus­ge­hauen. Ich wüsste nicht, wie man so ein Album ver­treibt, wenn mich nicht Egoland an­ge­ru­fen und ge­sagt hätte: "Wir ha­ben ge­le­sen, du willst dein Album raus­brin­gen. Hast du schon eine Idee, wie du das ma­chen willst? Weil wir ge­rade das Label auf­zie­hen und wir al­les ha­ben, was du für ein Albumrelease brauchst. Schau doch ein­fach mal vor­bei, wir ler­nen uns ken­nen und wenn du Bock hast, dann ma­chen wir das." Tatsächlich ist es dann so ge­kom­men, dass wir uns schnell ge­trof­fen und gut ver­stan­den ha­ben. Danach kam ich nach Hause und wir hat­ten die Beats für 90 Prozent des Albums. Und da ich vier Jahre Zeit zum Schreiben hatte, wa­ren die Texte be­reits fer­tig. Lucry hat dann Instrumentals ge­nom­men und mir ge­sagt: "Ich habe schon 40 Beats raus­ge­sucht, die even­tu­ell et­was für dich sein könn­ten." Und ge­nau so ist es ab­ge­lau­fen – als ich nach Hause kam, war mein Album quasi fer­tig.

MZEE​.com: Wie alt ist dann der äl­teste Text? 

ÉSMaticx: Gute Frage … (über­legt) Ich glaube, zwei Jahre.

MZEE​.com: Das hält dich aber nicht da­von ab, es nun zu ver­öf­fent­li­chen, weil du sagst, das Thema ist zu alt? 

ÉSMaticx: Nee, nee. Ich bin da eh sehr kri­ti­sch und per­fek­tio­nis­ti­sch. Aber das war so ein Track, den ich da­mals ge­schrie­ben und zu­rück­ge­legt habe, bis je­mand ei­nen pas­sen­den Beat dazu bauen kann. Zum Beispiel "Alles so egal" – den Song habe ich ge­schrie­ben und hatte nie ei­nen Beat dazu. Der ge­hörte zu den 10 Prozent des Albums, die nicht fer­tig wa­ren und die wir dann zu­sam­men pro­du­ziert ha­ben. Der Track wurde nur noch stär­ker, da er jetzt ei­nen Beat be­kom­men hat.

MZEE​.com: Das heißt, dass du viele Songs ge­schrie­ben hast, ohne ei­nen pas­sen­den Beat zu ha­ben?

ÉSMaticx: Nein, nicht viele, das möchte ich so nicht sa­gen. Ich hatte zwei bis drei Sachen auf dem PC, die ich ohne Beat ge­schrie­ben habe. Die ha­ben auch lei­der bis auf "Alles so egal" im­mer noch kei­nen pas­sen­den Beat. Der ist nun auch auf dem Album. Alle an­de­ren Tracks hat­ten Beats und wur­den nur noch er­setzt oder nach­ge­bes­sert.

MZEE​.com: Wie kann man sich das vor­stel­len, wenn du ei­nen Text ohne den Beat schreibst? 

ÉSMaticx: Ich bin dann et­was freier, was die Melodien an­geht. Und ich kann mich bes­ser aus­to­ben. Dann kann ich Lucry sa­gen: "So und so habe ich mir das vor­ge­stellt und das und das Instrumental wäre nice." Das hatte ich halt vor­her nicht. Ich hatte kei­nen Produzenten an der Hand, der meine Gedanken so um­set­zen kann. Da ha­ben Lucry und ich uns un­glaub­lich gut er­gänzt. So hat das, Gott sei Dank, nach zwei Jahren doch noch funk­tio­niert mit dem Album.

MZEE​.com: Viele dei­ner Kollegen zieht es in die große Stadt, um die Karriere an­zu­kur­beln, weil es dort mehr Kollegen, Manager und Produzenten gibt. Du wohnst mei­nes Wissens nach wei­ter­hin in ei­nem klei­nen Ort. Macht es das Musikmachen für dich schwe­rer?

ÉSMaticx: Also, Mucke zu ma­chen wird da­durch nicht schwie­ri­ger. Ich bin seit Jahren in mei­nem Zimmer und habe das auch nie an­ders ge­macht, als mich nachts ab 12 Uhr an ei­nen Text zu set­zen. Ich würde sa­gen, nur 10 Prozent der Texte, die ich ge­schrie­ben habe, sind tags­über ent­stan­den und der Rest ist eine Nacht-​und-​Nebel-​Aktion. Aber ich glaube, es wäre auch kein gro­ßer Unterschied, wenn ich in ei­ner Großstadt le­ben würde, weil das ja nicht zwin­gend heißt, dass ich das Label um mich habe. Aber ich bleibe erst mal in Attendorn, weil ich ers­tens kein Geld zum Umziehen habe und zwei­tens, weil zum Beispiel Berlin rund fünf Stunden weg ist und mein bes­ter Freund in Nordrhein-​Westfalen wohnt. Das möchte ich un­gern auf­ge­ben.

MZEE​.com: Im Vergleich zu ei­ni­gen an­de­ren Künstlern, die das VBT als Karriere-​Ssprungbrett nah­men, hast du dir er­staun­lich viel Zeit für das er­ste, rich­tige Album ge­las­sen. War es eine be­wusste Entscheidung, so lange zu war­ten oder gab es an­dere Gründe da­für?

ÉSMaticx: Ja, nicht so rich­tig. Ich habe mein Album nie am VBT fest­ge­macht. Das Turnier war eine Erfahrung für mich, um zu se­hen, in­wie­weit ich Battle-​Rapperin sein kann, wie cool das für mich ist und was ich dar­aus ler­nen kann. Auf ein­mal ent­stand dann der krasse Hype, aber daran wollte ich mein Album nicht fest­ma­chen. Ich wollte im­mer, dass mein Album mir wahn­sin­nig gut ge­fällt und für mich per­fekt ist. Das war es die letz­ten drei Jahre nicht. Ich habe mein Album nie zu Ende ge­dacht be­zie­hungs­weise es ge­schafft, so­dass ich sage: "Jetzt kann es raus". Für mich war es dann egal, ob ich den Hype mit­neh­men kann oder ob ich mir die­sen wie­der er­kämp­fen muss. Entweder es pas­siert oder eben nicht. Aber ich würde nicht sa­gen, dass ich es aus Trotz ge­macht habe und sage: "Nee, ich mach' das jetzt nicht, weil alle an­de­ren ha­ben schon".

MZEE​.com: Lag es auch daran, dass der Kopf noch im Battlerap steckte und du dich für neue Sachen nicht rich­tig frei ma­chen konn­test?

ÉSMaticx: Nee, gar nicht. Das war für mich nie ein Punkt, weil ich da sehr gut dif­fe­ren­zie­ren konnte. Ich habe ja auch ne­ben dem VBT Tracks ge­schrie­ben, die mir ge­fal­len. Natürlich ha­ben mir die Turnier-​Songs auch ge­fal­len. Aber da ist es ja klar, dass du nie zu 100 Prozent Freiheit hast, auch weil du die Beats nicht im­mer selbst pi­cken kannst und im­mer ei­nen Gegner hast, den du an­grei­fen musst. Aber ich hatte das nie, dass ich voll im Battlemodus war und dann gar keine an­de­ren Sachen mehr schrei­ben konnte.

MZEE​.com: Durch den Deal mit Egoland hat sich dein mu­si­ka­li­sches Umfeld ge­än­dert, zum Beispiel pro­du­zierte Lucry dein neues Album. Hat sich da­durch auch deine Musik ge­än­dert oder woll­test du schon vor­her die et­was pop­pi­gere Richtung ein­schla­gen?

ÉSMaticx: Gar nicht. Die Jungs sind da mega-​offen und wenn sie meine Musik, so wie sie ist, nicht fei­ern wür­den, hät­ten sie mich wahr­schein­lich gar nicht an­ge­spro­chen. Sie ha­ben ge­sagt: "Mach dein Ding", und ich konnte al­les, was ich mir vor­ge­stellt habe, so um­set­zen. Da wurde mir nicht rein­ge­re­det, was für mich auch ul­tra­wich­tig war. Wenn man mir rein­grätscht, turnt mich die Sache un­glaub­lich ab und ich bin di­rekt weg.

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MZEE​.com: Du sprichst in ei­nem an­de­ren Interview da­von, dass du ei­nen ganz ei­ge­nen Stil ent­wi­ckelt hast. Wie wür­dest du die­sen be­schrei­ben?

ÉSMaticx: Ich weiß es nicht. (über­legt) Das ist echt schwer zu be­schrei­ben. Ich glaube, es ist die ei­gene Betonung, die ich hab', aber selbst die kann ich nicht nach­ma­chen. (lacht) Ich glaube, man weiß, was ich meine. Meine Beats sind eine Mischung aus me­lan­cho­li­sch und dann trotz­dem ir­gend­wie fröh­lich. Ich glaube ein­fach, das macht nicht je­der und da ich auch nicht wie je­der rappe (lacht), ist das eben mein ganz ei­ge­ner Stil. Es ist wirk­lich al­les sehr wirr und schwer zu be­schrei­ben.

MZEE​.com: Unter dei­nen Videos wird deine Musik häu­fig mit Cro ver­gli­chen. Kannst du das ver­ste­hen?

ÉSMaticx: Für mich ist das al­les so ab­surd, ich ver­steh' das gar nicht. Nur weil je­mand Doubletime rappt, ist er nicht gleich ein Kollegah-​Remake oder ver­sucht, wie Kollegah zu sein. Und nur weil je­mand iro­ni­sche Tracks macht, ist er nicht gleich ein Weekend. Und so finde ich das auch bei mir. Nur weil man in Hooks singt oder Melodie in Rap rein­bringt, ist man nicht gleich der nächste Cro. Ich glaub', die Leute brau­chen das. Die wol­len im­mer et­was fin­den, woran sie sich fest­hal­ten kön­nen. Sonst kom­men sie mit der Musik nicht klar. Aber es war für mich nie ein Gedanke, so zu sein oder zu klin­gen wie er. Ich war im­mer schon so. Bevor Cro über­haupt ein Thema war, habe ich Songs mit Melodie ge­macht. Wenn man es nicht glau­ben möchte, soll man sich die "Schöne Bescherung"-EP von 2011 run­ter­la­den. Da merkt man, dass es da­mals schon in mir war. Ich habe es nun aus­ge­baut und ver­sucht, ein we­nig zu rei­fen. Ich denke, dass das ganz gut ge­klappt hat und ver­stehe den gan­zen Cro-​Vergleich tat­säch­lich nicht. Mir ist das mitt­ler­weile aber egal. Wir ma­chen un­ser Ding jetzt wei­ter und wenn sie mei­nen, sie müss­ten Vergleiche mit an­de­ren Rappern zie­hen, dann sol­len sie das ma­chen. Mich stört das nicht wirk­lich. (lacht)

MZEE​.com: Glaubst du, Rap hat ein Problem mit Stilwechseln oder da­mit, ei­nem pop­pi­ge­ren Stil treu zu blei­ben?

ÉSMaticx: Ich finde, Rap an sich könnte viel of­fe­ner und breit ge­fä­cher­ter sein und da­bei viel mehr von an­de­ren Genres an­neh­men. Aber ent­we­der traut es sich kei­ner oder die, die sich trauen, wer­den von die­sen strai­gh­ten Rap-​Fans ge­ha­tet. Das finde ich un­glaub­lich schade, weil ich nichts schö­ner finde, als zwei Musikgenres mit­ein­an­der ver­bin­den zu kön­nen und da­mit et­was Neues be­zie­hungs­weise Interessantes zu schaf­fen. Für mich ist nicht gleich je­der de­epe Track "Die Firma". Für mich kann es gerne al­les et­was me­lo­di­scher und lo­cke­rer sein. Es sagt ja kei­ner, dass du es in je­dem Song ma­chen musst, aber es gibt viel mehr Möglichkeiten, die man aus­schöp­fen kann.

MZEE​.com: Auf dei­nem Album geht es oft um das Leben – mal bist du trau­rig und mal gut drauf. Im Deutschrap geht es oft um Authentizität. Wie viel von den Themen auf dem Album hast du selbst er­lebt und ist es dir wich­tig, Dinge aus dei­nem Leben zu er­zäh­len?

ÉSMaticx: Schon, aber ich ma­che mir da nicht so viele Gedanken drum, son­dern bin im­mer am ehr­lichs­ten, wenn ich von mei­nen Erfahrungen und Erlebnissen be­richte. Und ich denke, dass sich da ein Großteil mit iden­ti­fi­zie­ren kann. Ich schreib' jetzt nicht ex­tra deep, das pas­siert halt. Mal schreibe ich glück­li­che Musik, wenn ich glück­lich bin, aber ich schreibe auch trau­rige Songs, wenn ich glück­lich bin. Wenn ich Sachen ge­sam­melt, ge­lernt und mit­ge­nom­men habe, dann ver­pa­cke ich die even­tu­ell ein Jahr spä­ter. Vielleicht geht es in dem Abschlusssong 2016 um meine Ex-​Freundin von vor acht Jahren. Ich finde, dass bei mir im­mer al­les sehr per­sön­lich ist, auch wenn es nicht ak­tu­ell sein mag. (lacht)

MZEE​.com: Findest du es wich­tig, dass man im Rap Dinge er­zählt, die man auch selbst er­lebt hat? 

ÉSMaticx: Bloß nicht. Ich finde ein­fach, dass du nicht die Person sein musst, die du dar­stellst. Es ist al­les sehr ver­spielt, du kannst so viel ma­chen. Wieso soll­test du nur das schrei­ben, was dir tat­säch­lich pas­siert ist? Ich finde, du schränkst dich sonst da­mit ein, wenn du nur das er­zählst, was du tust. Aber na­tür­lich soll­test du auch da­hin­ter­ste­hen kön­nen.

MZEE​.com: Kannst du dann nach­voll­zie­hen, dass Fler an­dere Rapper da­für kri­ti­siert, Dinge zu er­zäh­len, die ih­nen nie pas­siert sind? 

ÉSMaticx: Keine Ahnung. Klar geht es da um Authentizität, aber ich bin der Ansicht, man sollte schon da­hin­ter­ste­hen und sie glaub­wür­dig ver­pa­cken kön­nen. Ich ver­stehe auch die Kritik daran nicht. Das ist ein­fach künst­le­ri­sche Freiheit und viel­leicht ist der Horizont von an­de­ren Rappern nicht ganz so weit (lacht), dass sie es nach­voll­zie­hen kön­nen. Aber ich finde, dass es völ­lig le­gi­tim ist.

MZEE​.com: Ich habe dir eine Aussage von Tice mit­ge­bracht. Sie sagt: "Female Rap in Deutschland sollte keine ei­gene Nische sein. Rap ist Rap und gu­ter Rap ist gu­ter Rap – egal, ob von ei­ner Frau oder ei­nem Mann." 

ÉSMaticx: Kann ich so un­ter­schrei­ben.

MZEE​.com: Warum liest man im­mer wie­der, dass Rap Männersache ist? Und warum hat es eine Rapperin für ge­wöhn­lich schwe­rer als die männ­li­che Konkurrenz? 

ÉSMaticx: Also, ehr­lich ge­sagt sind die meis­ten Frauen ein­fach nicht gut. Ich kenne viel mehr wa­cke als krasse Frauen. Ich kann die Voreingenommenheit von Männern da ver­ste­hen. Ich ver­stehe al­ler­dings nicht, warum man nicht je­dem eine Chance gibt. Ich zum Beispiel höre mir al­les ganz un­vor­ein­ge­nom­men an und ver­su­che, meine Objektivität zu be­hal­ten. Und wenn et­was nicht gut ist, dann ist es eben nicht gut – ob Frau oder Mann – das ist dann egal. Frauen ha­ben es eben oft schwe­rer, weil sie ver­su­chen, Rollen ein­zu­neh­men, die sie nicht be­set­zen kön­nen. Zum Beispiel wol­len viele Frauen sehr hart sein und den Männern nach­ei­fern. Das geht halt ein­fach nicht auf. Wenn du eine Frau bist und rappst, dann rappe eben cool und mach' nicht auf Superboss, weil du die ein­zige Frau bist. Mach' auch nicht auf Boss, weil du mit ganz vie­len Männern ab­hängst und du da­durch to­tal männ­lich ge­wor­den bist. Verstell' nicht deine Stimme, son­dern sei ein­fach du selbst. Wer es cool macht, ist Namika. Sie schreibt zwar nicht selbst – das ist ja kein Geheimnis – und ist sehr kon­stru­iert, aber ein sehr gu­tes Beispiel da­für, dass es Frauen gut ma­chen kön­nen. Wenn mehr Frauen in diese Richtung ge­hen und nicht sa­gen wür­den, dass sie Superboss sind und al­les nach ih­rer Pfeife tanzt, dann wäre das ganze Frauenrap-​Ding coo­ler.

MZEE​.com: Aber den­noch liest man Kommentare wie "Rap ist Männersache", die ja nicht mal die Musik be­schrei­ben oder kom­men­tie­ren. Warum ist das so? 

ÉSMaticx: Oft ist das Nachgeplapper. Wenn ei­ner so et­was schreibt, dann grei­fen das viele wei­tere ein­fach auf und es ver­viel­fäl­tigt sich. Aber ich glaube, dass Männer noch nicht so weit sind, Frauenrap ein­fach so an­zu­neh­men. Das ist wie Frauenfußball: Es wird zwar ak­zep­tiert, dass er da ist, aber man schaut ihn sich nicht an. (lacht)

MZEE​.com: Warum ist es in den USA an­ders?

ÉSMaticx: Dort gibt es das schon im­mer be­zie­hungs­weise dort gibt es ein­fach schon Frauenrap-​Veteranen. Das gibt es hier nicht, weil es da­mals ein­fach keine Rapperin gab – au­ßer Cora E. Und wenn wir ehr­lich sind, war Cora E. auch nicht mehr als Standard, ob­wohl es für da­ma­lige Verhältnisse cool war. Und was gab es sonst noch? Sabrina Setlur – das war cool, aber es war auch cool, als es weg war. Ich denke, Frauen ha­ben sich ein­fach nicht ge­traut und jetzt, wo sie sich trauen, wer­den sie von Männern zu­rück­ge­wie­sen. Aber ich kann es mir auch nicht rich­tig er­klä­ren. Da ist viel­leicht noch eine Menge Stolz da­bei, des­we­gen sa­gen sie: "Das ist jetzt un­sere Männersache".

MZEE​.com: Liest man sich zum Beispiel YouTube-​Kommentare un­ter Videos durch, hat man das Gefühl, dass Frauen im Rap noch mehr ein­ste­cken müs­sen. Da wird es oft per­sön­lich. Wie gehst du da­mit um und liest du dir das durch? 

ÉSMaticx: Mittlerweile nicht mehr, aber es stört mich des Todes. Nicht, weil ich an­ge­grif­fen werde. Mir kann egal sein, was Person XY über mich denkt. Was mich aber är­gert, ist, dass es bei ei­nem Manuellsen, Kollegah oder Megaloh noch nie ge­sagt wurde und es nie ein Thema war, wie je­mand aus­sieht. Und dass Kollegah da­mals mit 15 bis 19 Jahren ein Superlauch war und jetzt das kras­seste Paket ist. Das sind Themen, die gar nicht auf­ge­grif­fen wer­den. Das pas­siert ein­fach und die Leute neh­men es an. Aber so­bald eine Frau wie ich fünf Kilo mehr drauf hat, ist es Thema un­ter den Videos. Das ver­stehe ich ein­fach nicht. Genauso, wie es bei Lumaraa ein Thema wird, wie sie aus­sieht. Das pas­siert nur bei Frauen. Das be­ste Beispiel ist Visa Vie. Sie hat al­les da­für ge­tan, die kras­seste und se­riö­seste Recherche im Rap-​Business zu ma­chen. Und den­noch war es im­mer nur Thema, wie sie aus­sieht. Bei Rooz ist es wie­der an­ders­rum. Er ist le­dig­lich ein Typ, der vor der Kamera Interviews macht und kei­ner hat ge­sagt: "Oh, mein Gott! Sieht der Rooz heute wie­der gut aus! Ich mute mal das Video und keule mir dar­auf ei­nen." (lacht) Das ist das Einzige, wo ich sage, ich bin emp­find­lich. Ich bin sonst sehr lo­cker und cool. Es geht da rein und da raus. Aber Dinge, die ich nicht nach­voll­zie­hen kann, die är­gern mich. Klar habe ich zu­ge­nom­men, aber warum er­zählst du das? Warum er­wähnt es über­haupt je­mand? (lacht)

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MZEE​.com: Vor al­lem un­ter ei­nem Musikvideo, wo es zu­nächst ein­mal um die Musik ge­hen sollte. Das wird al­ler­dings oft nicht kom­men­tiert. Bei Adele habe ich das in der Form nicht wahr­ge­nom­men, da geht es um die krasse Stimme. Ist das ein Problem der Rapszene? 

ÉSMaticx: Ja. Man sagt ja im­mer, Rap ist so open­min­ded, wir ge­ben al­len Respekt und sind so su­per­krass. Aber im Ernst: Es gibt nir­gends mehr Hate als im Rap. Ich hab' noch nie ge­hört, dass sich zwei Alternative-​Bands ge­rade derbe viele Hasstexte schrei­ben. Es wurde sich noch nie so krass ge­disst. Das ist nur im Rap so.

MZEE​.com: Bezüglich dei­ner Battle-​Vergangenheit: Setzt du dich mit RAM oder DLTLLY aus­ein­an­der und warst so­gar schon mal dort? 

ÉSMaticx: Ich war nie vor Ort, doch ich muss zu­ge­ben, dass ich mir das gerne an­schaue. Würde mich Battlerap so krass ab­fu­cken, hätte ich das VBT ja nie mit­ge­macht. Ich finde DLTLLY su­per amü­sant. Auch Rap am Mittwoch, doch das gu­cke ich nicht mehr so oft. Für mich sind die cools­ten Artists raus oder zu DLTLLY ge­wech­selt. Ich find' aber al­leine die Tatsache cool, dass das Ganze sport­lich ge­se­hen wird. Die ge­ben sich vor­her und nach­her die Hand und tun so, als wäre nichts pas­siert. Bei den gan­zen Internetplattformen und –batt­les wird im­mer ge­sagt: "Der hat den zer­stört und der kann sich nicht mehr auf die Straße trauen". Das pas­siert bei die­sen Formaten nicht. Da ist es ein­fach noch sport­lich und ich kann es mir su­per an­se­hen. Ich bin al­ler­dings nie­mand, der da ge­ne­rell bei sol­chen Battlegeschichten teil­neh­men müsste. Ich guck' es mir aber gerne noch an.

MZEE​.com: Was fas­zi­niert dich da be­son­ders?

ÉSMaticx: Ich finde, das en­ter­taint ein­fach gut. Beide Seiten ha­ben un­fass­bar lus­tige Punchlines. DLTLLY hat zum Beispiel noch die Subkategorie "Bad Bars" mit Bong Teggy. Die hauen sich dann die schlimms­ten Vergleiche und Wortspiele um die Ohren. Ich denke, des­we­gen finde ich das noch amü­san­ter.

MZEE​.com: Warum wür­dest du nicht mit­ma­chen?

ÉSMaticx: Weil es für mich ein­fach vor­bei ist. Ich hab' das ge­macht, ich hab' ge­batt­let, ich habe die Erfahrung mit­ge­nom­men. Jetzt be­schränke ich mich wie­der dar­auf, was ich wirk­lich ma­chen will: ein­fach coole Musik. Das Battlen war nicht mal eine Phase, das war ein­fach ein Ausprobieren. Ich habe das nor­male VBT mit­ge­macht, die Splash!-Edition und dann war es mir ei­gent­lich schon zu viel. Ich find' es schön, dass ich das mit­ge­macht habe, aber es ist nicht so, dass ich das un­be­dingt noch mal ma­chen muss.

MZEE​.com: Wir ha­ben deine Herkunft schon an­ge­spro­chen. In klei­nen Orten auf dem Land ist der Altersschnitt oft recht hoch. Auch aus die­sem Grund habe ich die Erfahrung ge­macht, dass die Leute dort bei­spiels­weise in der Flüchtlingsfrage sehr schwie­rige Ansichten ha­ben. Wie sind deine Erfahrungen dies­be­züg­lich?

ÉSMaticx: Gar nicht. Das liegt al­ler­dings auch daran, dass ich mich in den letz­ten Wochen un­mög­lich da­mit be­schäf­ti­gen konnte. Wir ste­cken schon eine ganze Weile in der Promophase, da habe ich das gar nicht so wahr­ge­nom­men. Ich merke na­tür­lich Unterschiede, weil bei uns viele äl­tere Menschen sind. Aber ich denke, es ist nicht so krass bei uns.

MZEE​.com: Bei die­sem Thema ist es in der Rapszene schwer, ein Statement zu be­kom­men. Würdest du po­li­ti­sche Themen in Songs ver­ar­bei­ten oder mit Statements be­zie­hungs­weise Diskussionen in die Offensive ge­hen?

ÉSMaticx: Ich höre mir zu­min­dest jede Meinung erst mal an. Ob die dann so gut ist, ist eine an­dere Frage. Ich würde da­zwi­schen­ge­hen, wenn auf der Straße et­was pas­siert. Ich würde mich zwar nicht mit Händen und Füßen rein­schmei­ßen, aber auch nicht weg­se­hen. Und ich würde mich den Leuten ent­ge­gen­stel­len, die mir sa­gen, dass sich die Flüchtlingssituation ne­ga­tiv auf die Zukunft der Deutschen aus­wirkt und klar meine Meinung ver­tre­ten. Im Zweifel nehme ich je­den Flüchtling mehr in Schutz als die, die sa­gen, sie hät­ten auf­grund des­sen keine Arbeit. Ich würde mich im­mer ein­mi­schen, wenn ich glaube, dass je­man­dem Unrecht ge­tan wird. Aber ich könnte kei­nen Song dar­über schrei­ben. Ich habe da kein Hintergrundwissen und ich bin po­li­ti­sch zu we­nig in­vol­viert. Ich könnte das mu­si­ka­li­sch nicht um­set­zen oder mich an kras­sen po­li­ti­schen Diskussionen be­tei­li­gen.

MZEE​.com: Warum glaubst du, dass die deut­sche Rapszene teil­weise ein Problem da­mit hat, sich zu äu­ßern oder es in Songs an­zu­spre­chen?

ÉSMaticx: Ich ver­stehe das. Es ist im­mer die Frage des Aufbaus und der Wichtigkeit. Mir schi­cken Leute auch Sachen und sa­gen: "Teil dies und das und je­nes doch mal". Auch wenn es ein wich­ti­ges Thema ist und ich mich gerne da­mit be­schäf­ti­gen würde, musst du ver­ste­hen, dass ich es nicht im­mer mei­ner Fanbase auf­la­bern kann. Das sind ei­gen­stän­dige Menschen, die für sich selbst ent­schei­den müs­sen. Wenn ich aus ei­nem per­sön­li­chen Interesse her­aus et­was so wich­tig finde, dann gebe ich das kund, aber das kann ich nicht mit je­dem ma­chen, der mir sei­nen Link schickt und sagt: "Schau mal hier in Buxtehude. Unser Tierheim wird ge­schlos­sen, kannst du das mal tei­len?" Und dann kommt der Nächste und sagt: "Wenn du das ge­teilt hast, dann kannst du doch auch das von uns tei­len". Dafür habe ich gar keine Zeit und keine Möglichkeiten. Meine Fanpage ist in ers­ter Linie für meine Musik. Die Leute, die meine Seite ge­li­ket ha­ben, wol­len Musik hö­ren und sich nicht in ihre pri­vate Umlaufbahn rein­quat­schen las­sen. Du weißt, wie Menschen sind, du weißt, wie Deutsche sind. Die sind im­mer sehr strikt, was ihre Meinung an­geht und du willst da nie­man­dem rein­grät­schen. Ich bin auch kein Newsletter oder eine Hilfsorganisation, ich bin Musiker. Das wol­len die Leute nicht von mir hö­ren. Und be­vor du Leute ver­lierst, machst du es si­cher­heits­hal­ber nicht. Aber viel­leicht küm­mere ich mich statt­des­sen eher pri­vat darum.

MZEE​.com: Du sprichst, wie schon er­wähnt, viel über das Leben. Zu gu­ter Letzt würde ich gerne wis­sen, ob es Dinge gibt, die du nie­mals the­ma­ti­sie­ren wür­dest. Einerseits, weil es nicht aus­reicht, dar­über ei­nen Song zu ma­chen und an­de­rer­seits, weil es zu per­sön­lich ist. 

ÉSMaticx: Ich schreibe viel, aber bringe es dann nicht raus. Ich habe tat­säch­lich viele Ein-​Part-​Teile auf mei­nem Rechner. Ich habe zum Beispiel mal an ei­nem 1. Mai so viel ge­trun­ken, dass ich mich nach­her bei je­dem ein­zel­nen Freund ent­schul­di­gen mus­ste und am Ende die kom­plette Minibar aus mei­nem Zimmer ge­nom­men habe, weil ich der fes­ten Überzeugung war, ich höre jetzt auf zu trin­ken. Hat na­tür­lich nicht funk­tio­niert. Ich rede mit dir und habe ein Bier in der Hand. (lacht) Da gibt es also ei­nen Sechzehner, der da­von han­delt, dass es mir al­les so schreck­lich leid­tut, aber dass wir bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich al­les rui­niert habe, ei­nen schö­nen Tag hat­ten und das ge­fällt mir. Sowas liegt auf mei­nem Computer. Da lie­gen auch Hass- und Diss-​Songs ge­gen meine Ex-​Freundin. Sowas kommt aber nicht raus. Das sind Dinge, die in­ter­es­sie­ren halt mich, aber sonst kei­nen an­de­ren. Wenn es dann doch je­man­den in­ter­es­siert, dann tut es mir leid. Es bleibt trotz­dem mein Geheimnis. Ich zeig' das mei­nen engs­ten Leuten. Meine be­ste Freundin oder mein bes­ter Freund kön­nen das im­mer hö­ren, weil sie es auch nach­voll­zie­hen kön­nen. Aber es wäre nichts für 70 000 Facebook-​Fans, die über­haupt keine Ahnung ha­ben, wer die Person ist, über die ich rede oder was an dem Tag pas­siert ist. Es wäre auch Schwachsinn, das raus­zu­brin­gen. Damit kann sich dann auch nie­mand iden­ti­fi­zie­ren.

MZEE​.com: Inwieweit ist es das "Musik ist Therapie"-Ding? Einerseits für Fans, die sich darin wie­der­fin­den, an­de­rer­seits für dich als Ventil, um Dinge raus­zu­las­sen.

ÉSMaticx: Ja, wenn ich für die Öffentlichkeit schreibe, ma­che ich das all­ge­mei­ner, als wenn ich mich per­sön­lich an eine be­stimmte Person richte. Es sei denn, ich finde es le­gi­tim. Vielleicht hast du in die "Liegen bleiben"-EP rein­ge­hört. Da gibt es den Song "Reiß aus", der mir per­sön­lich un­glaub­lich viel be­deu­tet hat, weil er aus ei­ner Situation her­aus ge­schrie­ben wurde. Aber er ist noch so all­ge­mein ge­hal­ten, dass sich je­der da­mit iden­ti­fi­zie­ren könnte. Andere Songs ha­ben dann noch ei­nen krass per­sön­li­chen Faktor, weil sie an eine Person ge­hen oder Dinge be­inhal­ten, die ich nicht in der Öffentlichkeit an­spre­chen möchte.

MZEE​.com: Vielen Dank! Natürlich ge­hö­ren dir noch die letz­ten Worte … 

ÉSMaticx: Kauft mein Album! (lacht)

(Fabian Thomas)
(Fotos von Gregor Schmitt)