history pt II
Bis dahin war Graffiti unbeliebt und für die Öffentlichkeit nur Kritzeleien, aber jetzt waren die Bilder schön. Die Leute nahmen eine Veränderung wahr. Vielfarbige Werbungen von Namen überschwemmten die Subwaystationen und füllten sie mit Leben und Wärme. Das war der Beginn der „Golden Age of Graffiti“, wie es Writer heute nennen.
Züge zu bemalen war eine großartige Idee, das hatte den entscheidenden Vorteil, dass dein Name im wahrsten Sinne des Wortes durch die Stadt fuhr und man ihn überall sehen konnte. Der Zug wurde zum Kommunikationsmittel und zur rollenden Galerie. Taki meint heute dazu:"I never thought it would be such a big thing." "But the subways were so lousy anyway...they were pretty filthy. I thought that kind of justified it."
Von nun an ging es Schlag auf Schlag. Ab 1974 waren die meisten Waggons innen zugetagt und außen von vorn bis hinten bemalt. SUPER KOOL 223 macht den ersten top to bottom, PHASE2 erfindet Arrows (Pfeile) und Bubble Style und 1976 malt CAINE1 den ersten Whole Train. Broadway Style und 3D-Style werden erfunden, sowie andere Methoden, die bis heute die Grundlage für kommende Generationen werden sollten.
HONDO 1, JAPAN 1, MOSES 147, SNAKE 131, STAR 3, PRO-SOUL, TRACY, LIL HAWK, CAY 161, JUNIOR 161 und STAY HIGH 149 waren ebenfalls äußerst aktiv. Schon 1974 nutzten einige Writer ihre Bekanntkheit und Kreativität und arbeiteten nebenbei als Bühnenbildner, Illustrator oder Comiczeichner, so z.B TRACY 168, CLIFF 159, BLADE ONE.
Die Entwicklung schritt voran und die Bilder wurden bunter, die Styles ausgefeilter, Charakters kamen hinzu, immer ausgefallenere Stellen wurden für die Pieces ausgesucht, wie Hausdächer oder Polizeireviere und Streifenwagen. Immer mehr Crews wurden gebildet (OTB (Out Ta Bomb), TNT (The Nation's Top), and CIA (Crazy Inside Artists))
Es galt, sich innerhalb der Szene, sich einen Namen zu machen. Das entscheidende Stichwort hierfür ist: "Fame". Diesen Ruhm erlangte man einerseits durch die Quantität seiner Bilder, andererseits durch deren Qualität und Style. Wer möglichst beides vereint, erntet die Lorbeeren.
Tracy 168:"After the colors, the challenge became who could do the biggest piece, the wildest. Then it was top-to-bottom, whole car, whole train. We worked on clouds and flames. We got into lettering. Everybody was trying to develop their own technique. When I would go into a yard (train), the first thing I would do is look around and see who was good. That would be my objective. To burn the best writer in the yard, and I wouldn't leave until I did something better than him."
Die enorme Anzahl an Peaces überforderte die Bahn und so begannen sie mit dem Gegenangriff, indem sie die Writer rücksichtslos verfolgte. Dies führte zum größten Bombing der Geschichte. Whole Cars wurden zur Standartübung und das System war gesprengt. Darunter versteht man, das alle Züge voll sind und die Reinigungsmänner nicht mehr nachkommen, also noch immer mehr gesprüht als entfernt wird, die Sprüher siegen.
Durch den Druck der Zuggesellschaft war man gezwungen Kompromisse in Sachen aufwendigen Style einzugehen und stattdessen Throw ups zu malen, also nur die Umrisse in einer oder zwei Farben mit nur angedeuteter Füllung. Oft wurden die Namen auch auf wenige, meistens zwei Buchstaben gekürzt. So waren die bekannen Namen nun TEE, IZ, DY 167, PI, IN, LE, TO, OI, FI, TI 149, CY, PEO. Man war nun viel schneller bei der Arbeit, das einzige Ziel war der Sieg über die Zugbetreiber.
Throw ups und Whole cars hatten ihren Höhepunkt 1975 bis 1977. Ab dann war wieder Style gefragt.
Graffiti schien außer Kontrolle zu geraten und wurde zum Problem für die Zuggesellschaft und die Stadt:
Zwischen 1970 und 1980 gab die MTA (Metropolitan Transit Authorities) 150 Millionen Dollar aus, um Graffitis zu beseitigen bzw. Sicherheitssysteme zu installieren. Um einen Quadratmeter zu reinigen bedurfte es 750 Dollar, ein Wholecar kostete also 78 000 Dollar.
Auch die Stadt erkannte das Problem und beteiligte sich an der Aktion gegen die Sprüher. Bürgermeister Ed Koch investierte 22,4 Millionen Dollar in neue Sicherheitsanlagen in den Abstellgleisen sowie riesige Stacheldrahtzäune und Wachhunde.
Dies alles stoppte die Writer jedoch nicht, sie fanden immer einen neuen Weg.
Dies veranlasste die MTA 1980 ein neu entwickeltes aggressives chemisches Mittel einzusetzen, das „The Buff“ hieß, um den Lack zu entfernen. Dieses Mittel war fast zu erfolgreich, denn es entfernte nicht nur das Graffiti, sondern auch die Züge selber, sodass furchtbare rostige Züge durch die Gegend fuhren, die viel hässlicher waren als die Graffitis. Dennoch proklamierte die MTA ihren Sieg gegenüber den Sprayern und blieb standhaft. Viele dachten Graffiti wäre nun gestorben.
"There was a time when the Lexington was a beautiful line. When children of the ghetto expressed themselves with art, not with crime. But then as evolution passed, the transits buffing did its blast. Now we wonder if graffiti will ever last..."
-graffiti epitaph by subway writer "Lee", 1980
Strengere Gesetze, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen taten ihr übriges.
Es war ein Krieg gegen die Writer. Und es war ein Fehler, denn so wurden nur die älteren und guten Künstler gefasst, während die kleinen „Kritzler“ davonkamen. Dies hatte einen massiven Qualitätsverlust in der Szene zur Folge, es gab immer weniger Kunst und immer mehr Kritzeleien. Dieser herzlose Transit Crackdown zerstörte die letzten Hoffnungen, die diese Kids hatten.
Die Writer, die davonkamen, dachten daran aufzuhören und viele taten es auch. Sie betätigten sich anderwärtig kreativ in der Kunstbranche wie der Modeindustrie oder in Galerien um ihren Horizont zu erweitern.
Auch ist inzwischen die Kunstszene weltweit auf diese neue „Kunst“ aufmerksam geworden und empfängt die Sprüher mit offenen Armen. Shows und Ausstellungen zeigen DONDI, LEE, ZEPHYR, LADY PINK, DAZE und FUTURA 2000 und stellen die einst geheime Jugenduntergrundbewegung von New York ins Rampenlicht der weltweiten Schickimicki-Kunst-öffentlichkeit.
Ab den Achtzigern wurde das Klima in den Straßen rauer. Crack und Kokain tauchten vermehrt auf und Waffen wurden notwendig und auch leicht zu bekommen.
Es klingt lachhaft aber der Verkauf von Farblacken wurde beschränkt und unterlag strengen Vorschriften. Im Geschäft waren sie in verschlossenen Metallkäfigen versteckt und so vor Diebstahl sicher. Die Strafen für erwischte Sprayer wurden noch härter und ähnlich geahndet wie Mord.
Züge mit Bildern wurden so schnell wie möglich aus dem Verkehr gezogen und gereinigt, so dass die Writer oft gar keinen Sinn mehr darin sahen zu sprühen, da das Werk sowieso keiner sieht.
Doch viele sahen in den neuen Umständen auch eine neue Herausforderung und ließen sich auf den Kampf mit der MTA ein.
Sie spezialisierten sich auf ihren Yard und gingen höchst aggressiv vor, erhoben gar Anspruch auf ihr Territorium. Wer unbewaffnet in den Yard eines anderen eindrang um dort zu sprühen, musste damit rechnen von „Platzhirschen“ zusammengeschlagen und ausgeraubt zu werden.
Körperliche Härte und Zusammenhalt hielten Einzug in Graffiti wie bei Straßengangs. Der One-Tunnel und der Ghost yard wurden Schauplätze legendärer Auseinandersetzungen zwischen Writer Crews und sogenannte Cross out wars brachen unter ihnen aus. Der berühmteste Krieg war zwischen CAP MPC und THE WORLD. Aus diesen Kriegen gingen legendäre Crews hervor.
SKEME, DEZ, TRAP, DELTA, SHARP, SEEN TC5 um nur einige zu nennen.
1986 gewann die Subway endgültig die Oberhand, viele Writer hatten aufgehört und die meisten Linien waren völlig Graffiti-frei. An den Abstellgleisen patrouillierten rund um die Uhr unzählige Securities und der von der Transit Police neu eingerichtete Vandal squad. Graffiti wurde offiziell für tot erklärt.
Auf Seiten der Writer blieben nur eine Handvoll Draufgänger, die die Szene am Leben hielten.
Das war die Geburt dessen was unter Clean Train movement bekannt ist. Die Writer die noch aktiv an der Zugmalerei teilnahmen und sich nicht geschlagen gaben, bezeichnen Subwaymalen als einzige wahre Form des Writens und bezeichnen alle, die Wände, Lieferwagen, Schrottwagen oder ähnliches bemalen als fake writers. Sie lehnen es ab, den Kampf gegen die MTA aufzugeben. COPE2, SENTO TFP, POEM oder YES2 waren einige dieser Clean Train Fraktion.
Die globale Bewegung.
In den frühen Achzigern tourten amerikanische Writer durch Europas Kunstgallerien und Hip Hop erreichte internationale Popularität. Die europäische Jugend verliebte sich in die New York Street Culture. Henry Chalfant und Martha Coopers Buch „Subway Art“ und die Filme „Style Wars“ und „Wild Style“ lösten eine Graffiti und Hip Hop Lawine in Europa aus. Das Buch „Spray Can Art“ dokumentiert die frühen Bewegungen von Dosenkunst überall auf der Erde.
In den späten Achzigern war die Bewegung dann etabliert und marschierte mit voller Kraft voraus. Die zweite Generation der europäischen Sprayer wollten den Kontakt mir ihren Amerikanischen Idolen herstellen und dürsteten auch danach einmal am Geburtsort ihrer Kunst zu malen. So pilgerten unzählige europäische Writer nach NY wie nach Mekka. Sie bombten New York so heftig, dass die Leute dort glaubten, sie seien aus NY. In weiterer Folge fuhren auch viele Amerikaner nach Europa und es entwickelten sich Freundschaften und Verbindungen, wobei die Europäer die amerikanischen Writer dabei mit Farbe versorgten. Für viele Amerikaner war es ganz normal, mal eben am Wochenende nach Italien oder Deutschland zu fahren nur um Züge zu malen.