Habe gestern Nacht ein Interview mit einem General a. D. gesehen. Dieser war auch der Einschätzung, dass die aktuellen Anzeichen darauf hindeuten, dass sich Putin Stand jetzt militärisch verrannt hat, bzw. dass die Invasion nicht so läuft, wie er sich das vorgestellt hat.
Dafür spricht, dass bisher nur ein kleiner Teil der an der Grenze stationierten russischen Truppen von 150.000 - 200.000 Mann die Grenze überquert haben (wie viele genau, weiß man nicht). Offenbar dachte man, dass man recht schnell das ukrainische Militär lahmlegen kann sowie die Regierung ausschalten kann. Dafür spricht auch, dass Putin sich in einer Ansprache an ukrainische Soldaten gerichtet hat, dass sie doch die Waffen niederlegen sollen und man besser mit ihnen verhandeln kann als mit der 'drogenabhängigen und neonazistischen' Regierung. Auch das vermeintliche Eingehen auf diplomatische Gesprächsangebote könnte ein Hinweis sein (auch wenn es deutlich wahrscheinlicher ist, dass das nur ein Vorwand ist).
Gefallene Soldaten auf beiden Seiten lassen sich auch in Russland sehr schlecht rechtfertigen, weshalb Putin versucht haben könnte, mit möglichst wenig Soldaten einzumarschieren und möglichst 'effektiv' vorzugehen mit einem Fokus auf das Ausschalten militärischer Anlagen und der Besetzung von Flughäfen usw. der Ukrainer.
Nichtsdestotrotz sehe ich keine Änderung der aktuellen Situation. Selbst wenn Putin sich das alles einfacher vorgestellt hat, hat er nun auf Lebenszeit sein Gesicht vor der westlichen Welt verloren und ein Rückzug aus der Ukraine bringt ihm auch keine Vorteile mehr, weshalb er wohl durchziehen wird, da das Verhältnis zum Westen auf Jahre nicht mehr normalisiert werden kann, egal ob Russland jetzt weitermacht oder sich zurückzieht. Leider könnte sich aber der Einmarsch wohl noch mal intensivieren, indem Putin auch noch weitere Truppen ins Land einmarschieren lässt, welche ja zur Verfügung stehen. Wenn man noch berücksichtigt, dass Stück für Stück mehr ukrainische Reservisten und Freiwillige bereitstehen und mit Waffen aus dem Westen versorgt werden, könnte sich der Krieg noch einmal verstärken.
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Ich finde es übrigens ein Armutszeugnis, dass auch noch in der jetzigen Situation, in der die Ukrainer mit dem Kopf zur Wand stehen und von den Russen eingeschnürt werden, Deutschland jegliche militärische Hilfe versagt, während andere westliche Länder Unterstützung leisten. In Friedenszeiten kann man diese Haltung noch verstehen, aber in der jetzigen Situation, in der bereits die Lage eskaliert ist und es nicht mehr um diplomatisches Zugehen auf Russland ankommt, sondern die Ukrainer in einem Überlebenskampf stehen, ist das einfach erbärmlich. Und dass etwa Waffenlieferungen die Lage weiter eskalieren könnten oder das Verhältnis zu Russland weiter geschwächt werden könnte, greift nicht mehr. Die Lage ist eskaliert und das Verhältnis zu Russland zerrüttet.
Auch, dass etwa SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich sich gegen jegliche Erhöhung der Verteidigungsausgaben in einer Situation wie dieser stellt, lässt mich ratlos dastehen. Wenn man auch jetzt noch dieser Auffassung ist, hat man wortwörtlich den Schuss nicht gehört und wälzt wieder Verantwortung auf die anderen NATO-Mitgliedstaaten ab und gibt ein klägliches Bild gegenüber den osteuropäischen NATO-Staaten ab.