Minidisco 2001
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Aus dem ersten Soloalbum von Denyo kannte ich
Vaul & Späth,
Spiel 77 und
60 Hz. Den Rest entweder nie gehört oder vergessen. Letzteres ist sehr wahrscheinlich. Denn
Minidisco ist die Musikwerdung der Belanglosigkeit. Trotz zweimaligem Hören wusste ich nicht, was ich zu diesen elf Songs schreiben soll, so egal war mir das alles. Habe dann erstmal
Blast Action Heroes bearbeitet und bin anschließend zu
Minidisco zurückgekehrt. Immer noch nichts. Der Vollständigkeit halber hiermit trotzdem der Versuch, mir eine Bewertung abzuringen.
Denyo rappt unspektakulär über durchschnittliche Beats. Kaum Schnitzer, kaum Highlights. Wenn sich mal ein Song mit Potenzial anbahnt, wird er durch abstoßende Elemente zunichte gemacht (Peta Devlins Gesang im
Mini Intro, nervige Eißfeldt Hook auf
60 Hz). Auffällig ist die Unauffälligkeit der Refrains, die entweder zwischen den Strophen unterzugehen drohen oder aus Freestyle-artigen Singsang bestehen. Diesbezüglicher "Höhepunkt" ist der Song
Debut, quasi eine Bestandsaufnahme gegen Album-Mitte, auf der Denyo die Zuhörer daran erinnert, wo sie hier gerade eigentlich sind:
»Denyo Debuuut, Doppel-7 Debuuut, Denyo Debuuut, also sage es jetzt: Wie fandest du die Platte - die Platte… bis jetzt?« Völlig gaga, völlig sinnlos. Nervig vor allem, weil ich tagelang einen Ohrwurm davon hatte.
Vaul & Späth mit Illo 77, Das Bo und D-Flame ist nicht umsonst bei mir hängengeblieben. Für mich der stärkste Track. D-Flame Hook kommt immer noch gut auf dem Beat und mit viel Wohwollen gehen auch die Parts klar. Das gestellte Battle mit Illo in
Spiel 77 eigentlich auch noch hörbar, trotz ausgelutschtem Konzept und zahlreicher Fremdscham-Lines (
»Spiel du mal Wasserball im Fußbad, du Eichel ohne Vorhaut« - Illo). Denyo dafür mit ungewohnter Schärfe:
»Deine Uromas, Opas, Enkel und wen du noch so kennst/ deine Familie ist ein Scheißverein und du der Präsident!«
Auf
Nazi, Nazi mit Paolo zeigt sich, wie sehr Denyo 2001 raptechnisch hinterher war. Paolo hier locker zwei, drei Klassen über ihm. Immer blöd, wenn der beste Part des Albums vom Featuregast kommt. Kann mir auch vorstellen, dass Denyos komplett ausgewechselte Delivery und Art des Texteschreibens auf
Blast Action Heroes das Ergebnis seiner Auseinandersetzung mit
Minidisco war. Anders kann ich mir die Hinwendung von einem Stil zum anderen innerhalb so kurzer Zeit nicht erklären.
Auf Youtube hat jemand in der Kommentarspalte zu
60 Hz geschrieben:
»Also wer hier keine gänsehaut bekommt, Der pafft zuwenig!« Mag sein. Nüchtern (und
ohne Nostalgiebrille) lockt dieses Album aber keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Zwei völlig egale Sterne.
Schon interessant, dass du "Debut" einerseits zerreisst, andererseits aber auch direkt schreibst, dass du einen Ohrwurm davon hattest. Verrückt, so funktioniert Musik manchmal halt, eine vermeintlich "einfache" Hook und schon hat man sie im Ohr. Jetzt kann man sagen: "Wow, ganz schön catchy, das macht irgendwie Spaß" oder man ist der große Musik-Connaisseur Persona, der Musik anscheinend nach einem Excel-Sheet bewertet und sich dann selbstgeißelnd eingestehen muss, dass "nicht sein kann, was nicht sein darf."
Bevor du dich wieder beleidigt und ge-gaslighted fühlst, schwenke ich dann doch lieber zu einer musikalischen Gegenkritik über:
Ich höre das Album bis heute gerne und zwar aus dem selben Grund, warum du es u. a. ablehnst: Es bleibt im Ohr ohne den Anspruch zu haben, als Referenzwerk oder künstlerische Großtat wahrgenommen zu werden. Minidisco halt, ein kleines, feines Stück Musik.
Irgendwie hat Denyo hier DAS (sein einziges!) Kleinod seiner Solo-Karriere abgeliefert. Dabei geht es auch nicht darum, ob da jetzt die gewitztesten Punchlines oder Wortspiele drauf sind. Konnte Denyo nie, das ist ja nun Konsens hier im Forum, ABER hier hat er einfach zahlreiche Ohrwürmer geschaffen, so dass der Inhalt noch egaler ist als bei anderen Alben:
Das Mini-Intro: Macht einfach Spass, die Stimme von Peta Devlin passt perfekt.
Single Sells: Hab diese Dissonanzen im Beat damals gefeiert und auch heute geht mir das gut rein, den Beat kann man auch heute noch problemlos bringen. Darüber hinaus einfach ist die Hook ein Ohrwurm.
60 hz: Hat für mich Anleihen von "Nie nett" von den Beginnern, kein Highlight, aber auch kein Skip.
LaLaLa: Auch wieder eine Ohrwurm-Hook.
Deutschland: Jan Delay-reggae-inspirierter Beat, Flow gefällt mir auch hier bis heute richtig gut.
Nazi, Nazi: Paolo mit starkem Part, auch Denyos Part gefällt mir.
Debut: Als das Album rauskam, hab ich gerade Zivildienst geschoben und durfte im Frühdienst meist um 5:30 anfangen, so dass ich sehr früh relativ allein auf der Autobahn unterwegs war um zum Dienst zu fahren. Dieses Album lief dabei sehr, sehr häufig und Debut habe ich dabei wirklich immer durchlaufen lassen. Ist natürlich auch nostalgisch aufgeladen, weil ich es mit einem gewissen Punkt im Leben verbinde (bzw. mit dem Fakt, dass ich während dieses Songs müde über leere Straßen gefahren bin), aber auch ohne entsprechende rosarote Brille ist das ein guter Song.
Vaul & Späth: Richtig guter Song, definitiv einer der Album-Highlights, die Flamme auf jeden Fall on Point.
Spiel 77: Wenn es für mich einen Skip-Track gab, dann noch am ehesten diesen.
Was nun?: Das war doch sogar eine Singleauskopplung, oder? So Thementracks sind immer schwierig, wenn man sowas nicht mag, kann das catchy sein wie sonst was, es bringt nix. Meinst ist sowas nicht, für das, was es ist, ist es aber auch nicht schlechter als vergleichbare Deutschrap-Ergüsse.
So bin ich: Würdiger Abschluss eines Albums, was ich damals richtig, richtig gut fand.....und auch problemlos den heutigen Check besteht.
Fazit:
Insgesamt ist das Album eine runde, kohärente Gesamtsache und insbesondere auch sehr gut produziert. Dass das ganze Ding nur 11 Anspielpunkte hat, ist durchaus positiv zu werten.
Nach der Sterntabelle hier 4/5 Sternen und - neben Searching for the Jan Soul Rebels - tatsächlich das beste Solo-Werk der Beginner.