Frauen als Imam?
Zunächst ist einmal der Sprachgebrauch des Wortes Imam zu klären (vor- und nach-abbassidisch, schi'itisch, kharijitisch usw.), und insofern geht es hier um die Leitung von Gebeten, aber andere Konnotationen wie "Leiter einer Gemeinschaft", "führendes Vorbild" usw. spielen im Hintergrund weiter eine Rolle.
In den Rechtsschulen ist es ziemlich umstritten, ob eine Frau überhaupt Gebete leiten sollte, auch für Frauen. Der Grund dafür ist irgendwo in der Kulturgeschichte zu suchen und wäre ein Forschungsprojekt wert. Er liegt allerdings nicht in der Sunna des Propheten (s), denn zu seiner Zeit war es selbstverständlich, dass Frauengruppen gemeinsam beteten und von einer Frau geleitet wurden. Die ebenfalls umstrittene Anweisung, dass der (die!) Imam dann in der Mitte der ersten Reihe stehen soll (das kann übrigens ein männlicher Imam auch - zumindest dann, wenn wenig Platz vorhanden ist oder andere besondere Gründe vorliegen), ist möglicherweise ein Zugeständnis für schüchterne junge Mädchen, die verunsichert werden, wenn sie ganz allein da vorn stehen sollen.
Das Hadith bei Ibn Majah, nach dem einer Frau verboten ist, das Gebet für einen Mann zu leiten, entspricht einer Strömung von anderen Überlieferungen, die es Frauen verbieten, verantwortliche Positionen in der Gesellschaft zu übernehmen. Die ganze Strömung wiederum widerspricht den Überlieferungen von der Praxis des Propheten (s) und der ersten vier Kalifen, darunter der Ernennung von Umm Waraqa, die den Koran auswendig kannte und eine wichtige Gelehrte war, zum Imam für ihre Sippe (offensichtlich in der lokalen Moschee des Sippenwohnviertels). Sie hatte einen Muezzin, der die Leute zum Gebet rief (das ist auch wieder sehr interpretierbar, aber m. E. hat es praktische Gründe), und sie leitete regelmässing die Gebete bis in die Regierungszeit von 'Umar hinein, dann starb sie. Dieser Bericht, der bei Ahmad und Baihaqi überliefert wurde, wird eigenartigerweise bei solchen Abhandlungen nicht berücksichtigt, und die beiden Sammlungen sind auch nie in eine europäische Sprache übersetzt worden.
Von hier ab ist nun alles eine Frage der Interpretation:
a) Die Überlieferung ist gefälscht, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.
b) Umm Waraqa war eben einmalig, und der Prophet (s) wird schon wissen, warum er sie beauftragt hat, während wir keine Ahnung haben.
c) Das bedeutet, dass eine Frau innerhalb ihrer Familie Gebete leiten kann, nicht aber in der Öffentlichkeit. In der Tat gibt es in der islamischen Welt einige traditionelle Strömungen, die dies für möglich halten.
d) Das bedeutet, dass eine Frau grundsätzlich Gebete leiten kann und die Bedingung für diese Funktion ebenso wie bei einem Mann daran gebunden ist, dass sie die erforderlichen Kenntnisse hat, von der Gemeinschaft akzeptiert wird und selbst dazu bereit ist. Hintergrund dieser Interpretation ist die Annahme, dass zu einer Großfamilie zur Prophetenzeit nicht nur unmittelbare Familienangehörige ("mahram") zählten, sondern auch freigelassene Sklaven und Gäste, also schon eine gewisse Öffentlichkeit". Sie knüpft weiterhin an die Berichte an, nach denen Frauen durchaus öffentliche Tätigkeiten ausübten, indem sie z.B. lehrten (und zwar durchaus erwachsene Männer! Belegmaterial findet man, wenn man Lehrer-Schüler-Ketten verfolgt), politisch tätig waren und bisweilen sogar ein Amt innehatten ('Umar ernannte eine Frau zur Gewerbeaufsicht), ein Phänomen, das in völliger Übereinstimmung zur Sure 9 Vers 71 steht. Dementsprechend müsste man zu der jeweils der Zeit entsprechenden Regelung kommen können.