Film Diskussionen [Kino, TV]

_Bear_

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Ist doch gut, die Bewertung können dann immerhin Rechenmaschinen übernehmen.
 

Sandmann da MC

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Wie will man denn eigentlich dieses LGBTQ+-Ding überprüfen? Da kann doch einfach jeder, der irgendetwas mit dem Film zu tun hat, behaupten, er sei homosexuell.

Auch sonst ist das doch total manipulierbar und man kann beispielsweise irgendwelche Strohmänner einstellen, die in Wirklichkeit aber gar nichts zu sagen haben.
 

_Bear_

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Ne, soweit ich informiert bin, muss jeder Schauspieler einen offiziellen Nachweis vorzeigen. Ggf. werden Zeugenaussagen von früheren Sexualpartnern herangezogen.
 

_Bear_

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Mal ne Frage. Tut ihr gerade so, als seien die Oscars(?) jemals eine auf den ästhetischen Wert von Filmen gerichtete Veranstaltung gewesen?
 

Remraf781

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Mal ne Frage. Tut ihr gerade so, als seien die Oscars(?) jemals eine auf den ästhetischen Wert von Filmen gerichtete Veranstaltung gewesen?
Natürlich nicht, aber neben der politischen Dimension bedeutet das einfach noch mehr diversewashing in Hollywoodproduktionen, die ja bei aller Redundanz doch die einzigen sind, die große Projekte stemmen können (aktuell zum Beispiel Dune) — sprich noch weniger gute große Filme im Kino.
 

_Bear_

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Nun vielleicht doch etwas zu VITALINA VARELA (2019) von Pedro Costa. Vorsicht, TuRo.

Mein zweiter Costa war es und es war wohl wichtig, dass es mein zweiter war. Der 1994 erschienene und von mir zuerst gesehene CASA DE LAVA funktioniert nämlich wunderbar als eine Art Vorgeschichte. Ein migrantischer Arbeiter namens Leão schuftet auf einem Bau in Lissabon. Er fällt von einem Haus oder stürzt sich davon herunter, so genau wissen wir das nicht. Er überlebt den Fall und liegt daraufhin im Koma. Es wird entschlossen, ihn in sein Heimatdorf in Kap Verde zu verlagern und die zuständige Krankenschwester Mariana (bereits jetzt mein #2 Filmcrush nach Jean Seberg in Godards ATEMLOS) besteht darauf, ihm zu folgen. Wichtig für VITALINA VARELA ist nur, dass nun in Kap Verde die Arbeitsmigration nach Portugal immer wieder zum Thema wird und den gesamten Film durchzieht.

In VITALINA VARELA bekommen wir die andere Seite zu Gesicht. Nicht Kap Verde ist der Schauplatz, sondern ein Arbeiterviertel in Lissabon. Eine Frau namens Vitalina erlangt ein Flugticket, um ihren Mann, der vor zwanzig Jahren nach Lissabon migrierte, wiederzusehen. Dort angekommen wird ihr mitgeteilt, dass seine Beerdigung vor wenigen Tagen stattgefunden hat und sie wieder nach Hause gehen sollte. Sie entscheidet sich zu bleiben und was folgt sind bedrückende Stunden der Trauer, Wut und Hoffnungslosigkeit.

Das Monumentale dieses Films geschieht auf der Darstellungsebene. Ein wahrlicher Film für das Kino. Die Bilder, die uns hier geboten werden, sind allesamt der bildenden Kunst angelehnt. Jede Einstellung ist ein filmisches Gemälde. Wir kennen das von BARRY LYNDON oder aus den Filmen Tarkovskys. Bei BARRY LYNDON haben wir aber stets eine in Bewegung befindliche Kamera. Sie zoomt, fährt nach links oder rechts, schwebt über den Leuten und das alles, während die Charaktere selbst relativ unbeweglich sind. BARRY LYNDON zeigt immer wieder, wie man mit bewegten Bildern Stillleben einfangen kann. VITALINA VARELA kehrt diese Logik gewissermaßen um. Hier bewegt sich die Kamera nie. Sie ist dabei stets so platziert, dass keine einzige Bewegung den Gemäldecharakter des Gezeigten zerstören kann. Und es wird sich bewegt. Diese Bewegungen sind bedeutsam, sie spielen mit viel Schatten und wenig Licht. Menschen treten aus dem Hintergrund hervor, verdunkeln dadurch anderes. Einst sichtbare Hände werden dadurch unsichtbar, dafür zeigt sich das Gesicht eines anderen Charakters etc. Wir haben es also eher mit einer Abfolge von– verzeiht dieses Wortspiel –Lautleben zu tun. Fest steht, hier ist ein Meister im Bildaufbau am Werk. Man könnte meinen, Pedro Costa läuft damit Gefahr in einen inhaltsleeren Ästhetizismus abzudriften, weil er das Leid der Kap Verdischen Migranten bloß als auswechselbare Leinwand für sein Spiel von Schatten und Licht verwendet oder "schlimmer", die schrecklichen Zustände verharmlost, indem er durch seine Kameraeinstellungen die Schönheit des Hässlichen zelebriert. Ich denke, das ist nicht der Fall.

Ja, die Bilder des verwahrlosten Stadtteils sind großartig. Ja, man könnte auch anderes auf ähnliche Weise filmen. Aber die Form ist doch auch sehr präzise auf den Inhalt zugeschnitten. Dieses Arbeiterviertel ist ein trost- und gottloser Ort, an dem kaum Menschen wirklich zu sehen sind. Der größte Teil des Bildschirms ist dunkel, man bekommt Silhouetten zu Gesicht, Umrisse, erahnt Dimensionen von Räumen. Es sind keine weitläufigen Panorama, sondern bedrückende Orte der Klaustrophobie. Wir bekommen zwar am Anfang des Films einen Flughafen gezeigt – auch hier wieder erdrückende Bilder, diesmal von Technik – wir sehen aber nicht, wie man von dem Flughafen zum Arbeiterviertel gelangt. Nicht durch eine Straße oder einen Feldweg, nur durch einen "Zauber" - im Film nennt man das Schnitt - gelangen wir und Vitalina in das Haus ihres verstorbenen Ehemanns. Wir sehen auch keine Großaufnahmen des Viertels, keine Bilder wie wir sie von brasilianischen Favelas kennen. Wir sehen immer nur beklemmende dunkle Räume, Straßen, Mauern, Türen. Alles wirkt wie hermetisch abgeriegelt. Nicht einmal das Licht dringt wirklich ein.

Diese Hermetik des Viertels zeigt sich auf der inhaltlichen Ebene sehr schön bei der Figur des örtlichen Priesters. Auf die Frage, ob er denn Angst habe, antwortet dieser sinngemäß: auch im Himmel kann man noch Angst haben. Die 'Angst' ist keine adäquate Kategorie für seine Verzweiflung, sie liegt auf einer anderen Ebene, denn auch Erlöste können noch Angst haben. Der Priester jedoch hat jeden Glauben an Erlösung aufgegeben, er hat jeglichen Glauben verloren. Nicht einmal Gott durchdringt die Hermetik dieses Ortes. Visuell wird dies in einer Szene verdeutlicht, in der der Priester durch Gitterstäbe hindurch gefilmt wird, die dabei wie ein Heiligenschein wirken. Nach seinem Monolog verschwindet der Priester die Treppen hinauf, der verrostete Heiligenschein bleibt ungetragen.
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Das Licht und das weite Panorama bekommen wir erst am Ende gezeigt. Wenn es auch für das Auge eine großartige Erfahrung darstellt, so darf man das nicht mit einem Happy End verwechseln. Denn wo bekommen wir das Licht, das Panorama und somit den symbolischen Ausbruch aus dem hermetischen Viertel gezeigt? Bei der Arbeit und auf dem Friedhof.

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"Glückselig sind die Weinenden; sie werden getröstet".
 
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BuddyHolly

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Der unterdurchschnittliche "Dying of the Light" hat mich nicht auf den vergnüglichen "Dog Eat Dog" vorbereiten können, schon gar nicht auf die ungehemmte Gewaltdarstellung, der Regisseur Paul Schrader sich hier bedient. Der beste Gangsterfilm, den ich seit einiger Zeit gesehen habe, kann zwar letztendlich nicht mit der wahnwitzigen Eingangssequenz Schritt halten, operiert jedoch durchgehend auf hohem und höchstem Niveau. Die imdb-Wertung ist ein Witz, wahrscheinlich war's dem Krimipublikum wieder zu "unrealistisch". "Where's the thing you put in the baby's mouth? What's it called?” - "A dick?"
 
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