Wofür ich bin ist da doch zweitrangig, ich finde sowas muss von der Community, in der so ein Werk steht und gesehen wird, primär entschieden werden. Das war hier der Fall. Das Ding wird runtergenommen weil es die Kombination Lincoln & Sklave ist, die man anstößig finden kann. Ein "normaler" Lincoln, wie er auch in Washington oder sonstwo steht, hätte mit Sicherheit nicht die selbe Aufregung erzeugt. Zumal es sich bei der Statue in Boston sowieso nur um ein Replikat der Originalstatue handelt, die in DC steht.
Und ja, vielleicht muss man Statuen anderer Figuren, die historisch verklärt und mythologisiert wurden, ebenfalls mit mehr Kontext versehen. Das wäre folgerichtig und würde auch niemandem schaden. Ein weiteres prominentes Beispiel aus der US Geschichte ist Thomas Jefferson, bei dem man aufgrund seiner Rolle als Gründervater die längste Zeit vornehm darüber geschwiegen hat, dass er selbst Sklavenhalter war und bei dem es viele Jahrzehnte dauerte, bis endlich auch von offiziellen Stellen zugegeben wurde, dass er ein Verhältnis mit einer seiner Sklavinnen hatte und mit ihr mehrere Kinder zeugte. Viele Amerikaner wissen das bis heute nicht, weil es im Geschichtsunterricht unterschlagen wird und Jefferson die strahlende Figur ist, die die Unabhängigkeitserklärung geschrieben hat und dem es um die Freiheit der Individuen ging. Und wenn man von Lincoln, Jefferson, Washington und Co. denkt das seine mythische Helden aus den guten alten Tagen dann fällt es einem auch leichter sich zu echauffieren wenn diese unsäglichen, undankbaren Schwarzen auf einmal den guten alten Abe abreißen wollen. Merkst du was?
Nur als FY, Frederick Douglass:
“The negro here, though rising, is still on his knees and nude,” the civil rights campaigner wrote to the National Republican newspaper in 1876, about the statue of Abraham Lincoln, the 16th president, standing over a man who has broken his chains.
“What I want to see before I die is a monument representing the negro, not couchant on his knees like a four-footed animal, but erect on his feet like a man.”
https://www.smithsonianmag.com/history/what-frederick-douglass-had-say-about-monuments-180975225/
Ich verstehe auch nicht wie Du trotz der anders deutenden historischen Faktenlage noch weiter darauf herumreiten willst, dass Lincoln "wie kaum ein anderer für die Freiheit" der Sklaven kämpfte, als wäre das sein Lebensziel gewesen. Das ist einfach so nicht zutreffend und es spielt sehr wohl eine Rolle, mit welchen Beweggründen er das gemacht hat, insbesondere für die Afroamerikaner, deren Freund er eben nicht in dem Maße war. Man sollte verstehen, dass man mit dem heutigen Wissen und dem Zustand, in dem sich die Race Relations in den USA heute noch befinden, einem solchen Mann als nicht-weiße Person nicht den selben Tribut zollen möchte wie es die Mehrheit der weißen Amerikaner tut.
Lincoln war ein großer Präsident aber nicht wegen seiner Liebe zu den Sklaven und das muss in Kontext gesetzt werden.
Die Beratungen wie man die Statue in anderem Kontext darstellen kann laufen ja noch und sowas braucht in der Regel Zeit weil man es a) mit den Leuten von der Petition abstimmen und b) die nötige historische Expertise einholen muss um daraus was zu bauen was der Problematik Rechnung trägt.
Das ist ein sehr anstrengendes und nerviges Argument das vor allem gerne dann angewendet wird wenn es um die Rechte und Interessen unterdrückter Gruppen geht, insbesondere der schwarzen Bevölkerung.
Sie sollen bloß nicht zu viel verlangen, bloß nicht aus der Reihe tanzen, denn sonst kommt alles noch viel schlimmer. In einem Land, in dem die Verhältnisse sich seit Jim Crow und Segregation in vielen Belangen nur geringfügig gebessert haben und wo Leute, die als Kinder im segregierten Süden aufgewachsen sind heute noch leben, wählen gehen und den internalisierten Rassismus aus dieser Zeit teilweise offen ausleben sollten solche Debatten geführt werden weil es nötig ist. Die "machen wir weiter wie bisher wir wollen die Weißen nicht zu sehr schocken sonst machen sie am Ende noch was Schlimmes" Taktik wurde lange genug durchgeführt und hat wenig gebracht. Es gibt in New Orleans und andernorts immer noch Schulen, die nach lokalprominenten Sklavenhaltern benannt sind, auf die mehrheitlich schwarze Schüler gehen. Ebenso Straßennamen in sozialschwachen Vierteln. Wie sich das anfühlt kann man als weißer Mensch gar nicht nachvollziehen (man kann es versuchen aber es wird nicht an die Realität rankommen).
Ich finde das unter aller Sau wenn man von Leuten, die in der Tat über lange Zeit systemisch unterjocht wurden (und zum Teil noch werden) sagt, sie sollen halt noch ein bisschen warten und bloß nicht aufmucken weil sonst kommts Dicke. 40 Acres and a Mule sind wohl in der Post verloren gegangen. Abgesehen davon dass es der selbe Anspruch war, den man im Jim Crow Süden hatte. Die Schwarzen sollen gefälligst ihr Maul halten und nicht auffallen oder schief gucken, sonst werden sie vielleicht abgeholt (Emmett Till lässt grüßen und der ist nur der prominenteste Fall, geh mal ins National Museum of African American History & Culture).
Ich kann die Wut in den Köpfen vieler Afroamerikaner verstehen, die Intoleranz und das Draufhauen der weißen, konservativen Mehrheit nicht. Es braucht eine offene Auseinandersetzung mit der Gänze der amerikanischen Geschichte und dazu gehört dass ein großer Teil des Landes auf Kosten der Sklaven und nicht zuletzt auch der Native Americans aufgebaut wurde. Wer das verleugnet tut das aus egoistischen, für mich zweifelhaften Gründen.
Gleiches gilt für große Teile der europäischen (und deutschen) Kolonialgeschichte, aber bei uns ist es zum Glück nicht so krass wie in den USA.