Die Deutsche Nationalmannschaft - Merci Jogi!

Sorbit

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30. Nov 2017
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Uns Marco

I
In der 61. Minute wechselte Hansi Flick die Zukunft ein. Jamal Musiala, 18, und Florian Wirtz, ebenfalls erst 18 Jahre alt, betraten den Platz. Zehn Minuten später folgte das Nationalmannschaftsdebüt von Karim Adeyemi, 19 Jahre. Weitere 20 Minuten später zeigten Wirtz und Adeyemi, warum sie für eine verheißungsvolle Zukunft des deutschen Fußballs stehen: Mit einer blitzsauberen, trickreichen und schnell gespielten Kombination koproduzierten sie das 6:0. Der Endstand an einem Abend, der hielt, was sich viele schon von Hansi Flicks Bundestrainer-Debüt gegen Liechtenstein versprochen hatten: Spielfreude, Zielstrebigkeit, phasenweise mitreißenden Offensivfußball.
Dass all dies nun gegen Armenien nicht nur aufblitzte, sondern von Anfang bis Ende das Spiel der deutschen Mannschaft kennzeichnete, lag sicher auch daran, dass der Gegner mit dem Selbstverständnis des Tabellenführers der WM-Qualifikationsgruppe J angereist war und sich anders als die Amateure aus Liechtenstein nicht aufs Verbarrikadieren des eigenen Strafraums verlegen wollte. Es lag aber auch an einem, der in jener 61. Minute Platz machte für den Nachwuchs: Sein Name ist Marco Reus, er ist 32 Jahre alt und er zeigte gegen Armenien, wie wichtig auch er in Zukunft für das deutsche Spiel sein kann. Dabei erschien es bis vor kurzem fraglich, ob es überhaupt noch einmal etwas werden würde mit der Nationalmannschaftskarriere von Marco Reus.

Reus und die Nationalelf: eine tragische Geschichte​

Denn die Geschichte von Reus und der Nationalelf ist vor allem eines: tragisch. Und sie fing schon nicht gut an: Seine ersten vier Einladungen zwischen Mai 2010 und August 2011 musste er allesamt verletzungsbedingt ausschlagen. Als er dann das erste Mal mit dabei war, musste er 90 Minuten von der Bank aus zusehen, wie seine Teamkollegen in Stuttgart gegen Brasilien brillierten und erahnen ließen, dass es drei Jahre später im Land des Gegners tatsächlich etwas werden könnte mit dem WM-Titel.
Doch als es soweit war, war Marco Reus wieder einmal zum Zuschauen verdammt. Vor dem Turnier als einer der Hoffnungsträger der Mannschaft gehandelt, verletzte er sich im letzten Testspiel schwer am Sprunggelenk und musste wieder einmal passen. Der Gegner damals übrigens: Armenien. Auch die EM 2016 verpasste er verletzungsbedingt, lediglich bei den Turnieren 2012 und 2018 zählte Reus zum deutschen Kader, allerdings nicht als Stammspieler.

Einer der besten Spieler im letzten Drittel​

Die Teilnahme an der EM in diesem Sommer sagte er in Absprache mit Jogi Löw von sich aus ab – um „meinem Körper Zeit zu geben, um sich zu erholen.“ Manch einer wollte darin schon eine Art Gentlemen’s Agreement erkennen, eine elegante Abmoderation der unglücklichen Ära Reus in der Nationalmannschaft.
Von wegen!
"Nicht einen Gedanken“ habe er an ein Ende seiner Nationalmannschaftskarriere verschwendet, sagte Reus jüngst. Im Gegenteil: Die Pause habe ihm richtig gut getan. Endlich konnte er einmal eine komplette Vorbereitung absolvieren, nun fühle er sich „sehr gut, frisch und fit“. Das kommt Hansi Flick entgegen. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger ist der neue Bundestrainer ein treuer Anhänger des pragmatischen Leistungsprinzips. Heißt: Die besten sollen spielen, unabhängig von Alter, Verdiensten oder grundsätzlichen ideologischen Überlegungen. Und Marco Reus hält Hansi Flick für „einen der besten Spieler im letzten Drittel, der eine enorme Technik hat, den letzten Pass geben kann, der es versteht, sich freizulaufen, in die Tiefe startet und die gegnerische Abwehr aufreißen kann durch seine Art und Weise, wie er Fußball spielt.“

Wie Reus der deutschen Mannschaft hilft​

Wie richtig der Bundestrainer mit dieser Einschätzung liegt, zeigte Reus im Spiel gegen Armenien. Dort hatte Flick ihn im Zentrum bestellt, hinter Stürmer Timo Werner. Und Reus lieferte. Gab den letzten Pass, wie vor dem 2:0 durch Serge Gnabry. Verstand es, sich freizulaufen wie beim 3:0, das er selbst erzielte. Und riss Armeniens Abwehr immer wieder auf, durch die Art und Weise, wie er Fußball spielt.
Diese Art und Weise ist bei Marco Reus seit jeher von Leichtfüßigkeit geprägt. Der Dortmunder ist in der Lage, Gegner mit kleinsten Bewegungen ins Leere laufen zu lassen. Ihm zuzusehen macht auch deshalb so viel Spaß, weil es ihm gelingt, seine Aktionen spielerisch leicht aussehen zu lassen. Er ist ein Spieler, für den die Leute ins Stadion kommen. Nicht, weil alles, was er macht das pure Spektakel ist. Sondern, weil er dem Spiel als solchem guttut, ihm Tiefe und Schönheit verleiht, als entscheidender Teil eines Ganzen. Das macht ihn gleichzeitig zu einem Spieler, der die Menschen mitfühlen lässt, wenn er wieder einmal verletzt ausfällt. Weil sie dann spüren, wie furchtbar ungerecht der Fußball sein kann, wenn einer derjenigen, der das Spiel an sich besser macht, so häufig davon ausgeschlossen wird.

Geduld, Geschick und Gespür​

Gegen Armenien zeigte Marco Reus darüber hinaus allerdings noch eine weitere Komponente seines Spiels: Er, der sich in der Vergangenheit auch schon den Vorwurf gefallen lassen musste, zu still für einen Führungsspieler zu sein, gab bei seinem Startelf-Comeback in der deutschen Offensive zahlreiche Kommandos.
Damit könnte er auch in Zukunft ein wichtiger Teil der deutschen Nationalmannschaft sein. Denn um auch gegen Gegner zu glänzen, die sich nicht so bereitwillig herspielen lassen wie die Armenier, braucht es mehr als die jugendliche Unbekümmertheit von Musiala, Wirtz oder Adeyemi. Dann braucht es Geduld, Geschick und das Gespür für das richtige Tempo. Auch das sind Qualitäten, die Marco Reus mitbringt.
Zum Abschluss ein Vergleich, der in keiner Weise despektierlich gemeint ist, auch wenn er vielleicht zunächst so anmutet: Wer schon einmal selbst Fußball gespielt hat, und sei es nur in der Kreisliga, der weiß, dass es Spieler gibt, die das eigene Spiel besser machen. Weil sie erfahren sind und einem sagen, wie man zu laufen hat. Weil sie in der Lage sind, einen so in Szene zu setzen, dass man die eigenen Stärken perfekt ausspielen kann. Weil sie wissen, wann es an der Zeit ist, das Tempo auch mal herauszunehmen. Häufig, fast immer, spielen diese Spieler auf der Zehn. So wie Marco Reus gegen Armenien.
 
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