Kategorien
Special

MZEE Recap 2025: #14 "Sylt" von Dahabflex & Erzin

2025 ist vor­bei, aber man­che Tracks und Alben blei­ben uns im Gedächt­nis – und in unse­ren Play­lists. Im MZEE Recap 2025 stel­len wir Euch noch mal musi­ka­li­sche Wer­ke vor, die uns beson­ders beein­druckt haben. Heu­te: "Sylt" von Dahab­flex & Erzin.

Schon wie­der hat ein neu­es Jahr begon­nen – schon wie­der gab es in den letz­ten Wochen musi­ka­li­sche Jah­res­bes­ten­lis­ten auf die Ohren, so weit das Auge reicht. Ob gene­rell Musik oder "nur" Rap, ob Alben oder Tracks – alles wur­de rauf und run­ter bewer­tet, als gäb's kein Mor­gen mehr. Da machen wir natür­lich mit! … klei­ner Scherz. Aber: Über man­che Songs und Alben möch­ten wir doch noch ein paar Wor­te ver­lie­ren. Musi­ka­li­sche Wer­ke, die uns im ver­gan­ge­nen Jahr im Bereich Rap, vor­nehm­lich deut­schem Rap, begeis­tert und beein­druckt haben. Die in uns etwas aus­ge­löst und uns bewegt haben. Oder die wir aus irgend­ei­nem wei­te­ren Grund, den wir Euch ger­ne ver­ra­ten, noch ein­mal beson­ders her­vor­he­ben möch­ten. In die­sem Sin­ne: Vor­hang auf für unse­ren Jah­res­rück­blick, ver­packt in die schö­ne Hül­le des musi­ka­li­schen MZEE Recaps 2025.

 

Sylt gehört uns, Sylt wird enteignet.
Denn wir kön­nen uns die Rei­chen nicht mehr leisten.

Manch­mal soll­te Rap pro­vo­zie­ren. Vor allem dann, wenn die Rea­li­tät selbst schon eine Zumu­tung ist. Dahab­flex & Erzin machen mit "Sylt", pro­du­ziert von honey, genau das. Der Track nimmt einen Vor­fall auf, der 2024 sehr deut­lich gezeigt hat, in wel­che Rich­tung sich Tei­le die­ses Lan­des gera­de bewe­gen. Ein Track, der nicht nur musi­ka­lisch funk­tio­niert, son­dern eine Debat­te auf­greift, die viel grö­ßer ist als ein ein­zel­ner Moment.

Der Song bezieht sich auf den Vor­fall auf Sylt im Früh­jahr 2024. Im Club "Pony" gröl­ten Gäs­te zu dem 90er-​Hit "L'amour tou­jours" von Gigi D'Agostino ras­sis­ti­sche Paro­len und zeig­ten öffent­lich den Hit­ler­gruß. Inmit­ten einer fei­ern­den Men­ge. Nicht im Hin­ter­zim­mer, son­dern mit­ten auf der Tanz­flä­che. Die Vide­os, die spä­ter im Netz kur­sier­ten, mach­ten den Moment erst wirk­lich sicht­bar. Sie lös­ten Ent­las­sun­gen aus, Empö­rung, akti­vier­ten aber auch eine Rei­he von Nach­ah­mern, die den Miss­brauch der Melo­die wei­ter­tru­gen. Der Abend zeig­te, wie leicht rech­tes Gedan­ken­gut aus­ge­spro­chen wer­den kann, sobald die Umge­bung weg­schaut. Und wie bequem man es sich macht, wenn man davon nicht betrof­fen ist. Es waren kei­ne Klischee-​Nazis in Bom­ber­ja­cken und Sprin­ger­stie­feln, son­dern jun­ge Erwach­se­ne, ent­spannt beim Fei­ern. "Sylt" ist die Ant­wort dar­auf. Und zwar ohne Umwe­ge. Dahab­flex & Erzin dre­hen den Spieß um und machen aus einer wider­li­chen Sze­ne eine Kampf­an­sa­ge. Sie ste­hen schon län­ger für eine poli­ti­sche Hal­tung, die sich nicht weg­dreht. Bei­de arbei­ten mit einer poli­ti­schen Direkt­heit, die man in ihren ver­gan­ge­nen Releases immer wie­der fin­det. Sie grei­fen sozia­le Ungleich­heit, Klas­sis­mus und ras­sis­ti­sche Struk­tu­ren an und ver­bin­den das mit einer kla­ren Sprache.

Der Song ist für mich des­halb so stark, weil er deut­lich macht: Es reicht nicht, sich ein­fach mit Kopf­hö­rern weg­zu­dre­hen, wenn Hass laut wird. Rap kann auch Ver­ant­wor­tung über­neh­men. Kla­re Hal­tung ist nötig, wenn rech­te Bil­der wie­der im All­tag auf­tau­chen. Ich konn­te "L'amour tou­jours" lan­ge nicht mehr hören, ohne Bauch­schmer­zen zu bekom­men. Die­ser Track hat das ver­än­dert. Des­halb gehört "Sylt" für mich in den Jah­res­rück­blick. Nicht als ein­fa­cher Par­ty­song. Son­dern als kla­re War­nung und als Auf­ruf, nicht lei­se zu blei­ben, wenn sol­che Bil­der wie­der auftauchen.

(Vivi­en Araya)