Schon wieder hat ein neues Jahr begonnen – schon wieder gab es in den letzten Wochen musikalische Jahresbestenlisten auf die Ohren, so weit das Auge reicht. Ob generell Musik oder "nur" Rap, ob Alben oder Tracks – alles wurde rauf und runter bewertet, als gäb's kein Morgen mehr. Da machen wir natürlich mit! … kleiner Scherz. Aber: Über manche Songs und Alben möchten wir doch noch ein paar Worte verlieren. Musikalische Werke, die uns im vergangenen Jahr im Bereich Rap, vornehmlich deutschem Rap, begeistert und beeindruckt haben. Die in uns etwas ausgelöst und uns bewegt haben. Oder die wir aus irgendeinem weiteren Grund, den wir Euch gerne verraten, noch einmal besonders hervorheben möchten. In diesem Sinne: Vorhang auf für unseren Jahresrückblick, verpackt in die schöne Hülle des musikalischen MZEE Recaps 2025.
Sylt gehört uns, Sylt wird enteignet.
Denn wir können uns die Reichen nicht mehr leisten.
Manchmal sollte Rap provozieren. Vor allem dann, wenn die Realität selbst schon eine Zumutung ist. Dahabflex & Erzin machen mit "Sylt", produziert von honey, genau das. Der Track nimmt einen Vorfall auf, der 2024 sehr deutlich gezeigt hat, in welche Richtung sich Teile dieses Landes gerade bewegen. Ein Track, der nicht nur musikalisch funktioniert, sondern eine Debatte aufgreift, die viel größer ist als ein einzelner Moment.
Der Song bezieht sich auf den Vorfall auf Sylt im Frühjahr 2024. Im Club "Pony" grölten Gäste zu dem 90er-Hit "L'amour toujours" von Gigi D'Agostino rassistische Parolen und zeigten öffentlich den Hitlergruß. Inmitten einer feiernden Menge. Nicht im Hinterzimmer, sondern mitten auf der Tanzfläche. Die Videos, die später im Netz kursierten, machten den Moment erst wirklich sichtbar. Sie lösten Entlassungen aus, Empörung, aktivierten aber auch eine Reihe von Nachahmern, die den Missbrauch der Melodie weitertrugen. Der Abend zeigte, wie leicht rechtes Gedankengut ausgesprochen werden kann, sobald die Umgebung wegschaut. Und wie bequem man es sich macht, wenn man davon nicht betroffen ist. Es waren keine Klischee-Nazis in Bomberjacken und Springerstiefeln, sondern junge Erwachsene, entspannt beim Feiern. "Sylt" ist die Antwort darauf. Und zwar ohne Umwege. Dahabflex & Erzin drehen den Spieß um und machen aus einer widerlichen Szene eine Kampfansage. Sie stehen schon länger für eine politische Haltung, die sich nicht wegdreht. Beide arbeiten mit einer politischen Direktheit, die man in ihren vergangenen Releases immer wieder findet. Sie greifen soziale Ungleichheit, Klassismus und rassistische Strukturen an und verbinden das mit einer klaren Sprache.
Der Song ist für mich deshalb so stark, weil er deutlich macht: Es reicht nicht, sich einfach mit Kopfhörern wegzudrehen, wenn Hass laut wird. Rap kann auch Verantwortung übernehmen. Klare Haltung ist nötig, wenn rechte Bilder wieder im Alltag auftauchen. Ich konnte "L'amour toujours" lange nicht mehr hören, ohne Bauchschmerzen zu bekommen. Dieser Track hat das verändert. Deshalb gehört "Sylt" für mich in den Jahresrückblick. Nicht als einfacher Partysong. Sondern als klare Warnung und als Aufruf, nicht leise zu bleiben, wenn solche Bilder wieder auftauchen.
(Vivien Araya)