Schon wieder hat ein neues Jahr begonnen – schon wieder gab es in den letzten Wochen musikalische Jahresbestenlisten auf die Ohren, so weit das Auge reicht. Ob generell Musik oder "nur" Rap, ob Alben oder Tracks – alles wurde rauf und runter bewertet, als gäb's kein Morgen mehr. Da machen wir natürlich mit! … kleiner Scherz. Aber: Über manche Songs und Alben möchten wir doch noch ein paar Worte verlieren. Musikalische Werke, die uns im vergangenen Jahr im Bereich Rap, vornehmlich deutschem Rap, begeistert und beeindruckt haben. Die in uns etwas ausgelöst und uns bewegt haben. Oder die wir aus irgendeinem weiteren Grund, den wir Euch gerne verraten, noch einmal besonders hervorheben möchten. In diesem Sinne: Vorhang auf für unseren Jahresrückblick, verpackt in die schöne Hülle des musikalischen MZEE Recaps 2025.
Ich hab' keine Wut im Bauch.
Ich hab' Wut im Kopf.
Als ich mich den 38 Minuten "Böse Wörter" von Audio88 zum ersten Mal widme, bin ich bereit, mich anschreien zu lassen und den Kopf gewaschen zu kriegen. Dazu begebe ich mich in die öffentlichen Verkehrsmittel, der Sound auf den Kopfhörern etwas zu laut eingestellt. In dieser "normalen" Umgebung kommt die zynische Gesellschaftsanalyse, die ich erwarte, für mich am besten.
Enttäuscht werde ich nicht. Genau so habe ich mir das vorgestellt: Es wird gespittet, ausgeteilt, gerichtet. Das alles bei gleichbleibend exzellenter Produktionskunst von Torky Tork, Audio selbst, Shelter Boy und Fid Mella. Gleich zu Anfang kommt Tarek K.I.Z als Alter Ego zu Hilfe: "Ich bin Audio88." Das nehme ich ihm sofort ab. Denn auch ich bin Audio88: dem Übel mal so richtig tief in die Augen gucken, mal absichtlich durch den Regenschauer laufen. Dann irgendwann grinsen, denn ändern lässt sich das Wetter sowieso nicht. Man selbst müsste sich vielleicht mal ändern – aber wo bleibt da der Trotz? Das Weltgeschehen als schlecht zu begreifen, ist Grundlage des Hasses darauf, davon ablenkende Inhalte zu konsumieren. Verrat begeht der, der Podcasts hört. Wer sich gar für True Crime begeistert, gibt sich der Lächerlichkeit preis. Ich kann diese Stimmung nachvollziehen und bin dankbar für Anregungen, mich mit Christoph Schlingensief zu beschäftigen oder wieder mal Lauryn Hill zu hören. Richtig Spaß macht mir "Gargamel" mit sehr gelungenem Karate Andi-Feature und Anleihen an dessen "Willkommen im Karateclub" des mittlerweile über elf Jahre alten Albums "Pilsator Platin". Eine Verbindung, die ich nicht unbedingt hergestellt hätte, die aber durchaus Sinn ergibt.
Das Unerwartete, das die gedankliche Komfortzone austrickst, ist für mich auf dieser Qualitätsstufe ein Alleinstellungsmerkmal von Audio88. Immer wieder kann ich mir seine Musik, kann ich mir auch dieses Album anhören und mich auf Fragen nach unserem widersprüchlichen Agieren auf Erden einlassen. Auf ernsthafte Fragen, die mich trotzdem in den öffentlichen Verkehrsmitteln grinsen lassen.
(Christina Jeiter)