Schon wieder hat ein neues Jahr begonnen – schon wieder gab es in den letzten Wochen musikalische Jahresbestenlisten auf die Ohren, so weit das Auge reicht. Ob generell Musik oder "nur" Rap, ob Alben oder Tracks – alles wurde rauf und runter bewertet, als gäb's kein Morgen mehr. Da machen wir natürlich mit! … kleiner Scherz. Aber: Über manche Songs und Alben möchten wir doch noch ein paar Worte verlieren. Musikalische Werke, die uns im vergangenen Jahr im Bereich Rap, vornehmlich deutschem Rap, begeistert und beeindruckt haben. Die in uns etwas ausgelöst und uns bewegt haben. Oder die wir aus irgendeinem weiteren Grund, den wir Euch gerne verraten, noch einmal besonders hervorheben möchten. In diesem Sinne: Vorhang auf für unseren Jahresrückblick, verpackt in die schöne Hülle des musikalischen MZEE Recaps 2025.
The birds don't sing, they screech in pain, pain.
Während ich stets mein Ohr am Puls der Zeit habe und wirklich die nischigsten EPs aus der Releaseflut hervorhole, bin ich auf der anderen Seite manchmal echt nicht ganz im Bilde, was die wirklichen Klassiker angeht. Klar versuche ich stetig, wichtige Releases der HipHop-Geschichte aufzuholen. Aber manchmal braucht es eben etwas Aktuelles, um mich auf den Trichter zu bringen. So wie letztes Jahr etwa Clipse mit ihrem großen Comeback "Let God Sort Em Out". Denn, ja: "Hell Hath No Fury" steht – leider – nicht in meiner Plattensammlung. Da ich es bis 2025 noch nie gehört hatte.
Das jüngste Album der Crew beginnt direkt mit einem Song, der mich nach eingehender Beschäftigung mit dem Inhalt immer noch regelmäßig zu Tränen rührt. Wie die beiden Brüder auf "The Birds Don't Sing" den Tod ihrer Eltern schildern sowie ihre letzten Momente mit ihnen, ist nicht nur sehr emotional erzählt, sondern auch theatralisch passend in Musik verpackt. Die orchestrale Instrumentation in Verbindung mit der Hook von John Legend, welche am Ende noch durch den Chor Voices of Fire intensiviert wird, dürften niemanden so leicht kalt lassen. Klar, dieser emotionale Start weicht dann schnell den klassischen Clipse-Inhalten von Koks-Referenzen und Lines gegen die unterlegene Konkurrenz. Doch auch das wird kein Stück langweilig. Äußerst abwechslungsreiche, monumentale Beats, auf denen Produzent Pharrell Williams stets noch einen mehr draufpackt, als nötig wäre, und Featuregäste der früheren Zeit und der heutigen Elite tragen hier enorm zur Abwechslung bei. Das Album ist so facettenreich und detailverliebt, ich könnte eine ganze Reportage darüber schreiben.
Und so hat mich dieser absolute Banger von einem Comeback endlich dazu gebracht, die komplette Diskografie der Thornton-Brüder – solo wie gemeinsam als Clipse – endlich nachzuholen. Denn verdammt, wie kann man nach 15 Jahren Auszeit zurückkommen und mit über 50 einfach das Album des Jahres droppen? Während andere Rapper:innen in dem Alter ihrer früheren Form hinterherrennen, klingt "Let God Sort Em Out" frisch wie am ersten Tag. Und macht noch massiv Lust auf mehr bei so viel Hunger, wie die beiden ausstrahlen.
(Lukas Päckert)