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Interview

Marina Bozorgzadeh – ein Gespräch über sozialen Aufstieg und innere Stärke

"Die Visi­on, dass mein Leben ein­mal bes­ser wird, gab es nicht, denn dafür war kein Raum." – Mari­na Bozorgzadeh im Inter­view über Selbst­zwei­fel und Durch­set­zungs­ver­mö­gen trotz schwie­ri­ger Verhältnisse.

Ein sozia­ler Auf­stieg kann ganz unter­schied­lich aus­se­hen. Zum Bei­spiel aus den Fave­las auf die Fuß­ball­fel­der der Welt­tur­nie­re, vom Tel­ler­wa­schen in die Ster­ne­kü­che oder mit Stra­ßen­rap aus dem Ghet­to in die Charts. Für Mari­na Bozorgzadeh ver­lief der Weg etwas anders. Sie hat in ihrer Kind­heit schwer­wie­gen­de Din­ge erlebt. Krank­heit und Tod inner­halb der Fami­lie und eine sucht­kran­ke Schwes­ter. Viel zu früh muss­te sie Ver­ant­wor­tung über­neh­men und die Fami­lie finan­zi­ell unter­stüt­zen. Schon damals ent­wi­ckel­te sie eine gro­ße Lei­den­schaft für Boy­bands. Die­se half ihr einer­seits, dem All­tag zu ent­flie­hen. Ande­rer­seits weck­te sie in ihr den Traum, selbst in die­se Musik­welt ein­zu­tau­chen. Genau das wur­de ihr beruf­li­cher Wer­de­gang. Über einen Job bei Panorama3000 öff­ne­te sich die Tür in die Welt des Künstler:innenmanagements in der Musik­in­dus­trie. Schluss­end­lich grün­de­te sie eine eige­ne Agen­tur und arbei­te­te damals unter ande­rem mit Xatar, Kool Savas und Azad zusam­men. Doch das war nur der Anfang. Sie ging zu Sony und stieg dort zur Bereichs­lei­tung PR auf. Der Fokus ver­schob sich vom deut­schen Rap zu Pop und ande­ren Gen­res. Im Okto­ber 2024 hat sie zusam­men mit Nina Stern­burg das Buch "Die Bos­sin: Von der Hood an die Spit­ze des Musik­busi­ness – Mein Weg zum Erfolg in 20 Rules" ver­öf­fent­licht. Kurz vor­her, im Sep­tem­ber 2024, hat sie nach fünf Jah­ren Sony Music Ger­ma­ny ver­las­sen und ist mitt­ler­wei­le wie­der selbst­stän­dig. Wir haben mit ihr über ihren Lebens­weg gespro­chen, dar­über, was Erfolg für sie bedeu­tet, und wie­so True Crime für sie Ent­span­nung ist.

MZEE​.com​: In dei­nem Buch "Die Bos­sin" beschreibst du unter ande­rem Erleb­nis­se aus dei­ner Kind­heit und dass du früh Ver­ant­wor­tung über­neh­men muss­test. Es geht auch um sol­che Erleb­nis­se, die kein Kind durch­ma­chen soll­te. Den­noch hast du eine beein­dru­cken­de Kar­rie­re hin­ge­legt. Wann wur­de dir klar, dass dei­ne Geschich­te nicht nur dein per­sön­li­cher Über­le­bens­weg, son­dern auch ein sozia­ler Auf­stieg ist?

Mari­na Bozorgzadeh: Beim Ein­spre­chen des Hör­buchs zu "Die Bos­sin" habe ich noch mal durch­lebt, was die klei­ne Mari­na erlebt hat. Mir ist dadurch bewusst gewor­den, dass es bemer­kens­wert ist, dass ich es geschafft habe, so weit zu kom­men, ohne ver­rückt oder abhän­gig zu wer­den – unab­hän­gig vom Ver­lauf mei­ner Kar­rie­re und von Erfol­gen oder Miss­erfol­gen. Da kann ich sehr stolz drauf sein. Begriff­lich­kei­ten wie sozia­ler Auf­stieg habe ich nie gefühlt. Die­ses The­ma kam in mei­ner Kar­rie­re oft auf. Men­schen haben mich durch mei­ne nicht vor­han­de­ne Bil­dung oder durch die Art und Wei­se, wie ich an den Job gekom­men bin, eher unter­schätzt. Ich wache jeden Tag auf und fra­ge mich, ob ich jemals mit dem zufrie­den sein wer­de, was ich erreicht habe. Sol­che Gedan­ken beschäf­ti­gen mich, weil ich stark im Hier und Jetzt lebe. Beson­ders der Wech­sel aus der Selbst­stän­dig­keit zu Sony und wie­der zurück war schwer. Ich kon­zen­trie­re mich auf die Gegen­wart und neue Erfol­ge, um mich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Weil die­ser Strugg­le für mich manch­mal so groß ist, habe ich kei­ne Zeit, dar­über nach­zu­den­ken, ob etwas ein Auf­stieg ist.

MZEE​.com​: Es ist auf­fal­lend, dass so vie­le Leu­te, die offen­sicht­lich erfolg­reich sind, trotz­dem an sich zwei­feln. Wie beim Imposter-​Syndrom, oder? 

Mari­na Bozorgzadeh: Der Begriff Imposter-​Syndrom hört sich zu harm­los an. Dass ich bis heu­te täg­lich Tablet­ten gegen Panik­at­ta­cken und Angst­zu­stän­de neh­men muss, ist nicht fair mir selbst gegen­über. Die gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren, ins­be­son­de­re die in unse­rer Bran­che, sind so beschaf­fen, dass vie­le dar­un­ter lei­den. Es wird wenig wert­ge­schätzt in der Musik­in­dus­trie. Davon war ich als jun­ger Mensch genau­so betrof­fen und habe das nie anders gelernt. Wenn ich mit jun­gen Men­schen zusam­men­ar­bei­te, ist es mir wich­tig, viel Lob aus­zu­spre­chen und die gute Arbeit anzu­er­ken­nen. Denn es ist wich­tig zu ver­ste­hen, dass die Zwei­fel nur im eige­nen Kopf sind, aber die Außen­welt dich anders sieht.

MZEE​.com​: Man kann in dei­nem Fall von einem bemer­kens­wer­ten Auf­stieg spre­chen. Du hast schwie­ri­ge Erfah­run­gen gemacht und es den­noch geschafft, sie zu über­win­den. Wel­che Gedan­ken oder Sät­ze haben dir über die­se Zeit hinweggeholfen? 

Mari­na Bozorgzadeh: Ich bin mit neun die Erwach­se­ne im Haus gewor­den. Das, was mich ange­trie­ben hat, war der Gedan­ke, zu über­le­ben und mei­ne Fami­lie zu ernäh­ren. Denn ohne mich als Säu­le wäre alles zusam­men­ge­fal­len. Das wur­de mir auch so ver­mit­telt. Rück­bli­ckend hat es dazu geführt, dass ich ein unge­sun­des Ver­hält­nis zum Schaf­fen und Erfolg habe. Den­noch habe ich nie auf­ge­hört zu lie­ben, was ich tue, denn ich bin sel­ber Fan von den Künst­le­rin­nen und ihrem Schaf­fen. Ich habe mir selbst Träu­me erfüllt, die ich mit 14 Jah­ren hat­te, für die mir jeder einen Vogel gezeigt hat. Ich war der größ­te Azad-​Fan und habe mit ihm gear­bei­tet. Es gibt Momen­te, in denen ich rea­li­sie­re, dass ich mit mei­ner bes­ten Freun­din eine Agen­tur habe und wir Musiker:innen pro­mo­ten, die wir toll fin­den. Wir dach­ten, wir sind abso­lu­te Impos­ter, und irgend­wann wird auf­fal­len, dass wir Nichtskönner:innen sind. Die Lei­den­schaft für mei­ne Arbeit hat dazu geführt, dass ich dafür kei­nen Hass ent­wi­ckelt habe. Es gab auch Men­schen in mei­nem Leben, die mir mei­ne Leis­tun­gen ver­ständ­lich gemacht haben und sehr ehr­lich zu mir waren. Zum Bei­spiel mein Mann, mei­ne bes­ten Freun­din­nen und die Geschäfts­part­ne­rin­nen, die ich habe.

MZEE​.com​: Gab es schon in dei­ner Kind­heit Men­schen, die dich dar­in bestärkt haben, dei­ne Träu­me zu ver­wirk­li­chen, oder kam die­ses Bewusst­sein erst im Erwachsenenalter?

Mari­na Bozorgzadeh: Wenn in der Schu­le dar­über gespro­chen wur­de, was du mal wer­den willst, habe ich gesagt: "Boyband-​Managerin." Ich habe Schu­le geschwänzt, um auf Kon­zer­te zu fah­ren. Mir war schon früh klar, dass ich in die­ser Bran­che arbei­ten möch­te. In mei­ner Kind­heit stand im Vor­der­grund, dass Geld nach Hau­se gebracht wer­den muss­te. Die Zukunft sah düs­ter aus, mei­ne Eltern waren krank und mei­ne Schwes­ter war hero­in­ab­hän­gig. Die Boyband-​Welt war eine Flucht aus die­ser Rea­li­tät. Mit Freun­din­nen bin ich zu Kon­zer­ten gefah­ren, wir stan­den stun­den­lang an und reis­ten mit Wochen­end­ti­ckets durch Deutsch­land. Das hat mich abge­lenkt. Aber die Visi­on, dass mein Leben ein­mal bes­ser wird, gab es nicht, denn dafür war kein Raum.

MZEE​.com​: In der HipHop-​Kultur geht es viel dar­um, nicht dazu­zu­ge­hö­ren, sei es auf­grund der Her­kunft oder des sozia­len Sta­tus. Wel­che Bedeu­tung hat­te Hip­Hop für dein Gefühl von Zugehörigkeit?

Mari­na Bozorgzadeh: Hip­Hop hat in mei­nem Leben einen sehr hohen Stel­len­wert. Ich bin in Berlin-​Kreuzberg groß gewor­den, hin­ter mei­nem Zuhau­se war die Hall of Fame (Anm. d. Red.: bekann­ter lega­ler Sprüh­spot in Berlin-​Kreuzberg) und mei­ne Schwes­ter war schon HipHop-​Fan. Es war nicht die Bronx, aber ein ande­res Kreuz­berg als heu­te. Die Men­schen in HipHop-​Videos sahen anders aus, aber ihre Här­te, ihr sozia­ler Hin­ter­grund und ihr Gefühl von Unge­rech­tig­keit spie­gel­ten vie­les wider, was ich selbst erlebt habe. Als ich ver­stand, aus wel­chen schwie­ri­gen Fami­li­en vie­le stamm­ten, konn­te ich mich damit iden­ti­fi­zie­ren. Des­halb ent­wi­ckel­te ich eine gro­ße Lie­be zu här­te­rem Stra­ßen­rap, wäh­rend mir die Musik von Freun­des­kreis oder Mas­si­ve Töne zu weich war. Die Musik gab mei­ner Wut Aus­druck und ver­mit­tel­te mir das Gefühl dazu­zu­ge­hö­ren. Hip­Hop hat schnell etwas in mir aus­ge­löst, was ich als sehr stark emp­fun­den habe. Als dann Savas und 3p in Deutsch­land anfin­gen und die Ber­li­ner Wel­le los­ging, war klar, dass Deutschrap voll mein Ding ist.

MZEE​.com​: In dei­nem Buch hast du 20 Regeln for­mu­liert. Sie sind aus dei­nem per­sön­li­chen Weg ent­stan­den. Wann hast du begon­nen, dei­nen Über­le­bens­weg als etwas zu begrei­fen, mit dem du auch ande­re inspi­rie­ren kannst?

Mari­na Bozorgzadeh: Wenn ich ehr­lich bin, habe ich das zuerst gar nicht so wahr­ge­nom­men. Es waren Regeln, die ich für mich auf­ge­stellt habe, um klar­zu­kom­men. Bei­spiels­wei­se lau­tet eine Regel: "Mee­ting statt Par­tys, sor­ry!" Ich mei­de Par­tys im beruf­li­chen Kon­text, weil ich kei­nen Small Talk mag und für mei­ne Arbeit ernst genom­men wer­den möch­te. Erst wäh­rend des Schreib­pro­zes­ses mit Nina (Anm. d. Red.: Nina Stern­burg, Co-​Autorin des Buches "Die Bos­sin") wur­de mir bewusst, dass man­che Regeln auch für ande­re anwend­bar sind. Bis heu­te bekom­me ich Nach­rich­ten von Men­schen, die sich dar­in wie­der­fin­den. Das berührt mich sehr.

MZEE​.com​: Hat dich das letzt­lich dazu bewegt, das Buch zu schreiben?

Mari­na Bozorgzadeh: Es wird viel über das The­ma Diver­si­tät gespro­chen, aber vie­le den­ken, dass wir allein dadurch diver­ser gewor­den sind, dass mehr Frau­en da sind. Für mich gehört auch sozia­le Her­kunft dazu oder ob genug Frau­en mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund in Füh­rungs­po­si­tio­nen arbei­ten. Das sind unan­ge­neh­me Fra­gen, aber es ist die Rea­li­tät. Ich habe bei Sony nur ange­fan­gen, weil der CEO damals Patrick Mushatsi-​Kareba war. Er ist nicht nur PoC, son­dern hat auch einen Biggie-​Pullover getra­gen. Dann ist mir bewusst gewor­den, dass ich kaum weib­li­che Vor­bil­der mit ähn­li­chem Hin­ter­grund hat­te. Was ist, wenn klei­ne Mari­nas ihren Weg fin­den wol­len, egal wo? Dann brau­chen die doch jeman­den, der sagt: Glaub an dei­ne Stär­ke, auch wenn mehr Stei­ne in dei­nem Weg lie­gen wer­den als bei ande­ren. Wenn mei­ne Erfah­run­gen eine Hil­fe­stel­lung sein kön­nen, dann freut mich das. Ich hät­te nie erwar­tet, wie vie­le Men­schen sich dar­in wie­der­fin­den wür­den. Das allei­ne hat mir schon so viel zurückgegeben.

MZEE​.com​: Du hast in dei­nem Buch erwähnt, dass dir Authen­ti­zi­tät wich­tig ist und du dadurch Auf­trä­ge ver­lo­ren hast, weil sie nicht mit dei­nen Wer­ten ver­ein­bar waren. Wann wur­de dir klar, dass die­se Hal­tung dei­ne per­sön­li­che Gren­ze dar­stellt, nach der du lebst?

Mari­na Bozorgzadeh: In der ers­ten Agen­tur, bei der ich gear­bei­tet habe, hat­te ich einen Chef mit kla­rer Hal­tung, der mich voll unter­stützt hat. Manch­mal sind wir zusam­men zu Mee­tings gekom­men und er wur­de ange­schaut, weil alle dach­ten, er sei zustän­dig. Er hat dann klar­ge­stellt, dass ich die­je­ni­ge sei, die die Regeln auf­stellt. Mir war früh bewusst, dass ich ehr­lich zu mir selbst sein möch­te. Des­halb war mir egal, wenn ich in Mee­tings sehr direkt und kon­fron­ta­tiv war. Ich hät­te sicher Zugang zu ande­ren Jobs bekom­men, wenn ich mich ange­passt hät­te. Aber dann hät­te ich mich selbst gehasst. Ande­re Regeln in dem Buch habe ich über die Jah­re ent­wi­ckelt, weil ich gemerkt habe, dass ich nach kla­ren Wer­ten leben möch­te. Mei­ne Eltern konn­ten mir das nicht ver­mit­teln, daher muss­te ich sel­ber her­aus­fin­den, was für ein Mensch ich sein möchte.

MZEE​.com​: Hast du noch wei­te­re Bei­spie­le aus dei­nem Leben?

Mari­na Bozorgzadeh: Zum Bei­spiel die Regel: "Sei dein größ­ter Fan." Das ist sehr spät in mei­nem Leben pas­siert. Ich wur­de oft kri­ti­siert, zu laut und zu prä­sent zu sein. Ich wur­de als Fan-​Girl bezeich­net, wenn ich mich mit Künstler:innen foto­gra­fiert habe, dabei war das nur für ande­re komisch. Wenn ich die High­lights, die ich durch mei­ne Arbeit erle­be, nicht feie­re, macht das nie­mand. Du machst den Job in der Musik­in­dus­trie nicht, um reich zu wer­den. Du machst ihn aus Lei­den­schaft. Men­schen in der Bran­che soll­ten mehr Aner­ken­nung bekom­men. Und zwar nicht nur die Künstler:innen, son­dern auch die Men­schen, die im Hin­ter­grund arbei­ten. Die wich­tigs­te Lek­ti­on ist es, sich bewusst zu machen, dass es gut ist, die eige­nen Fähig­kei­ten zu prä­sen­tie­ren und beson­de­re High­lights zu zei­gen. Ich bin stolz, dass ich das mei­nem Team bei Sony wei­ter­ver­mit­teln konn­te. Sie set­zen das heu­te noch um und ihr Out­put wird wahrgenommen.

MZEE​.com​: Ist das nicht auch ein zen­tra­ler Wert der HipHop-​Kultur, dass es kei­ne Rol­le spielt, woher du kommst, son­dern was du kannst?

Mari­na Bozorgzadeh: Ich habe in einer Fir­ma mit vie­len tol­len Men­schen gear­bei­tet. Ein alter wei­ßer Mann, der ein Team lei­te­te, hat mich jedoch "Stra­ßen­kö­ter" genannt. Im Rap war ich von Men­schen umge­ben, die mit den­sel­ben Vor­ur­tei­len kon­fron­tiert waren. Aber es gab auch ande­re in der Indus­trie, die mich aus dem Ghet­to oder der Gos­se kom­mend gese­hen haben. Das – gepaart mit gro­ßen Selbst­zwei­feln – hat dazu geführt, dass ich gefühlt viel mehr kämp­fen muss­te als ande­re. Das hat mich här­ter gemacht. Irgend­wann habe ich gemerkt, dass ich ande­ren ein Vor­bild war und ihnen Mut gemacht habe. Genau­so bin ich sel­ber dank­bar, dass die jun­ge Gene­ra­ti­on viel bes­ser dar­in ist, Gren­zen zu setzen.

MZEE​.com​: In der Dis­kus­si­on wird oft aus­ge­blen­det, dass es dabei nicht um ein spe­zi­fi­sches Pro­blem mit Sexis­mus und Ras­sis­mus oder feh­len­de Chan­cen­gleich­heit in der Rap-​Szene geht, son­dern um gesell­schaft­li­che Struk­tu­ren ins­ge­samt. Rap spie­gelt nur wider, was in ande­ren Berei­chen genau­so existiert. 

Mari­na Bozorgzadeh: Ich könn­te aus dem Steg­reif mehr als zwan­zig wun­der­vol­le Frau­en nen­nen, die in der HipHop-​Branche beein­dru­cken­de Kar­rie­ren haben und unfass­bar tol­le Kol­le­gin­nen sind. Wie vie­le davon gibt es im Schla­ger und im Metal­co­re? Es geht nicht dar­um, dass im Hip­Hop alles bes­ser ist. Manch­mal hat man das Gefühl, dass es ein­fa­cher ist, weil wir so vie­le Künstler:innen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund haben und sowie­so schon struk­tu­rell ras­sis­tisch behan­delt wer­den. Dar­über wird zu sel­ten gesprochen.

MZEE​.com​: Ich habe ein Zitat zum Buch mit­ge­bracht. BR Zünd­funk schreibt: "Das Buch zeigt, wo es immer noch knirscht im Getrie­be unse­rer Gesell­schaft. Gleich­zei­tig lernt man etwas über die feh­len­de Chan­cen­gleich­heit in Deutsch­land und was Geschlecht, Klas­se und Her­kunft damit zu tun haben." – Wo spürst du die­se Wider­stän­de heu­te noch am deutlichsten?

Mari­na Bozorgzadeh: Es ist sehr trau­rig, dass die Men­schen dar­über am wenigs­ten mit mir reden wol­len. Diver­si­tät bedeu­tet für mich mehr als Gleich­stel­lung der Geschlech­ter, sie schließt sozia­le Her­kunft ein. Das mer­ke ich, wenn über Frau­en­quo­ten gespro­chen wird, ohne Her­kunft oder Bil­dung ein­zu­be­zie­hen. Wie oft wur­de mir gesagt, dass ich einen Job nicht bekom­men habe, weil ich Hip­Hop zu sehr ver­kör­pert habe? Mitt­ler­wei­le soll­te bekannt sein, dass ich deut­lich mehr bin. Aber vie­le Men­schen den­ken immer noch so über mich, weil es ihnen in den Kram passt. Manch­mal erle­be ich, dass her­vor­ra­gend qua­li­fi­zier­te jün­ge­re mus­li­mi­sche Män­ner sich auf eine Stel­le bewer­ben, die dann an eine blon­de Frau geht, weil mehr Frau­en benö­tigt wer­den. Auch das ist nicht divers.

MZEE​.com​: Ein wei­te­res The­ma, wor­über du offen sprichst, ist men­ta­le Gesundheit.

Mari­na Bozorgzadeh: Das wird zu wenig the­ma­ti­siert. Vie­len Men­schen sieht man Panik­at­ta­cken oder Anxie­ty nicht an. Ich habe kei­ne Angst, dadurch Jobs zu ver­lie­ren, und bis­her ist das auch nicht pas­siert. Die Ent­wick­lung ist toll. Es gibt zwar Mental-​Health-​Workshops für Künst­le­rin­nen und Künst­ler, aber kaum wel­che für Men­schen in Unter­neh­men. Außer­dem gibt es zu wenig Ange­bo­te, bei denen auch der sozia­le Hin­ter­grund und men­ta­le Gesund­heit ein­be­zo­gen wird. Wir müs­sen uns mehr damit aus­ein­an­der­set­zen, wie unter­schied­lich Men­schen sind, und mehr Respekt davor haben. Das fehlt mir in der Welt und das wün­sche ich mir.

MZEE​.com​: Noch mal zurück zu dir. Hast du mit der Zeit Wege gefun­den, sanf­ter mit dir selbst zu sein in Bezug auf see­li­sche Gesundheit?

Mari­na Bozorgzadeh: Ich habe etwas ent­wi­ckelt, das sehr hart klingt. Ich bin das ers­te Mal frei in mei­nem Leben, seit nie­mand aus mei­ner Fami­lie mehr lebt. Ich ver­mis­se sie jeden Tag. Um die­se Frei­heit genie­ßen zu kön­nen, muss ich anders mit mir umge­hen, damit ich zur Ruhe kom­men kann. Ich habe ein kras­ses Umfeld, das mich auf­fängt, wenn es mir schlecht geht. Die ande­re Sache ist auch zurück­zu­füh­ren auf das Ein­spre­chen mei­nes Hör­buchs. Ich habe mich gedank­lich bei der jun­gen Mari­na ent­schul­digt, dass ich so hart zu ihr war und ihren Kör­per so gepei­nigt habe. Das hat mir sehr gehol­fen. Ich habe viel Selbst­hass in mei­nem Leben erlebt und mitt­ler­wei­le habe ich ein neu­tra­les Ver­hält­nis ent­wi­ckelt, wel­ches immer mehr ins Posi­ti­ve geht. Ich bin dank­bar, dass ich dar­über offen spre­chen kann und nichts run­ter­schlu­cke. Ich weiß, dass das nicht jeder kann, aber das wür­de ich mir wünschen.

MZEE​.com​: Wie gehst du heu­te mit Stress um?

Mari­na Bozorgzadeh: Ich bin ein abso­lu­ter True Crime-​Nerd. Ich schrei­be sogar mit Ex-Profiler:innen und Staatsanwält:innen aus den USA. Über­ra­schen­der­wei­se bringt mich das run­ter, weil ich dann in so eine Welt ein­tau­che. Dadurch habe ich einen Weg gefun­den, mich neben mei­ner Arbeit mit etwas ande­rem zu beschäftigen.

MZEE​.com​: Ich habe noch eine Abschluss­fra­ge. Wenn du einem jun­gen Men­schen aus ähn­li­chen Ver­hält­nis­sen einen Satz mit­ge­ben dürf­test, was wür­dest du sagen?

Mari­na Bozorgzadeh: Die Stim­me, die dir sagt, dass du es nicht schaf­fen kannst, wird nicht ver­schwin­den. Aber kämpf gegen sie an, denn es ist nicht die Rea­li­tät. Wenn du dei­ne Lei­den­schaft fin­dest, ver­such, die Stim­me lei­ser zu drehen.

(Malin Teegen)
(Foto von Andre­as Rentz)