Schon wieder hat ein neues Jahr begonnen – schon wieder gab es in den letzten Wochen musikalische Jahresbestenlisten auf die Ohren, so weit das Auge reicht. Ob generell Musik oder "nur" Rap, ob Alben oder Tracks – alles wurde rauf und runter bewertet, als gäb's kein Morgen mehr. Da machen wir natürlich mit! … kleiner Scherz. Aber: Über manche Songs und Alben möchten wir doch noch ein paar Worte verlieren. Musikalische Werke, die uns im vergangenen Jahr im Bereich Rap, vornehmlich deutschem Rap, begeistert und beeindruckt haben. Die in uns etwas ausgelöst und uns bewegt haben. Oder die wir aus irgendeinem weiteren Grund, den wir Euch gerne verraten, noch einmal besonders hervorheben möchten. In diesem Sinne: Vorhang auf für unseren Jahresrückblick, verpackt in die schöne Hülle des musikalischen MZEE Recaps 2025.
Lass mich einfach der sein, der ich sein will.
Ein leiser, wabernder Synthie begleitet einen kraftvollen Basston und langsam übertönt die Musik das Jubeln der Menschen an jenem Juniabend in Stuttgart. Indess eröffnet ein Mann seine Show, der eher fremdartig auf der klassisch-ehrwürdigen Bühne der Staatsoper wirkt. Fernab von Otello, Don Giovanni und der Zauberflöte erobert an diesem Abend nämlich ein Rapper das Opernhaus.
Drei Monate später erscheint Tuas Album "Live in der Staatsoper", aufgezeichnet an ebenjenem Abend in seiner Heimat. Der Reutlinger arrangierte für dieses besondere Konzert einige seiner Songs komplett neu als "Operdub" – heraus kamen demnach Adaptionen seiner bekanntesten Songs in klassischer Opernmanier. Die Ergebnisse sind experimentelle, neue Soundkonzepte, die teils minutenlang ohne die Stimme des Musikers auskommen oder völlig neue Wege einschlagen. So wurden beispielsweise das Intro des Orsons-Songs "Lagerhalle" und die Contemporary Dance-Variante von "Werbemädchen" neu inszeniert. Was alle Tracks gemein haben, ist ihr Minimalismus: Trotz der imposanten Bühne arbeitet der Produzent weiterhin mit kleinem Besteck, vielen Synthesizern und nicht, wie man in einer Opern-Aufnahme vermuten würde, mit Orchesterklängen.
"Live in der Staatsoper" startet mit einer opernartigen Adaption von "Wer ich sein will", in der Tua selbst fordert, so sein zu dürfen, wie er möchte – und diesem Wunsch an sich selbst kommt der Reutlinger in jeder Sekunde der Show nach. Tua entwickelt seine eigenen, teils über 15 Jahre alten Klassiker wie "MDMA" stringent weiter, passt sie für die Opern-Bühne an und schafft damit ein Werk, das so experimentierfreudig daherkommt, dass es fast schade wäre, würde es in der Masse des Einheitsbreis "verloren gehen".
(Sven Aumiller)