Schon wieder hat ein neues Jahr begonnen – schon wieder gab es in den letzten Wochen musikalische Jahresbestenlisten auf die Ohren, so weit das Auge reicht. Ob generell Musik oder "nur" Rap, ob Alben oder Tracks – alles wurde rauf und runter bewertet, als gäb's kein Morgen mehr. Da machen wir natürlich mit! … kleiner Scherz. Aber: Über manche Songs und Alben möchten wir doch noch ein paar Worte verlieren. Musikalische Werke, die uns im vergangenen Jahr im Bereich Rap, vornehmlich deutschem Rap, begeistert und beeindruckt haben. Die in uns etwas ausgelöst und uns bewegt haben. Oder die wir aus irgendeinem weiteren Grund, den wir Euch gerne verraten, noch einmal besonders hervorheben möchten. In diesem Sinne: Vorhang auf für unseren Jahresrückblick, verpackt in die schöne Hülle des musikalischen MZEE Recaps 2025.
I lived in the hood with the crackheads.
Now my neighbour is a Karen.
Central Cee fasziniert mich. Und ich habe keine Ahnung, warum. Dicke Chains? Überhaupt nicht mein Geschmack, finde ich ziemlich überheblich. Hose unterm Arsch? So was von 2015 und gar nicht sexy. Sexistische Textpassagen? Scheiße, keine Frage. Aber er scheint sich der Problematik solcher Zeilen bewusst zu sein – und macht das Ganze sehr eloquent. Der Flow des Drill-Künstlers ist unverwechselbar und oft schafft er es, doppelte, dreifache oder noch mehr Reime über einen ganzen Verse hinweg fortzuführen, wie zum Beispiel auf dem Titelsong des Albums "CRG" featuring Dave, mit dem er 2023 bereits die sehr erfolgreiche EP "Split Decision" releast hat.
Vielleicht ist es auch seine Ausstrahlung, die mich anzieht. Bei Promo-Auftritten wirkt er oft mysteriös und zurückhaltend, als ließe er lieber seine Texte für sich sprechen. Außerdem zeigt er sich sowohl in Interviews als auch in seinen Songs melancholisch und spricht mehr über Gefühle, als ich es von anderen Rapper:innen seiner Kategorie – krasser Erfolg, oberflächlicher Kleidungsstil, harte Beats und harte Texte – kenne. In "Walk in Wardrobe" thematisiert er seine Ängste: "Gotta leave, I'm sorry I'm anxious". Und "Truth in the Lies", auf dem Ne-Yos "So Sick" gesampelt wurde, geht fast schon Richtung R 'n' B und ist ein sehr schöner Breakup-Song (wenn da nicht das Lil Durk-Feature wäre).
Trotz Central Cees enormen kommerziellen Erfolgs vermittelt er mir den Eindruck, er sei bodenständig geblieben: "I like regular girls, we fucked in her parents' house. She's surprised I remember it well, 'cause I've been all over the world". Ob das nun Marketing-Kalkül oder tatsächlich so ist, ist mir egal – bei mir funktioniert's.
(Emily Niklas)