Schon wieder hat ein neues Jahr begonnen – schon wieder gab es in den letzten Wochen musikalische Jahresbestenlisten auf die Ohren, so weit das Auge reicht. Ob generell Musik oder "nur" Rap, ob Alben oder Tracks – alles wurde rauf und runter bewertet, als gäb's kein Morgen mehr. Da machen wir natürlich mit! … kleiner Scherz. Aber: Über manche Songs und Alben möchten wir doch noch ein paar Worte verlieren. Musikalische Werke, die uns im vergangenen Jahr im Bereich Rap, vornehmlich deutschem Rap, begeistert und beeindruckt haben. Die in uns etwas ausgelöst und uns bewegt haben. Oder die wir aus irgendeinem weiteren Grund, den wir Euch gerne verraten, noch einmal besonders hervorheben möchten. In diesem Sinne: Vorhang auf für unseren Jahresrückblick, verpackt in die schöne Hülle des musikalischen MZEE Recaps 2025.
Sie will nicht dein' Pulli haben, weil sie trägt ein OG-Shirt.
Wenn man die Augen schließt, kann man sich die Szene gut vorstellen: Regen prasselt auf asphaltgraue Straßen, im Hintergrund die Wolkenkratzer der Frankfurter Skyline. Die Stimmung ist gedrückt, Zweifel und Ängste liegen in der Luft. OG LU rappt im "Intro" zu ihrem neuen Album von ihrer Depression, aber auch von der Gemeinschaft im Gallus, ihrem Viertel. Doch die Frankfurter Schnauze beweist immer wieder, dass sie über ihren Tellerrand hinaus wahrnimmt, was in Deutschland und weltweit passiert: "Noch immer ficken selbe Dinge Kopf genau wie früher: Nazi-Propaganda, Genozid in Palästina". Sie positioniert sich nicht nur in den sozialen Medien, sondern auch in ihren Songtexten klar propalästinensisch und nimmt Catcaller und Nazis ordentlich in die Mangel. Dabei spürt man ihren Hass. Sie spuckt die Worte förmlich aus, ihre Stimme überschlägt sich fast.
Und dann gibt es noch das "Boss Babe", die selbstbewusste LU, die stolz auf ihren kommerziellen Erfolg ist. Die sich von Männern gern mit "French Kisses" verwöhnen lässt, aber dafür unangenehmen Mansplainern ordentlich die Meinung sagt: "Er guckt im Training auf mein' Arsch und frisst danach 'ne Kettle-Bell". OG LU ist eine Feministin ohne Kompromisse und sagt deutlich ihre Meinung. Deswegen will ich lieber nicht wissen, wie viele "Faschoschweine" in ihren DMs rumschwirren. Vielleicht ist es die gerade entstehende Sisterhood im Rap mit Künstlerinnen wie bangerfabrique, DONNA SAVAGE und Wa22ermann, die ihr Rückhalt gibt. "Ich sehe Frauen als meine Schwestern und nicht als meine Konkurrentinnen an", sagt sie in der arte Tracks-Folge "Sisterhood – die neue Crewlove im Deutschrap". Wa22ermann ist auch als Feature auf dem Album vertreten und laut LU "eine wahre Schwester, geh ma' weg mit Industry-Shit".
OG LU ist längst kein Geheimtipp mehr. Krasse Energie, geile Beats von Hägi und Co. und abwechslungsreiche Texte, die zum Nachdenken anregen oder beim Training scheppern. Mein Lieblingssong vom Album ist übrigens das eingangs zitierte Lied "Komm". Damit wünsche ich beim Hören einen guten Appetit, denn OG LUs "Drip zu lecker so wie ein Dessert".
(Emily Niklas)