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Adventskalender

Adventskalender: Türchen #16 – Tra

In unse­rem dies­jäh­ri­gen Advents­ka­len­der befin­det sich hin­ter jedem Tür­chen ein Schatz aus dem Rap-​Kosmos, den unse­re Autor:innen die­ses Jahr neu für sich ent­deckt haben. Hin­ter die­sem Tür­chen ver­steckt sich der Ber­li­ner Rap­per Tra.

Hier sind sie: unse­re per­sön­li­chen High­lights aus 2025. Alle Jah­re wie­der gibt es so viel Span­nen­des im Rap­ga­me. Musik, Vide­os, Fil­me, Bücher und, und, und … Wer soll da noch den Über­blick behal­ten? Rich­tig: wir! Des­halb gibt's von uns die­ses Jahr unse­ren Advents­ka­len­der mit redak­ti­ons­in­ter­nen Emp­feh­lun­gen aus der Sub­kul­tur. Zeit für Refle­xio­nen: Wen haben wir per­sön­lich die­ses Jahr neu ent­deckt? Was wol­len wir Euch wärms­tens ans Herz legen? Und womit könnt Ihr Euch an den lan­gen Tagen zwi­schen Weih­nach­ten und Sil­ves­ter noch die Zeit vertreiben?

Viel­leicht kom­men Euch die obi­gen Zei­len merk­wür­dig bekannt vor. Wir haben für den Kalen­der unser bewähr­tes Instagram-​Format MZEE WEEKLY aus­ge­wei­tet. Hier lie­fern wir wöchent­lich kurz und knapp eine Emp­feh­lung und fra­gen Euch nach Euren eige­nen Ent­de­ckun­gen. Auf etwas mehr Raum prä­sen­tie­ren wir Euch also nun: MZEE YEARLY.

Wir freu­en uns dar­auf, Euch damit wie­der die Tage bis Weih­nach­ten etwas ver­sü­ßen zu kön­nen, und wün­schen Euch eine ent­spann­te, besinn­li­che Weih­nachts­zeit. Und auch wenn Ihr Weih­nach­ten nicht fei­ert, könnt Ihr hier bestimmt die ein oder ande­re Inspi­ra­ti­on für Eure frei­en Tage mitnehmen.

 

Tra ist für mich die Neu­ent­de­ckung des Jah­res gewe­sen, obwohl der Ber­li­ner jetzt schon seit meh­re­ren Jah­ren flei­ßig Releases pro­du­ziert. Der Rap­per hat bei mir die glei­che Fas­zi­na­ti­on aus­ge­löst wie die ers­ten Kol­ja Goldstein-​Songs oder wie die von Diet­rich, die ich viel zu spät für mich ent­deckt habe. Gera­de zu dem Köl­ner gibt es sowohl inhalt­li­che als auch musi­ka­li­sche Par­al­le­len. 

Tras Lyrics oszil­lie­ren per­ma­nent zwi­schen teil­wei­se unan­ge­nehm expli­zit gewalt­tä­ti­gen Stra­ßen­sto­rys und dar­aus ent­ste­hen­den psy­chi­schen Pro­ble­men für alle Betei­lig­ten. Es geht um Selbst­zwei­fel und -hass, Reue, Para­noia, Ver­ge­bung auf der einen und um Abzie­hen, Ein­schüch­tern, Zusam­men­schla­gen und Dea­len auf der ande­ren Sei­te. Die Grund­stim­mung ist haupt­säch­lich eklig und trau­rig, böse und ver­zwei­felt. Was den Ber­li­ner dabei beson­ders aus­zeich­net, ist die Unmit­tel­bar­keit und Real­ness in den Tex­ten. Hier gibt es kei­ne Glo­ri­fi­zie­rung oder Über­hö­hung, kei­ne absur­den Räu­ber­pis­to­len oder über­zo­ge­ne Selbst­dar­stel­lung. Ich kau­fe ihm jedes Wort als ernst gemeint ab. Nie kommt das Gefühl auf, dass jemals Reim über Inhalt gehen könn­te, son­dern immer wird einem das sprich­wört­li­che Herz aus­ge­schüt­tet, ohne Rück­sicht auf ver­meint­lich sti­lis­ti­sche Vor­ga­ben. Bestärkt wird die­ser Ein­druck durch den sehr igno­ran­ten Rap­stil, der an den Ber­li­ner Unter­grund der Nuller­jah­re ange­lehnt ist und her­vor­ra­gend zur Atti­tü­de passt, die Tra ver­mit­telt.  

Ein wei­te­res, aber nega­ti­ves Allein­stel­lungs­merk­mal ist der star­ke Bezug zur Reli­gio­si­tät in den Tex­ten, der zusam­men mit einem immer wie­der durch­schei­nen­den neo­li­be­ra­len "Macher-​Mindset" zu teil­wei­se sehr unan­ge­neh­men Ergüs­sen führt. Bei ihm sind schnell mal die Sata­nis­ten die heim­li­chen Draht­zie­her hin­ter Trump und Biden und in die­ser bösen Welt durch­set­zen muss sich jede:r allein. Wer sich davon und von den teil­wei­se mis­an­thro­pi­schen Tex­ten nicht abschre­cken lässt, der fin­det in Tra einen span­nen­den Künst­ler mit Poten­zi­al, von dem hof­fent­lich noch viel kom­men wird. 

(Simon Back)
(Gra­fik von Anna Kop­ten­ko & Dani­el Fersch)