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Adventskalender

Adventskalender: Türchen #07 – "Mama, bitte lern Deutsch" von Tahsim Durgun (Buch)

In unse­rem dies­jäh­ri­gen Advents­ka­len­der befin­det sich hin­ter jedem Tür­chen ein Schatz aus dem Rap-​Kosmos, den unse­re Autor:innen die­ses Jahr neu für sich ent­deckt haben. Hin­ter die­sem Tür­chen ver­steckt sich "Mama, bit­te lern Deutsch", Tah­sim Dur­guns lite­ra­ri­sches Debüt.

Hier sind sie: unse­re per­sön­li­chen High­lights aus 2025. Alle Jah­re wie­der gibt es so viel Span­nen­des im Rap­ga­me. Musik, Vide­os, Fil­me, Bücher und, und, und … Wer soll da noch den Über­blick behal­ten? Rich­tig: wir! Des­halb gibt's von uns die­ses Jahr unse­ren Advents­ka­len­der mit redak­ti­ons­in­ter­nen Emp­feh­lun­gen aus der Sub­kul­tur. Zeit für Refle­xio­nen: Wen haben wir per­sön­lich die­ses Jahr neu ent­deckt? Was wol­len wir Euch wärms­tens ans Herz legen? Und womit könnt Ihr Euch an den lan­gen Tagen zwi­schen Weih­nach­ten und Sil­ves­ter noch die Zeit vertreiben?

Viel­leicht kom­men Euch die obi­gen Zei­len merk­wür­dig bekannt vor. Wir haben für den Kalen­der unser bewähr­tes Instagram-​Format MZEE WEEKLY aus­ge­wei­tet. Hier lie­fern wir wöchent­lich kurz und knapp eine Emp­feh­lung und fra­gen Euch nach Euren eige­nen Ent­de­ckun­gen. Auf etwas mehr Raum prä­sen­tie­ren wir Euch also nun: MZEE YEARLY.

Wir freu­en uns dar­auf, Euch damit wie­der die Tage bis Weih­nach­ten etwas ver­sü­ßen zu kön­nen, und wün­schen Euch eine ent­spann­te, besinn­li­che Weih­nachts­zeit. Und auch wenn Ihr Weih­nach­ten nicht fei­ert, könnt Ihr hier bestimmt die ein oder ande­re Inspi­ra­ti­on für Eure frei­en Tage mitnehmen.

 

Ein klei­ner Jun­ge sitzt ver­schüch­tert beim ört­li­chen Ein­woh­ner­mel­de­amt. Er dis­ku­tiert mit einer Beam­tin, die er noch vom Schul­fest als Eltern­bei­rä­tin kennt – nun aber droht sie mit Aus­wei­sung, soll­te man die feh­len­den Doku­men­te nicht bald nach­rei­chen. Und der klei­ne Jun­ge? Er soll sei­ner Mut­ter das Gan­ze über­set­zen, weil die Beam­tin befürch­tet, sie wür­de den Ernst der Lage auf­grund ihrer gerin­gen Deutsch­kennt­nis­se nicht erfas­sen. Was sie dabei über­sieht: Die Wut und Abnei­gung in ihrer Stim­me sind ein­deu­ti­ger als jedes Wort.

Die­ser klei­ne Jun­ge ist Tah­sim Dur­gun, eigent­lich durch kur­ze, wit­zi­ge Clips auf sei­nem Instagram-​Account "@tahdurr" bekannt. Mit "Mama, bit­te lern Deutsch" gibt er aber ganz ande­re Ein­bli­cke in eine zer­ris­se­ne Jugend zwi­schen ver­schie­de­nen Kul­tu­ren und ihren Vor­ur­tei­len. Die oben beschrie­be­ne Sze­ne war für mich beson­ders prä­gnant, weil sie für mich so vie­le Din­ge auf trau­rigs­te Art und Wei­se ver­sinn­bild­licht: die Unfä­hig­keit der Büro­kra­tie, Pro­ble­me effek­tiv zu lösen, die Will­kür des deut­schen Staa­tes, ein in Deutsch­land gebo­re­nes Kind abschie­ben zu wol­len sowie den All­tags­ras­sis­mus von Men­schen, die "anders sein" mit etwas Schlech­tem gleich­set­zen. Sol­che aus­ufern­den Erfah­run­gen, gepaart mit Mikro­ag­gres­sio­nen im All­tag eines kur­di­schen Jun­gen in der Bun­des­re­pu­blik, beschreibt Tah­sim in sei­nem lite­ra­ri­schen Debüt. So ver­wun­dert es kaum, wenn er sagt, dass Azads Tex­te ihm mehr gaben als je eine Lehr­kraft oder Bezugs­per­son. Ein Jun­ge, der sich durch einen Rap­per end­lich ver­stan­den fühl­te und nicht mehr das Gefühl hat­te, allein mit sei­nen Pro­ble­men zu sein.

Dar­über hin­aus ist "Mama, bit­te lern Deutsch" aber kei­ne Ankla­ge­schrift, was in Deutsch­land in Sachen Migra­ti­on schief­läuft. Es ist schlicht­weg der Erleb­nis­be­richt eines jun­gen Erwach­se­nen. Herz­lich, char­mant, wit­zig und authen­tisch in allen Belan­gen, ob bei der Maiskolben-​Jagd mit der Fami­lie oder beim ers­ten Alko­hol­ex­zess einer bis dato sehr helalen Jugend. Ihm gelingt eine Form der Gesell­schafts­kri­tik, die ohne Brech­stan­ge aus­kommt und mit einem Lächeln endet. Die kla­re Mes­sa­ge geht nicht aus­schließ­lich als Bit­te an die Mama, Deutsch zu ler­nen, son­dern an uns alle, Tah­sims Mut­ter und Men­schen mit Migra­ti­ons­ge­schich­te bes­ser zu verstehen.

(Sven Aum­il­ler)
(Gra­fik von Anna Kop­ten­ko & Dani­el Fersch)