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Kommentar

Takeoff: ein Nachruf

An die­ser Stel­le möch­ten wir an den US-​amerikanischen Rap­per Take­off erin­nern, der am 1. Novem­ber 2022 ver­stor­ben ist. Er war das wohl unbe­kann­tes­te Mit­glied des Rap-​Trios Migos und hat den­noch ent­schei­dend zu des­sen Erfolg beigetragen.

I call him twin cuz that be my brother.
We got the same rol­lie, he matching me.

Mei­ne HipHop-​Einstiegsdroge muss so etwas wie "Hit The Quan" von iLoveM­em­phis gewe­sen sein. Ja, ich weiß, nicht gera­de der glor­reichs­te Ein­stieg, aber ich glau­be, es war mei­ne ame­ri­ka­ni­sche Austausch-​Freundin, die mir die­se Musik näher­brach­te. Auf jeden Fall habe ich von 2016 bis unge­fähr 2021 haupt­säch­lich ame­ri­ka­ni­schen New School-​Mainstream-​Rap gehört und somit zwangs­wei­se viel Trap. Die­ses Sub­gen­re wur­de maß­geb­lich von der Rap-​Gruppe Migos – bestehend aus Qua­vo, Off­set und Take­off – geprägt. Migos war im Prin­zip ein Fami­li­en­pro­jekt: Qua­vo war Take­offs leib­li­cher Onkel, mit dem er schon früh begon­nen hat­te Musik zu machen, und Off­set sein Cou­sin – ob im tat­säch­li­chen, fami­liä­ren oder über­tra­ge­nen freund­schaft­li­chen Sinn, ist aber nicht ganz ein­deu­tig. Take­off, bür­ger­lich Kirs­nick Kha­ri Ball, gebo­ren in Law­rence­ville, Geor­gia, starb am 1. Novem­ber 2022 im Alter von 28 Jah­ren bei einer Schie­ße­rei in einer Bow­ling­bahn in Hous­ton, Texas.

Als bei einem Pubquiz 2019 die Fra­ge gestellt wur­de, wie denn die Namen der Migos-​Bandmitglieder lau­ten wür­den, fie­len mir nur Qua­vo und Off­set ein. Tat­säch­lich war das Nest­häk­chen Take­off wahr­schein­lich das unbe­kann­tes­te der drei Mit­glie­der und hat doch ent­schei­dend zum Erfolg der Band bei­getra­gen. Dabei kam die­ser Erfolg nicht über Nacht oder mit einem bestimm­ten Release, son­dern ent­wi­ckel­te sich über meh­re­re Jah­re hin­weg. Ihren Durch­bruch hat­ten sie 2013 mit dem Song "Ver­sace", der von Dra­ke gere­mixt und bei­spiel­haft dafür wur­de, wie Migos mit einem ein­zi­gen Wort oder Aus­druck eine gan­ze Hook fül­len konn­ten. Vie­le dach­ten jedoch, dass es sich hier­bei um ein One-​Hit-​Wonder han­deln wür­de. Nach einem Hau­fen Mix­tapes kam ihr Debüt­al­bum dann erst 2015, wobei die Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen Mix­tape und Album vor allem bei Migos sehr schwer­fällt. Laut eines Arti­kels im Guar­di­an füh­le sich auch die­ses ers­te Album eher wie ein Mix­tape an. Das wür­den die Hardcore-​Fans der Band begrü­ßen, da Migos nicht ver­su­chen wür­den, sich an dem Erfolg von "Ver­sace" zu ori­en­tie­ren oder sich gar in Rich­tung Pop zu bewe­gen. Das war näm­lich eine Ent­wick­lung, dem der Trap ansons­ten ver­fal­len war. Höhe­punkt des­sen war der Song "Dark Hor­se" von Katy Per­ry fea­turing Jui­cy J. Migos hin­ge­gen zoll­ten den Ursprün­gen des Traps in der Dro­gen­sze­ne von Atlan­ta und der damit ein­her­ge­hen­den sozia­len Benach­tei­li­gung mit ent­spre­chen­den Refe­ren­zen Respekt. Wirk­lich kri­tisch setz­te sich das Trio aller­dings nicht mit den Umstän­den von Dro­gen­miss­brauch in der afro­ame­ri­ka­ni­schen Com­mu­ni­ty aus­ein­an­der – in ihren Tex­ten geht es zwar auch viel um Dro­gen­kon­sum, aber ansons­ten um Geld und Sex. (Siden­ote: Wer sich für die Ent­wick­lung und Geschich­te von Trap inter­es­siert, dem emp­feh­le ich einen wei­te­ren Arti­kel im Guar­di­an: "Trap kings: how the hip-​hop sub­gen­re domi­na­ted the deca­de".)

Mit dem Track "Bad and Bou­jee" fea­turing Lil Uzi Vert von 2017 und dem zwei­ten Album "Cul­tu­re", dem Beginn einer Tri­lo­gie, zemen­tier­ten Migos schließ­lich ihren Platz im Mainstream-​HipHop. Durch den Song "Look At My Dab" sorg­ten sie dafür, dass der Dab-​Move viral ging, und mach­ten damit dem Tanz zum ein­gangs erwähn­ten "Hit The Quan" Kon­kur­renz. Take­off beweg­te sich dabei eher am Ran­de des Gesche­hens. Wie ein all­wis­sen­der Beob­ach­ter, der wuss­te, wann er han­deln und wann er sich zurück­zie­hen konn­te. Auf dem Track "Bad and Bou­jee" gibt es bei­spiels­wei­se kei­nen Part von ihm. Er ist nur im Hin­ter­grund des Musik­vi­de­os zu sehen, was im Inter­net für ordent­lich Belus­ti­gung sorg­te. Wäh­rend Off­set und Qua­vo außer­dem durch zahl­rei­che Solo-​Releases auf sich auf­merk­sam mach­ten, galt Take­offs Auf­merk­sam­keit haupt­säch­lich dem Migos-​Projekt. Für ihn war es wohl in Ord­nung, dass die ande­ren bei­den die grö­ße­re Bekannt­heit und somit mehr Aner­ken­nung erlang­ten als er. Pro­du­cer wie Zay­to­ven wie­der­um lob­ten Take­offs Fähig­keit, sei­ne Parts oft als One Take ein­rap­pen zu kön­nen, ohne sich zu ver­spre­chen oder zu ver­has­peln. Er rede­te nicht viel – er mach­te. Off­set bezeich­ne­te ihn einst als "den Kle­ber", der die Band zusammenhielt.

Take­off wur­de von sei­nem Umfeld als recht fried­li­cher Mensch beschrie­ben. Wäh­rend Qua­vo und Off­set sich immer mal wie­der auf­grund von Drogen- und Waf­fen­be­sitz ver­ant­wor­ten muss­ten, hielt Take­off die Stel­lung für Migos außer­halb des Gefäng­nis­ses. Den Berich­ten vom 1. Novem­ber 2022 zufol­ge, war er anschei­nend nur durch einen kata­stro­pha­len Zufall ins Faden­kreuz gera­ten und als Unbe­tei­lig­ter in einen Streit auf einer Pri­vat­par­ty gelangt. Aus Gang- und Gewalt­feh­den hat­te er sich sonst her­aus­ge­hal­ten, trotz­dem stand auch er schon vor Gericht: 2020 wur­de er nach einer Par­ty in Los Ange­les wegen sexu­el­ler Nöti­gung, Kör­per­ver­let­zung, Frei­heits­be­rau­bung und geschlechts­spe­zi­fi­scher Gewalt ange­klagt. Ein Jahr spä­ter wur­de der Fall auf­grund unzu­rei­chen­der Bewei­se fal­len­ge­las­sen. Wie pro­ble­ma­tisch es ist, dass sol­che Taten nicht auf­ge­klärt oder fal­len­ge­las­sen wer­den, wis­sen wir spä­tes­tens seit und #deutschrap­me­too.

Nach dem Tod sei­nes Nef­fen grün­de­te Qua­vo die Rocket Foun­da­ti­on mit dem Ziel, Waf­fen­ge­walt in den USA zu bekämp­fen, und unter­stütz­te in die­sem Zusam­men­hang auch Kama­la Har­ris im Wahl­kampf 2024. Gre­go­ry Jack­son Jr. wur­de als Prä­si­dent der Orga­ni­sa­ti­on ernannt, nach­dem die Trump-​Administration des­sen "White House Office of Gun Vio­lence Pre­ven­ti­on" (Büro für die Prä­ven­ti­on von Waf­fen­ge­walt des Wei­ßen Hau­ses) auf­ge­löst hat­te. Die Rocket Foun­da­ti­on setzt sich unter ande­rem für Müt­ter ein, die ihre Kin­der durch Waf­fen­ge­walt ver­lo­ren haben, und hat sich für die Ein­rich­tung eines Notfall-​Traumatherapiefonds für betrof­fe­ne Jugend­li­che und Fami­li­en enga­giert. Der Name "Rocket" geht womög­lich auf den Titel von Take­offs ein­zi­gem Solo-​Album "The Last Rocket" von 2018 zurück.

Migos hat­ten bereits vor Take­offs Tod begon­nen, sich aus­ein­an­der­zu­le­ben. Qua­vo und Take­off brach­ten zum Bei­spiel im Okto­ber 2022 ihr gemein­sa­mes Album "Only Built For Infi­ni­ty Links" her­aus. Das hat­te aber weni­ger per­sön­li­che, son­dern eher musi­ka­li­sche Grün­de. Qua­vo und Off­set bemü­hen sich, Take­offs Ver­mächt­nis auf­recht­zu­er­hal­ten, wie zum Bei­spiel bei ihrem gemein­sa­men Auf­tritt bei den BET Awards 2023 oder durch Qua­vos und Take­offs kürz­lich erschie­ne­ne Sin­gle "Dope Boy Pho­ne". Als Migos woll­ten sie aber kei­ne Musik mehr machen: "[We] don't wan­na con­ti­nue that. It ain't the same juice."

(Emi­ly Niklas)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)