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Interview

Anita Becke – ein Gespräch über die Breaking-​Dokumentation "Break The System" und Regeln in der Kunst

"Sie haben sich in dem künst­le­ri­schen Bereich woh­ler gefühlt als in die­sem stän­di­gen Ver­gleich mit ande­ren Athlet:innen." – "Break The System"-Regisseurin Ani­ta Becke im Gespräch über die Ent­schei­dung der Brea­king Twins, nicht mehr Teil des offi­zi­el­len deut­schen Breaking-​Kaders sein zu wollen.

Doku­men­ta­tio­nen und Doku-​Serien über Rap und die HipHop-​Kultur gibt es mitt­ler­wei­le wie Sand am Meer. Und obwohl sich einer der ers­ten HipHop-​Filme "Beat Street" von 1984 bereits um Brea­king dreht, ist die Dis­zi­plin bis heu­te medi­al eher unter­re­prä­sen­tiert. Dem­entspre­chend span­nend war die Idee der Regis­seu­rin Ani­ta Becke, den ers­ten offi­zi­el­len Breaking-​Kader Deutsch­lands bis zu den Olym­pi­schen Spie­len 2024 fil­misch zu beglei­ten. Auf dem gemein­sa­men Weg erga­ben sich immer wie­der Situa­tio­nen, die fol­gen­schwe­re Ent­schei­dun­gen eini­ger Ath­le­tin­nen nach sich zogen, und die­se – wie auch die Doku­men­ta­ti­on selbst – in unvor­her­ge­se­he­ne Abzwei­gun­gen führ­ten. Die­se Wege sind nicht nur das Ergeb­nis künst­le­ri­scher Ent­schei­dun­gen der Brea­ke­rin­nen, son­dern erga­ben sich zum Teil auch aus den bestehen­den Regeln und Anfor­de­run­gen, die an die jun­gen Ath­le­tin­nen gestellt wur­den. Über die­ses Span­nungs­ver­hält­nis spra­chen wir mit Ani­ta Becke, der Regis­seu­rin der Doku­men­ta­ti­on "Break The Sys­tem". Außer­dem ging es im Gespräch dar­um, wie ein pas­sen­der Sound­track ent­steht, was bei Film­för­de­run­gen zu beach­ten ist und war­um die "Brea­king Twins" die Prot­ago­nis­tin­nen des Films wurden.

MZEE​.com​: Zu Beginn wür­de ich von dir ger­ne wis­sen, wie die Idee zustan­de kam, einen Film über zwei Brea­ke­rin­nen zu dre­hen, die das Ziel haben, zu den Olym­pi­schen Spie­len zu fahren?

Ani­ta Becke: Da kann ich jetzt natür­lich aus­ho­len. Viel­leicht fan­ge ich bei mir selbst an und wie ich zum The­ma Brea­king gekom­men bin. Denn ich habe mir das The­ma nicht spon­tan aus­ge­sucht. Ich bin mit Mar­co (Anm. d. Red.: Mar­co Baa­den, Breaking-​Bundestrainer) seit über zehn Jah­ren befreun­det und war immer wie­der bei Batt­les mit dabei. Er hat mir im Vor­feld ganz viel berich­tet: Was so pas­siert und dass sich jetzt was ver­än­dert, wenn Brea­king olym­pisch wird. Das habe ich schon früh mitbekommen.

MZEE​.com​: Woher kennst du Mar­co denn? Auch über das Breaken?

Ani­ta Becke: Wir ken­nen uns aus der Hei­mat. In Flens­burg haben wir im Jugend­zen­trum zusam­men­ge­ar­bei­tet: Mar­co hat dort gebre­akt und war einer der Team­lei­ter, ich habe eben­falls HipHop-​Kurse gege­ben. Dadurch habe ich schon früh die­se Debat­te mit­be­kom­men, denn es fan­den nicht alle geil, dass Brea­king olym­pisch wird. Wie soll das funk­tio­nie­ren? Es gab auch eine gewis­se Angst vor Neu­em und Umstel­lun­gen. Ande­re sahen dar­in wie­der­um eine Chan­ce und neue Wege. Mar­co hat mit mir dar­über gespro­chen und mich gefragt, ob ich das nicht beglei­ten will. Mir war schnell klar, dass das ein grö­ße­res Ding ist, wes­halb ich das Gan­ze bei der Pro­duk­ti­ons­fir­ma von Dorsch gepitcht habe. Die ken­nen sich im HipHop-​Kosmos aus, das war mir wich­tig. Ich woll­te die­ses Pro­jekt mit Men­schen machen, die ver­ste­hen, dass das durch­aus eine his­to­ri­sche Ver­än­de­rung ist, was dort pas­siert. Wir began­nen mit den Dreh­ar­bei­ten und ursprüng­lich war geplant, dass wir eher über Mar­co und sei­nen Weg berich­ten: Er stand und steht irgend­wie zwi­schen den Lagern und muss den Spa­gat zwi­schen Sze­ne und Leis­tungs­sport hinbekommen.

MZEE​.com​: Wie kam es dann zum Fokus auf die Twins?

Ani­ta Becke: Wir waren am Anfang in Frank­furt mit dabei, wo die Kader­sich­tung für den Perspektiv-​Kader (Anm. d. Red.: aus­sichts­rei­che Kandidat:innen für die nächs­ten und über­nächs­ten Olym­pi­schen Spie­le) statt­fand. Dort sind mir die Twins direkt auf­ge­fal­len und ich dach­te mir: "Krass, die haben voll die Aus­strah­lung!" Sie haben es mir auch nicht schwer gemacht, auf sie zuzu­ge­hen, und ich woll­te so oder so mit den Mit­glie­dern des Kaders spre­chen. Ein Wochen­en­de spä­ter, beim nächs­ten Lehr­gang in Ess­lin­gen, habe ich dann auch ein rich­tig kon­kre­tes Inter­view mit bei­den geführt und danach war eigent­lich klar, dass der Fokus auf die bei­den super inter­es­sant wäre. Es gab direkt eine per­sön­li­che Ver­bin­dung: Wir sind im glei­chen Alter, ich bin vom Stern­zei­chen auch Zwil­ling und in die­ser HipHop-​Szene unter­wegs. Das hat ein­fach direkt gepasst, wenn wir in ihrer Ber­li­ner Woh­nung waren, haben sie sich nicht für die Kame­ra ver­stellt und im Gespräch viel preis­ge­ge­ben. Das war eine rich­tig gute Zusam­men­ar­beit und am Ende gab es noch einen inter­es­san­ten Wen­de­punkt. Mar­co haben wir trotz­dem nicht aus den Augen ver­lo­ren und auch erzählt, mit wel­chen Schwie­rig­kei­ten er im Lau­fe der Vor­be­rei­tun­gen kon­fron­tiert war.

MZEE​.com​: Du hast den Inhalt der Doku bereits kurz ange­ris­sen. Erzähl uns doch noch mal kon­kret, wor­um es geht und was du mit dem Film ver­mit­teln möchtest.

Ani­ta Becke: Der Film erzählt die Geschich­te vom ers­ten deut­schen Breaking-​Kader. Gene­rell hat es Brea­king in die­ser olym­pi­schen Struk­tur so noch nicht gege­ben, wodurch das Gan­ze ein his­to­ri­sches Event ist. Der Film dreht sich um die Protagonist:innen Joël­le und Nao­mi als Ath­le­tin­nen im Kader und Mar­co als Bun­des­trai­ner. Dabei erzählt der Film, wie die ein­zel­nen Protagonist:innen mit den Ver­än­de­run­gen klar­kom­men und wel­che Wege sich auf­ge­tan haben. Kon­kret geht es auch dar­um, die Fra­ge in den Raum zu stel­len, ob sich die Kunst­form des Brea­kings und Leis­tungs­sport – wo ande­re Regel­struk­tu­ren bestehen – ver­bin­den las­sen. Das war das, was ich mit dem Film wie­der­ge­ben woll­te. Am Ende haben wir uns in eine Beobachter:innenrolle bege­ben und einen Doku­men­tar­film gedreht. Wir woll­ten nichts extra framen oder super dra­ma­tisch dar­stel­len, son­dern die Per­spek­ti­ven von drei Per­so­nen dar­stel­len und erzäh­len, was ihre Ant­wort auf die Fra­ge ist, ob sich Kunst mit Leis­tungs­sport ver­bin­den lässt.

MZEE​.com​: Der Film ist zu wei­ten Tei­len wäh­rend der Pan­de­mie ent­stan­den. Hat das den Dreh beein­flusst? Gab es Unter­schie­de im Ver­gleich zu vor­he­ri­gen Projekten?

Ani­ta Becke: Das ist gefühlt schon so lan­ge her, aber man sieht ab und zu die Mas­ken im Film. Es ist inter­es­sant, ich wur­de dar­auf schon mal ange­spro­chen: Wir haben zum Bei­spiel in Seo­ul bezie­hungs­wei­se Süd­ko­rea gedreht und dort ist es ganz nor­mal, Mas­ken zu tra­gen. So rich­tig hat es uns den Dreh aber nicht erschwert. Am Anfang war es scha­de. 2020 waren wir in Frank­furt beim Kader und man sieht die gan­zen Gesich­ter nicht rich­tig. Dadurch ergab sich eine klei­ne Bar­rie­re zu den Leu­ten, weil wir uns nicht direkt sehen konn­ten und auch immer einen Abstand hal­ten muss­ten. Das war aber zum Glück nur am Anfang der Fall. Durch mei­ne Freund­schaft mit Mar­co kamen wir trotz­dem sehr schnell nah an die Ath­le­tin­nen ran und das ist für einen Doku­men­tar­film total schön. Als Kame­ra­team waren wir immer zu zweit unter­wegs, Lukas Eylandt und ich. Wenn man dort das ers­te Mal auf­kreuzt, ist es eine komi­sche Situa­ti­on: Das Warm­wer­den mit den Leu­ten wur­de durch die Mas­ken auf jeden Fall etwas erschwert.

MZEE​.com​: Wäh­rend des Drehs hat­tet ihr auch viel mit ver­schie­de­nen Sport­ver­bän­den zu tun. Gab es von deren Sei­te irgend­wel­che Auf­la­gen oder Regeln, die ihr beach­ten musstet?

Ani­ta Becke: Tat­säch­lich gab es aus die­ser Rich­tung kaum Vor­ga­ben. Wir haben den inde­pen­dent pro­du­ziert, aber drei För­de­run­gen erhal­ten: Ein­mal eine Ent­wick­lungs­för­de­rung der MOIN Film­för­de­rung Ham­burg Schleswig-​Holstein sowie eine Pro­duk­ti­ons­för­de­rung von der BKM, also vom Bund direkt. In die­sem Zusam­men­hang gab es dann durch­aus ein paar Auf­la­gen und Din­ge zu beach­ten. Mit den Ver­bän­den muss­ten wir uns nie abspre­chen. Nach­dem wir in Ess­lin­gen gedreht hat­ten, gab es mal eine Nach­fra­ge. Ich glau­be aber, die hat­ten uns dann gar nicht mehr auf dem Schirm, denn wir sind denen wäh­rend des Drehs nicht mehr viel begeg­net. Manch­mal brauch­ten wir natür­lich Dreh­ge­neh­mi­gun­gen. In Por­tu­gal gab es dies­be­züg­lich Pro­ble­me, des­halb gibt es von dort auch kei­ne Tanz­sze­nen. Ich bin dort nicht rein­ge­kom­men, weil ich kei­ne Geneh­mi­gung bekom­men habe. Das war tat­säch­lich manch­mal etwas Heck­meck, aber mit dem DTV hat­ten wir kaum zu tun und kei­ne Probleme.

MZEE​.com​: Gab es denn abseits der Situa­ti­on in Por­tu­gal Sze­nen oder Ideen, die ihr nicht wie gewünscht umset­zen konntet?

Ani­ta Becke: Das Gan­ze war sehr situa­ti­ons­ab­hän­gig, denn meis­tens war nur klar, wen wir an wel­chem Dreh­tag beglei­ten. Wenn wir Mar­co beglei­tet haben, wuss­ten wir zum Bei­spiel, ob wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen getrof­fen wer­den und wie die all­ge­mei­ne Stim­mung im Team ist. Das konn­ten wir dann dem­entspre­chend ein­fan­gen. In die­sen Momen­ten haben wir uns dann an sei­nen Zip­fel gehängt. In Seo­ul waren wir bei­spiels­wei­se nur mit den Twins unter­wegs, um uns auf eine Sache zu fokus­sie­ren. Des­we­gen haben wir nie weit im Vor­aus geplant und es konn­te nichts nicht funk­tio­nie­ren. Es fand ein Event in Ham­burg statt, das es nicht in den Film geschafft hat. Es gab dort zwei Mal kras­sen Regen und Unwet­ter, wodurch zwei Mal die gan­ze Are­na geräumt wer­den muss­te. Dort haben wir dann letzt­end­lich abgebrochen.

MZEE​.com​: Fürs Fil­me­ma­chen gibt es eini­ge unge­schrie­be­ne Geset­ze. Wie wich­tig waren dir Fra­gen beim Dreh wie: Was ist gute Kame­ra­füh­rung? Wie setzt man Musik ein? Und wie sieht eine sinn­vol­le Erzähl­struk­tur aus?

Ani­ta Becke: Ich fin­de, man merkt, wenn sich die Protagonist:innen mit dem Pro­duk­ti­ons­team gut ver­ste­hen. Wären wir nicht so nah an ihnen dran geblie­ben, also auch auf einer pri­va­ten Ebe­ne, hät­ten wir ande­re Bil­der ein­ge­fan­gen und ande­re Infos bekom­men. Das macht die­ses Pro­jekt ein­zig­ar­tig. Gene­rell bezüg­lich "Regeln" den­ke ich, dass alle selbst ihren Weg fin­den müs­sen. Mir ist im Doku-​Kontext wich­tig, dass man spürt, dass es real ist.

MZEE​.com​: Authen­ti­zi­tät hat bei dir also die höchs­te Priorität.

Ani­ta Becke: Genau, man soll nicht das Gefühl bekom­men, dass wir beim Dreh ein ner­vi­ges Kame­ra­team waren, dass um Inter­views bet­teln und per­ma­nent hin­ter­her­ren­nen muss­te. Alle soll­ten Spaß am Dreh haben, als wäre man mit Freund:innen unter­wegs. Dann ist die anfäng­li­che Bar­rie­re irgend­wann gar nicht mehr so groß. Man ist sich am Ende des Drehs nicht mehr fremd und die Leu­te vor der Kame­ra kön­nen eher abschät­zen, was mit dem Mate­ri­al pas­siert. Das beein­flusst natür­lich auch die Erzähl­struk­tur. Die Fra­ge nach Film­re­geln ist super­kom­plex und ich den­ke, es gibt hier kei­ne ein­deu­ti­ge Ant­wort drauf.

MZEE​.com​: Man merkt, dass es dir dem­entspre­chend den gesam­ten Dreh über Spaß gemacht hat, die­se Geschich­te zu erzählen.

Ani­ta Becke: Ich hat­te viel Spaß und das Feed­back war bis­her auch sehr posi­tiv: Vie­le Leu­te mein­ten zu mir, dass sie beim Anse­hen des Fil­mes das Gefühl hat­ten, sie wären fast mit den Twins befreun­det und super­nah an dem dran, was in dem Film pas­siert. Das ist eine tol­le Bestä­ti­gung für unse­re Vorgehensweise.

MZEE​.com​: Hast du den Ein­druck, dass sich in die­sem olym­pi­schen Kon­text Brea­king als Sport­art noch mal ver­än­dert hat?

Ani­ta Becke: Das müs­sen eigent­lich die Tänzer:innen beant­wor­ten. Für mich war aber span­nend zu erfah­ren, dass soge­nann­te "Burns" also klei­ne, pro­vo­kan­te Ges­ten oder Reak­tio­nen, mit denen man die Gegen­sei­te ein biss­chen kit­zelt, bei Olym­pia ver­bo­ten sind. Dabei deu­test du an, dass du deine:n Gegner:in fer­tig­machst, und machst einen aggres­si­ven Move. Das war im olym­pi­schen Kos­mos unter­sagt. Aber ansons­ten, glau­be ich, konn­ten die Brea­ke­rin­nen trotz­dem ihren Style behal­ten und so tan­zen, wie sie immer tan­zen. Für mich sah es so aus, als wür­den die Brea­ke­rin­nen das ablie­fern, was sie auch in einem nor­ma­len Batt­le ablie­fern wür­den. Die Kon­kur­renz ist aber viel stär­ker und kon­zen­trier­ter als in vie­len ande­ren natio­na­len und inter­na­tio­na­len Battles.

MZEE​.com​: Bei den bei­den Prot­ago­nis­tin­nen des Films ver­än­der­te sich die Stim­mung sehr – von einer anfäng­li­chen Eupho­rie hin zu einer gewis­sen Ableh­nung der Olym­pi­schen Spie­le. Wie erklärst du dir die­sen Wan­del? Schließ­lich ist dies ein wich­ti­ger Teil der Dokumentation.

Ani­ta Becke: Die bei­den waren am Anfang mega­hy­ped und es war etwas Neu­es. Die B-​Girls konn­ten auf ein­mal zu Breaking-​Events rei­sen und müs­sen dafür kei­nen Cent mehr aus­ge­ben, weil das der Ver­band über­nimmt. Es wirk­te wie eine neue Chan­ce, mal auf einem inter­na­tio­na­len Event statt­zu­fin­den und nicht nur natio­nal. In die­sem inter­na­tio­na­len Ver­gleich fängst du viel­leicht nicht an, an dir zu zwei­feln, aber abzu­wä­gen, was dir gut­tut. Ist es für dich rea­lis­tisch, in die­sem Wett­be­werb mit­zu­mi­schen? Am Ende war das den bei­den, glau­be ich, ein zu gro­ßer Leis­tungs­druck. Sie hat­ten das Gefühl, Din­ge zu "müs­sen", zum Bei­spiel beson­de­re Power Moves zu ler­nen und ein­zu­set­zen. Ihre Stär­ke war immer ihre Aus­strah­lung, aber nicht, einen Flick­f­lack nach dem ande­ren zu machen. Sie haben sich im künst­le­ri­schen Bereich woh­ler gefühlt als in die­sem stän­di­gen Ver­gleich mit ande­ren Athlet:innen. Über die Zeit hat sich ihre Per­spek­ti­ve dar­auf immer wei­ter ver­än­dert. Das ist das, was der Film erzählt. Ich den­ke, der Leis­tungs­druck hat schon eine zen­tra­le Rol­le gespielt.

MZEE​.com​: Wür­dest du unter­schei­den zwi­schen Brea­king als Kunst­form und als Sport? Die­ser Dua­lis­mus wird ja durch­aus im Film erzählt, in dem die bei­den Prot­ago­nis­tin­nen am Ende eine Breaking-​Performance für die Büh­ne ent­wi­ckelt haben.

Ani­ta Becke: Ich glau­be, das muss jede:r für sich beant­wor­ten. Brea­king war für mich, bis ich die­sen Film gemacht habe, auf jeden Fall immer mehr Kunst und Sub­kul­tur als Leis­tungs­sport, wie man ihn von Olym­pia kennt. Es gehört nicht ohne Grund zu den HipHop-​Säulen, gibt den Leu­ten Iden­ti­tät, hat beson­de­re Wer­te und schafft ein Familien- und Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl. Wäh­rend der Film­pro­duk­ti­on habe ich gemerkt, was das für ein hef­ti­ger Spit­zen­sport ist. Die­se Kunst­form ist super­kör­per­lich und das eine schließt das ande­re über­haupt nicht aus: Die Athlet:innen haben am Anfang Moto­rik­tests gemacht und dabei teil­wei­se bes­ser abge­schnit­ten als ande­re Hochleistungssportler:innen, die schon bei Olym­pia waren. In den Run­den, die sie tan­zen, legen sie Sprints hin. Das ist wahn­sin­nig kör­per­lich, sich durch die Gegend zu schwin­gen. Das darf man nicht unter­schät­zen. Man darf Brea­king defi­ni­tiv in die Schub­la­de Spit­zen­sport ste­cken und den B-​Boys und B-​Girls auch die­sen Cre­dit geben. Es hat eben aber auch einen kras­sen sub­kul­tu­rel­len Back­ground. Die Sze­ne mit der Per­for­mance der Twins stellt auf jeden Fall einen Bruch in der Doku dar. Als die bei­den mir von ihrer Ent­schei­dung erzählt haben, war das erst mal ein Schock für mich. Ich wuss­te nicht, wie es mit dem Film wei­ter­ge­hen wür­de. Zu die­ser Zeit wur­de der inne­re Kon­flikt der bei­den, ob Kunst und Sport sich ver­ei­nen las­sen, total deut­lich. In Ber­lin haben sie bei ihrer Per­for­mance auf einen sehr elek­tro­ni­schen Track getanzt. Für den Film haben Lia Şahin, LIZZN und Supreme.Frost dann einen neu­en Song pro­du­ziert, der noch bes­ser gepasst hat.

MZEE​.com​: Apro­pos Musik: Die­se drei Artists kre­ierten den kom­plet­ten Sound­track zur Doku­men­ta­ti­on. Hat­test du im Vor­feld Wün­sche und Vor­ga­ben oder konn­ten die drei sich kom­plett frei künst­le­risch entfalten?

Ani­ta Becke: Musik­rech­te sind super­teu­er. Da es ein Film über Tanz ist, wuss­te ich, dass Musik essen­ti­ell und extrem wich­tig sein wird. Die größ­te Her­aus­for­de­rung lag bei der Musik, die wäh­rend den auf­ge­nom­me­nen Batt­les lief. Die­se kann man aus recht­li­chen Grün­den nicht ein­fach im Film lau­fen las­sen, ohne viel Geld dafür zu inves­tie­ren. Da ich zunächst kei­ne Lösung fand, haben wir das The­ma immer wei­ter auf­ge­scho­ben. Dann haben wir im Schnitt mit der Film­edi­to­rin Mela­nie Schüt­ze erst mal mit Platz­hal­ter­songs gear­bei­tet, um die Geschich­te aus­zu­ar­bei­ten und ein Gefühl zu bekom­men. Ich habe das Inter­net danach durch­fors­tet, wel­che Songs den rich­ti­gen Vibe ver­mit­teln wür­den. An man­chen Stel­len ist es schwie­rig – wenn du ein auf­ge­nom­me­nes Batt­le hast, musst du zum Bei­spiel die rich­ti­gen BPM fin­den. Es darf nicht schei­ße aus­se­hen und muss zusam­men­pas­sen. Wir haben im Nach­gang über Insta­gram einen Auf­ruf gestar­tet, dass wir Musikproduzent:innen für den Film suchen. Über Kon­tak­te sind wir am Ende dann zu den drei­en gekom­men. Ich kann­te sie davor gar nicht, aber habe dann rein­ge­hört, was Lia und LIZZN so für Musik machen. Ursprüng­lich waren nur die bei­den ein­ge­plant und ich wuss­te nicht, dass Supre­me auch dazu­kommt. Ich war aber bereits von den zwei­en total begeis­tert: Sie kön­nen fan­tas­tisch Beat­bo­xen und nice Beats pro­du­zie­ren. Wir haben mit­ein­an­der gespro­chen und ich habe ihnen freie Hand gelas­sen, abseits von einem Mood­board, in dem die Emo­tio­nen der Sze­nen stan­den. Anschlie­ßend haben sie sich zwei Wochen ein­ge­sperrt und für unse­ren 80 Minu­ten lan­gen Film jeden Song kom­po­niert und pro­du­ziert. Das ist eine kras­se Leis­tung, denn es pass­te ein­fach direkt. Sie haben die Sze­nen per­fekt nach­ge­fühlt und unter­malt. Ich war dann noch ein­mal vor Ort im Stu­dio von Supreme.Frost, habe mir alles mit ihnen ange­hört und war ein­fach nur fas­zi­niert, wie gut sie das getrof­fen haben. Es war alles bes­ser als mei­ne Platz­hal­ter­songs. Die drei haben sehr viel HipHop-​Knowledge und das spürt man. Gas­trap­per wie daCree­zy und Inspek­tah haben zudem noch mit­ge­wirkt und ich bin sehr hap­py, dass alles "Made in Ham­burg" ist. Das hat the­ma­tisch super gepasst und ich höre mir den Sound­track immer noch ger­ne an.

MZEE​.com​: Für das Mood­board hast du ihnen also vor­her auch den Roh­schnitt des Films zur Ver­fü­gung gestellt.

Ani­ta Becke: Genau, auch die Sze­nen mit den jewei­li­gen Platz­hal­ter­songs haben sie bekom­men. Das Gan­ze haben sie in etwas Super­star­kes ver­wan­delt. Ich hat­te nichts zu meckern und bin bis heu­te begeistert.

MZEE​.com​: Bei dir als Regis­seu­rin des Films lau­fen alle Fäden zusam­men. Damit ein Film am Ende raus­kommt, braucht es per­ma­nent gewis­se For­men von Abspra­chen, Timings und Regeln. Gab es für dich Momen­te, in denen du dach­test, das Pro­jekt ste­he auf der Kippe?

Ani­ta Becke: Es hat ja funk­tio­niert, denn der Film ist erschie­nen. Ich bin wirk­lich rich­tig froh, dass wir mit den Leu­ten zusam­men­ge­ar­bei­tet haben, mit denen das Pro­jekt dann auch ent­stan­den ist. Allein an der Pro­duk­ti­on in Ber­lin, bei der die letz­te Per­for­mance der Twins ent­stan­den ist, waren kras­se Per­so­nen betei­ligt, die teil­wei­se schon an Hol­ly­wood­fil­men mit­ge­ar­bei­tet haben. Auch unse­re Film­edi­to­rin und die Musiker:innen haben auf ihrem Gebiet abge­lie­fert. Mit all die­sen Leu­ten gab es eine super­gu­te Zusam­men­ar­beit und kei­ne Feed­back­schlei­fen, bei denen man dach­te: "Ach du Schei­ße! Was ist denn jetzt pas­siert? Wir müs­sen alles noch­mal neu machen." Die anstren­gen­de Pha­se begann erst, als der Film fast fer­tig war. Wir brauch­ten zum Kino­start ein Kino, das den Film für min­des­tens eine Woche zei­gen wür­de. Lei­der hat­ten sämt­li­che ange­frag­ten Kinos bereits vol­le Pro­gram­me. Das führ­te dazu, dass sich die Pha­se bis zur Ver­öf­fent­li­chung etwas in die Län­ge gezo­gen hat und wir den Film erst im Juni prä­sen­tie­ren konn­ten. Das ist scha­de, aber bes­ser spät als nie. Wir sind sehr froh, dass ein renom­mier­tes Pro­gramm­ki­no wie das Zei­se Kino in Ham­burg uns die Pre­mie­re ermög­licht hat. Wir brauch­ten die­sen Kino­start, damit der Film dem­nächst auf einer Strea­ming­platt­form lan­den kann.

MZEE​.com​: Das klingt, als hät­ten die Abspra­chen mit der Pro­duk­ti­ons­fir­ma einen Groß­teil dei­ner Arbeit ausgemacht?

Ani­ta Becke: Genau, das meis­te mei­ner Arbeit lief über und mit der Pro­duk­ti­ons­fir­ma. Ich bin sehr dank­bar und schät­ze deren Arbeit. Allein die gan­zen Impul­se, die zum Bei­spiel ein Lukas mir wäh­rend des Drehs gege­ben hat, und auch mit den Twins haben wir uns viel abge­stimmt. Ich habe das nicht immer allei­ne ent­schie­den. Der gan­ze Film war Team­work. Für mich als Regis­seu­rin war das der ers­te Lang­film und ganz auf­re­gend. Allein, wie die gan­zen Strän­ge bei einem zusam­men­lau­fen. Auf ein­mal muss man dau­ernd irgend­was ent­schei­den. Ich hat­te immer das Bedürf­nis, gemein­sam Ent­schei­dun­gen zu treffen.

MZEE​.com​: Könn­test du dir denn vor­stel­len, noch mal ein Pro­jekt in die­ser Grö­ße zu machen?

Ani­ta Becke: Nicht über so vie­le Jah­re. Ich kann mir aber sehr gut vor­stel­len, noch mal was im Breaking- oder HipHop-​Kosmos zu machen. Ich habe das Gefühl, dass ich die rich­ti­gen Leu­te ken­ne, um sol­che Pro­jek­te umzu­set­zen. Dadurch las­sen sich ein­fach sehr authen­ti­sche Geschich­ten erzählen.

MZEE​.com​: In die­sem Bereich gibt es auch vie­le Per­spek­ti­ven, die man abbil­den kann.

Ani­ta Becke: Es gibt vie­le inter­es­san­te Cha­rak­te­re. Es ist auch end­lich eine Zeit ange­bro­chen, in der man mal "ande­re" Geschich­ten, zum Bei­spiel von FLINTA*-Personen erzäh­len kann. Allein in dem Breaking-​Kader gab es so span­nen­de Per­so­nen, man hät­te über jede:n dort einen Film dre­hen kön­nen. Ich habe mich jetzt aber erst mal auf die Twins fokus­siert. Gene­rell wird span­nend, was sich jetzt noch so tut und wie sich die Events ent­wi­ckeln. Ich glau­be, Mar­co ist da ein guter Kon­takt und hat immer Bock auf sol­che Pro­jek­te. Auch Supreme.Frost hat­te sofort Lust, musi­ka­lisch an einem wei­te­ren Pro­jekt mitzuwirken.

MZEE​.com​: Was wünschst du dir denn in Zukunft noch für euren Film?

Ani­ta Becke: Ich bin gespannt, was jetzt alles noch kommt, wie die Ver­öf­fent­li­chung bei einem Strea­ming­dienst. Es wäre schön, wenn der Film auch mal in Ber­lin lau­fen wür­de, denn dort woh­nen vie­le der betei­lig­ten Per­so­nen. Nach Ham­burg haben es näm­lich lei­der nicht alle geschafft.

(Alec Weber)
(Titel­bild von Geni Hoka)