Dokumentationen und Doku-Serien über Rap und die HipHop-Kultur gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Und obwohl sich einer der ersten HipHop-Filme "Beat Street" von 1984 bereits um Breaking dreht, ist die Disziplin bis heute medial eher unterrepräsentiert. Dementsprechend spannend war die Idee der Regisseurin Anita Becke, den ersten offiziellen Breaking-Kader Deutschlands bis zu den Olympischen Spielen 2024 filmisch zu begleiten. Auf dem gemeinsamen Weg ergaben sich immer wieder Situationen, die folgenschwere Entscheidungen einiger Athletinnen nach sich zogen, und diese – wie auch die Dokumentation selbst – in unvorhergesehene Abzweigungen führten. Diese Wege sind nicht nur das Ergebnis künstlerischer Entscheidungen der Breakerinnen, sondern ergaben sich zum Teil auch aus den bestehenden Regeln und Anforderungen, die an die jungen Athletinnen gestellt wurden. Über dieses Spannungsverhältnis sprachen wir mit Anita Becke, der Regisseurin der Dokumentation "Break The System". Außerdem ging es im Gespräch darum, wie ein passender Soundtrack entsteht, was bei Filmförderungen zu beachten ist und warum die "Breaking Twins" die Protagonistinnen des Films wurden.
MZEE.com: Zu Beginn würde ich von dir gerne wissen, wie die Idee zustande kam, einen Film über zwei Breakerinnen zu drehen, die das Ziel haben, zu den Olympischen Spielen zu fahren?
Anita Becke: Da kann ich jetzt natürlich ausholen. Vielleicht fange ich bei mir selbst an und wie ich zum Thema Breaking gekommen bin. Denn ich habe mir das Thema nicht spontan ausgesucht. Ich bin mit Marco (Anm. d. Red.: Marco Baaden, Breaking-Bundestrainer) seit über zehn Jahren befreundet und war immer wieder bei Battles mit dabei. Er hat mir im Vorfeld ganz viel berichtet: Was so passiert und dass sich jetzt was verändert, wenn Breaking olympisch wird. Das habe ich schon früh mitbekommen.
MZEE.com: Woher kennst du Marco denn? Auch über das Breaken?
Anita Becke: Wir kennen uns aus der Heimat. In Flensburg haben wir im Jugendzentrum zusammengearbeitet: Marco hat dort gebreakt und war einer der Teamleiter, ich habe ebenfalls HipHop-Kurse gegeben. Dadurch habe ich schon früh diese Debatte mitbekommen, denn es fanden nicht alle geil, dass Breaking olympisch wird. Wie soll das funktionieren? Es gab auch eine gewisse Angst vor Neuem und Umstellungen. Andere sahen darin wiederum eine Chance und neue Wege. Marco hat mit mir darüber gesprochen und mich gefragt, ob ich das nicht begleiten will. Mir war schnell klar, dass das ein größeres Ding ist, weshalb ich das Ganze bei der Produktionsfirma von Dorsch gepitcht habe. Die kennen sich im HipHop-Kosmos aus, das war mir wichtig. Ich wollte dieses Projekt mit Menschen machen, die verstehen, dass das durchaus eine historische Veränderung ist, was dort passiert. Wir begannen mit den Dreharbeiten und ursprünglich war geplant, dass wir eher über Marco und seinen Weg berichten: Er stand und steht irgendwie zwischen den Lagern und muss den Spagat zwischen Szene und Leistungssport hinbekommen.
MZEE.com: Wie kam es dann zum Fokus auf die Twins?
Anita Becke: Wir waren am Anfang in Frankfurt mit dabei, wo die Kadersichtung für den Perspektiv-Kader (Anm. d. Red.: aussichtsreiche Kandidat:innen für die nächsten und übernächsten Olympischen Spiele) stattfand. Dort sind mir die Twins direkt aufgefallen und ich dachte mir: "Krass, die haben voll die Ausstrahlung!" Sie haben es mir auch nicht schwer gemacht, auf sie zuzugehen, und ich wollte so oder so mit den Mitgliedern des Kaders sprechen. Ein Wochenende später, beim nächsten Lehrgang in Esslingen, habe ich dann auch ein richtig konkretes Interview mit beiden geführt und danach war eigentlich klar, dass der Fokus auf die beiden super interessant wäre. Es gab direkt eine persönliche Verbindung: Wir sind im gleichen Alter, ich bin vom Sternzeichen auch Zwilling und in dieser HipHop-Szene unterwegs. Das hat einfach direkt gepasst, wenn wir in ihrer Berliner Wohnung waren, haben sie sich nicht für die Kamera verstellt und im Gespräch viel preisgegeben. Das war eine richtig gute Zusammenarbeit und am Ende gab es noch einen interessanten Wendepunkt. Marco haben wir trotzdem nicht aus den Augen verloren und auch erzählt, mit welchen Schwierigkeiten er im Laufe der Vorbereitungen konfrontiert war.
MZEE.com: Du hast den Inhalt der Doku bereits kurz angerissen. Erzähl uns doch noch mal konkret, worum es geht und was du mit dem Film vermitteln möchtest.
Anita Becke: Der Film erzählt die Geschichte vom ersten deutschen Breaking-Kader. Generell hat es Breaking in dieser olympischen Struktur so noch nicht gegeben, wodurch das Ganze ein historisches Event ist. Der Film dreht sich um die Protagonist:innen Joëlle und Naomi als Athletinnen im Kader und Marco als Bundestrainer. Dabei erzählt der Film, wie die einzelnen Protagonist:innen mit den Veränderungen klarkommen und welche Wege sich aufgetan haben. Konkret geht es auch darum, die Frage in den Raum zu stellen, ob sich die Kunstform des Breakings und Leistungssport – wo andere Regelstrukturen bestehen – verbinden lassen. Das war das, was ich mit dem Film wiedergeben wollte. Am Ende haben wir uns in eine Beobachter:innenrolle begeben und einen Dokumentarfilm gedreht. Wir wollten nichts extra framen oder super dramatisch darstellen, sondern die Perspektiven von drei Personen darstellen und erzählen, was ihre Antwort auf die Frage ist, ob sich Kunst mit Leistungssport verbinden lässt.
MZEE.com: Der Film ist zu weiten Teilen während der Pandemie entstanden. Hat das den Dreh beeinflusst? Gab es Unterschiede im Vergleich zu vorherigen Projekten?
Anita Becke: Das ist gefühlt schon so lange her, aber man sieht ab und zu die Masken im Film. Es ist interessant, ich wurde darauf schon mal angesprochen: Wir haben zum Beispiel in Seoul beziehungsweise Südkorea gedreht und dort ist es ganz normal, Masken zu tragen. So richtig hat es uns den Dreh aber nicht erschwert. Am Anfang war es schade. 2020 waren wir in Frankfurt beim Kader und man sieht die ganzen Gesichter nicht richtig. Dadurch ergab sich eine kleine Barriere zu den Leuten, weil wir uns nicht direkt sehen konnten und auch immer einen Abstand halten mussten. Das war aber zum Glück nur am Anfang der Fall. Durch meine Freundschaft mit Marco kamen wir trotzdem sehr schnell nah an die Athletinnen ran und das ist für einen Dokumentarfilm total schön. Als Kamerateam waren wir immer zu zweit unterwegs, Lukas Eylandt und ich. Wenn man dort das erste Mal aufkreuzt, ist es eine komische Situation: Das Warmwerden mit den Leuten wurde durch die Masken auf jeden Fall etwas erschwert.
MZEE.com: Während des Drehs hattet ihr auch viel mit verschiedenen Sportverbänden zu tun. Gab es von deren Seite irgendwelche Auflagen oder Regeln, die ihr beachten musstet?
Anita Becke: Tatsächlich gab es aus dieser Richtung kaum Vorgaben. Wir haben den independent produziert, aber drei Förderungen erhalten: Einmal eine Entwicklungsförderung der MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein sowie eine Produktionsförderung von der BKM, also vom Bund direkt. In diesem Zusammenhang gab es dann durchaus ein paar Auflagen und Dinge zu beachten. Mit den Verbänden mussten wir uns nie absprechen. Nachdem wir in Esslingen gedreht hatten, gab es mal eine Nachfrage. Ich glaube aber, die hatten uns dann gar nicht mehr auf dem Schirm, denn wir sind denen während des Drehs nicht mehr viel begegnet. Manchmal brauchten wir natürlich Drehgenehmigungen. In Portugal gab es diesbezüglich Probleme, deshalb gibt es von dort auch keine Tanzszenen. Ich bin dort nicht reingekommen, weil ich keine Genehmigung bekommen habe. Das war tatsächlich manchmal etwas Heckmeck, aber mit dem DTV hatten wir kaum zu tun und keine Probleme.
MZEE.com: Gab es denn abseits der Situation in Portugal Szenen oder Ideen, die ihr nicht wie gewünscht umsetzen konntet?
Anita Becke: Das Ganze war sehr situationsabhängig, denn meistens war nur klar, wen wir an welchem Drehtag begleiten. Wenn wir Marco begleitet haben, wussten wir zum Beispiel, ob wichtige Entscheidungen getroffen werden und wie die allgemeine Stimmung im Team ist. Das konnten wir dann dementsprechend einfangen. In diesen Momenten haben wir uns dann an seinen Zipfel gehängt. In Seoul waren wir beispielsweise nur mit den Twins unterwegs, um uns auf eine Sache zu fokussieren. Deswegen haben wir nie weit im Voraus geplant und es konnte nichts nicht funktionieren. Es fand ein Event in Hamburg statt, das es nicht in den Film geschafft hat. Es gab dort zwei Mal krassen Regen und Unwetter, wodurch zwei Mal die ganze Arena geräumt werden musste. Dort haben wir dann letztendlich abgebrochen.
MZEE.com: Fürs Filmemachen gibt es einige ungeschriebene Gesetze. Wie wichtig waren dir Fragen beim Dreh wie: Was ist gute Kameraführung? Wie setzt man Musik ein? Und wie sieht eine sinnvolle Erzählstruktur aus?
Anita Becke: Ich finde, man merkt, wenn sich die Protagonist:innen mit dem Produktionsteam gut verstehen. Wären wir nicht so nah an ihnen dran geblieben, also auch auf einer privaten Ebene, hätten wir andere Bilder eingefangen und andere Infos bekommen. Das macht dieses Projekt einzigartig. Generell bezüglich "Regeln" denke ich, dass alle selbst ihren Weg finden müssen. Mir ist im Doku-Kontext wichtig, dass man spürt, dass es real ist.
MZEE.com: Authentizität hat bei dir also die höchste Priorität.
Anita Becke: Genau, man soll nicht das Gefühl bekommen, dass wir beim Dreh ein nerviges Kamerateam waren, dass um Interviews betteln und permanent hinterherrennen musste. Alle sollten Spaß am Dreh haben, als wäre man mit Freund:innen unterwegs. Dann ist die anfängliche Barriere irgendwann gar nicht mehr so groß. Man ist sich am Ende des Drehs nicht mehr fremd und die Leute vor der Kamera können eher abschätzen, was mit dem Material passiert. Das beeinflusst natürlich auch die Erzählstruktur. Die Frage nach Filmregeln ist superkomplex und ich denke, es gibt hier keine eindeutige Antwort drauf.
MZEE.com: Man merkt, dass es dir dementsprechend den gesamten Dreh über Spaß gemacht hat, diese Geschichte zu erzählen.
Anita Becke: Ich hatte viel Spaß und das Feedback war bisher auch sehr positiv: Viele Leute meinten zu mir, dass sie beim Ansehen des Filmes das Gefühl hatten, sie wären fast mit den Twins befreundet und supernah an dem dran, was in dem Film passiert. Das ist eine tolle Bestätigung für unsere Vorgehensweise.
MZEE.com: Hast du den Eindruck, dass sich in diesem olympischen Kontext Breaking als Sportart noch mal verändert hat?
Anita Becke: Das müssen eigentlich die Tänzer:innen beantworten. Für mich war aber spannend zu erfahren, dass sogenannte "Burns" also kleine, provokante Gesten oder Reaktionen, mit denen man die Gegenseite ein bisschen kitzelt, bei Olympia verboten sind. Dabei deutest du an, dass du deine:n Gegner:in fertigmachst, und machst einen aggressiven Move. Das war im olympischen Kosmos untersagt. Aber ansonsten, glaube ich, konnten die Breakerinnen trotzdem ihren Style behalten und so tanzen, wie sie immer tanzen. Für mich sah es so aus, als würden die Breakerinnen das abliefern, was sie auch in einem normalen Battle abliefern würden. Die Konkurrenz ist aber viel stärker und konzentrierter als in vielen anderen nationalen und internationalen Battles.
MZEE.com: Bei den beiden Protagonistinnen des Films veränderte sich die Stimmung sehr – von einer anfänglichen Euphorie hin zu einer gewissen Ablehnung der Olympischen Spiele. Wie erklärst du dir diesen Wandel? Schließlich ist dies ein wichtiger Teil der Dokumentation.
Anita Becke: Die beiden waren am Anfang megahyped und es war etwas Neues. Die B-Girls konnten auf einmal zu Breaking-Events reisen und müssen dafür keinen Cent mehr ausgeben, weil das der Verband übernimmt. Es wirkte wie eine neue Chance, mal auf einem internationalen Event stattzufinden und nicht nur national. In diesem internationalen Vergleich fängst du vielleicht nicht an, an dir zu zweifeln, aber abzuwägen, was dir guttut. Ist es für dich realistisch, in diesem Wettbewerb mitzumischen? Am Ende war das den beiden, glaube ich, ein zu großer Leistungsdruck. Sie hatten das Gefühl, Dinge zu "müssen", zum Beispiel besondere Power Moves zu lernen und einzusetzen. Ihre Stärke war immer ihre Ausstrahlung, aber nicht, einen Flickflack nach dem anderen zu machen. Sie haben sich im künstlerischen Bereich wohler gefühlt als in diesem ständigen Vergleich mit anderen Athlet:innen. Über die Zeit hat sich ihre Perspektive darauf immer weiter verändert. Das ist das, was der Film erzählt. Ich denke, der Leistungsdruck hat schon eine zentrale Rolle gespielt.
MZEE.com: Würdest du unterscheiden zwischen Breaking als Kunstform und als Sport? Dieser Dualismus wird ja durchaus im Film erzählt, in dem die beiden Protagonistinnen am Ende eine Breaking-Performance für die Bühne entwickelt haben.
Anita Becke: Ich glaube, das muss jede:r für sich beantworten. Breaking war für mich, bis ich diesen Film gemacht habe, auf jeden Fall immer mehr Kunst und Subkultur als Leistungssport, wie man ihn von Olympia kennt. Es gehört nicht ohne Grund zu den HipHop-Säulen, gibt den Leuten Identität, hat besondere Werte und schafft ein Familien- und Zugehörigkeitsgefühl. Während der Filmproduktion habe ich gemerkt, was das für ein heftiger Spitzensport ist. Diese Kunstform ist superkörperlich und das eine schließt das andere überhaupt nicht aus: Die Athlet:innen haben am Anfang Motoriktests gemacht und dabei teilweise besser abgeschnitten als andere Hochleistungssportler:innen, die schon bei Olympia waren. In den Runden, die sie tanzen, legen sie Sprints hin. Das ist wahnsinnig körperlich, sich durch die Gegend zu schwingen. Das darf man nicht unterschätzen. Man darf Breaking definitiv in die Schublade Spitzensport stecken und den B-Boys und B-Girls auch diesen Credit geben. Es hat eben aber auch einen krassen subkulturellen Background. Die Szene mit der Performance der Twins stellt auf jeden Fall einen Bruch in der Doku dar. Als die beiden mir von ihrer Entscheidung erzählt haben, war das erst mal ein Schock für mich. Ich wusste nicht, wie es mit dem Film weitergehen würde. Zu dieser Zeit wurde der innere Konflikt der beiden, ob Kunst und Sport sich vereinen lassen, total deutlich. In Berlin haben sie bei ihrer Performance auf einen sehr elektronischen Track getanzt. Für den Film haben Lia Şahin, LIZZN und Supreme.Frost dann einen neuen Song produziert, der noch besser gepasst hat.
MZEE.com: Apropos Musik: Diese drei Artists kreierten den kompletten Soundtrack zur Dokumentation. Hattest du im Vorfeld Wünsche und Vorgaben oder konnten die drei sich komplett frei künstlerisch entfalten?
Anita Becke: Musikrechte sind superteuer. Da es ein Film über Tanz ist, wusste ich, dass Musik essentiell und extrem wichtig sein wird. Die größte Herausforderung lag bei der Musik, die während den aufgenommenen Battles lief. Diese kann man aus rechtlichen Gründen nicht einfach im Film laufen lassen, ohne viel Geld dafür zu investieren. Da ich zunächst keine Lösung fand, haben wir das Thema immer weiter aufgeschoben. Dann haben wir im Schnitt mit der Filmeditorin Melanie Schütze erst mal mit Platzhaltersongs gearbeitet, um die Geschichte auszuarbeiten und ein Gefühl zu bekommen. Ich habe das Internet danach durchforstet, welche Songs den richtigen Vibe vermitteln würden. An manchen Stellen ist es schwierig – wenn du ein aufgenommenes Battle hast, musst du zum Beispiel die richtigen BPM finden. Es darf nicht scheiße aussehen und muss zusammenpassen. Wir haben im Nachgang über Instagram einen Aufruf gestartet, dass wir Musikproduzent:innen für den Film suchen. Über Kontakte sind wir am Ende dann zu den dreien gekommen. Ich kannte sie davor gar nicht, aber habe dann reingehört, was Lia und LIZZN so für Musik machen. Ursprünglich waren nur die beiden eingeplant und ich wusste nicht, dass Supreme auch dazukommt. Ich war aber bereits von den zweien total begeistert: Sie können fantastisch Beatboxen und nice Beats produzieren. Wir haben miteinander gesprochen und ich habe ihnen freie Hand gelassen, abseits von einem Moodboard, in dem die Emotionen der Szenen standen. Anschließend haben sie sich zwei Wochen eingesperrt und für unseren 80 Minuten langen Film jeden Song komponiert und produziert. Das ist eine krasse Leistung, denn es passte einfach direkt. Sie haben die Szenen perfekt nachgefühlt und untermalt. Ich war dann noch einmal vor Ort im Studio von Supreme.Frost, habe mir alles mit ihnen angehört und war einfach nur fasziniert, wie gut sie das getroffen haben. Es war alles besser als meine Platzhaltersongs. Die drei haben sehr viel HipHop-Knowledge und das spürt man. Gastrapper wie daCreezy und Inspektah haben zudem noch mitgewirkt und ich bin sehr happy, dass alles "Made in Hamburg" ist. Das hat thematisch super gepasst und ich höre mir den Soundtrack immer noch gerne an.
MZEE.com: Für das Moodboard hast du ihnen also vorher auch den Rohschnitt des Films zur Verfügung gestellt.
Anita Becke: Genau, auch die Szenen mit den jeweiligen Platzhaltersongs haben sie bekommen. Das Ganze haben sie in etwas Superstarkes verwandelt. Ich hatte nichts zu meckern und bin bis heute begeistert.
MZEE.com: Bei dir als Regisseurin des Films laufen alle Fäden zusammen. Damit ein Film am Ende rauskommt, braucht es permanent gewisse Formen von Absprachen, Timings und Regeln. Gab es für dich Momente, in denen du dachtest, das Projekt stehe auf der Kippe?
Anita Becke: Es hat ja funktioniert, denn der Film ist erschienen. Ich bin wirklich richtig froh, dass wir mit den Leuten zusammengearbeitet haben, mit denen das Projekt dann auch entstanden ist. Allein an der Produktion in Berlin, bei der die letzte Performance der Twins entstanden ist, waren krasse Personen beteiligt, die teilweise schon an Hollywoodfilmen mitgearbeitet haben. Auch unsere Filmeditorin und die Musiker:innen haben auf ihrem Gebiet abgeliefert. Mit all diesen Leuten gab es eine supergute Zusammenarbeit und keine Feedbackschleifen, bei denen man dachte: "Ach du Scheiße! Was ist denn jetzt passiert? Wir müssen alles nochmal neu machen." Die anstrengende Phase begann erst, als der Film fast fertig war. Wir brauchten zum Kinostart ein Kino, das den Film für mindestens eine Woche zeigen würde. Leider hatten sämtliche angefragten Kinos bereits volle Programme. Das führte dazu, dass sich die Phase bis zur Veröffentlichung etwas in die Länge gezogen hat und wir den Film erst im Juni präsentieren konnten. Das ist schade, aber besser spät als nie. Wir sind sehr froh, dass ein renommiertes Programmkino wie das Zeise Kino in Hamburg uns die Premiere ermöglicht hat. Wir brauchten diesen Kinostart, damit der Film demnächst auf einer Streamingplattform landen kann.
MZEE.com: Das klingt, als hätten die Absprachen mit der Produktionsfirma einen Großteil deiner Arbeit ausgemacht?
Anita Becke: Genau, das meiste meiner Arbeit lief über und mit der Produktionsfirma. Ich bin sehr dankbar und schätze deren Arbeit. Allein die ganzen Impulse, die zum Beispiel ein Lukas mir während des Drehs gegeben hat, und auch mit den Twins haben wir uns viel abgestimmt. Ich habe das nicht immer alleine entschieden. Der ganze Film war Teamwork. Für mich als Regisseurin war das der erste Langfilm und ganz aufregend. Allein, wie die ganzen Stränge bei einem zusammenlaufen. Auf einmal muss man dauernd irgendwas entscheiden. Ich hatte immer das Bedürfnis, gemeinsam Entscheidungen zu treffen.
MZEE.com: Könntest du dir denn vorstellen, noch mal ein Projekt in dieser Größe zu machen?
Anita Becke: Nicht über so viele Jahre. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, noch mal was im Breaking- oder HipHop-Kosmos zu machen. Ich habe das Gefühl, dass ich die richtigen Leute kenne, um solche Projekte umzusetzen. Dadurch lassen sich einfach sehr authentische Geschichten erzählen.
MZEE.com: In diesem Bereich gibt es auch viele Perspektiven, die man abbilden kann.
Anita Becke: Es gibt viele interessante Charaktere. Es ist auch endlich eine Zeit angebrochen, in der man mal "andere" Geschichten, zum Beispiel von FLINTA*-Personen erzählen kann. Allein in dem Breaking-Kader gab es so spannende Personen, man hätte über jede:n dort einen Film drehen können. Ich habe mich jetzt aber erst mal auf die Twins fokussiert. Generell wird spannend, was sich jetzt noch so tut und wie sich die Events entwickeln. Ich glaube, Marco ist da ein guter Kontakt und hat immer Bock auf solche Projekte. Auch Supreme.Frost hatte sofort Lust, musikalisch an einem weiteren Projekt mitzuwirken.
MZEE.com: Was wünschst du dir denn in Zukunft noch für euren Film?
Anita Becke: Ich bin gespannt, was jetzt alles noch kommt, wie die Veröffentlichung bei einem Streamingdienst. Es wäre schön, wenn der Film auch mal in Berlin laufen würde, denn dort wohnen viele der beteiligten Personen. Nach Hamburg haben es nämlich leider nicht alle geschafft.
(Alec Weber)
(Titelbild von Geni Hoka)

