Grime und Drill aus UK – über Rap-​Subgenres in England

Rap hat sich bekannt­lich seit dem Beginn in den USA am Anfang der 70er Jah­re enorm schnell welt­weit ver­brei­tet. Sprech­ge­sang wird seit­her in nahe­zu jedem Land prak­ti­ziert. Beson­ders span­nend ist dabei, dass die ame­ri­ka­ni­sche Sze­ne zwar immer noch das Zen­trum der Kul­tur dar­stellt, aber par­al­lel in vie­len Län­dern Adap­tio­nen, Styl­es und gan­ze Sub­kul­tu­ren ent­stan­den sind, die mit ihren Wur­zeln nicht mehr viel gemein­sam haben und sich eigen­stän­dig ent­wi­ckeln und eman­zi­pie­ren. Teil­wei­se begeis­tern sie sogar ein eige­nes Publi­kum, das mit den ame­ri­ka­ni­schen Vor­bil­dern nichts anzu­fan­gen weiß. Eine der span­nends­ten Rap-​Szenen befin­det sich aktu­ell in Eng­land, wo unter ande­rem mit Grime und Drill in musi­ka­li­sche Sphä­ren gedrif­tet wird, die es in die­ser Form vor­her nicht gab. Die bei­den Sub­gen­res haben sowohl musi­ka­lisch als auch inhalt­lich eini­ge Berüh­rungs­punk­te, die sich auch aus ihrer räum­li­chen Nähe erklä­ren las­sen. Denn hier spie­len ins­be­son­de­re die sozio-​politischen Umstän­de eine tra­gen­de Rolle.

 

Grime – Lon­do­ner Sound erobert die Welt

Die Ursprün­ge des Gen­res Grime lie­gen im Lon­do­ner East End, das ähn­lich der Bronx in New York als sozi­al schwa­cher Stadt­teil gilt. Hier star­ten 2001 Künstler:innen mit den ers­ten musi­ka­li­schen Rap-​Ausflügen in eine schmut­zi­ge­re Rich­tung. Grime bedeu­tet über­setzt Schmutz und ist damit eine tref­fen­de Bezeich­nung für den neu­en rohen und aggres­si­ven Sound aus Lon­don. Die Musik zeich­net sich durch eine Sound­äs­the­tik aus, die Facet­ten aus den Berei­chen Hip­Hop, UK Gara­ge, Dance­hall und Rag­ga kom­bi­niert und neu­in­ter­pre­tiert. Das Ergeb­nis sind zumeist düs­te­re Beats mit einer für Anfang der 2000er unty­pisch hohen BPM-​Zahl jen­seits der 130 BPM.

Musik ent­steht bekannt­lich nicht in einem luft­lee­ren Raum. Dem­entspre­chend hat auch der Inhalt und Sound von Grime sei­ne Ursprün­ge in dem sozio­kul­tu­rel­len Umfeld, in dem das Sub­gen­re ent­stan­den ist. Das Lon­do­ner East End ist his­to­risch stark sozial-​politisch geprägt und wird fast schon "tra­di­tio­nell" als sozia­ler Brenn­punkt beschrie­ben. Ursäch­lich dafür ist unter ande­rem die geo­gra­fi­sche Lage. Denn hier lie­gen die Docks des Lon­do­ner Hafens und etli­che Fabrik­an­la­gen, an denen bereits Anfang des 19.Jahrhunderts über­wie­gend unge­lern­te Arbeits­kräf­te arbei­te­ten. Die­se Arbeits­kräf­te stamm­ten nicht nur direkt aus Lon­don, son­dern waren auch häu­fig Teil ver­schie­de­ner Ein­wan­de­rer­grup­pen, unter ande­rem aus dem asia­ti­schen und afri­ka­ni­schen Raum. Die vie­len Fabri­ken im East End sorg­ten zu die­ser Zeit für einen explo­si­ons­ar­ti­gen Anstieg der Bevöl­ke­rung im Vier­tel, weil die­se auf der Suche nach Arbeits­mög­lich­kei­ten war. Da die dor­ti­gen Fabri­ken dem tech­ni­schen Fort­schritt über­wie­gend nicht stand­hal­ten konn­ten, muss­ten aller­dings eini­ge Betrie­be schlie­ßen, wodurch vie­le Berei­che des East Ends etwa 1850 zu soge­nann­ten "Armen­vier­teln" ver­ka­men. Ein pro­ble­ma­ti­scher Zustand, der sich bis heu­te nur bedingt ver­än­dert und dem­entspre­chend auch Ein­fluss auf die Musik des East Ends hat. Par­al­lel führt aber auch das über Jahr­hun­der­te zusam­men­ge­wach­se­ne Vier­tel zu einem Zusam­men­tref­fen ver­schie­de­ner Musik-​Kulturen, die es in die­ser Form an kaum einem ande­ren Ort der Welt gibt. So wird the­ma­tisch unter ande­rem die Kolo­ni­al­ge­schich­te Eng­lands immer wie­der auf­ge­grif­fen, die bis heu­te mit­ver­ant­wort­lich für die sozio-​politischen Miss­stän­de ist. Die­se Miss­stän­de bestehen auch noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

2001 grün­den sich die ers­ten Grime-​Kollektive Roll Deep und Ruff Sqwad. Ers­te­res zählt bezie­hungs­wei­se zähl­te zu sei­nen Mit­glie­dern eini­ge der bis heu­te größ­ten Acts des Gen­res, dar­un­ter zum Bei­spiel Skep­ta. Ins­be­son­de­re die Roll Deep-​Mitgründer Wiley und Diz­zee Ras­cal prä­gen die Anfän­ge der Sze­ne. Ihre Namen fal­len auch immer dann, wenn es dar­um geht, her­aus­zu­fin­den, wer den ers­ten Grime-​Song her­aus­brach­te. In bei­den Fäl­len wäre es das Jahr 2000, in dem die Tracks "Crime" von Diz­zee und "Year 2000" von Wiley erschie­nen. Wäh­rend Roll Deep pri­mär dafür bekannt ist, dass die ers­ten grö­ße­ren Grime-​MCs zum Kol­lek­tiv gehö­ren bezie­hungs­wei­se gehör­ten, setzt Ruff Sqwad hin­ge­gen mit sei­nen Pro­duk­tio­nen in den Anfangs­jah­ren des Gen­res Maß­stä­be für die dazu­ge­hö­ri­gen Beats.

Das ers­te Album von Roll Deep erscheint aller­dings erst 2005, Ruff Sqwad ver­öf­fent­licht par­al­lel nur "White Label"-Singles – also Plat­ten, die ohne "ech­tes" Cover erschei­nen und übli­cher­wei­se nur für Test­pres­sun­gen ver­wen­det wer­den – und Mix­tapes. Spe­zi­ell die "White Label"-Vinyls gehen bis heu­te für immense Prei­se über die (digi­ta­le) Laden­the­ke, da die­se nur in gerin­ger Stück­zahl pro­du­ziert wur­den und lan­ge nicht legal online ver­füg­bar waren. Mit "In at the Deep End" lan­det Roll Deep dann einen Ach­tungs­er­folg, von dem Album kön­nen sich eini­ge Songs sogar in den UK Top 30 plat­zie­ren. Das Ruff Sqwad-​Instrumental "Func­tions On The Low" wird eini­ge Jah­re spä­ter von Storm­zy adap­tiert und zu einem sei­ner größ­ten Hits: "Shut Up". Die ers­te Ver­si­on des Songs ent­steht 2015 und lan­det in neu auf­ge­nom­me­ner Ver­si­on 2017 auf sei­nem Album "Gang Signs and Prayers".

In den 2010er Jah­ren erhält das Gen­re auch inter­na­tio­nal enor­me Auf­merk­sam­keit, nicht zuletzt dank Rapper:innen wie Storm­zy. Künstler:innen aus ande­ren Län­dern adap­tie­ren den Sound und eini­ge Grime-​Acts ern­ten welt­weit Aner­ken­nung. Hier­zu zäh­len unter ande­rem Big H, D Dou­ble E und Dev­lin, aber auch Ghetts, Jam­mer und Jme sowie Kano, Lethal Bizz­le, Tinie Tem­pah und allen vor­an Skep­ta und Storm­zy. Letz­te­rer konn­te sich in zehn Län­dern Aus­zeich­nun­gen für sei­ne Ver­kaufs­zah­len wie Gold- oder Pla­tin­plat­ten sichern und wur­de par­al­lel zum enorm gefrag­ten Fea­ture­gast – auch in den USA. Die bis­her genann­ten MCs stam­men alle aus Lon­don und ver­deut­li­chen, dass die Sze­ne noch immer stark vom Sound aus der eng­li­schen Haupt­stadt geprägt ist. Aber auch in ande­ren eng­li­schen Städ­ten wie zum Bei­spiel Bir­ming­ham und Man­ches­ter tau­chen ver­mehrt erfolg­rei­che Grime-​Acts auf, unter ande­rem Bug­zy Mal­o­ne, Jay­kae und Sox.

Auch wenn die Sze­ne über­wie­gend männ­lich geprägt ist, gibt es immer mehr Fema­le MCs, die an den Erfolg der Rap-​Kollegen anknüp­fen. Tat­säch­lich waren weib­li­che Rap­pe­rin­nen, Pro­du­zen­tin­nen und DJs bereits Anfang der 2000er Teil der Sze­ne, erhiel­ten aber kaum Auf­merk­sam­keit und Platt­for­men, um sich zu prä­sen­tie­ren. Die­se pro­ble­ma­ti­sche Situa­ti­on möch­te unter ande­rem die Foto­gra­fin Ellie Rams­den ändern, die des­halb 2019 das Buch-​Projekt "Too Many Man: Women of Grime" ver­öf­fent­licht – ange­lehnt an den Song "Too Many Man" von Skep­ta. In dem Buch befin­den sich unter ande­rem Inter­views, Fotos und Por­träts der weib­li­chen Akteu­re der Sze­ne. 2004 war Rap­pe­rin Shys­tie der ers­te Grime-​Act, der bei einem Major­la­bel ein Album ver­öf­fent­lich­te, und erreich­te damit etwas, was vie­len männ­li­chen Underground-​Kollegen erst Jah­re spä­ter gelin­gen soll­te. Seit eini­gen Jah­ren bewei­sen neben Shys­tie unter ande­rem auch Lady Leshurr und Nolay ihr Kön­nen am Mic.

Ein wei­te­rer beson­de­rer Grime-​Act ist das 2017 gegrün­de­te Duo Pete & Bas. Die bei­den gel­ten als die ältes­ten Rap­per ihres Gen­res und ihre musi­ka­li­sche Aus­rich­tung wur­de von Petes Enke­lin beein­flusst, die ihrem Groß­va­ter im Auto Rap vor­spiel­te. Die bei­den über 70-​jährigen Rap­per zei­gen ein­drucks­voll, dass Rap bezie­hungs­wei­se Grime kei­ner­lei Alters­gren­zen kennt.

Pete & Bas - Plug­ged In W/​Fumez The Engi­neer | Pressplay

Auch in Zukunft wird Grime wohl – ins­be­son­de­re von sei­nem Epi­zen­trum Lon­don aus – die inter­na­tio­na­le Musik­land­schaft in eine sound­tech­nisch düs­te­re Welt ein­la­den. In die­ser trei­ben die genann­ten MCs wei­ter­hin ihr Unwe­sen und rap­pen ihre Reim­ket­ten über die schnel­len und har­ten Beats.

 

Drill – zwi­schen Gang- und Musikkultur

Drill ist ein etwas jün­ge­res Sub­gen­re von Rap und hat­te sei­nen Ursprung Anfang der 2010er in Chi­ca­go. Von dort aus schwapp­te der Sound auch nach Groß­bri­tan­ni­en, wo die­ser in Kom­bi­na­ti­on mit dem dort vor­herr­schen­den Grime zum UK Drill wur­de. Das Sub­gen­re ist enorm geprägt von Gewalt. Ins­be­son­de­re Gang-​Kriminalität spielt hier eine tra­gen­de Rol­le. Die­se spie­gelt sich dem­entspre­chend auch stark in den Tex­ten wider. Laut Infor­ma­tio­nen der BBC kommt es zwi­schen 2014 und 2019 in Eng­land und Wales zu einem kon­stan­ten Anstieg von Ver­bre­chen mit dem Ein­satz von Mes­sern, die mitt­ler­wei­le unter dem Begriff "Kni­fe Crime" ver­folgt wer­den. Beson­ders tra­gisch dabei ist, dass sowohl die Hos­pi­ta­li­sie­rungs­ra­te als auch der Anteil der min­der­jäh­ri­gen Opfer in die­sem Zeit­raum stei­gen. Die ein­ge­setz­ten Mes­ser die­nen dem­entspre­chend in der Regel kör­per­li­chen Angrif­fen und Raub­über­fäl­len. Aller­dings steigt seit 2015 auch die Anzahl der Mor­de und Tötungs­ver­su­che. Rund ein Vier­tel der Opfer sind zudem männ­lich, Schwarz und zwi­schen 18 und 24 Jah­re alt. Ein Groß­teil der Kri­mi­na­li­tät fin­det in Groß­städ­ten, ins­be­son­de­re in Lon­don, statt. Über ein Drit­tel der Lon­do­ner Mor­de steht außer­dem in Ver­bin­dung mit Gang-​Kriminalität. Die bri­ti­sche Exe­ku­ti­ve sieht hier bereits seit eini­gen Jah­ren eine kla­re Ver­bin­dung zur auf­blü­hen­den Drill-​Szene. Schließ­lich ist in den Rap-​Texten enorm häu­fig unter ande­rem von Mes­ser­an­grif­fen die Rede. Anders als in ande­ren Musik­rich­tun­gen hat die Poli­zei hier kein Inter­es­se, gro­ße Unter­schie­de zwi­schen dem lyri­schen Ich und den rea­len Per­so­nen hin­ter den Lyrics zu machen. Im Janu­ar 2019 wur­den zum ers­ten Mal in der bri­ti­schen Geschich­te Künstler:innen für die Per­for­mance eige­ner Tex­te ver­haf­tet, getrof­fen hat es die Drill-​Rapper Skeng­do und AM. Laut der Metro­po­li­tan Poli­ce aus Lon­don habe eins ihrer Kon­zer­te 2018 Gewalt gegen riva­li­sier­te Gang­mit­glie­der angestiftet.

Der hoch­ran­gi­ge Poli­zist Sir Mark Row­ley sieht die Musiker:innen, Social Media-​Plattformen und pres­ti­ge­träch­ti­gen Mar­ken in der Ver­ant­wor­tung. So heißt es im Vor­wort des Poli­cy Exch­an­ge Reports 2019, der von Row­ley ver­fasst wur­de, dass Musiker:innen ihre Affi­ni­tät zur Gang-​Kriminalität öffent­lich zur Schau stell­ten, Social Media-​Plattformen ihnen den Raum dafür böten und gel­ten­de Rege­lun­gen hin­sicht­lich gewalt­vol­ler Inhal­te nur wenig bis gar nicht umsetz­ten. (Anm. d. Red.: Die Poli­cy Exch­an­ge ist eine der größ­ten eng­li­schen Thinktanks und sowohl kon­ser­va­ti­ven als auch rech­ten poli­ti­schen Strö­mun­gen nahe­ste­hend. Ihre Ver­öf­fent­li­chun­gen sind dem­entspre­chend kri­tisch zu betrach­ten und spie­geln nicht die Mei­nung der MZEE Redak­ti­on wider. Der Report wur­de in UK aller­dings von nahe­zu allen rele­van­ten Akteur:innen und Medi­en bespro­chen und kri­ti­siert, sodass eine Erwäh­nung sinn­voll erschien.) Par­al­lel koope­rie­ren Mode­mar­ken ger­ne mit ent­spre­chen­den Rapper:innen, wodurch die­se auf einer wei­te­ren Ebe­ne als "Vor­bil­der" für Erfolg fun­gie­ren und, laut Row­ley, die Fir­men Gang-​Kriminalität indi­rekt mit­fi­nan­zier­ten bezie­hungs­wei­se unter­stütz­ten. Aller­dings sind auch nicht alle Brands damit ein­ver­stan­den, mit Drill in Ver­bin­dung gebracht zu wer­den. 2018 zog Mars alle Wer­be­clips auf You­Tube zurück, nach­dem ihre Wer­bung vor einem Musik­vi­deo der Lon­do­ner Grup­pe Moscow17 ange­zeigt wur­de. Mars woll­te nicht mit Drill asso­zi­iert wer­den und ver­zich­te­te vor­erst auf eine Koope­ra­ti­on mit You­Tube, bis die Platt­form zusi­chern konn­te, die Wer­bung nicht in Kom­bi­na­ti­on mit der genann­ten Musik aus­zu­spie­len. Aus dem bereits erwähn­ten Report geht zudem her­vor, dass auch 2019 fast ein Vier­tel aller Mor­de in Berüh­rung mit der Musik steht. Unklar ist aller­dings, wie genau die Zah­len der Unter­su­chung sind, da die­se auf Open Source-​Daten basie­ren. Mitt­ler­wei­le äußern eini­ge Rapper:innen selbst öffent­lich, dass das Gen­re die Kri­mi­na­li­tät beein­flusst. Die­se Auf­fas­sung ist auch zuneh­mend im Bereich der Recht­spre­chung weit ver­brei­tet. Denn Drill-​Musikvideos wer­den mitt­ler­wei­le auch als Beweis­mit­tel vor Gericht ver­wen­det. Im Juni 2022 erklärt Max Hill, Lei­ter der Staats­an­walt­schaft in Eng­land, dass die­se Vide­os als Beweis­mit­tel die­nen kön­nen, sofern sie das Vor­ge­hen bei Gewalt und Gang­an­grif­fen bewei­sen kön­nen. Bereits zuvor wur­den dafür in meh­re­ren Fäl­len Lyrics und Vide­os ver­wen­det. Ein unüb­li­ches Vor­ge­hen, das in die­ser Form bis­her bei kei­nem ande­ren Sub­gen­re so prak­ti­ziert wur­de. Laut Aus­sa­gen eini­ger Expert:innen und Anwält:innen wer­den die Drill-​Tracks zumeist als "Tage­buch­ein­trag" oder "Geständ­nis" vor Gericht aus­ge­legt, wodurch die Musik aus ihrem Kunst-​Kontext gelöst wird und somit fai­re Ver­hand­lun­gen min­des­tens erschwert.

Durch den zuneh­men­den Erfolg ergibt sich also auch eine gewis­se Legi­ti­ma­ti­on von Gang-​Kriminalität, die sich aus den viel­fäl­ti­gen Akteur:innen und Anlauf­stel­len der Enter­tain­ment­bran­che ergibt, die das Gen­re unge­fil­tert und unkri­tisch unter­stüt­zen und fei­ern. Trotz­dem erscheint der Vor­wurf, das Sub­gen­re wäre haupt­ver­ant­wort­lich für die weit ver­brei­te­te Gang-​Kriminalität und das hohe Aus­maß an Kni­fe Cri­mes, gegen­über der Drill-​Szene auch etwas über­trie­ben. Hier macht es sich spe­zi­ell die bri­ti­sche Exe­ku­ti­ve sehr ein­fach. Denn Gang-​Kriminalität und auch die hohen Mord­ra­ten exis­tie­ren nicht erst seit dem Auf­kom­men von Drill in Eng­land. Dies sieht auch eine Rei­he von Kriminolog:innen so, die den oben erwähn­ten Report in einem gemein­sa­men Brief unter ande­rem als irre­füh­rend ein­stu­fen. Viel­leicht wäre es wesent­lich effek­ti­ver, zu beob­ach­ten, in wel­chen sozia­len Milieus sowohl Gang- als auch Szene-​Mitglieder ver­mehrt vor­zu­fin­den sind. Dort könn­te man ent­spre­chend Men­schen unter­stüt­zen und ein Auf­klä­rungs­an­ge­bot spe­zi­ell für Jugend­li­che schaffen.

Die Drill-​Szene soll­te jeden­falls nicht nur für ihre Berüh­rungs­punk­te mit kri­mi­nel­len Akti­vi­tä­ten Auf­merk­sam­keit erlan­gen, schließ­lich haben in den letz­ten Jah­ren eine gan­ze Rei­he von Künstler:innen inno­va­ti­ve Musik pro­du­ziert, die damit beacht­li­che Erfol­ge fei­ert. Zu den häu­fig gewalt­vol­len Lyrics gesellt sich der düs­te­re Sound der Beats. Die­se Stim­mung wird unter­stützt durch die zumeist ver­mumm­ten Rap­per, die zudem text­lich ver­mehrt nihi­lis­ti­sche Bil­der zeich­nen. Die­se Beson­der­hei­ten las­sen sich bei nahe­zu allen Mit­glie­dern der Sze­ne wie­der­fin­den, wodurch die­se im Ver­gleich zu ande­ren Rap-​Subgenres enorm homo­gen wirkt.

Wäh­rend die Grup­pe 150 als Pio­nier gilt, ist vor allem 67 – der Crew­na­me bezieht sich auf die Vor­wahl von Brix­ton Hill in Lon­don – für die Popu­la­ri­sie­rung des Gen­res ver­ant­wort­lich. Auch die ein­zel­nen Mit­glie­der der Grup­pen, wie zum Bei­spiel LD und M Dargg, brin­gen eini­ges an Solover­öf­fent­li­chun­gen her­aus und arbei­ten teil­wei­se auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne mit ande­ren Rapper:innen zusam­men. Pro­du­zen­ten wie Car­ns Hill und Quietpvck sor­gen für die pas­sen­de Instru­men­tie­rung. Aber auch fern­ab von den grö­ße­ren Kol­lek­ti­ven prä­gen eini­ge Rap­per den Sound aus UK, wie zum Bei­spiel BT, Zone 2, Har­lem Spar­t­ans, die visu­ell teil­wei­se an das Werk von MF Doom erin­nern, Tion Way­ne, der bereits mit US-​Rappern arbei­te­te und nicht nur Drill pro­du­ziert, OFB und Unknown T.

Ins­ge­samt ist UK Drill ein span­nen­des Gen­re, das aber zu kei­nem Zeit­punkt nur durch die eigent­li­che Musik Auf­merk­sam­keit erlangt. Dazu sind die Akteur:innen meist viel zu eng mit kri­mi­nel­len Sphä­ren ver­bun­den: Im Som­mer 2022 wird der Rap­per Gul­ly wäh­rend sei­nes eige­nen Instagram-​Livestreams ver­haf­tet. Er steht unter Ver­dacht, am Mord an Jere­mi­ah "LJ" Sewell betei­ligt zu sein, der zu einer riva­li­sie­ren­den Crew von Gul­ly gehör­te. Eins von etli­chen Bei­spie­len für das per­ma­nen­te Ver­schwim­men zwi­schen Rea­li­tät und Kunst, das auf der einen Sei­te enorm fas­zi­nie­rend wirkt und auf der ande­ren Sei­te dras­ti­sche und teil­wei­se töd­li­che Fol­gen hat. Nicht ohne Grund wird Künstler:innen expli­zit davon abge­ra­ten, Drill zu pro­du­zie­ren, sofern die­se kein akti­ver Teil des rea­len Gang-​Milieus sind. Denn die Ver­öf­fent­li­chung dient zumeist tat­säch­lich der Reprä­sen­ta­ti­on von Gang-​Interessen der zuge­hö­ri­gen Rapper:innen und nicht nur – wie zum Bei­spiel im deut­schen Gangster- bezie­hungs­wei­se Straßen-​Rap – dem Koket­tie­ren mit (schein­ba­rer) Street Cre­di­bi­li­ty. UK Drill-Rapper:innen fokus­sie­ren sich text­lich auf Stich­waf­fen und tre­ten in Musik­vi­de­os nicht ohne Grund oft ver­mummt auf. Denn sie nut­zen ihre Platt­form teil­wei­se auch, um bewusst ande­re Crews und Gangs zu pro­vo­zie­ren und kün­di­gen über Sprach-​Codes und expli­zi­te Lines in Tex­ten sowie Ges­ti­ken in Musik­vi­de­os Gewalt­ta­ten an. In die­sem Span­nungs­feld kommt es letzt­lich oft zu Ver­haf­tun­gen und Todes­fäl­len von Rapper:innen, die die Anzie­hungs­kraft von Drill zwar nicht ver­rin­gern, aber dar­an erin­nern, in wel­chem sozia­len Kon­text Groß­tei­le der Musik ent­ste­hen und dass sich Künstler:innen nicht zwangs­läu­fig aus ihrem gefähr­li­chen Umfeld befrei­en wol­len oder kön­nen. Par­al­lel ist die Musik aber eben auch ein Sprach­rohr in die Welt hin­aus, wenn zum Bei­spiel ein Künst­ler wie Cen­tral Cee in etli­chen Län­dern gehört wird.

Die­ses Sprach­rohr wird hof­fent­lich auch in Zukunft wei­ter­hin von Grime- und Drill-​Acts genutzt. Schließ­lich bie­tet es unter ande­rem die Mög­lich­keit, auf sozio-​politische Miss­stän­de hin­zu­wei­sen. Musi­ka­lisch haben wir dem Lon­do­ner East End seit eini­gen Jahr­zehn­ten ein wah­res Klein­od zu ver­dan­ken, das uns mit Rap-​Styles und Beat-​Innovationen ver­sorgt, die in die­ser Form ver­mut­lich nie an einem ande­ren Ort hät­ten ent­ste­hen können.

(Alec Weber)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)