Neonschwarz – ein Gespräch über Dystopien in der Popkultur

Aktu­ell folgt eine glo­ba­le Kri­se der nächs­ten. Der Kli­ma­wan­del wird spür­bar durch extre­me Wet­ter­la­gen, die fünf­te Wel­le der Pan­de­mie hat begon­nen und in vie­len Tei­len der Welt herrscht Krieg. In Zei­ten wie die­sen gaben Kunst und Kul­tur Men­schen schon immer Halt. Eine Band, die schein­bar genau das mit ihren Songs errei­chen möch­te, ist Neon­schwarz. Sie ver­mit­tel­te mit ihrer Musik von Anfang an lebens­fro­he Vibes. Auf ihrem Debüt­al­bum "Flie­gen­de Fische" aus dem Jahr 2014 zeich­nen die Band­mit­glie­der Marie Cur­ry, Cap­tain Gips, John­ny Mau­ser und Spi­on Y ein Uto­pie­s­ze­na­rio – fröh­lich fei­ernd mit einem Cock­tail in der Hand. Auch auf spä­te­ren Wer­ken geben sie sich posi­tiv und blei­ben eher hoff­nungs­voll als pes­si­mis­tisch. Mit ihrem neu­en Album, des­sen Schaf­fens­pro­zess in die ers­ten zwei Pan­de­mie­jah­re gefal­len ist, schla­gen sie jedoch einen ande­ren Weg ein. So etwa mit dem Song "Hit­ze­frei", der zwar in ein posi­ti­ves Sound­ge­wand ver­packt ist, dabei aber dys­to­pi­sche Zustän­de in einer Welt beschreibt, die von den Fol­gen des Kli­ma­wan­dels gezeich­net ist. Die unbe­schwer­te Stim­mung der Band scheint sich zu wan­deln. Denn es ist schwer, die­ses Gefühl in der aktu­el­len Zeit auf­recht­zu­er­hal­ten. Dies haben wir zum Anlass genom­men, um mit John­ny Mau­ser und Cap­tain Gips von Neon­schwarz unter ande­rem über die Ent­wick­lung der Band zu spre­chen. Außer­dem ging es dar­um, war­um Dys­to­pien eine fas­zi­nie­ren­de Wir­kung haben kön­nen und wel­che Rol­le Opti­mis­mus inner­halb der Band spielt.

MZEE​.com​: Ihr beschäf­tigt euch in eurer Musik oft mit Zukunfts­sze­na­ri­en. Auf dem Erst­lings­werk "Flie­gen­de Fische" geht es haupt­säch­lich um Uto­pien. "Metro­po­lis" behan­delt uto­pi­sche und dys­to­pi­sche The­men. Auf "Mor­gen­grau­en" wie­der­um gibt es vie­le dys­to­pi­sche Sze­na­ri­en. War­um hat sich die Zukunfts­vor­stel­lung von euch über die Jah­re verändert?

John­ny Mau­ser: Das ist 'ne gute Fra­ge. Wir haben nicht bewusst gesagt, dass das Album erns­ter wer­den soll. Es könn­te durch die gesell­schaft­li­chen Umstän­de bedingt sein. Wäh­rend dem zehn­jäh­ri­gen Bestehen unse­rer Band gab es einen glo­ba­len Rechts­ruck. Dann kommst du mit der Hoff­nung, die paar dum­men Nazis weg­zu­schep­pern, nicht mehr weit. Das wäre einem vor zehn Jah­ren noch leich­ter gefal­len. Viel­leicht sind wir auch durch unse­re per­sön­li­che Ent­wick­lung ernst­haf­ter gewor­den. Wir haben ande­re Din­ge erlebt und sind älter gewor­den. Ich den­ke, es sind zwei Kom­po­nen­ten: ein­mal die äuße­ren Umstän­de und ein­mal wir selbst.

Cap­tain Gips: Wenn man sich die Geschich­te so anschaut, ist die­ses Album erns­ter und dys­to­pi­scher als die ande­ren. Die Ant­wort, war­um das so ist, gibt dir die Zeit selbst. Obwohl es in der Zeit, in der wir das geschrie­ben haben, noch kei­ne Corona-​Demos geschwei­ge denn die­sen Krieg gab, ist es eine kras­se Zeit, in der wir leben.

MZEE​.com​: Der Song "Hit­ze­frei" beschreibt die Welt im Jahr 2069. Er zeigt ein dys­to­pi­sches Sze­na­rio, gleich­zei­tig aber auch die posi­ti­ven Sei­ten. Ist das für euch eine Art Aus­gleich, um mit einem belas­ten­den The­ma umzugehen?

John­ny Mau­ser: Nee, das war eine ästhe­ti­sche Ent­schei­dung. Einen Track, der mit erho­be­nem Zei­ge­fin­ger vom Kli­ma­wan­del han­delt, braucht Hip­Hop mei­ner Mei­nung nach nicht. Jeder weiß, dass es da ein Rie­sen­pro­blem gibt. Des­we­gen kam uns die Idee, das ent­ge­gen­ge­setzt zu ver­pa­cken. Das passt zu Neon­schwarz, denn da pral­len immer die­se zwei Wel­ten auf­ein­an­der. Zum einen das Erns­te, Düs­te­re, zum ande­ren das Fröh­li­che mit Par­ty, Son­ne und Pal­men. Wir woll­ten es lie­ber in die­ses posi­ti­ve Gewand ver­pa­cken, was die Ernst­haf­tig­keit natür­lich nicht schmälert.

MZEE​.com​: Der Song hebt sich von der Atmo­sphä­re her von den ande­ren Tracks ab. Er ist nicht nur fröh­lich, son­dern es kommt auch ein biss­chen Welt­un­ter­gangs­stim­mung auf.

John­ny Mau­ser: Da hast du natür­lich recht, das kommt auf den alten Alben eher sel­te­ner vor. Auf "Flie­gen­de Fische" geht es mehr dar­um, bei blau­em Him­mel mit dem Floß Rich­tung Uto­pie zu glei­ten. Da hat­te es noch nicht die­se dys­to­pi­schen Züge. Es war eher so, dass wir das Hier und Jetzt kri­ti­siert und uns eine bes­se­re Welt für alle vor­ge­stellt haben. Damals hat­ten wir eher noch die Hoff­nung, dass das mög­lich wäre, und haben die­se auch an unse­re Hörer:innen vermittelt.

MZEE​.com​: Auf "Mor­gen­grau­en" sind The­men wie Rechts­po­pu­lis­mus, Kli­ma­wan­del und Pan­de­mie vor­herr­schend. Alle drei Berei­che sind auch oft Gegen­stand von Dys­to­pien, zum Bei­spiel in "Schö­ne Neue Welt" oder "1984". War­um fin­den sich sol­che The­men eurer Mei­nung nach immer wie­der in der Popkultur?

Cap­tain Gips: Fin­den die sich denn so viel in der Pop­kul­tur wieder?

MZEE​.com​: Ja, schon – sol­che glo­ba­len Pro­ble­me kom­men ja nicht nur in der Musik, son­dern auch in Fil­men und der Lite­ra­tur vor. War­um wer­den sie immer wie­der aufgegriffen?

John­ny Mau­ser: Es wird alles ein biss­chen wei­ter­ge­dacht. In der Kunst darfst du mehr, als es in der Gesell­schaft mög­lich wäre. Auch im posi­ti­ven Sin­ne. Mit dem Künst­ler­zu­sam­men­schluss Tick­Tick­Boom haben wir ver­sucht, Sachen vor­zu­le­ben, die ein wenig uto­pisch sind und in der Gesell­schaft viel­leicht nicht prak­ti­ka­bel wären. Wenn man einen Text schreibt, kann man wei­ter­ge­hen, das ist gene­rell das Coo­le dar­an. Du hast ein lee­res Blatt Papier vor dir. Des­we­gen fin­det das da viel statt. Es fas­zi­niert vie­le Leu­te, die kei­ne Künst­ler sind, sich mit sol­chen Sze­na­ri­en aus­ein­an­der­zu­set­zen. Ich behaup­te auch, wenn sowas wie der Angriff von Russ­land auf die Ukrai­ne pas­siert, hat es für die Leu­te, die am New­sti­cker hän­gen, eine Kom­po­nen­te von Fas­zi­na­ti­on. Man will sich damit beschäf­ti­gen und wis­sen, was abgeht. Das hat etwas Span­nen­des. Die Leu­te füh­ren fast auto­ma­tisch die Gedan­ken wei­ter und über­le­gen sich, in wel­chen Wald oder in wel­ches Gebir­ge sie abhau­en und wie sie dort überleben.

MZEE​.com​: Ich kann mir vor­stel­len, dass es den Men­schen hilft, damit klar­zu­kom­men, wenn sie sich genau aus­ma­len, was pas­sie­ren könn­te. Weil sie dann ver­meint­lich das Gefühl haben, zu wis­sen, was auf sie zukommt. Viel­leicht ist das eine Art Coping-Mechanismus?

Cap­tain Gips: Das kann ich viel­leicht sogar bei mir sel­ber wiedererkennen.

MZEE​.com​: Das wird auch wie­der deut­lich, wenn man sich apo­ka­lyp­ti­sche Fil­me anschaut. Ich fra­ge mich, war­um die Leu­te vom Schlech­te­ren aus­ge­hen, wenn sie sich die Zukunft ausmalen.

John­ny Mau­ser: Da sind wir theo­re­tisch die fal­schen Ansprech­part­ner. Weil wir grund­sätz­lich eher empowern, Hoff­nung ver­brei­ten und ver­su­chen, posi­ti­ve Bil­der abzu­ru­fen. Wie du schon sag­test, trifft das bei den alten Alben mehr zu. Das wür­de ich auch sagen. Des­we­gen sind wir viel­leicht für man­che HipHop-​Hörer zu uncool. (lacht) Weil es manch­mal zu posi­tiv oder zu Hippie-​mäßig ist.

MZEE​.com​: Das fin­de ich nicht. Kannst du das genau­er erklären?

John­ny Mau­ser: Aber du weißt, was ich mei­ne, oder? Wenn du dar­über rappst, dass flie­gen­de Fische aus dem Was­ser auf­stei­gen und mit einem Floß in eine gei­le Welt fah­ren, wo es kei­ne Gren­zen gibt, kann das viel­leicht für man­che ein biss­chen uncoo­ler wir­ken, rein auf der ästhe­ti­schen HipHop-​Ebene. Ist es natür­lich nicht.

MZEE​.com​: In der Kunst wer­den oft aktu­el­le The­men in über­trie­be­ner Form dar­ge­stellt, wie bei­spiels­wei­se auf "Hit­ze­frei". Dadurch, dass man poten­zi­el­le Sze­na­ri­en durch­spielt, könn­ten die­se mög­li­cher­wei­se ver­hin­dert wer­den. Somit kön­nen dys­to­pi­sche Wer­ke einen beleh­ren­den Effekt haben. Wel­che Rol­le spielt das für eure Kunst?

Cap­tain Gips: Der Hin­ter­grund, sol­che Songs zu schrei­ben, ist natür­lich, dass es nicht so kommt und um die Leu­te wach­zu­rüt­teln. Natür­lich hat es auch was Trau­ri­ges, Resi­gnier­tes, aber irgend­wie schwingt da schon noch eine Hoff­nung mit, dass es die Men­schen an der Stel­le erreicht. Oder, Mau­ser, hast du ganz auf­ge­ge­ben? So ganz kann man das, glau­be ich, nicht.

John­ny Mau­ser: Man macht ja so einen Song nicht, um schlech­te Lau­ne zu ver­brei­ten. Wir sind mit Neon­schwarz oft in eine auf­klä­ren­de Rol­le gedrängt wor­den oder haben uns da sel­ber rein­be­wegt. Auf rein musi­ka­li­scher Ebe­ne hat­ten wir da nicht immer Bock drauf. Zum Bei­spiel haben wir Tracks gemacht, die einen Jah­res­ti­tel hat­ten, bei­spiels­wei­se "2014". Die Leu­te haben sich dann Tracks für ande­re Jah­re gewünscht. Dann sol­len wir das Jahr zusam­men­fas­sen und dar­aus eine Hand­lungs­emp­feh­lung geben. Da kommt man, wenn man freie Musik machen will, an gewis­se Gren­zen. Des­we­gen haben wir den Song zum Kli­ma­wan­del nicht mit der Inten­ti­on gemacht, damit mög­lichst vie­le Leu­te zu moti­vie­ren, auf 'ne Fri­days For Future Demo zu gehen. Das war nicht der Gedan­ke. Trotz­dem bekom­men wir wider­ge­spie­gelt, dass die Musik bei Leu­ten etwas aus­löst, auch an poli­ti­schem Enga­ge­ment, was natür­lich wich­tig ist.

MZEE​.com​: Über­wiegt in eurer Gang eher Opti­mis­mus oder Pessimismus?

John­ny Mau­ser: Das ist 'ne schwe­re Fra­ge, beson­ders am heu­ti­gen Tag. Willst du zuerst?

Cap­tain Gips: In die­ser Zeit ist es schwer, opti­mis­tisch zu sein. Ich kann nicht sagen, dass ich pes­si­mis­tisch bin. Es muss für die nächs­ten Genera­tio­nen noch mal bes­ser wer­den. Da will ich auch unbe­dingt dran glau­ben, weil ich mei­nem Kind das nicht vor­le­ben will. Ich möch­te mei­nem Sohn nicht sagen: "Sor­ry, wir haben es ver­kackt, viel Spaß noch." Das kann ich nicht. Des­halb habe ich so 'ne Art Zwangs­op­ti­mis­mus. (lacht)

John­ny Mau­ser: Ich glau­be dar­an, dass sich die Men­schen im Lau­fe der Jahr­hun­der­te wei­ter­ent­wi­ckelt haben. Demo­kra­tie ist noch nicht beson­ders alt. Das Mit­tel­al­ter ist auch nicht so lan­ge her. Natür­lich gab es dort kras­se Rück­schla­ge, aber ich glau­be schon dran, dass Fort­schritt pas­sie­ren kann, wenn nicht eine Kata­stro­phe alles bremst. Grund­sätz­lich bin ich eher hoff­nungs­voll und habe einen posi­ti­ven Blick aufs Leben. Ich fin­de mein Leben schön, aber ich weiß trotz­dem, dass Schei­ße pas­siert. Natür­lich ist es extrem krass, dass wir ein Inter­view füh­ren, nach­dem ich vor zehn Minu­ten noch geguckt habe, wie Häu­ser in die Luft flie­gen. Wenn ich aktu­ell mit Leu­ten spre­che, ant­wor­tet man auf die Fra­ge "Wie geht es dir?" mit "Wenn nicht gera­de Krieg begin­nen wür­de, eigent­lich alles cool".

MZEE​.com​: Man muss für sich immer einen guten Mit­tel­weg fin­den zwi­schen zu viel und zu wenig Nach­rich­ten. Wie hand­habt ihr das?

John­ny Mau­ser: Ich bal­ler' mich rich­tig voll damit, sofern die Zeit es zulässt.

Cap­tain Gips: Ich hät­te neu­lich ein­fach nur heu­len kön­nen, weil ich dach­te: "Was soll das wer­den?" Man muss sich dann irgend­wie auch mal ablen­ken mit schö­nen Sachen. Es bringt nichts, sich das den gan­zen Tag rein­zu­zie­hen und zu heulen.

John­ny Mau­ser: Ich bin des­we­gen auch nicht den gan­zen Tag schlecht drauf. Ich fand es schon krass: Als die Pan­de­mie los­ging, hat­te ich zum ers­ten Mal so ein Gefühl von: "Krass, was pas­siert jetzt?" Das hat­te sowas leicht Apo­ka­lyp­ti­sches. Wo wir gera­de beim The­ma Dys­to­pien sind – das hat man jetzt, zwei Jah­re spä­ter, wo eigent­lich der ent­spann­te Som­mer kom­men soll, noch mal.

Cap­tain Gips: Ich zie­he es mir auch schon viel rein. Aber mich belas­tet es auch sehr. Ich bin manch­mal rich­tig fer­tig in den letz­ten Tagen. Ich den­ke vor allem an die Zukunft mei­nes Soh­nes. Es ist so ätzend, dass die jetzt zwei Jah­re Pan­de­mie hat­ten. Da gab es gera­de einen Licht­blick und dann kommt jemand und tritt das alles weg. Es tut mir so leid. Der ist jetzt vier Jah­re in der Grund­schu­le und zwei davon mit Mas­ke. Das ist ein­fach schei­ße. Und jetzt kommt Krieg. Es ist so bitter.

MZEE​.com​: Ich habe letz­tens etwas gele­sen, was die Mensch­heit alles in der Ver­gan­gen­heit über­stan­den hat: sau­ren Regen, Wald­ster­ben und Tscher­no­byl. Da ist man auch davon aus­ge­gan­gen, dass das ganz schlimm wer­den wird. Aber es muss­te auch irgend­wann wie­der weitergehen.

Cap­tain Gips: Beim Kal­ten Krieg stand die Welt ja auch schon am Abgrund.

John­ny Mau­ser: Der Kli­ma­wan­del und somit auch das The­ma von "Hit­ze­frei" sind wahr­schein­lich für die Mensch­heit noch bedroh­li­cher als der Russland-​Krieg, wenn man auf 'ne län­ge­re Zeit denkt. Des­we­gen sind sowas wie 100 Mil­li­ar­den Euro für die Bun­des­wehr frei­ge­ben auch zu kurz gedacht. Sowas wür­de man nie für Kli­ma­schutz bekom­men. Die Men­schen leben ja nur über einen begrenz­ten Zeit­raum und man­chen sind dann die nächs­ten Genera­tio­nen egal. Die Leu­te ändern oft erst etwas, wenn sie spü­ren, dass sie betrof­fen sind.

MZEE​.com​: Es klingt so, als wür­de es bezüg­lich der Ein­stel­lung zu Opti­mis­mus und Pes­si­mis­mus kei­ne gro­ßen Span­nun­gen inner­halb der Band geben, oder?

Cap­tain Gips: Wir kön­nen schon auch abends zusam­men­hän­gen, über das alles reden und rich­tig fer­tig sein, aber jeder von uns hat schon so eine Hoff­nung in sich, dass noch mal was bes­ser wird.

John­ny Mau­ser: Das war ein biss­chen absurd, weil wir Frei­tag unse­ren Release-​Abend hat­ten und dann ein klei­nes Streaming-​Konzert gege­ben haben. Danach stan­den wir mit 15 Leu­ten noch an der Bar und haben voll lus­tig Cock­tails getrun­ken, uns gefreut, dass wir uns gese­hen haben, und über Krieg gespro­chen. Eigent­lich war das Neon­schwarz par excel­lence, weil das schon so rich­tig auf­ein­an­der­prallt. Ich fand es ein biss­chen merk­wür­dig. Aber auf die Kunst bezo­gen fin­de ich es span­nend, wenn sowohl Uto­pien als auch Dys­to­pien vor­kom­men. Das ist eigent­lich ganz cool an dem Album, was ja auch nicht umsonst "Mor­gen­grau­en" heißt. Das fließt da zusammen.

MZEE​.com​: Die ers­te bekann­te Uto­pie war "Uto­pia" von Tho­mas Morus aus dem Jahr 1516. Er beschreibt dort eine Insel mit neu­er Staats­form. Auch in eurer Musik sind Inseln und die Mee­res­the­ma­tik immer ein The­ma. Was hat es damit auf sich?

John­ny Mau­ser: Es ist ein nahe­lie­gen­der Weg, dem Hier und Jetzt der Rea­li­tät zu ent­flie­hen, wenn man sich woan­ders hin­denkt. Oft wur­den wir in Inter­views gefragt: "Wenn's knallt, lie­ber Unter­grund oder ein­sa­me Insel?" Was glau­be ich auf 'nem Sookee-​Track basiert. Auf jeden Fall spie­len wir einer­seits viel mit die­sem Abhau­en in eine ande­re Welt. Auf der ande­ren Sei­te fin­det das Gan­ze mit Metro­po­lis in einer Stadt statt. In Ham­burg sind wir vom Meer und vom Was­ser geprägt.

Cap­tain Gips: Meer, Strand und Pal­men sind ja auch immer ein Syn­onym für das schö­ne Leben.

MZEE​.com​: Wie sieht denn die idea­le Welt von Neon­schwarz aus? 

John­ny Mau­ser: Kom­men wir wie­der auf die Insel zu spre­chen … (lacht) Nee, wir kön­nen jetzt kein Gesell­schafts­mo­dell auf­zei­gen, aber wir kön­nen sagen, was für Sachen weg­fal­len müss­ten, damit es coo­ler für alle Men­schen ist. Man kennt das viel­leicht aus Set­tings wie der Fusi­on oder bestimm­ten Haus­pro­jek­ten, wo es im Klei­nen vor­ge­lebt wird. Ich fin­de es immer beein­dru­ckend, wenn sowas funk­tio­niert und Leu­te eine klei­ne Uto­pie rea­li­sie­ren. Sei es auch nur für einen gewis­sen Zeit­raum oder in einem gewis­sen Set­ting. Was natür­lich damit zu tun hat, dass Pro­fit­stre­ben und Kapi­ta­lis­mus irgend­wann über­wun­den wer­den müs­sen, damit es gleich­be­rech­tigt läuft.

Cap­tain Gips: Wenn man es zu Ende denkt, bedeu­tet das natür­lich eine soli­da­ri­sche Welt­ge­mein­schaft ohne Gren­zen. Qua­si welt­wei­ter Kom­mu­nis­mus, aber das klingt ein biss­chen zu dumm. (lacht) Letz­ten Endes muss es eine Welt­ge­mein­schaft geben und die Gren­zen müs­sen auf­ge­löst wer­den. Die Men­schen müs­sen gucken, was sie wo brau­chen, und fried­lich zusam­men­le­ben. (lacht) Da sind wir weit von ent­fernt, aber das muss das Ziel bleiben.

MZEE​.com​: Ich hät­te eher mit der Beschrei­bung einer Insel als Ant­wort gerech­net als mit der Beschrei­bung einer neu­en Weltordnung.

Cap­tain Gips: (lacht)

John­ny Mau­ser: Natür­lich ist das schö­ne Leben auf der indi­vi­du­el­len Ebe­ne etwas, was man ver­sucht, sich manch­mal zu holen. Wir haben es rela­tiv gut in Ham­burg. Man lebt teil­wei­se in einer Bub­ble, die viel­leicht coo­ler ist als ande­re Berei­che des Lebens. Wir haben Glück, dass wir Kunst machen kön­nen und Geld dafür krie­gen. Und manch­mal kön­nen wir uns das Sweet Life auch holen. Wäh­rend Leu­te aus der Ukrai­ne gera­de ver­su­chen, zu Fuß nach Polen zu kom­men, und das nicht kön­nen. Wenn du danach fragst, muss man natür­lich die­sen Gesamt­blick haben.

MZEE​.com​: Wie unter­schei­det sich denn die Vor­stel­lung vom Leben zwi­schen den Bandmitgliedern?

John­ny Mau­ser: Was einem dann wirk­lich was bedeu­tet im Leben, ist sicher­lich nicht bei allen gleich. Ich leb' auch nicht in 'nem Wohn­pro­jekt und sag': "Für mich ist es das Glück auf Erden, dass wir 'nen gei­len Hippie-​Garten haben und jeden zwei­ten Abend Ple­num machen." Das ist für mich gar nicht so. Aber trotz­dem fin­de ich es cool, wenn sowas mal durch­ge­spielt wird.

MZEE​.com​: Ich fin­de es span­nend, dass du sagst, dass es im Klei­nen coo­le Ansät­ze gibt, die auch sehr gut funk­tio­nie­ren. Wenn es dann grö­ßer wird und vie­le unter­schied­li­che Inter­es­sen ver­eint wer­den müs­sen, wird es schwie­ri­ger, oder?

John­ny Mau­ser: Ich glau­be auch nicht, dass man das aufs Gro­ße ummün­zen kann. Das wäre zu ver­blen­det. Da kommt man an so Fra­gen, wie: Braucht man Poli­zei, Mili­tär? Da den­ke ich in sol­chen Momen­ten, dass man natür­lich Mili­tär braucht, wenn es irgend­wo einen kras­sen Dik­ta­tor gibt, der alle angreift. Dann kommst du mit dei­ner klei­nen Fusi­on auch nicht mehr weit.

MZEE​.com​: Die letz­ten Wor­te gehö­ren euch.

Cap­tain Gips: Jetzt ist man in der Situa­ti­on, dass man was zur aktu­el­len Lage in der Ukrai­ne sagen müss­te, aber da feh­len mir die Wor­te. Alles ande­re wäre mir zu belang­los gera­de. Und damit möch­te ich mich da raushalten.

John­ny Mau­ser: Ohne, dass ich uns jetzt dafür fei­ern will, war es natür­lich auch cool, in unse­ren Kom­men­ta­ren zu lesen, dass es in die­ser Zeit gera­de wich­tig ist, dass posi­ti­ve Musik raus­kommt. Von dem Timing wuss­ten wir ja nichts. Viel­leicht gibt es den Leu­ten ja tat­säch­lich Hoff­nung oder Power. Denn der Opti­mis­mus über­wiegt in unse­rer Gang.

(Malin Teegen)
(Fotos von Julia Schwendner)