Who sampled who? – Türchen #22: "Es regnet" von Tua

Schon seit die HipHop-​Kultur noch in den Kin­der­schu­hen steck­te, sind Sam­ples ein essen­zi­el­ler Teil von ihr. Von alten Klas­si­kern bis hin zu aktu­el­len Chart­hits las­sen sich in unzäh­li­gen Songs Ele­men­te aus bereits exis­tie­ren­den Wer­ken fin­den. Wem erging es noch nicht so, dass er beim Musik­hö­ren über einen bekann­ten Sound gestol­pert ist und sich dar­auf­hin den Kopf über des­sen Her­kunft zer­bro­chen hat? Oft beginnt damit eine span­nen­de Suche nach der Ori­gi­nal­auf­nah­me quer durch die Musik­his­to­rie. Aus die­sem Grund stel­len wir uns in unse­rem dies­jäh­ri­gen Advents­ka­len­der die Fra­ge "Who sam­pled who?" und öff­nen täg­lich ein neu­es Tür­chen: Wir prä­sen­tie­ren Euch 24 ver­schie­de­ne deut­sche Rap­songs und betrach­ten die Sam­ples, wel­che sich dar­in verbergen.

 

 

"Die Bot­schaft […] ist sim­pel: Versuch's mal mit Gemüt­lich­keit. Die Poe­sie ist auf­ge­pfropft, der Dich­ter hat All­tags­weis­hei­ten und Kalen­der­sprü­che in mythi­schen Nebel gehüllt", schreibt der Film­kri­ti­ker Clau­di­us Seidl am 25. Juli 1986 in der ZEIT. Er bezieht sich in sei­nem Ver­riss auf die im sel­ben Jahr erschie­ne­ne Film­pro­duk­ti­on "Momo" des Regis­seurs Johan­nes Schaaf, des­sen Film auf dem gleich­na­mi­gen Buch von Micha­el Ende basiert. Tua sah das über zwei Jahr­zehn­te spä­ter schein­bar anders, nach­dem er den Film in einer alten, ran­zi­gen Video­thek in Ger­lin­gen aus­lieh und einen gan­zen Mono­log dar­aus für den Song "Es reg­net" sam­pel­te, der auf sei­nem inzwi­schen meist­ge­fei­er­ten Album "Grau" zu fin­den ist.

Er beschreibt auf dem Track eine recht düs­te­re Zeit sei­nes Lebens, die von Dro­gen, Depres­sio­nen und Schul­den geprägt ist. "Es reg­net." Alles ist trist und grau. Genau wie bei "Momo" – einer Kapi­ta­lis­mus­kri­tik, die kei­ne Lösun­gen anbie­tet, aber das Inne­re der Men­schen, anhand der Prot­ago­nis­tin Momo und ande­rer Figu­ren wie die grau­en Her­ren, als anschau­li­ches Bild dar­stellt. Abs­trak­te Gedan­ken wer­den per­so­ni­fi­ziert. Das klei­ne Mäd­chen zeigt uns, was pas­siert, wenn man kei­ne Zeit mehr dafür hat, sei­nen Mit­men­schen zuzu­hö­ren, immer nur arbei­tet und ver­sucht, den Tag mög­lichst effi­zi­ent zu nut­zen. Die grau­en Gedan­ken – bezie­hungs­wei­se die grau­en Her­ren – kom­men schlei­chend und arbei­ten unbe­merkt, aber wer­den immer prä­sen­ter. Bis man laut der von Rad­ost Bokel gespiel­ten Prot­ago­nis­tin gar nichts mehr fühlt. "Man wird ganz gleich­gül­tig und grau." Die­ser Satz wie­der­holt sich immer wie­der und auch Tua schil­dert in sei­nem Song eine ähn­li­che Gefühls­welt und zeich­net sein Leben zwi­schen grau­en Wän­den eines Alt­baus, wäh­rend er einen zer­mür­ben­den und rast­lo­sen Life­style pflegt, kein Licht mehr zwi­schen all dem Nebel sieht und alles per­spek­tiv­los scheint. Weni­ges könn­te Tuas ehr­li­che und berüh­ren­de Wor­te über sein Innen­le­ben bes­ser ergän­zen als die von Micha­el Ende.

War­um also eige­ne Wor­te wäh­len, wenn es jemand ande­res bereits viel bes­ser gesagt hat? Um es die­ses Mal in eben­falls aus dem Film stam­men­den Wor­ten Momos statt in Clau­di­us Seidls zu sagen: "Ich glau­be, man muss ihm zuhö­ren, auch wenn er nicht singt." Denn gera­de dar­auf kommt es im Zwi­schen­mensch­li­chen meis­tens an.

(Yas­mi­na Rossmeisl)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)