Who sampled who? – Türchen #18 "Stolpersteine" von Trettmann

Schon seit die HipHop-​Kultur noch in den Kin­der­schu­hen steck­te, sind Sam­ples ein essen­zi­el­ler Teil von ihr. Von alten Klas­si­kern bis hin zu aktu­el­len Chart­hits las­sen sich in unzäh­li­gen Songs Ele­men­te aus bereits exis­tie­ren­den Wer­ken fin­den. Wem erging es noch nicht so, dass er beim Musik­hö­ren über einen bekann­ten Sound gestol­pert ist und sich dar­auf­hin den Kopf über des­sen Her­kunft zer­bro­chen hat? Oft beginnt damit eine span­nen­de Suche nach der Ori­gi­nal­auf­nah­me quer durch die Musik­his­to­rie. Aus die­sem Grund stel­len wir uns in unse­rem dies­jäh­ri­gen Advents­ka­len­der die Fra­ge "Who sam­pled who?" und öff­nen täg­lich ein neu­es Tür­chen: Wir prä­sen­tie­ren Euch 24 ver­schie­de­ne deut­sche Rap­songs und betrach­ten die Sam­ples, wel­che sich dar­in verbergen.

 

 

Erin­ne­rungs­kul­tur ist zen­tra­ler Bestand­teil vie­ler Gesell­schaf­ten. Ins­be­son­de­re im his­to­ri­schen Kon­text Deutsch­lands ist sie von maß­geb­li­cher Wich­tig­keit. Zwi­schen 1941 und 1945 wur­den bis zu 6,3 Mil­lio­nen Jüd:innen durch den Natio­nal­so­zia­lis­mus ermor­det. Sowohl für Opfer als auch Hin­ter­blie­be­ne begann der Künst­ler Gun­ter Dem­nig 1992, Stol­per­stei­ne in den Boden vor den Häu­sern der­je­ni­gen ein­zu­las­sen, die wäh­rend des NS-​Regimes ver­folgt, ermor­det, depor­tiert, ver­trie­ben oder in den Sui­zid getrie­ben wur­den. Von eben­die­sen Mahn­ma­len han­delt Trett­manns Track "Stol­per­stei­ne", der 2019 ver­öf­fent­licht wur­de, um Gesche­he­nes unver­ges­sen zu halten.

Fast demü­tig erklingt zu Beginn des Songs eine Kla­vier­me­lo­die, die dem Pia­nis­ten und Pro­du­zen­ten Nils Frahm zuzu­schrei­ben ist. Sein Ste­cken­pferd: die Kom­bi­na­ti­on aus Neo-​Klassik und mini­ma­lis­ti­schen Elek­tro­klän­gen, die ihm bereits eini­ge Berühmt­heit in der deut­schen Musik­sze­ne beschert hat. Das Sam­ple trägt den Namen "The Roughest Tra­de". "Rough" – ein Adjek­tiv, wel­ches das Leid der Betrof­fe­nen zwar in Wor­te fas­sen, es aber nicht annä­hernd beschrei­ben kann, und ein Titel, der so pas­send ist wie die "Stol­per­stei­ne" im Kopf­stein­pflas­ter. Gera­de des­halb ist es wich­tig, die Erin­ne­rungs­kul­tur zu wah­ren und Gesche­he­nes stän­dig zu reflek­tie­ren, damit die Ver­gan­gen­heit sich nicht wie­der­holt. Dabei sol­len die mitt­ler­wei­le in 26 Län­dern vor­zu­fin­den­den Stol­per­stei­ne hel­fen. Das stän­di­ge Zie­hen von Par­al­le­len zwi­schen heu­te und damals gelingt Tret­ti und ver­deut­licht, wie wenig Auf­ar­bei­tung geleis­tet wur­de, um rech­te Bewe­gun­gen auf­zu­de­cken und ihnen best­mög­lich entgegenzuwirken.

"Stol­per­stei­ne" trifft den Nerv der Zeit – viel­leicht sogar mehr denn je. Rechts­ex­tre­me Akteur:innen sind, auch auf­grund ihrer pene­tran­ten Stand­haf­tig­keit, eine der größ­ten Bedro­hun­gen der heu­ti­gen Zeit. Trett­mann fasst dies tref­fend zusam­men: "Der Schoß noch frucht­bar, aus dem das kroch." Es gilt nach wie vor, rech­tem Ter­ror kei­nen Platz zu ver­schaf­fen. Jeden Tag.

(Armi­na Takvorijan)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)