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Reportage

Graffiti – über Nachhaltigkeit und Alternativen

Aktu­ell wird immer offen­sicht­li­cher, was für ver­hee­ren­de Aus­wir­kun­gen die Kli­ma­kri­se auf Mensch und Umwelt hat. Auch vor Hip­Hop macht die­se Ent­wick­lung nicht halt. – Über die Fra­ge, inwie­fern Graf­fi­ti nach­hal­tig sein sollte.

Aktu­ell wird immer offen­sicht­li­cher, was für ver­hee­ren­de Aus­wir­kun­gen die Kli­ma­kri­se auf Mensch und Umwelt hat. Im Sin­ne der Nach­hal­tig­keit und Bekämp­fung der Kli­ma­kri­se müs­sen daher in Zukunft in allen Berei­chen des Lebens Her­an­ge­hens­wei­sen neu gedacht wer­den. Die­ses Umden­ken gilt für die Poli­tik und ande­re gesell­schaft­li­che Berei­che, macht aber auch vor der HipHop-​Kultur nicht halt. Hip­Hop und sei­ne Kom­po­nen­ten kön­nen inhalt­lich mal mehr, mal weni­ger poli­tisch daher­kom­men, doch ein The­ma wie Nach­hal­tig­keit lässt sich nicht nur über sei­nen Inhalt poli­ti­sie­ren. So kann etwa das Anbrin­gen eines Graf­fi­tis bereits als ein poli­ti­scher Akt inter­pre­tiert wer­den. Graf­fi­tis an Wän­den sind meist ein gesell­schaft­li­cher "Regel­bruch", denn im Nor­mal­fall ist ein Graf­fi­ti straf­bar. Doch auch durch den Inhalt oder die Wahl des Equip­ments und die Anbrin­gungs­art kön­nen sich poli­ti­sche State­ments her­aus­le­sen las­sen. Um klas­si­sches Graf­fi­ti hin­sicht­lich sei­ner Nach­hal­tig­keit zu bewer­ten, ist es also wich­tig, zu wis­sen, wie zum Bei­spiel Spray­do­sen pro­du­ziert wer­den und wel­che Emis­sio­nen die Her­stel­lung und Ver­wen­dung ver­ur­sa­chen, um ein schlüs­si­ges Bild über die Umwelt- und Kli­ma­be­las­tung zeich­nen zu kön­nen. Auch die Nach­hal­tig­keit und Recy­cle­bar­keit von Ver­pa­ckun­gen dür­fen hier nicht ver­ges­sen wer­den. Wie Graf­fi­ti gesell­schaft­lich betrach­tet sowie dis­ku­tiert wird und wie viel Platz es im Städ­te­all­tag ein­nimmt, steht klar in einem Kon­trast zuein­an­der. Doch zusätz­lich zu klas­si­schem Graf­fi­ti und sei­nen Mög­lich­kei­ten bie­ten neue­re Alter­na­ti­ven wie Green Graf­fi­ti sozial- wie umwelt­po­li­ti­sche Poten­zia­le, die sich in den Städ­te­all­tag von mor­gen inte­grie­ren las­sen könnten.

 

Klas­si­sches Graffiti

Doch wie nach­hal­tig ist eigent­lich das klas­si­sche Graf­fi­ti? Um ein kla­re­res Bild zu erhal­ten, ist ein Über­blick über die Inhalts­stof­fe der Far­be sowie ver­wen­de­ten Mate­ria­li­en für die Ver­pa­ckun­gen not­wen­dig. Beim Stich­wort Graf­fi­ti ist die Spray­do­se häu­fig die ers­te Asso­zia­ti­on. Die tech­ni­schen Aspek­te der Funk­ti­ons­wei­se von Farb­spray­do­sen unter­schei­den sich nicht grund­le­gend von Spray­do­sen für Haar­spray oder auch Schlag­sah­ne. So gibt es immer ein soge­nann­tes Treib­mit­tel. Ein Gas oder Gas­ge­misch, das dafür sorgt, dass der ent­spre­chen­de Inhalt – im Fal­le von Graf­fi­ti die Far­be und wei­te­re Inhalts­stof­fe – mög­lichst gleich­mä­ßig gesprüht wer­den kön­nen. Bis Ende der 80er Jah­re wer­den dafür Flu­or­chlor­koh­len­was­ser­stof­fe, auch FCKW-​Gase genannt, genutzt. Oft wer­den sie als Käl­te­mit­tel in Kühl­schrän­ken oder in der Indus­trie ver­wen­det. Mit der Erkennt­nis im Lau­fe der 80er und 90er Jah­re, dass die­se orga­ni­schen Gase haupt­ver­ant­wort­lich für die Ozon­lö­cher in der Atmo­sphä­re sind, durch wel­che ver­stärkt schäd­li­che Strah­lung ein­dringt, wird die Ver­wen­dung von FCKW-​Gasen voll­stän­dig glo­bal ver­bo­ten. Zusätz­lich dazu sind FCKW-​Gase Treib­haus­ga­se. Das sind Gase, die einen nega­ti­ven Ein­fluss auf den Treib­haus­ef­fekt haben. Beim Treib­haus­ef­fekt wird aus kurz­wel­li­gem Licht lang­wel­li­ges, das für eine Erwär­mung der Atmo­sphä­re sorgt. Seit Beginn der 90er Jah­re wer­den daher statt­des­sen gesät­tig­te ket­ten­för­mi­ge Koh­len­was­ser­stof­fe, auch Alka­ne genannt, ver­wen­det. Meist sind das ver­schie­de­ne Gas­ge­mi­sche aus Butan und Pro­pan. Ein gro­ßer Vor­teil der Alka­ne ist, dass sie kei­nen nega­ti­ven Ein­fluss auf die Ozon­schicht haben. Sie kön­nen aller­dings trotz­dem, abhän­gig vom kon­kre­ten Gas, ein Treib­haus­gas sein.

Die Spray­do­sen an sich bestehen zum Groß­teil aus Weiß­blech: sehr dünn gewalz­ter Stahl, der in der Regel mit einer Zink- oder Chrom-​Legierung vor Rost geschützt wird. Die Stahl­pro­duk­ti­on ist im All­ge­mei­nen mit rela­tiv hohen Treibhausgas-​Emissionen ver­bun­den. Die­se fal­len vor allem bei der Pri­mär­pro­duk­ti­on von Stahl an, das heißt, wenn das Eisen im Stahl aus Eisen­erz her­ge­stellt wird. 70 Pro­zent des jähr­lich in Deutsch­land pro­du­zier­ten Stahls ent­steht in der Pri­mär­pro­duk­ti­on. Die Emis­sio­nen beim Sprü­hen selbst sind ver­gleichs­wei­se klein zu den Emis­sio­nen durch die Blech- und Farb­pro­duk­ti­on. Deutsch­land ist einer der wich­tigs­ten Stahl­ex­por­teu­re in der EU. 2015 kam ein Vier­tel des in der EU pro­du­zier­ten Stahls aus Deutsch­land. Cir­ca 20 Pro­zent des jähr­lich pro­du­zier­ten Weiß­blechs wird für chemisch-​technische Pro­duk­te genutzt, zu denen auch die Spray­do­sen gehö­ren. Am häu­figs­ten wird Weiß­blech jedoch für die Pro­duk­ti­on von Kon­ser­ven­do­sen genutzt. So hat Weiß­blech die höchs­te Recy­cling­quo­te von allen Ver­pa­ckungs­werk­stof­fen in Deutsch­land. Spray­do­sen, die poten­zi­ell noch Far­be beinhal­ten kön­nen, kön­nen etwa bei Recy­cling­hö­fen abge­ge­ben. Die Ein­weg­s­pray­do­se und das aktu­el­le Ver­triebs­sys­tem sind jedoch kei­nes­wegs alternativlos.

 

Mehr­weg­s­pray­do­sen und Pfand

Abge­se­hen von Farb­spray­do­sen, die ein orga­ni­sches Gas als Treib­mit­tel nut­zen, gibt es auch Mehr­weg­s­pray­do­sen online zu kau­fen. Mehr­weg­s­pray­do­sen nut­zen Druck­luft anstatt eines Treib­mit­tels und sind für alle mög­li­chen Flüs­sig­kei­ten geeig­net, neben Lacken zum Bei­spiel auch für Lösungs- oder Rei­ni­gungs­mit­tel. Haupt­säch­lich wer­den sie in Werk­stät­ten und der Indus­trie ver­wen­det, Far­ben spie­len im Gegen­satz zu indus­tri­el­len Ölen oder Rei­ni­gern eher eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le. Prin­zi­pi­ell ist die Funk­ti­ons­wei­se zur Spray­do­se mit Treib­mit­tel ähn­lich. Die Mehr­weg­s­pray­do­se muss mit der ent­spre­chen­den Flüs­sig­keit, also etwa der Far­be, befüllt und das Ven­til ver­schlos­sen wer­den. Danach wird mit­hil­fe eines Kom­pres­sors Druck­luft in die Dose gefüllt. Die Befül­lung der Dosen ist rela­tiv ein­fach und schnell zu erle­di­gen, trotz­dem fin­den sie im Graffiti-​Bereich kaum Ver­wen­dung. Mög­li­che Grün­de dafür könn­ten der Mehr­auf­wand und die benö­tig­ten Gerät­schaf­ten sein. Doch über die­se Opti­on hin­aus ist es doch ver­wun­der­lich, dass es für Pro­duk­te wie Spray­do­sen kein Pfand­sys­tem in Deutsch­land gibt. Seit 2003 gibt es in Deutsch­land ein Pfand­sys­tem für Geträn­ke­fla­schen und -dosen. Geträn­ke­do­sen sind meist aus Weiß­blech her­ge­stellt – genau­so wie Spray­do­sen. Stahl als Werk­stoff hat hin­sicht­lich sei­ner Recy­cel­bar­keit einen gro­ßen Vor­teil. In einem Bericht von unter ande­rem der Uni­ver­si­tät Stutt­gart an das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wirt­schaft und Ener­gie steht dazu: "Durch die Ein­schmel­zung ist Stahl wie­der­keh­rend zu 100 Pro­zent wie­der­ver­wert­bar, wobei die inhä­ren­ten Eigen­schaf­ten voll­stän­dig erhal­ten blei­ben." Das bedeu­tet, dass beim Recy­cling von Stahl Qua­li­tät und Eigen­schaf­ten des Mate­ri­als gleich­blei­bend sind. Damit hebt es sich von sehr vie­len ande­ren Mate­ria­li­en ab, wie etwa Plas­tik, das in der Regel durch das Recy­cling qua­li­ta­tiv min­der­wer­ti­ger wird. Für die Indus­trie gibt es ver­ein­zelt Spray­do­sen mit Pfand­sys­tem, dies ist aber auch hier nicht der Regel­fall und vom Anbie­ter der Dosen abhän­gig. Mit der All­täg­lich­keit von Spray­do­sen soll­te die Über­le­gung sein, ob und wie ein sol­ches Sys­tem für die­se Art von Ver­pa­ckun­gen ein­ge­führt wer­den muss. Dies betrifft alle Ver­pa­ckun­gen aus Stahl. Denn auf der einen Sei­te kann er zwar gut recy­celt wer­den – auf der ande­ren Sei­te ist Stahl aus Eisen­erz aller­dings sehr umweltschädlich.

 

Acryl­far­be

In der Regel fin­det sich sowohl in Spray­do­sen als auch in Mar­kern Acryl­far­be. Sie ver­eint eini­ge prak­ti­sche Eigen­schaf­ten, wes­halb sie sich für Graf­fi­ti beson­ders anbie­tet: So haf­tet Acryl­far­be rela­tiv gut auf ver­schie­de­nen Unter­grün­den und ist weni­ger anfäl­lig für Alte­rung durch Umwelt­ein­flüs­se wie UV-​Strahlung. Außer­dem trock­net sie ver­gleichs­wei­se schnell, im Schnitt in bis zu sie­ben Stun­den. Trotz der all­ge­mei­nen Bezeich­nung kön­nen die kon­kre­ten Inhalts­stof­fe von Acryl­far­ben je nach Her­stel­ler, Pro­dukt­rei­he und mög­li­chen Spe­zi­al­ef­fek­ten stark variieren.

Grund­sätz­lich las­sen sich die Inhalts­stof­fe jedoch ver­all­ge­mei­nern. Die wich­tigs­ten Bestand­tei­le jeder Far­be sind die Farb­pig­men­te. Die­se las­sen sich grob in orga­ni­sche und anor­ga­ni­sche Pig­men­te ein­tei­len. Orga­nisch beschreibt in der Che­mie nicht, dass es sich um natür­lich vor­kom­men­de Stof­fe oder Mole­kü­le han­delt, viel­mehr setzt sich die orga­ni­sche Che­mie mit Koh­len­stoff und sei­nen Eigen­schaf­ten aus­ein­an­der. Auch das Treib­mit­tel Butan ist Teil der orga­ni­schen Che­mie. Anor­ga­ni­sche Pig­men­te dage­gen haben kei­nen struk­tu­rel­len Auf­bau und sind so sehr viel diver­ser. Die Farb­pig­men­te in Acryl­far­be sind auf­grund der ten­den­zi­ell ein­fa­che­ren Syn­the­ti­sie­rung meist anorganisch.

Auch Lösungs­mit­tel las­sen sich in allen Acryl­far­ben fin­den. Klas­si­sche Lösungs­mit­tel sind Ace­ton und Ben­zol. Die­se Lösungs­mit­tel haben jedoch den Nach­teil, dass sie gesund­heits­schäd­lich sind und die Atem­we­ge rei­zen kön­nen. Gene­rell ist jeg­li­cher Haut- und Schleim­haut­kon­takt schäd­lich. Des­halb sind Atem­schutz­mas­ken und Hand­schu­he bei der Ver­wen­dung von lösungs­mit­tel­hal­ti­gen Acryl­far­ben stets zu emp­feh­len. Es gibt auch Acryl­far­be mit Was­ser als Lösungs­mit­tel – eine sehr viel gesün­de­re und nach­hal­ti­ge­re Alternative.

Neben die­sen Inhal­ten wird zuletzt Epoxid­harz benö­tigt. Epoxid­har­ze sind spe­zi­el­le Kunst­har­ze, die den Far­ben bei­gemischt wer­den. Nach dem Auf­tra­gen der Far­be ver­duns­tet das Lösungs­mit­tel und die Epoxid­har­ze här­ten aus. Die Far­be bil­det so einen syn­the­ti­schen Film und ist wider­stands­fä­hi­ger gegen Umwelt­ein­flüs­se. Epoxid­harz selbst ist in flüs­si­ger Form rei­zend und sogar umwelt­ge­fähr­dend, aus­ge­här­tet geht eine wesent­lich gerin­ge­re Gefahr aus. Des­halb soll­te Far­be nicht an Bäu­me oder Ähn­li­ches gesprüht werden.

Die Inhalts­stof­fe von Acryl­far­ben sind in der Regel nicht als umwelt­ge­fähr­dend ein­ge­stuft, dafür aber als rei­zend und leicht ent­zünd­lich. Von den Stof­fen geht also kei­ne kon­kre­te nach­hal­ti­ge Gefahr für die Umwelt aus, was jedoch nicht bedeu­tet, dass in die Umwelt geschüt­te­te Far­be den Pflan­zen und Tie­ren nicht schadet.

 

Gesell­schaft und Street­art in Wechselwirkung

Die Fra­ge nach Nach­hal­tig­keit wird auch immer davon beglei­tet, was gesell­schaft­lich gewollt und gefor­dert wird bezie­hungs­wei­se wel­che Idea­le und Wer­te­vor­stel­lun­gen die Gesell­schaft für gut und rich­tig emp­fin­det. Wich­tig ist es des­halb, bei Nach­hal­tig­keits­fra­gen einen gesell­schaft­li­chen Dis­kurs anzu­stre­ben. Auch betrof­fen davon ist Graf­fi­ti im Stadt­kon­text und der Umgang damit. Spe­zi­ell die Ent­fer­nung der Kunst­wer­ke ist ein viel­dis­ku­tier­tes The­ma, da ein Groß­teil der Gesell­schaft Graf­fi­ti im öffent­li­chen Raum meist nicht gut­heißt. Um Graf­fi­ti von Wän­den oder ande­ren Objek­ten zu ent­fer­nen, müs­sen die­se in der Regel mit Graffiti-​Entferner vor­be­han­delt wer­den. Dabei han­delt es sich meist um ver­schie­de­ne che­mi­sche Gemi­sche, wel­che die Harz­farb­schicht von der Ober­flä­che lösen kön­nen. Nach einer gewis­sen Ein­wirk­zeit kann so erheb­lich ein­fa­cher mit einem Was­ser­strahl die Far­be ent­fernt wer­den. Die­se Graffiti-​Entferner sind zwar nach dem Glo­bal Har­mo­nis­ed Sys­tem, kurz GHS, als gesund­heits­schäd­lich und rei­zend ein­ge­stuft, aber nicht als umwelt­ge­fähr­dend. Am GHS ori­en­tie­ren sich die Gefah­ren­zei­chen­pik­to­gram­me auf Che­mi­ka­li­en. Es soll­te beim Umgang mit Graffiti-​Entferner also auf eine Atem­schutz­mas­ke, Schutz­bril­le und -hand­schu­he geach­tet wer­den. Auch muss bei der Ver­wen­dung die­ser Che­mi­ka­li­en das Abwas­ser sepa­rat ent­sorgt wer­den und darf nicht ein­fach in die Umwelt geschüt­tet wer­den. Denn für Tie­re oder Pflan­zen kann der Kon­takt mit dem Lösungs­mit­tel beein­träch­ti­gend, jedoch nicht zwin­gend töd­lich sein.

In Groß­städ­ten, in denen die Bevöl­ke­rungs­dich­te wesent­lich höher ist als in länd­li­chen Regio­nen, häu­fen sich in der Regel auch die Graf­fi­tis. Hier­zu schreibt die S-​Bahn Ber­lin auf ihrer Web­site: "Zwei Graf­fi­ti­teams, mit ent­spre­chen­der Aus­stat­tung, sind im S-​Bahn-​Netz im Ein­satz und sor­gen dafür, dass monat­lich durch­schnitt­lich 10.000 m² Graffiti-​Schmierereien und ca. 8.000 Auf­kle­ber, sofern leicht zugäng­lich, inner­halb von 48 Stun­den besei­tigt wer­den." So kämen jähr­lich ins­ge­samt 25 Fuß­ball­fel­der ent­fern­ter Graf­fi­tis zusam­men. Die­se Zah­len bezie­hen sich nur auf die S-​Bahn, dazu kom­men noch die U-​Bahn, die Stadt­au­to­bahn sowie die Infra­struk­tur des Stadt­ver­kehrs und Gebäu­de in öffent­li­cher und pri­va­ter Hand. In Städ­ten, in denen die Graf­fi­ti­sze­nen flo­rie­ren, bräuch­te es also oft mehr lega­le Alter­na­ti­ven, um die­sem Auf­wand – auch hin­sicht­lich der Kos­ten – entgegenzuwirken.

Auch die 1UP-​Crew ist sich der Wich­tig­keit ihres Werk­zeugs bewusst und streut immer wie­der poli­ti­schen Con­tent auf ihren Social Media-​Kanälen mit­tels ihrer Graf­fi­tis ein. So wid­men 1UP ihre Kunst unter ande­rem umwelt­po­li­ti­schen The­men wie dem glo­ba­len Koral­len­ster­ben. Am 11. Okto­ber 2019 erscheint dazu ein Video. Zu sehen ist, wie mit­hil­fe eines Stahl­ge­rüsts und Koral­len das 1UP-​Logo vor die Küs­te einer Insel süd­öst­lich von Bali arran­giert wird. Die­ses Art­pie­ce wur­de zusam­men mit zwei Natur­schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen umge­setzt. Es soll auf die seit Län­ge­rem äußerst bedroh­li­che Situa­ti­on der Koral­len auf­merk­sam machen. Koral­len sind das mari­ti­me Pen­dant zum Regen­wald – gesun­de Rif­fe gehö­ren zu den arten­reichs­ten Lebens­räu­men welt­weit. Doch ste­ti­ge Erwär­mung und Über­säue­rung der Mee­re und Ozea­ne las­sen die Koral­len­rif­fe aktu­ell in angst­ein­flö­ßen­der Geschwin­dig­keit abster­ben. Am Ende des 1UP-​Videos wird ein Text ein­ge­blen­det mit Side­facts zum Ster­ben von Koral­len­rif­fen und der höf­li­chen Auf­for­de­rung, ent­spre­chen­de Orga­ni­sa­tio­nen zu unter­stüt­zen. Was es für die Mee­re, Ozea­ne und Lebe­we­sen auf der Erde bedeu­ten wür­de, wenn die Koral­len­rif­fe abster­ben, kann kein Wis­sen­schaft­ler aktu­ell kon­kret ein­schät­zen. Von gro­ßen nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen ist aller­dings aus­zu­ge­hen. Dies ist ein Bei­spiel, das zeigt, dass sich Street­art und umwelt­po­li­ti­sche The­men durch­aus kom­bi­nie­ren las­sen. Auch wenn es sich hier­bei um eher unkon­ven­tio­nel­le Street­art han­delt, wur­de die Reich­wei­te ent­spre­chend genutzt.

 

Green Graf­fi­ti

Doch gibt es auch Alter­na­ti­ven zu der Arbeit mit "klas­si­schen" Spray­do­sen? Die Idee hin­ter Green Graf­fi­ti ist es, Bil­der oder Schrift­zü­ge mit Moos – meist an Häu­ser­wän­den – anzu­brin­gen. Moos ist ein sehr eige­ner Pflan­zen­typ. Es bie­tet sich für Green Graf­fi­ti an, da es kei­ne Wur­zeln hat, son­dern soge­nann­te Rhi­zo­ide. Dies sind wur­zel­ar­ti­ge Struk­tu­ren, die es auch bei Algen- oder Pilz­ar­ten gibt. Die Rhi­zo­ide hel­fen dem Moos, sich an Ober­flä­chen fest­zu­hal­ten. Das ist für die­se Moos­ar­ten ein evo­lu­tio­nä­rer Vor­teil, da sie so nicht nur auf Unter­grün­de beschränkt sind, in denen sie ihre Wur­zeln ver­an­kern kön­nen, son­dern über­all, wo die rest­li­chen Umwelt­be­din­gun­gen stim­men. So auch poten­zi­ell als Graf­fi­ti an einer Hauswand.

Dies kann auf zwei ver­schie­de­ne Wei­sen gelin­gen. Der ein­fa­che­re Weg ist, vor­han­de­ne Stü­cke Moos an- und zusam­men­zu­kle­ben, um dar­aus ein Bild oder einen Schrift­zug zu erstel­len. Bei der zwei­ten Her­an­ge­hens­wei­se wird das gewünsch­te Bild oder der Schrift­zug mit einer Pas­te auf­ge­tra­gen. In der Pas­te befin­den sich Kleb­stoff, Moosspo­ren sowie Nähr­stof­fe für das Moos, um das Bild zusam­men­zu­hal­ten. Nach dem Auf­tra­gen der Pas­te und etwas Zeit wächst dann das Moos her­aus. Wegen des extra­va­gan­ten Erschei­nungs­bilds hat Green Graf­fi­ti oft einen Wer­be­be­zug oder wird von Fir­men auch als Gestal­tungs­mit­tel für die Innen­ein­rich­tung sowie als Deko­ra­ti­on von Haus­wän­den ange­bo­ten. Die Ver­wen­dung von Moos im Graf­fi­ti­kon­text ohne Wer­be­be­zug ist bis­her jedoch eine Nische.

Schrift­zü­ge und Bil­der aus Moos wie auch gene­rell eine glo­bal sehr viel stär­ke­re Bepflan­zung von Städ­ten hat dar­über hin­aus posi­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf das Kli­ma. Es bin­det CO₂ und Stick­stof­fe, was die Luft vor Ort säu­bert und bei ver­mehr­ter Ver­wen­dung posi­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf den glo­ba­len CO₂-​Haushalt haben könn­te. Doch damit Städ­te mit ihren Emis­sio­nen nicht mehr so stark ins Gewicht fal­len, müss­ten die­se wesent­lich stär­ker bepflanzt wer­den. Das wür­de nicht nur mehr Bäu­me bedeu­ten, son­dern eben­falls Dach- und Wand­be­pflan­zun­gen als Stan­dard, mehr und grö­ße­re Grün­flä­chen sowie Pfle­ge von Was­ser­flä­chen und wesent­lich weni­ger Ver­sie­ge­lung. All die­se Maß­nah­men in Kom­bi­na­ti­on mit weni­ger Indi­vi­du­al­ver­kehr könn­ten zu deut­lich ange­neh­me­ren Som­mern in Städ­ten sowie eine Ver­min­de­rung der CO₂-​Belastung führen.

 

Rever­se Graffiti

Bei Rever­se Graf­fi­ti dreht man die klas­si­sche Tech­nik des Malens um. Im Grun­de wird das Bild durch Teil­rei­ni­gun­gen einer ver­schmutz­ten Ober­flä­che gemalt. Es wird also kei­ne Far­be auf­ge­tra­gen, son­dern Far­be oder Ver­schmut­zun­gen abge­tra­gen. Dies kann etwa an einer Haus­wand oder einem Geh­weg pas­sie­ren. Rever­se Graf­fi­ti kann mit Wasser- und Sand­hoch­druck­rei­ni­gern aus­ge­übt wer­den, wobei die Vari­an­te mit Was­ser­hoch­druck­rei­ni­gern stär­ker ver­brei­tet zu sein scheint. Rever­se Graf­fi­ti lebt auf­grund sei­ner Natur von Scha­blo­nen, wobei aus der frei­en Hand zu malen sicher­lich auch vor­stell­bar ist. Die Vor­ge­hens­wei­se mit Scha­blo­nen und Hoch­druck­rei­ni­gern wird vor allem für Rever­se Graf­fi­ti im gewerb­li­chen Kon­text genutzt. Der bri­ti­sche Künst­ler Moo­se, wel­cher auch als der Erfin­der von Rever­se Graf­fi­ti gilt, zeigt aber, dass dies auch mit ein­fa­che­ren Mit­teln mög­lich ist. Für sei­ne Kunst nutzt er anfangs in ers­ter Linie eine Schuh­bürs­te und Was­ser. Rever­se Graf­fi­ti kann also mit hohem oder weni­ger hohem Mate­ri­al­auf­wand umge­setzt werden.

Die recht­li­che Bewer­tung von Rever­se Graf­fi­ti ist jedoch nicht voll­ends geklärt. In Fäl­len aus 2014 ist die Stadt­ver­wal­tung Köln gegen Rever­se Graf­fi­ti vor­ge­gan­gen. Zwei der Male­rei­en wur­den ent­fernt. Da die Urhe­ber nicht ermit­telt wer­den konn­ten, folg­ten aller­dings kei­ne recht­li­chen Konsequenzen.

Rea­ler Irr­sinn: Reverse-​Graffiti in Köln | extra 3 | NDR

 

Sta­tus quo – und nun?

Seit den 80er und 90er Jah­ren hat sich bezüg­lich der Sprüh­do­sen im Zuge des Ver­bots von FCKW-​Gasen schon eini­ges getan. Die heu­te genutz­ten Treib­mit­tel sind wesent­lich schwä­che­re Treib­haus­ga­se und haben kei­nen direk­ten Ein­fluss auf die Ozon­schicht. Die Her­stel­lung des für die Dosen not­wen­di­gen Weiß­blechs ver­ur­sacht auf der einen Sei­te hohe Treibhausgas-​Emissionen, was in Bezug auf Nach­hal­tig­keit ein kla­rer nega­ti­ver Aspekt des klas­si­schen Graf­fi­tis ist. Auf der ande­ren Sei­te ist Weiß­blech jedoch das am bes­ten recy­cel­te Ver­pa­ckungs­ma­te­ri­al in Deutsch­land. Bezüg­lich der Far­ben scheint der Markt am Anfang neu­er Alter­na­ti­ven zu ste­hen. Es gibt eine klei­ne Aus­wahl an was­ser­ba­sier­ten Far­ben, der Groß­teil beinhal­tet aller­dings wei­ter­hin klas­si­sche Lösungs­mit­tel wie Ace­ton oder Ben­zol. Es bleibt den­noch zu hof­fen, dass in Zukunft der Trend zu nach­hal­ti­ge­ren Far­ben geht. Lacke wer­den nicht nur im Graf­fi­ti, son­dern in fast allen Berei­chen unse­res Lebens in irgend­ei­ner Form ein­ge­setzt. Ein Wan­del hin zu nach­hal­ti­ge­ren Far­ben wäre für Mensch und Umwelt sowie eine Stei­ge­rung der Recy­cling­quo­te von Stahl wünschenswert.

Sowohl Green wie auch Rever­se Graf­fi­ti sind zum aktu­el­len Zeit­punkt noch abso­lu­te Nischen. Es gibt für bei­des Künstler:innen, jedoch wird gera­de Green Graf­fi­ti oft für werb­li­che Zwe­cke ein­ge­setzt. Daher ist es aktu­ell schwie­rig, von einer aus­ge­wach­se­nen Street­art zu spre­chen. Rever­se Graf­fi­ti hat hier sehr viel stär­ke­re Streetart-​Vibes. Das beim Green Graf­fi­ti ein­ge­setz­te Moos stei­gert hin­ge­gen die Luft­qua­li­tät und kann in war­men Som­mern küh­lend wir­ken. Es wäre also eine denk­ba­re und sinn­vol­le Stra­te­gie, wenn Städ­te in Zukunft Green Graf­fi­ti för­dern und sich ohne­hin stär­ker für Stadt­be­pflan­zun­gen ein­set­zen. So kann die Nische Green Graf­fi­ti über sei­nen künst­le­ri­schen Mehr­wert hin­aus aktiv etwas zur Bekämp­fung des Kli­ma­wan­dels bei­tra­gen. Moos als Werk­stoff könn­te sich außer­dem gut für Graf­fi­ti­kur­se für Kin­der und Jugend­li­che eig­nen. So bekä­me Green Graf­fi­ti direkt einen wei­te­ren sozial- und umwelt­po­li­ti­schen Mehrwert.

Ein Pfand­sys­tem für Spray­do­sen oder ähn­li­che nach­hal­ti­ge Ansät­ze zur Müll­ver­mei­dung soll­ten bespro­chen und ein­ge­führt wer­den. Gesell­schaft­lich muss ein grö­ße­res Ver­ständ­nis für die Gefah­ren geschaf­fen wer­den, die von Gift­stof­fen für Umwelt und Grund­was­ser aus­ge­hen. Auch wenn unter vor­bild­haf­ter Benut­zung die Beein­träch­ti­gung durch Graffiti-​Entferner rela­tiv gering ist, ist das Risi­ko eines Scha­dens für die Natur trotz­dem anhal­tend hoch. Umwelt­ver­träg­li­che­re Lösungs­mit­tel wären für vie­le Berei­che eine gro­ße Ent­las­tung für Mensch und Umwelt. Eine star­ke Redu­zie­rung der Emis­sio­nen in der Stahl­her­stel­lung ist zeit­nah not­wen­dig. In eini­gen Berei­chen müs­sen neue Maß­stä­be ange­setzt oder neue Pro­blem­lö­sun­gen gefun­den werden.

Wie an die­sem The­ma deut­lich wird, ist die Fra­ge nach Nach­hal­tig­keit oft kom­plex und mehr­di­men­sio­nal. Gera­de wenn es um Kon­sum­gü­ter geht, die in ver­schie­de­nen Abschnit­ten pro­du­ziert wer­den und aus ver­schie­de­nen Kom­po­nen­ten bestehen. Wei­ter ist zu sehen, dass Emis­si­ons­ver­mei­dung zwangs­wei­se alle Berei­che des Lebens betrifft: den Trans­port, das Woh­nen, das Arbei­ten sowie Berei­che, die sich zwi­schen die­sen bewe­gen wie die Ener­gie­ge­win­nung, die Abfall­wirt­schaft und der Tou­ris­mus. Auf dem Weg hin zu einer nach­hal­ti­ge­ren Gesell­schaft muss das gesell­schaft­li­che Ver­ständ­nis wach­sen, dass Nach­hal­tig­keit kein Plus ist, um einen Arti­kel bes­ser bewer­ben zu kön­nen. Sie ist fun­da­men­tal, damit die zivi­li­sa­to­ri­sche Mensch­heit in ihrer heu­ti­gen Form die Kli­ma­kri­se über­le­ben kann. Die exis­ten­zi­el­le Bedro­hung durch die Kli­ma­kri­se und ihre Kon­se­quen­zen müs­sen zukünf­tig Ansporn sein, damit die Gesell­schaft sich Lebens­wei­sen mit der Natur und Umwelt ange­wöhnt, nicht zum größt­mög­li­chen mate­ri­el­len Profit.

(Abdu Baack)
(Titel­bild von Dani­el Fersch)