Antilopen Gang – Anarchie und Alltag

"Was?! Du kennst das nicht? Sekun­de, ich such' dir das mal raus." Und schon öff­net sich die Plat­ten­kis­te. Wer kennt die­sen Moment nicht? Man redet über Musik und auf ein­mal fällt ein Name – egal ob von einem Song, einem:einer Künstler:in oder einem Album – mit dem man nicht so recht etwas anzu­fan­gen weiß. Und plötz­lich hagelt es Lob­prei­sun­gen, Hass­ti­ra­den oder Anek­do­ten. Gera­de dann, wenn der:die Gesprächspartner:in ins Schwär­men ver­fällt und offen zeigt, dass ihm:ihr das The­ma wich­tig ist, bit­tet man nicht all­zu sel­ten um eine Kost­pro­be. Die Musik setzt ein und es beginnt, was der Per­son so sehr am Her­zen zu lie­gen scheint. In die­sem Fall – was uns so sehr am Her­zen liegt: Ein Aus­zug aus der Musik, mit der wir etwas ver­bin­den, die wir fei­ern, die uns berührt. Ein Griff in unse­re Plat­ten­kis­te eben.

 

Meis­tens hat man als Hörer:in eine genaue Vor­stel­lung davon, wel­chen Sound man prä­fe­riert. Umso erfri­schen­der kann es sein, wenn Artists eine Plat­te relea­sen, die mit die­sen Gewohn­hei­ten bricht und es trotz­dem schafft zu begeis­tern. Genau so ein Album hat die Anti­lo­pen Gang 2017 mit "Anar­chie und All­tag" veröffentlicht.

Den Jungs ist mit ihrem Release etwas gelun­gen, was in die­ser Form sel­ten funk­tio­niert. Denn sobald eine Plat­te klang­tech­nisch stark vari­iert, hat man oft das Gefühl, es feh­le ein roter Faden. Der Zau­ber von "Anar­chie und All­tag" liegt aber genau dar­in. Zu typi­schen Battlerap-​Beats gesel­len sich Instru­men­tals mit sphä­ri­schen Syn­thies, Gute Laune-​Sound trifft auf melan­cho­li­sche Klän­ge. Doch nicht nur die Grund­la­ge der Songs ist viel­fäl­tig. Was die The­men­wahl angeht, man­gelt es der Gang defi­ni­tiv nicht an Ein­falls­reich­tum. So trifft eine ordent­li­che Por­ti­on Selbst­iro­nie auf poli­ti­sche und gesell­schafts­kri­ti­sche Inhal­te. Dabei scheu­en sich die Rap­per auch nicht davor, expe­ri­men­tel­le­re Wege ein­zu­schla­gen, und plat­zie­ren inmit­ten der Plat­te den Track "Bag­ger­see", der mit Punk-​Attitüde daher­kommt. Gespickt mit dem typi­schen, auch mal her­be­ren Anti­lo­pen-Humor geht es hier dar­um, eine "Atom­bom­be auf Deutsch­land" abzu­wer­fen, da ihrer Ansicht nach dann "Ruhe im Kar­ton" wäre. Auf "Anar­chie und All­tag" wird kein Blatt vor den Mund genom­men. Dadurch schaf­fen die Rap­per eine Leich­tig­keit, mit der sie dem:der Hörer:in schwer ver­dau­li­che, aber wich­ti­ge The­men wie Depres­sio­nen nahe­brin­gen, ohne dass man sich gefühls­tech­nisch erschla­gen fühlt.

"Anar­chie und All­tag" ist eines der Alben, das vie­le der Hör­ge­wohn­hei­ten, die man als Hörer:in im Kopf hat, nicht bedient. Doch gera­de Hip­Hop ist wand­lungs­fä­hig und bie­tet vie­le Mög­lich­kei­ten, ande­re Gen­res ein­flie­ßen zu las­sen. Das hat die Anti­lo­pen Gang wun­der­voll eigen­sin­nig umge­setzt und somit eine Plat­te geschaf­fen, die auch nach Jah­ren noch einen inno­va­ti­ven Cha­rak­ter besitzt.

(Dzer­ma­na Schönhaber)