Argonautiks – ein Gespräch über ihr Dasein als Außenseiter

In der Kul­tur­wis­sen­schaft spricht man von einem:einer Außenseiter:in, wenn diese:r einer Grup­pe zuge­hört, aber nicht voll inte­griert ist. Im Sport ist das jemand, der an einem Wett­kampf teil­nimmt, aber des­sen Sie­ges­chan­cen als gering erach­tet wer­den. Wenn man das auf die Kunst bezieht, kommt es natür­lich dar­auf an, wie man einen Sieg defi­niert. Berühm­te Außenseiter:innen gibt es auf jeden Fall vie­le. Bil­lie Eilish, Haft­be­fehl, Janis Jop­lin, Tic Tac Toe – die Lis­te ist end­los und die Per­sön­lich­kei­ten könn­ten nicht unter­schied­li­cher sein. Aber sie haben alle eins gemein­sam: Sie füh­len oder fühl­ten sich unver­stan­den. Ist viel­leicht genau das not­wen­dig, um gute Kunst machen zu kön­nen? Weil man einen Weg sucht, sich so aus­zu­drü­cken, dass man ver­stan­den wird? In dem ZEIT-​Artikel "Ein Dasein in Ball­angst" von Julia Frie­se heißt es: "Wer frü­her drau­ßen war, will heu­te ganz beson­ders sein." Man kon­zen­triert sich auf die Unter­schie­de, nicht auf die Gemein­sam­kei­ten. Und viel­leicht trifft die­se Beschrei­bung die Argo­nau­tiks ganz gut. Sie machen aus ihrer ver­meint­li­chen Schwä­che ihre Stär­ke und zei­gen auch auf ihrem vier­ten Album "Paro­li Pop" wie­der: "Mit­tel­fin­ger set­zen Zei­chen." Das Span­nen­de dabei ist ihre ganz eige­ne Art. Wenn­gleich sie einer erfri­schen­den Nor­ma­li­tät gegen­über­steht, wel­che so authen­tisch ist, dass sie damit wie­der­um her­aus­ste­chen. Das klingt erst ein­mal wider­sprüch­lich, aber sie fol­gen eben nie einem Sche­ma. Sie bie­dern sich an nichts und nie­man­den an – kei­nen Fans, kei­ner Indus­trie und nicht der Gesell­schaft. Ihr Zuhau­se fan­den sie zwar im Hip­Hop, auf­ge­wach­sen sind Tim­my und Usch­ta aber in Tel­tow, einer Gemein­de, die zur DDR gehör­te und direkt an die reichs­ten Vier­tel Ber­lins grenzt. Auf "Stim­me im Wald" sagt Usch­ta: "Nor­ma­li­tät ist fremd. Hab' nicht gelernt, wie man Geld ver­brennt." – Wel­che Aus­wir­kun­gen hat­te das Her­an­wach­sen zwi­schen die­sen ver­schie­de­nen Leben­rea­li­tä­ten also auf ihre Abnei­gung gegen Nor­ma­li­tät? Und wie viel von die­sem Image ist for­ciert und wie viel war schon gege­ben? Auch wel­che Rol­le Neid dabei gespielt hat, wie wich­tig ihnen Bestä­ti­gung ist und wie sie Hip­Hop für sich defi­nie­ren, haben wir in unse­rem Gespräch erläutert. 

MZEE​.com: Die Außenseiter-​Thematik wird immer wie­der von euch selbst auf­ge­grif­fen und auch in der Wahr­neh­mung der Medi­en spielt sie häu­fig eine Rol­le. Habt ihr euch schon in eurer Kind­heit als Außen­sei­ter wahrgenommen? 

Tim­my Tales: Ich habe mich als Kind gar nicht als Außen­sei­ter gefühlt und hat­te rela­tiv vie­le und coo­le Freun­de. Ich glau­be, es ging erst in der Jugend los, dass man anders war als ande­re und sich als Außen­sei­ter gefühlt hat.

Paul Usch­ta: Ich füh­le mich viel­leicht in Bezug auf die Musik als Außen­sei­ter, aber als Kind und in mei­ner Jugend nie. In der Musik aber wirk­lich sehr stark.

Tim­my Tales: Ja, auf jeden Fall.

MZEE​.com: Wor­an liegt das? 

Tim­my Tales: Als wir vor über zehn Jah­ren ange­fan­gen haben, zusam­men Musik zu machen, haben wir uns für Boom bap ent­schie­den. Das war zu dem Zeit­punkt sehr außen­sei­ter­lich. Die Leu­te, die das gemacht haben, konn­te man gefühlt an zwei Hän­den abzäh­len. Man ist da rein­ge­wach­sen, hat sich damit ange­freun­det und abge­fun­den, weil man ein Allein­stel­lungs­merk­mal hat­te. Zumin­dest bil­de ich mir das ein. Man macht halt nicht das, was Stan­dard ist.

MZEE​.com: Eure Fami­li­en kom­men aus der DDR. Auch wenn ihr Nach­wen­de­kin­der seid, prägt einen die Men­ta­li­tät der Eltern sicher­lich. Inwie­weit wur­det ihr dadurch beein­flusst, dass eure Eltern in einem ande­ren Sys­tem groß gewor­den sind?

Paul Usch­ta: Ich bil­de mir ein, dass die Erzie­hung mei­ner Eltern durch die Sys­te­ma­tik in der DDR auch auf mich Ein­fluss hat­te. Alle hat­ten so ziem­lich das Glei­che und nie­mand ist aus der Rei­he getanzt. Mir wur­de immer bei­gebracht, in wirk­lich jeder Hin­sicht beschei­den zu sein. Pro­bie­re nicht, irgend­wo aus der Rei­he zu tan­zen und benimm dich. Kei­ne Ahnung, ob man das auf die Erzie­hung mei­ner Eltern schie­ben soll­te oder ob das auch ein Ein­fluss der DDR auf mei­ne Eltern war. Ich könn­te es mir aber gut vor­stel­len. Um ein Bei­spiel zu nen­nen: In der Grund­schu­le habe ich mir immer eine New York Yankees-​Cap gewünscht, die waren für uns damals aber unfass­bar teu­er. Irgend­wann hat­te ich mei­ne Eltern so weit, dass sie mir so ein Ding gekauft haben. Und dann fand ich die so krass, dass ich mich geschämt habe, damit in die Schu­le zu gehen.

Tim­my Tales: Ich weiß genau, was du meinst.

Paul Usch­ta: Ich woll­te mich nicht über die ande­ren stel­len, weil ich Angst hat­te, dass sie den­ken, dass ich mich bes­ser füh­le als sie, weil ich so eine Cap auf­ha­be. Ich habe mir die immer gewünscht, dann hat­te ich sie und habe sie nie getra­gen, weil ich mich dafür geschämt habe. Voll bescheuert.

Tim­my Tales: Ich bil­de mir ein, dass in der DDR Not erfin­de­risch gemacht hat. Das habe ich früh von mei­ner Mut­ter gelernt. Sie war allein­er­zie­hend und die Koh­le war knapp. Da hat man aus wenig viel gemacht. Die­ses typi­sche "aus Schei­ße Gold machen". Nur weil man wenig Geld zur Ver­fü­gung hat, heißt das ja nicht, dass man am Arsch ist. So haben wir das auch schon immer mit Equip­ment gemacht. Nichts von all­dem, was wir ver­wen­det haben, ist hoch­klas­sig oder hoch­prei­sig. Wir neh­men unser Zeug mit Equip­ment auf, das wahr­schein­lich irgend­wel­che 15-​Jährigen benut­zen. Aber wenn man damit umzu­ge­hen weiß, kann man auch dar­aus etwas Gutes machen. Ich könn­te mir vor­stel­len, dass das etwas ist, das unse­re Eltern aus der DDR mit­ge­nom­men haben.

MZEE​.com: Ber­lin ist ver­mut­lich das Para­de­bei­spiel, an dem man heu­te noch die Unter­schie­de zwi­schen Ost- und West­deutsch­land sieht. Wie kom­men die­se zum Vorschein? 

Paul Usch­ta: Es reicht ja, wenn du aus Kreuz­berg über Fried­richs­hain nach Mar­zahn fährst. Da siehst du rein optisch schon den Weg von West- nach Ost­ber­lin. Im Osten kannst du auf jeden Fall noch erken­nen, wie die DDR aus­sah. Da hat sich bis auf Reno­vie­run­gen nicht viel getan. Ich kann das aber auch in Bezug auf die Men­ta­li­tät bestä­ti­gen, weil ich in einem Ser­vice­be­trieb arbei­te und jeden Tag in ganz Ber­lin und Umge­bung unter­wegs bin. Ich kann dir nicht genau sagen, was es ist, aber irgend­wie bil­de ich mir schon ein, dass ich auf Arbeit mer­ke, ob ich in Ost- oder West­ber­lin bin, wenn ich Alt­ein­ge­ses­se­ne sehe. Oft fan­gen sie auch sofort an, zu erzählen.

Tim­my Tales: Ja, an die­sem "Frü­her war alles bes­ser" merkt man das sofort. Man kann es aller­dings auch nicht pau­scha­li­sie­ren. Das bes­te Bei­spiel ist, fin­de ich, aber genau der Ort, in dem wir gelebt haben. Tel­tow grenzt an Zehlen­dorf und das war damals – und viel­leicht auch heu­te noch – schi­cki­mi­cki. Tel­tow hin­ge­gen ist eine Tra­ban­ten­stadt aus dem Osten. Da pral­len zwei Wel­ten auf­ein­an­der, die ver­schie­de­ner eigent­lich nicht sein könn­ten. Das merkt man immer noch. Viel­leicht sogar noch eher als in Ber­lin, wo sich inzwi­schen alles mehr ver­mischt hat. Wenn man in Zehlen­dorf auf irgend­ei­ner Ein­kaufs­stra­ße fla­nie­ren geht, ist das schon etwas ande­res, als am Tel­tower Bahn­hof zu stehen.

MZEE​.com: Fühlt ihr euch auch im ange­sag­ten, gen­tri­fi­zier­ten Ber­lin wohl? 

Tim­my Tales: Frü­her habe ich dar­über immer geläs­tert, mitt­ler­wei­le hängt mir das aber zu den Ohren raus. Was willst du denn dage­gen tun? Das ist alles so der­ma­ßen im Gan­ge, dass man es eh nicht mehr behe­ben kann. Auch das mit dem Mie­ten­de­ckel ist ja völ­lig geis­tes­krank. Ich habe jetzt ein hal­bes Jahr lang gedacht, dass die Prei­se in Ber­lin wie­der eini­ger­ma­ßen nor­mal wer­den. Statt­des­sen wird das Gan­ze gekippt und mei­ne Mie­te sogar erhöht. Irgend­wann fasst man sich nur noch an den Kopf. Ich könn­te es mir gar nicht leis­ten, allei­ne in Ber­lin zu woh­nen. Und es ist nicht so, als wür­de ich einen Hun­ger­lohn verdienen.

Paul Usch­ta: Uns hat es auf jeden Fall auch hart erwischt. Es wur­de ja anhand meh­re­rer Merk­ma­le bestimmt, wie hoch dei­ne Mie­te maxi­mal sein darf: Qua­drat­me­ter, Aus­stat­tung, Lage, Bau­jahr des Hau­ses. Anhand des­sen wur­den die Mie­ten erst mal gesenkt. Das ist Wahn­sinn, wenn man dar­über nach­denkt, wie vie­le Leu­te das jetzt in den Ruin treibt.

Tim­my Tales: Bei uns ist das viel­leicht noch harm­los, aber bei Selbst­stän­di­gen, die zum Bei­spiel wäh­rend Coro­na nicht arbei­ten konn­ten, ist das etwas ande­res. Dass die Poli­tik das in die­sem Zeit­raum zulässt, ist unfass­bar. Und jetzt geht es ein­fach so wei­ter wie vor­her. Du bewirbst dich für eine Woh­nung und kannst froh sein, wenn du unter den 800 Bewer­bern ange­spro­chen wirst und die Woh­nung nicht kom­plett wie Schei­ße aus­sieht. Dann kriegst du einen Staf­fel­ver­trag vor den Latz geknallt, in dem steht, wie viel du jedes Jahr mehr zah­len musst. Irgend­wann hat das dann auch ein Ende … 15 Jah­re spä­ter oder so. (schmun­zelt trostlos)

MZEE​.com: War­um wol­len dann alle nach Berlin? 

Tim­my Tales: Kei­ne Ahnung, ich ver­ste­he es nicht. War­um vor allem so vie­le Schwa­ben und Bayern?

MZEE​.com: Es gibt ver­mut­lich kei­nen grö­ße­ren Kon­trast zu Bay­ern als Ber­lin. Mün­chen zum Bei­spiel ist eine Groß­stadt, die sich oft wie ein Dorf anfühlt. Ich glau­be, des­we­gen zieht es selbst von hier sehr vie­le Men­schen zu euch. 

Tim­my Tales: Dann zieht doch in den Pott. (lacht)

Paul Usch­ta: Ich kann das nachvollziehen.

Tim­my Tales: Ja … Wenn ich in Mün­chen woh­nen wür­de, wür­de ich auch her­zie­hen wol­len. Oder wir zie­hen viel­leicht ein­fach alle nach München.

MZEE​.com: Eine Zei­le von euch lau­tet: "Regen fällt auf Bran­den­burg, Son­nen­schein auf Mün­chen. Es war nie­mals anders­rum." – Wel­che Rol­le hat Neid in eurem Leben gespielt? 

(bei­de lachen laut)

Tim­my Tales: So, jetzt, ja?

Paul Usch­ta: So war die Zei­le aber nicht gemeint! Trotz­dem zu der Fra­ge: Man könn­te natür­lich behaup­ten, man wäre nie nei­disch gewe­sen, aber ich war es oft. Da wir in Tel­tow auf­ge­wach­sen sind, war links von uns die Gemein­de Klein­mach­now. Das ist die reichs­te Pro­vinz Deutsch­lands und der ver­län­ger­te Arm von Zehlen­dorf, aber noch schi­cker. Weil wir in Tel­tow zur Schu­le gegan­gen sind, kann­ten wir auch Schüler:innen aus die­sen Gegen­den. Manch­mal bin ich bei Bekann­ten auf einer Haus­par­ty gelan­det und dach­te mir: "Alter, ist das krass, wie die hier leben." Ich weiß nicht, ob ich direkt nei­disch war, aber manch­mal wünscht man sich dann schon auch einen rie­si­gen Pool im Garten.

Tim­my Tales: Ich war immer nei­disch auf die Pro­ble­me von rei­chen Leu­ten, weil sie sich über irgend­wel­che Lächer­lich­kei­ten beschwert haben. Wäh­rend bei einem selbst die Schei­ße am Kochen war, haben die sich dar­über beschwert, dass sie die neue Play­sta­ti­on noch nicht haben … Da denkst du dir: "Halt dei­ne Fres­se. Du hast doch kei­ne Ahnung." Ich habe noch nie ver­stan­den, wie­so jemand mit mir dar­über gere­det hat, dass sein Luxus­le­ben nicht Luxus genug ist. Wäh­rend bei mir außer Fra­ge stand, dass ich jemals so etwas haben wer­de, bis ich es mir selbst leis­ten kann.

MZEE​.com: Nach eige­nen Aus­sa­gen hat­tet ihr in der Schul­zeit den "Assi"-Stempel und habt die­se Rol­le dann auch ange­nom­men. Habt ihr nie ver­sucht, euch anzupassen? 

Paul Usch­ta: Nee. Eigent­lich war es das kom­plet­te Gegen­teil. Man hat ihnen genau das gege­ben, was sie sehen woll­ten und das hun­dert­mal schlim­mer. Und das fan­den die dann auch noch cool, obwohl man sich teil­wei­se wirk­lich wie der Letz­te auf­ge­führt hat.

Tim­my Tales: Des­we­gen hat­te man auch nicht so rich­tig das Gefühl, Außen­sei­ter zu sein. In den Krei­sen, in denen wir waren, waren vie­le älte­re Leu­te unter­wegs, dar­um wur­de man schnell "früh­reif". Du wider­setzt dich dann eher der Lehr­kraft als der klei­ne, behü­te­te Klein­mach­nower. Das ist für die Leu­te wie Kino. Die fin­den das cool, gucken zu, lachen und erzäh­len das ihren Freund:innen aus Klein­mach­now. Dann bist du inter­es­sant. Man wur­de genom­men, wie man war – außer von den Lehrer:innen. Und Paul moch­te mich auch nicht.

Paul Usch­ta: Ich moch­te dich nicht?

Tim­my Tales: Ja, am Anfang moch­test du mich nicht. Kei­ne Ahnung, was du für ein scheiß Pro­blem hat­test. (lacht) Als ich Musik auf­ge­nom­men habe, hat Paul mir gesagt, dass er es schei­ße findet.

Paul Usch­ta: Ja, weil es bestimmt auch schei­ße war. (lacht)

MZEE​.com: Irgend­wann habt ihr trotz­dem ange­fan­gen, zusam­men Musik zu machen und Hip­Hop für euch zu ent­de­cken. Paul, du hast in eurem Pod­cast gesagt: "Mit Graf­fi­ti wur­de aus einem Musik­ge­schmack eine Lebens­ein­stel­lung." – Wel­che ist das? 

Paul Usch­ta: Puh, das ist so unge­fähr: "Beschreib mal Hip­Hop als Gefühl." Das habe ich noch nie so rich­tig reflek­tiert. (über­legt) Ich glau­be, es war, immer anders sein zu wol­len. Anders und coo­ler als die Men­schen um einen her­um. Man will sich bewei­sen und rar­ma­chen. Gegen den Strom schwim­men. Und stän­dig in allem einen Wett­be­werb sehen. Ich muss aber dazu­sa­gen, dass ich nie gut malen konn­te. Wir waren eher Van­da­len als Künstler.

Tim­my Tales: Ich glau­be, das geht mit all­dem ein­her, über das wir heu­te schon gere­det haben. Es ist eine Anti­hal­tung gegen Nor­ma­li­tät. Gegen wohl­be­hü­te­tes Auf­wach­sen, ein Auto zum 18. Geburts­tag bekom­men, ein super Abi machen, stu­die­ren, aber nicht so rich­tig wis­sen, was eigent­lich, und dann nach neun Jah­ren noch ein ande­res Stu­di­um machen. Man woll­te nicht der Norm ent­spre­chen, weil sie einen ange­kotzt hat. Das neh­me ich aus die­ser Graffiti- bezie­hungs­wei­se Schmierer-​Phase mit: Dass ich mir von nie­man­dem etwas gefal­len las­se, außer ich bin der Ansicht, dass die Per­son etwas Wich­ti­ges zu sagen hat.

Paul Usch­ta: Wir hat­ten einen Leh­rer, der sich extrem viel auf sein Auto ein­ge­bil­det und immer von sich in der drit­ten Per­son gespro­chen hat. Der war wirk­lich sehr bescheu­ert. Kurz vor dem Ende der zehn­ten Klas­se ging es dar­um, wer Abitur macht und ich bin abge­gan­gen. Der war so einer, der davon aus­ge­gan­gen ist, dass man ohne Abi auf der Stra­ße lan­det und hat das auch ver­mit­telt. Mich hat das so auf­ge­regt, dass ich mit einem Stift den gan­zen Raum voll­ge­malt habe und danach noch die Toi­let­ten. Weil ich mir ein­fach dach­te: "Fuck you, Alter." Das ist für mich auch Hip­Hop. (lacht)

Tim­my Tales: Das zieht sich auch durch unse­re "Kar­rie­re": Wir las­sen uns nichts gefal­len. Wenn man der Mei­nung ist, uns etwas Böses zu wol­len, braucht man nicht davon aus­zu­ge­hen, dass wir auch noch "Dan­ke" sagen. Das zieht sich sogar durchs Leben. Als Jugend­li­cher war ich der Mei­nung, dass ich mich dadurch pro­fi­lie­re, wenn ich mich mit mei­nen Lehrer:innen anle­ge, weil ich nicht ver­stan­den habe, dass es dumm ist. Ich habe bis heu­te ein Pro­blem mit Auto­ri­tä­ten. Ich mag Augen­hö­he. Das kommt auf jeden Fall aus der Graffiti-​Zeit. Das Gesetz ver­bie­tet dir das und des­halb machst du es.

MZEE​.com: Hat euch Hip­Hop auch ein Stück weit Iden­ti­tät gegeben?

Paul Usch­ta: Ja, bis heu­te. Ich wüss­te gar nicht, wer ich bin, wenn es das nicht gäbe. Mir wür­de ein­fach etwas Kras­ses feh­len und ich pro­fi­lie­re mich auch dar­über. Das ist schon mei­ne Identität.

Tim­my Tales: Das fängt schon im Freun­des­kreis an. Das sind nur Leu­te, die ich durch und von Musik ken­ne. Nicht jede:r macht Musik, aber man kennt sich durch die­ses gemein­sa­me Inter­es­se. Paul zum Bei­spiel war elf, als er mit Musik ange­fan­gen hat. Das ist eine Zeit, in der sich der Cha­rak­ter und die Außen­wahr­neh­mung for­men. Und dann baust du natür­lich ein Stück weit dein Leben dar­auf auf. Ob bewusst oder unbewusst.

MZEE​.com: Im MZEE-​Forum habe ich ein zehn Jah­re altes Video von einem eurer Auf­trit­te gefun­den. In euren Songs fal­len Begrif­fe wie "Pro­pa­gan­da" und ihr sprecht über Men­schen, die mani­pu­liert wer­den. Ich weiß, ihr habt euch oft von euren Tex­ten von damals distan­ziert und nie so eine Rich­tung ein­ge­schla­gen, aber viel­leicht gera­de des­we­gen: Gibt es einen Zusam­men­hang zwi­schen dem Suchen nach einer Iden­ti­tät und Zuge­hö­rig­keit sowie dem Abdrif­ten zu Ver­schwö­rungs­my­then oder Schlimmerem? 

Paul Usch­ta: Ich ver­ste­he voll, wie­so so etwas pas­siert, wenn jemand unsi­cher und viel­leicht auch unre­flek­tiert ist. Wenn man nie­man­den um sich hat, der ver­nünf­ti­ge Mei­nun­gen ver­tritt. Und man raus­fin­den will, wer man über­haupt ist … Ich glau­be, sol­che Leu­te fin­den ver­dammt schnell in genau die­sen Grup­pie­run­gen ihren Platz.

Tim­my Tales: Die brau­chen ja auch Anhänger.

Paul Usch­ta: Des­we­gen geht das, glau­be ich, ganz schnell. Aber wir haben mit sowas nichts zu tun.

MZEE​.com: Kei­ne Sor­ge, ich bin nicht davon aus­ge­gan­gen, dass ihr zu den Quer­den­kern gehört. Glaubt ihr also, dass jede:r dafür anfäl­lig ist? 

Paul Usch­ta: Nein, nicht jede:r. Ich glau­be, wenn man dar­auf ach­tet, mit wem man sich umgibt und Leu­te um sich hat, die immer wie­der reflek­tie­ren und Sachen rea­lis­tisch betrach­ten, soll­te man dafür nicht anfäl­lig sein.

Tim­my Tales: Leu­te, die men­ta­le Kri­sen haben, füh­len sich zu sowas auch schnell hin­ge­zo­gen, weil sie Halt suchen. Aber nicht jede Grup­pie­rung ist gleich ein For­mat wie die Quer­den­ker. Man muss immer vor­sich­tig sein, wie man das for­mu­liert, aber eine Reli­gi­on ist für mich eigent­lich nichts ande­res. Wie vie­le Leu­te fin­den zu Gott, weil sie gera­de irgend­et­was durch­le­ben müssen?

MZEE​.com: Hip­Hop kann das ja auch auf eine Art sein, ohne dabei pathe­tisch klin­gen zu wol­len. Aber man teilt das mit Men­schen und das kann einen auch manch­mal auffangen. 

Tim­my Tales: Ja, klar. Hip­Hop ist für mich auch eine Grup­pie­rung. Du fühlst dich zuge­hö­rig, wenn du dich damit iden­ti­fi­zierst. Und wenn es nur die Fans eines:einer bestimm­ten Künstler:in sind, denen du angehörst.

MZEE​.com: Wenn man so lan­ge wie ihr drei zusam­men Musik macht, fes­tigt sich dann auch eine "Wir gegen alle"-Einstellung?

Paul Usch­ta: Ich glau­be, so sind wir nicht. Wir leh­nen nie­man­den ab. Wir sind ein­fach nur fest­ge­fah­ren in unse­rer Arbeits­wei­se. Es gibt so vie­le Leu­te, die Timm und ich super fin­den und mit denen wir teil­wei­se auch Kon­takt haben. Aber wir wol­len nicht aus dem Nichts fra­gen, ob man einen Track zusam­men macht. Auch wenn eini­ge davon viel­leicht dar­auf ein­stei­gen wür­den. Aber wir sind eher so: "Lass doch mal eine Cola trin­ken gehen."

Tim­my Tales: Vie­le den­ken viel­leicht auch auf­grund der Musik, dass wir voll die Hater sind. Aber das sind wir gar nicht.

Paul Usch­ta: Es gibt natür­lich vie­le Sachen, die wir mega­ka­cke fin­den, aber Hater sind wir nicht. Im Hip­Hop gibt es eben viel Zeug, bei dem man sich fragt, wie­so das Leu­te gut fin­den. Aber wir den­ken nicht, dass wir die Cools­ten sind und der Rest schei­ße ist. Dafür gibt es zu vie­le Leu­te, bei denen wir auch schlu­cken und die wir krass finden.

Tim­my Tales: Egal, wie selbst­be­wusst man an die Musik ran­geht, man trifft immer auf jeman­den, den:die man bes­ser fin­det. In den letz­ten Jah­ren ist eini­ges pas­siert in der Rap­sze­ne. Ich bin da aber manch­mal auch ein Arsch­loch. Wenn jemand nur übers Kif­fen rappt, den­ke ich mir: "Halt dei­ne Fres­se. Hast du nichts ande­res zu erzählen?"

MZEE​.com: Wie wich­tig ist euch Bestä­ti­gung, wenn es um eure Musik geht? 

Paul Usch­ta: Mir ist das schon wich­tig. Man könn­te jetzt auch sagen, dass mir das alles egal ist, aber …

Tim­my Tales: … wer das sagt, lügt einfach.

Paul Usch­ta: Mir ist halt scheiß­egal, ob die Musik in der brei­ten Mas­se ankommt. Aber mir ist wich­tig, dass Leu­te, die sich mit Musik beschäf­ti­gen, es pei­len. Und da sind wir bis­her mehr als gut weg­ge­kom­men. Wir haben immer Bestä­ti­gung bekom­men und es wür­de mir nicht gefal­len, wenn das nicht mehr so wäre, sage ich ganz ehrlich.

Tim­my Tales: Bestä­ti­gung ist ein­fach viel mehr wert für Leu­te wie uns, die nicht davon abhän­gig und auf wirt­schaft­li­che Aspek­te ange­wie­sen sind.

Paul Usch­ta: Unse­re Com­mu­ni­ty ist klein, aber fein.

(Yas­mi­na Rossmeisl)
(Fotos von Jani­na Wagner)