Von New York nach Rom und Warschau – über HipHop in Europa

Deut­scher Hip­Hop ist so erfolg­reich wie nie zuvor. Gefühlt jede Woche klet­tert ein:e andere:r Rapper:in an die Spit­ze der Charts. Hip­Hop aus weit ent­fern­ten Län­dern fin­det sich dort jedoch eher sel­ten – mit Aus­nah­me natür­lich von ame­ri­ka­ni­schem Rap. Auch inner­eu­ro­päi­sche Impor­te sind eine Rari­tät bis auf fran­zö­si­sche und bri­ti­sche Acts, die mit Afro­trap oder UK Drill sogar sehr direk­te Vor­bil­der für deut­sche Rapper:innen dar­stel­len. So fül­len Artists wie Boo­ba oder Skep­ta hier­zu­lan­de pro­blem­los gro­ße Kon­zert­sä­le, jedoch ist der:die erfolg­reichs­te Rapper:in Schwe­dens oder Por­tu­gals nur den wenigs­ten ein Begriff. Und das, obwohl es in die­sen Län­dern eben­falls viel­sei­ti­ge und über­ra­schend gro­ße HipHop-​Szenen gibt.

Aller­dings fin­det hier – durch das Inter­net und die vor­an­schrei­ten­de Glo­ba­li­sie­rung – eine immer stär­ker wer­den­de Ver­net­zung statt. So erschien Ende letz­ten Jah­res bei­spiels­wei­se "THE EXCHANGE", eine Kol­la­bo­ra­ti­on von fünf Rap­pern aus fünf ver­schie­de­nen Län­dern. Auf dem Song geben sich Sevn Ali­as aus den Nie­der­lan­den, Miami Yaci­ne aus Deutsch­land, Leto aus Frank­reich, Morad aus Spa­ni­en und Vegas Jones aus Ita­li­en die Klin­ke in die Hand. Dar­über hin­aus fin­den sich auch im deut­schen Hip­Hop hier und dort Gäs­te aus rap­t­ech­nisch eher unbe­kann­ten Ecken des euro­päi­schen Kon­ti­nents. Ufo361 releast etwa im Jahr 2019 das Album "Lights Out" zusam­men mit dem tür­ki­schen Rap­per Ezhel und Oxxxy­mi­ron aus Russ­land. Die­ser dürf­te den meis­ten Battlerap-​Fans in Deutsch­land durch sein Hos­ting bei Top­Tier Take­over ein Begriff sein.

Mitt­ler­wei­le exis­tiert sogar ein "Euro­pean Hip­Hop Stu­dies Net­work". Die­ses wur­de 2018 in Dort­mund von Sina Nitz­sche gegrün­det und zielt auf die Ver­knüp­fung von Artists, For­schen­den und Leh­ren­den über die euro­päi­schen Lan­des­gren­zen ab. Dort wer­den wis­sen­schaft­li­che Arbei­ten zum The­ma Hip­Hop unter diver­sen gesell­schaft­li­chen Gesichts­punk­ten ver­öf­fent­licht, um Auf­klä­rungs­ar­beit zu leis­ten und die ver­schie­de­nen HipHop-​Szenen mit­ein­an­der zu verknüpfen.

Aber wie hat sich Hip­Hop bei unse­ren euro­päi­schen Nach­barn ent­wi­ckelt? Und wie hat er über­haupt sei­nen Weg über den Oze­an gefun­den? Betrach­ten wir also exem­pla­risch die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der jewei­li­gen HipHop-​Szenen in Ita­li­en und Polen – zwei unse­rer euro­päi­schen Nach­bar­län­der mit einer von grund­auf unter­schied­li­chen His­to­rie –, beleuch­ten die gesell­schaft­li­chen Umstän­de, unter denen sich die Musik ver­brei­tet hat und stel­len die Fra­ge, ob man viel­leicht sogar von "euro­päi­schem" Hip­Hop spre­chen kann.

SEVN ALIAS x MIAMI YACINE x LETO x MORAD x VEGAS JONES - THE EXCHANGE /​/​ SNIPES Sound­booth Cypher

 

Die Geschich­te von Hip­Hop in Italien 

Hip­Hop schafft es ver­gleichs­wei­se früh nach Ita­li­en. Zumin­dest das Malen von Graf­fi­ti wird recht schnell als eige­ne far­ben­fro­he Kunst­form ange­se­hen. Schon im Jahr 1979 fin­det in Rom die ers­te Graffiti-​Ausstellung Euro­pas statt. Initi­iert wird die­se vom Kunst­händ­ler Car­lo Bruni, dem Wri­ter LEE und nie­mand Gerin­ge­rem als Fab 5 Fred­dy – dem spä­te­ren Ideen­ge­ber zum Film "Wild Style" und Mode­ra­tor von "YO! MTV Raps". Des Wei­te­ren erhält Break­dance durch Fil­me wie "Beat Street", "Style Wars" und dem bereits erwähn­ten "Wild Style", vor allem aber durch eine kur­ze Sze­ne aus "Flash­dance" gro­ße Auf­merk­sam­keit in Ita­li­en. Selbst­ver­ständ­lich ver­brei­tet sich damit auch die Musik wei­ter. Somit sind die vier Ele­men­te des Hip­Hop bereits in Ita­li­en ange­kom­men, blei­ben jedoch wei­test­ge­hend getrennt von­ein­an­der und bil­den eige­ne klei­ne Nischen. Einer der ers­ten, der die ver­schie­de­nen HipHop-​Elemente zusam­men­führt, ist San­dro Orru ali­as DJ Gruff. Er selbst ist als DJ und Rap­per aktiv und gilt als ein Pio­nier des ita­lie­ni­schen Hip­Hop. Er ver­teilt sei­ne in ita­lie­ni­schen Dia­lek­ten berapp­ten, mit Scrat­ches ver­se­he­nen Tapes an Breaker:innen, wel­che dazu tan­zen und sie wei­ter­ver­brei­ten. Auch wenn die bekann­tes­ten Tapes die­ser Art vor­nehm­lich humo­ris­ti­sche Tex­te beinhal­ten, flie­ßen lan­des­weit eher poli­ti­sche Inhal­te in die Songs ein, denn Rap fin­det zuerst abseits der brei­ten Öffent­lich­keit in soge­nann­ten "Cen­tri Socia­li" (Anm. d. Red.: zu Deutsch in etwa "Auto­no­me Zen­tren") statt. Die­se sind größ­ten­teils links­po­li­tisch geprägt und musi­ka­lisch eher von der Punk- und Hard­core­sze­ne der gegen­wär­ti­gen Zeit beein­flusst. Aus die­sem Grund ist die noch sehr klei­ne HipHop-​Szene in Ita­li­en von Beginn an stark poli­ti­siert. In die­ser Zeit ent­ste­hen haupt­säch­lich italienisch- und eng­lisch­spra­chi­ge Pos­se­cuts von losen Kol­lek­ti­ven, jedoch kei­ne wirk­lich pro­fes­sio­nel­len Aufnahmen.

Den­noch wer­den rela­tiv schnell auch Künstler:innen aus dem Main­stream auf die­se neue Art der Musik auf­merk­sam und adap­tie­ren sie für sich. So releast der ehe­ma­li­ge Singer-​Songwriter Jova­not­ti im Jahr 1988 die Sprechgesangs-​Platte "Jova­not­ti for Pre­si­dent", die inhalt­lich eher Par­ty als Revo­lu­ti­on bie­tet. Ein Sakri­leg für die HipHop-​Szene, wel­che zu die­ser Zeit noch haupt­säch­lich im Unter­grund statt­fin­det. Er ern­tet hef­ti­ge Kri­tik aus eben­die­ser. Nichts­des­to­trotz schafft es das Album auf Platz drei der Charts und ver­kauft sich über 400 000 Mal. Ein sagen­haf­ter Erfolg für einen ita­lie­ni­schen Rap­per die­ser Zeit – auch wenn er auf Eng­lisch per­formt. Aus die­sem Grund gilt "Bat­ti il tuo tem­po" von Onda Ros­sa Pos­se aus dem Jahr 1990 als ers­te "ech­te" Rap-​Platte auf Ita­lie­nisch. Hier wird die Poli­ti­sie­rung des gegen­wär­ti­gen ita­lie­ni­schen Hip­Hop wie­der deut­lich: Die Prot­ago­nis­ten nen­nen sich Mili­tant A und Cas­tro X und der Name der Grup­pe bedeu­tet auf Deutsch "Rote Wel­le Posse".

An die­ser Stel­le zeigt sich auch die in Deutsch­land bis heu­te geführ­te "Sell-​Out-​Debatte". Die­ser Kon­flikt wird in den 90ern beson­ders am Mai­län­der Duo Arti­co­lo 31 deut­lich. Zu Beginn ihrer Kar­rie­re sind sie erfolg­reich, ange­se­hen und poli­tisch. Der Name der Grup­pe hat, anders als in Deutsch­land, nichts mit Kri­mi­na­li­tät zu tun, son­dern ist an einen Arti­kel im iri­schen Gesetz­buch ange­lehnt, der sich auf Pres­se­frei­heit bezieht. Nach einem erfolg­rei­chen Debüt­al­bum wer­den J-​Ax und DJ Jad aller­dings vom Major­la­bel BMG Ricor­di unter Ver­trag genom­men und mischen ihren einst von der East Coast inspi­rier­ten Sound mit Ein­flüs­sen aus der Pop- und Indie-​Rock-​Musik. Als die Mai­län­der dann auch noch in einem Wer­be­spot für den Auto­her­stel­ler "Fiat" per­for­men, ist ihre Repu­ta­ti­on in der HipHop-​Szene völ­lig zer­stört. Dies gip­felt im Jahr 1996 dar­in, dass bei einem HipHop-​Festival in Vene­dig alle ande­ren Rapper:innen zu Beginn der Per­for­mance des Duos Arti­co­lo 31 die Büh­nen ver­las­sen, um ihren Pro­test gegen die bei­den auszudrücken.

Anfang der 2000er Jah­re lei­det auch die ita­lie­ni­sche Musik­in­dus­trie unter der rie­si­gen Wel­le an Raub­ko­pien aus dem Inter­net. Somit ver­schwin­det Rap, der zu die­sem Zeit­punkt ver­gleichs­wei­se win­zig ist, fast völ­lig aus der ita­lie­ni­schen Musik­land­schaft. Nur weni­ge Rap­per wie Mondo Mar­cio, Ino­ki, Fab­ri Fibra und Cor Vele­no schaf­fen es, ihre Kar­rie­ren bei gro­ßen Labels fort­zu­set­zen – was aktu­ell von viel grö­ße­rer Rele­vanz ist, als es in Zukunft wer­den soll­te. Dafür ent­wi­ckeln sich aber immer mehr Freestyle- und Battle-​Contests, wel­che nach und nach lan­des­wei­te Beliebt­heit erlan­gen. Spä­ter erscheint sogar das TV-​Format "MTV Spit", in wel­chem Batt­les aus­ge­tra­gen wer­den. In den Jah­ren 2006 und 2008 erschei­nen dann mit der Straßenrap-​Platte "Mar­ra­cash" von Mar­ra­cash und dem eher Politik- und Punchline-​orientieren "Tra­di­men­to" von Fab­ri Fibra zwei Klas­si­keral­ben, die ita­lie­ni­schem Rap wie­der Auf­merk­sam­keit ver­schaf­fen. Zwei Jah­re spä­ter kann Fab­ri Fibra mit der Hit­sin­gle "Tran­ne Te" solch gro­ße Wel­len schla­gen, dass mit Red­man sogar ein erfolg­rei­cher ame­ri­ka­ni­scher Rap­per einen Part für einen Remix bei­steu­ert. Fibra wird der ers­te ech­te ita­lie­ni­sche Rap-​Superstar und damit Vor­bild für eine gan­ze Rie­ge an Artists einer neue­ren Genera­ti­on. Die­se neue­ren Artists haben die ohne­hin abfla­chen­de Poli­ti­sie­rung aus frü­hen Tagen fast gänz­lich abge­legt und ori­en­tie­ren sich eher an aggres­si­vem Stra­ßen­rap. So bei­spiels­wei­se Gangs­ter­rap­per Noyz Nar­cos, des­sen gewalt­vol­le Tex­te teil­wei­se in den Horrorcore-​Bereich ein­zu­ord­nen sind, oder Nitro, der ursprüng­lich aus der rei­nen Freestyle- und Battle-​Szene stammt.

Fab­ri Fibra - In Ita­lia ft. Gian­na Nannini

Als dann um 2015 her­um die Trap- und Afro­trap­wel­le auch Ita­li­en erreicht, nimmt der kom­mer­zi­el­le Erfolg ita­lie­ni­scher Rapper:innen exor­bi­tan­te Aus­ma­ße an. Sowohl elek­tro­ni­sche Musik, deren Sound­äs­the­tik teils der von Trap ähnelt, als auch Reg­ge­aton, wel­cher dem Afro­trap sehr nahe ist, sind bereits im Vor­hin­ein sehr popu­lä­re Gen­res und so erfreu­en sich die neu­en Strö­mun­gen sofort gro­ßer Beliebt­heit. Aus die­sem Grund häu­fen sich für Vertreter:innen die­ser Sounds wie Capo Pla­za, Sfe­ra Ebbas­ta oder Gha­li die Gold- und Pla­tin­plat­ten. Alle drei kön­nen sogar auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne auf sich auf­merk­sam machen. So tritt Gha­li im Jahr 2016 beim Open­air Frau­en­feld auf, bei wel­chem sonst eher sel­ten ita­lie­ni­sche Acts gebucht wer­den, wäh­rend Capo Pla­za ein Fea­ture mit US-​Newcomer Gun­na und Sfer­ra Ebbas­ta sogar eines mit Migos-​Leader Qua­vo ver­zeich­nen kann. Auch abseits der Trap-​Bewegung hat ita­lie­ni­scher Hip­Hop eini­ges zu bie­ten und kann mit beson­de­ren Artists aus einer gro­ßen Lo-​Fi- und Beat­sze­ne auf­war­ten – so zum Bei­spiel der Pro­du­zent Koral­le aus Bolo­gna, der beim deut­schen Label Mel­ting Pot Music unter Ver­trag steht.

CAPO PLAZA - Gio­va­ne Fuo­ri­c­las­se (prod. AVA)

Obwohl die ita­lie­ni­sche und deut­sche HipHop-​Szene einen ähn­li­chen Ver­lauf hin­sicht­lich kom­mer­zi­el­len Erfolgs hat­ten, unter­schei­den sich die­se in ihren Ursprün­gen. In Ita­li­en war Hip­Hop durch die "Cen­tri Socia­li" von Anfang an mit lin­kem Akti­vis­mus ver­bun­den. Aus die­sem Grund wer­den Dis­kus­sio­nen um Posi­tio­nie­run­gen von reich­wei­ten­star­ken Artists – beson­ders jetzt, wo sehr vie­le die­ser Artists exis­tie­ren – auch nach wie vor anders geführt. Des Wei­te­ren wer­den die sozia­len Span­nun­gen in Ita­li­en auch im Rap deut­lich: So spielt Stra­ßen­rap als "Bericht von unten" eine noch grö­ße­re Rol­le als in Deutsch­land, denn die sozia­len Miss­stän­de sind dort noch ein­mal schwer­wie­gen­der. Dar­über hin­aus herrscht im ita­lie­ni­schen Rap the­ma­tisch eine regel­rech­te All­ge­gen­wär­tig­keit der orga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät vor, sowohl was Glo­ri­fi­zie­rung als auch Kri­tik an die­ser betrifft. Die Mafia in Ita­li­en hat eben gesell­schaft­lich einen viel grö­ße­ren Ein­fluss als ähn­li­che kri­mi­nel­le Struk­tu­ren in Deutsch­land. Selbst das Nord-​Süd-​Gefälle inner­halb des Lan­des ist zu spü­ren, denn laut dem Euro­pean Music Coun­cil ist die Musik aus dem Süden um eini­ges här­ter und aggres­si­ver – dort sind die sozia­len Gege­ben­hei­ten um eini­ges schlech­ter als im Nor­den. So liegt bei­spiels­wei­se die Arbeits­lo­sen­quo­te hier drei­mal höher.

 

Die Geschich­te von Hip­Hop in Polen

Auch nach Polen schwappt Hip­Hop in den 80ern vor allem durch die Fil­me "Wild­style" und "Beat Street", trifft dort aber auf gänz­lich ande­re Gege­ben­hei­ten als in ande­ren Tei­len Euro­pas. Rap­mu­sik, Graf­fi­ti und Break­dance kön­nen sich als ame­ri­ka­ni­sche Impor­te nur schwer in der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on ver­brei­ten. Zudem passt Hip­Hop als Anti­kul­tur nicht wirk­lich in das vom Kom­mu­nis­mus gepräg­te Polen, denn hier geht die Opp­res­si­on weni­ger von der Ober­schicht, Indus­trie oder der Mehr­heits­ge­sell­schaft, son­dern vom herr­schen­den Regime aus. Die Bevöl­ke­rung Polens ist gegen­wär­tig außer­dem eth­nisch sehr homo­gen. Somit wer­den Pro­ble­me wie Ras­sis­mus gegen Peop­le of Color auch nicht the­ma­ti­siert. Abge­se­hen von komö­di­an­ti­schen Ansät­zen, wie der vom Sati­ri­ker Pio­tr Fron­c­zew­ski geschaf­fe­nen Kunst­fi­gur "Franek Kimo­no", mit der er Bruce Lee nach­ahmt, gibt es in den 80er Jah­ren qua­si kei­ne nen­nens­wer­te mit Rap asso­zi­ier­ba­re Musik in Polen.

Die HipHop-​Kultur passt auch nicht in die hoff­nungs­vol­le Stim­mung, die Anfang der 90er Jah­re auf­kommt, als die Sowjet­uni­on zusam­men­bricht und die freie Markt­wirt­schaft ein­ge­führt wird, denn das auf­kom­men­de Wirt­schafts­wun­der ver­mit­telt der Bevöl­ke­rung ein sehr posi­ti­ves Bild vom Kapi­ta­lis­mus. Es tut sich noch kein gro­ßer Gra­ben zwi­schen den Bevöl­ke­rungs­schich­ten auf und in der pol­ni­schen Gesell­schaft wer­den eher neue Frei­hei­ten genos­sen, statt Kämp­fe gegen die Opp­res­si­on "von oben" aus­zu­fech­ten. Den­noch bekommt zumin­dest Graf­fi­ti als Kunst­form eine grö­ße­re Bedeu­tung, da sich die bereits erwähn­ten Fil­me auf den geöff­ne­ten Märk­ten nun rich­tig ver­brei­ten kön­nen. Sprüh­do­sen waren bis zur Ein­füh­rung des Kapi­ta­lis­mus schlicht nicht frei ver­füg­bar. Zwar waren Graf­fi­tis vor­her häu­fig zu sehen, jedoch waren sie rein poli­ti­sche Bot­schaf­ten, wel­che aus Angst vor dem Regime anonym an die Wän­de gemalt wur­den. Nach und nach wur­den Graf­fi­tis immer bun­ter und nicht mehr nur von poli­ti­schen Aktivist:innen, son­dern auch von Jugend­li­chen im urba­nen Bereich gemalt. Trotz­dem wer­den Grafitti-​Pieces im zwar Rich­tung Wes­ten geöff­ne­ten, aber den­noch sehr kon­ser­va­ti­ven Polen im Ver­gleich zu ande­ren Län­dern noch viel här­ter als Van­da­lis­mus abge­tan. Dar­über hin­aus kommt dem DJ, der eine zen­tra­le Rol­le in der HipHop-​Kultur spielt, in der pol­ni­schen Musik­land­schaft der 90er eine gänz­lich ande­re Posi­ti­on zu als in ande­ren Län­dern. So besteht sei­ne Auf­ga­be zwar auch dar­in, mit dem Publi­kum zu inter­agie­ren und es anzu­hei­zen, jedoch wird er nicht als Artist selbst, son­dern viel eher als Hand­wer­ker gese­hen, der im rich­ti­gen Moment die rich­ti­gen Knöp­fe drückt.

Aus die­sen Grün­den hat Hip­Hop in Polen einen extrem schwe­ren Start. Nichts­des­to­trotz erscheint 1992 das ers­te Album, wel­ches tat­säch­lich als Rap ange­se­hen wer­den kann: "East on the Mic" von PM Cool Lee aus Kjel­zy. Lei­der erhält es so gut wie kei­ne Auf­merk­sam­keit, da die Ver­triebs­we­ge zu die­sem Zeit­punkt in Polen schlicht­weg nicht vor­han­den sind. Drei Jah­re spä­ter releast er unter dem Namen Liroy das Album "Albóóm". Hier­mit hat der Artist eine Markt­lü­cke erkannt, denn im Main­stream gab es bis dahin kei­ne "rich­ti­ge" HipHop-​Musik. Die­se fin­det bis dahin ledig­lich im Unter­grund statt und ist fast gänz­lich unkom­mer­zi­ell. Also adap­tiert – um nicht zu sagen kopiert – Liroy ame­ri­ka­ni­sche Rap­mu­sik und über­setzt die­se auf Pol­nisch. Auch wenn die Plat­te im Unter­grund auf hef­ti­ge Ableh­nung stößt, ist sie bis heu­te das pol­ni­sche Rap-​Album mit den meis­ten phy­si­ka­li­schen Ver­käu­fen – über 500 000. Trotz all der berech­tig­ten Kri­tik stößt "Albóóm" Türen auf und sorgt dafür, dass im gan­zen Land Hip­Hop gehört wird.

Liroy - East On Da Mic (P.M. Cool Lee) - Głodny

Nach­dem die Bevöl­ke­rung Polens rela­tiv schnell vom Kapi­ta­lis­mus des­il­lu­sio­niert wird und sich eine gigan­ti­sche Kluft zwi­schen Arm und Reich auf­tut, erscheint Mit­te der 90er der soge­nann­te "Uli­cz­ny Hip­Hop" auf der Bild­flä­che – die pol­ni­sche Form von Stra­ßen­rap. Die­ser mischt die "Gryp­se­ra", ein Slang, der von Kri­mi­nel­len gespro­chen wird, mit alt­pol­ni­scher Spra­che und Ein­flüs­sen aus dem ame­ri­ka­ni­schen Rap. Den­noch erreicht kaum eine der Grup­pen über­re­gio­na­le Auf­merk­sam­keit. Die Auf­nah­men von Rap­pern wie Tetris, Reno oder Zki­boj nen­nen sich "nie­le­gal", was sich zwar als "ille­gal" über­set­zen lässt, jedoch mehr für "inof­fi­zi­ell" bezie­hungs­wei­se "ohne Label" ste­hen soll. Als dann gegen Ende der 90er eine neue Genera­ti­on von Rapper:innen auf der Bild­flä­che erscheint, die sich eher im "inte­li­g­ent­ny Hip­Hop", also "Con­scious Rap" bewegt, kommt der HipHop-​Kultur in der pol­ni­schen Gesell­schaft mehr Respekt und damit auch mehr Auf­merk­sam­keit zu. Aus die­sem Grund begin­nen Radio­sta­tio­nen und Fern­seh­sen­der wie "VIVA Pol­s­ka!", mehr Hip­Hop ins Pro­gramm auf­zu­neh­men. Gleich­zei­tig erschei­nen mit dem "Klan" und "Hip-​hop Maga­zi­ne" qua­si die Äqui­va­len­te zu JUICE und BACKSPIN auf dem Markt.

Somit sichert sich Hip­Hop in Polen zu Beginn der 2000er einen fes­ten Platz in der Medi­en­land­schaft. Nun ent­steht sogar schon eine Zusam­men­ar­beit mit einem deut­schen MC: Im Jahr 2000 ist die Grup­pe Pakto­fo­ni­ka zu Gast in Wit­ten und recor­det zusam­men mit Lak­mann den Song "2 Kilo" – den wohl ers­ten deutsch-​polnischen Rap­song. Die­ser erscheint auf "Kine­ma­to­gra­fia", dem ers­ten Album der Grup­pe, wel­ches gute Ver­kaufs­zah­len lie­fert und bis heu­te als weg­wei­send für pol­ni­schen Rap gilt. Tra­gi­scher­wei­se begeht Magik, einer der Grün­der von Pakto­fo­ni­ka, sechs Tage nach Release des Albums Selbst­mord. Er geht für immer in die Geschich­te von pol­ni­schem Hip­Hop ein. Im Jahr 2001 erscheint dann das fünf­te Stu­dio­al­bum von Liroy, "Best­sel­ler". Dafür erhielt er sogar Unter­stüt­zung aus Ame­ri­ka: Pro­di­gal Sunn aus dem Wu-​Tang Clan-​Umfeld, Ice-​T und nie­mand Gerin­ge­res als Lio­nel Richie steu­er­ten Gast­parts für sein Album bei. Ins­ge­samt blickt die pol­ni­sche HipHop-​Szene zu die­ser Zeit häu­fi­ger ins Aus­land, denn weil Hip­Hop in ande­ren Län­dern frü­her Fuß fas­sen kann, sind die Sze­nen dort weit­aus gefes­tig­ter und wei­ter ent­wi­ckelt – vor allem die deut­sche. So erscheint Mit­te der 00er Jah­re "Drew­nia­nej Mał­py Rock" von Don­GU­RAL­esko, auf dem ein Sido-​Feature zu fin­den ist. Im Gegen­zug erscheint im Jahr 2007 der Song "Te Typy" auf Sidos Album "Eine Hand wäscht die ande­re" und auf dem Album "Sobo­taż" von Sobo­ta sogar eine Stro­phe von Kool Savas. Dar­über hin­aus relea­sen eini­ge deut­sche Rapper:innen mit pol­ni­schen Wur­zeln, wie KAAS oder Sen­ti­no, auch ein­zel­ne Tracks oder gar Alben auf Polnisch.

Paktofonika,Lakmann,Dike D,OnAnOn,L.O & Kams - 2 Kilo

Rap in Polen ist bis zum Ende der 00er Jah­re kaum poli­ti­siert, den­noch wird der Wan­del und die gro­ße Ungleich­heit, die das Land durch­ma­chen muss, natür­lich immer wie­der the­ma­ti­siert. Des Wei­te­ren fällt auf, dass Lokal­pa­trio­tis­mus trotz eini­ger Ost- und West-​Beefs eher eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le spielt. In der Sze­ne sieht man sich anschei­nend weni­ger als War­schau­er oder Dan­zi­ger, son­dern als Pole. Aus die­sem Umstand her­aus erwächst eine star­ke Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der eige­nen Natio­na­li­tät, wel­che sich bei­spiels­wei­se im häu­fi­gen Tra­gen von Klei­dung in Natio­nal­far­ben äußert. Dies wird wei­ter­hin dadurch befeu­ert, dass in der pol­ni­schen Gesell­schaft durch ihre Ver­gan­gen­heit in der Sowjet­uni­on ein star­kes Bedürf­nis nach natio­na­ler Unab­hän­gig­keit und Iden­ti­tät herrscht. Die­se Umstän­de öff­nen Natio­na­lis­ten im pol­ni­schen Rap lei­der Tür und Tor. So kön­nen in den 2010er Jah­ren eini­ge Rap­per mit Kon­tak­ten zur Hooligan- und Neo­na­zi­sze­ne Klick­zah­len in Mil­lio­nen­hö­he ein­strei­chen. Mit Text­zei­len wie "I guess it's a bad sign, I seem to be too white for the modern Euro­peans to love me. Worse still, I'm arro­gant­ly proud of being a Pole […]. What father'd like to have a black for a son-​in-​law? […] Tell me, what father would want an Arab for a son-​in-​law? What father will bring up his daugh­ter to be a ser­vant? What father wants his daugh­ter to be a les­bi­an? […]" (Anm. d. Red.: ins Eng­li­sche über­setzt) erre­gen sie zwar Auf­merk­sam­keit, jedoch kei­nen Skan­dal. Im Gegen­teil – sie erhal­ten dafür besorg­nis­er­re­gend viel Zuspruch, denn Polen erlebt zeit­gleich einen regel­rech­ten Rechts­ruck, wel­cher auch im Rest von Euro­pa zu spü­ren ist. Lei­der sind bis heu­te polnisch-​nationalistische Rap­per durch­aus erfolgreich.

Abseits des­sen ist pol­ni­scher Hip­Hop durch sei­ne ein­zig­ar­ti­ge Ent­wick­lung sehr inter­es­sant. Pro­jek­te wie "Poeci" des Producer-​Duos White House, bei dem ver­schie­de­ne Rap­per Gedich­te von pol­ni­schen Poe­ten auf Beats per­for­men, sind dort kei­ne Sel­ten­heit. Zudem hat der inter­na­tio­na­le Erfolg von HipHop-​Musik auf Polen abge­färbt, wenn auch erst spät. Der Rap­per Que­bo­na­fi­de ver­öf­fent­licht bei­spiels­wei­se im Jahr 2020 das Album "Roman­tic Psy­cho". Die­ses wird inner­halb von 24 Stun­den 4,3 Mil­lio­nen Mal gestreamt und hat ihn damit zum belieb­tes­ten Musi­ker auf Spo­ti­fy in Polen gemacht. Abseits des Main­streams erfreu­en sich dort gera­de abs­trak­te For­men der HipHop-​Musik, wie zum Bei­spiel Jazz­rap oder Clou­d­rap, gro­ßer Beliebtheit.

Que­bo­na­fi­de feat. Daria Zawiałow - BUBBLETEA (prod. Duit) (Offi­cial Video)

Ins­ge­samt hat­te es HipHop-​Musik in Polen durch die Abschot­tung der Sowjet­uni­on und dem zuerst unpas­sen­den sozia­len Kon­text durch­aus nicht leicht: Plat­ten waren nur schwer erhält­lich und Geschich­ten von sozia­lem Auf­stieg haben im vom Kom­mu­nis­mus gepräg­ten Polen schlicht nicht gegrif­fen. Dar­um blieb auch lan­ge Zeit ein flä­chen­de­cken­der Erfolg von Hip­Hop, wie in Deutsch­land oder Frank­reich, aus. Als Hip­Hop dann letzt­end­lich in Polen ange­kom­men war, wur­den haupt­säch­lich musi­ka­li­sche und ästhe­ti­sche Aspek­te adap­tiert – über­ra­schen­der­wei­se auch aus Deutsch­land. Das hat dazu geführt, dass sich Hip­Hop als Kul­tur mit ihren Wer­ten in Polen weni­ger eta­bliert hat und Rap dort, im Gegen­satz zu ande­ren Län­dern, wei­test­ge­hend unpo­li­tisch blieb. Somit konn­te die nun von einem Wer­te­sys­tem los­ge­lös­te Musik rela­tiv leicht instru­men­ta­li­siert wer­den, auch für Strö­mun­gen, deren Ideo­lo­gie gänz­lich gegen die der HipHop-​Kultur steht. Des Wei­te­ren muss­te sich Polen in den 90er Jah­ren – der Zeit, als Hip­Hop auf­kam – mit einer neu­en Iden­ti­tät zurecht­fin­den, da es nun als selbst­stän­di­ges Land anstatt als Teil der Sowjet­uni­on agie­ren muss­te. Aus die­sem Grund waren die Tex­te pol­ni­scher Musi­ker schon immer häu­fig hei­mat­be­zo­gen, was im spä­te­ren Ver­lauf rech­ten Strö­mun­gen lei­der aber­mals in die Kar­ten gespielt hat.

 

Exis­tiert so etwas wie euro­päi­scher Hip­Hop überhaupt?

Betrach­tet man nun die Ent­wick­lung der jewei­li­gen HipHop-​Szenen in Ita­li­en und Polen, so las­sen sich neben den weit­rei­chen­den Unter­schie­den natür­lich auch Gemein­sam­kei­ten fest­stel­len. Bei­spiels­wei­se erleb­te Rap­mu­sik in bei­den Län­dern, wenn auch mit ein paar Jah­ren Ver­zö­ge­rung, in etwa den­sel­ben Zyklus, was kom­mer­zi­el­len Erfolg angeht. Auch wird sich – egal, wo auf der Welt – stark am ame­ri­ka­ni­schen Hip­Hop ori­en­tiert. Die­ser ist in den letz­ten Jah­ren sound­tech­nisch wesent­lich zugäng­li­cher für die brei­te Mas­se gewor­den, was sich natür­lich auch auf die Ver­kaufs­zah­len in Euro­pa niederschlägt.

Durch die trotz der indi­vi­du­el­len Ver­brei­tung sehr ähn­li­che Kom­mer­zia­li­sie­rung in den ein­zel­nen Län­dern, gemein­sa­men Pro­jek­te der Artists und immer stär­ker wer­den­de Ver­net­zung könn­te man fast auf die Idee kom­men, von "euro­päi­schem Hip­Hop" zu spre­chen. Jedoch exis­tie­ren eini­ge signi­fi­kan­te Unter­schie­de zum US-​HipHop. Zuerst ein­mal ist aber anzu­mer­ken, dass die Ver­brei­tung von Musik als kul­tu­rel­les Gut – vor allem in der Zeit vor dem Inter­net – stark im Zusam­men­hang mit den gesell­schaft­li­chen Gege­ben­hei­ten steht, auf die sie trifft. Somit fand Hip­Hop inner­halb der USA auch rela­tiv unge­hemmt Anhän­ger, denn die Umstän­de in den Groß­städ­ten des Lan­des waren ver­gleichs­wei­se ähn­lich. Außer­dem gab es kei­ne Sprach­bar­rie­re zwi­schen den ein­zel­nen Staa­ten. Somit zeigt sich schon ein fun­da­men­ta­ler Unter­schied zu den Ver­hält­nis­sen in Euro­pa: Hier fin­den sich kei­ne Bun­des­staa­ten, son­dern unab­hän­gi­ge Län­der, wel­che durch ihre indi­vi­du­el­le Geschich­te, Kul­tur und Spra­che geprägt sind. Aus die­sen Grün­den hat sich HipHop-​Musik in den ein­zel­nen Län­dern – wie bereits beschrie­ben – unter­schied­lich schnell ver­brei­tet. Auch konn­te sich dadurch kaum eine euro­päi­sche HipHop-​Szene ent­wi­ckeln, denn jedes Land adap­tier­te die Musik und Kul­tur indi­vi­du­ell für sich. Damit ist es nicht mög­lich, von euro­päi­schem Hip­Hop zu spre­chen, wie man von US-​amerikanischem spricht.

Wei­ter ist es nicht ver­wun­der­lich, dass HipHop-​Musik zuerst nach Groß­bri­tan­ni­en über­schwapp­te. Dort exis­tier­te schlicht­weg kei­ne Sprach­bar­rie­re zu den eng­li­schen Tex­ten aus den USA. In Frank­reich ver­brei­te­te sich Hip­Hop eben­falls rela­tiv schnell, denn gro­ße Tei­le der dort leben­den Black Com­mu­ni­ty fühl­ten sich, auf­grund der Kolo­ni­al­ge­schich­te und vor­herr­schen­den sozia­len Umstän­den des Lan­des, von den Inhal­ten ange­spro­chen. In Län­dern wie Polen oder Tsche­chi­en, wel­che bis in die frü­hen 90er zur Sowjet­uni­on gehör­ten, konn­te sich Hip­Hop dage­gen nur schwer ver­brei­ten. Auch zeich­ne­te sich ab, dass Hip­Hop in vie­len Län­dern rela­tiv schnell von migran­ti­schen Com­mu­ni­tys adap­tiert wur­de. Die­se blick­ten selbst­ver­ständ­lich auf eine gänz­lich ande­re His­to­rie als Schwar­ze in Ame­ri­ka, konn­ten sich aber den­noch mit Geschich­ten von Armut, Ras­sis­mus und damit ein­her­ge­hen­der Aus­gren­zung iden­ti­fi­zie­ren. Beson­ders hier­zu­lan­de ist dies zu beob­ach­ten, denn schon in den spä­ten 80ern wur­de in Deutsch­land bei­spiels­wei­se auf Tür­kisch und Ser­bo­kroa­tisch gerappt – lan­ge bevor die Musik in den jewei­li­gen Län­dern ange­kom­men war. Lin­gu­ist von Advan­ced Che­mi­stry sag­te pas­send dazu: "Die ein­zi­ge eigen­stän­di­ge Ent­wick­lung, die die HipHop-​Szene in Deutsch­land her­vor­ge­bracht hat, ist die bun­te Sprach­viel­falt, die sich gleich­be­rech­tigt die Büh­ne teilt", auch wenn die deut­sche Spra­che natür­lich dominiert.

Damit spiel­te er auch auf einen häu­fig vor­ge­brach­ten Vor­wurf an: Hip­Hop in Euro­pa sei musi­ka­lisch zu nah am ame­ri­ka­ni­schen "Ori­gi­nal". Dabei ist hier zu beden­ken, dass die Ursprün­ge nun mal ande­re sind. Wäh­rend sich ame­ri­ka­ni­sche HipHop-​Musik durch das Sam­pling aus ver­schie­de­nen Gen­res zusam­men­setz­te, wur­de in Euro­pa qua­si Hip­Hop an sich im über­tra­ge­nen Sin­ne "gesam­pelt" und in den jewei­li­gen Län­dern adap­tiert. Dadurch blei­ben ame­ri­ka­ni­sche Rapper:innen bis zum heu­ti­gen Tag natür­lich Vor­bil­der. Ent­ge­gen die­ser Kri­tik haben sich aller­dings unter ande­rem in Groß­bri­tan­ni­en ein­fluss­rei­che Strö­mun­gen, wie zum Bei­spiel Trip-​Hop, Grime oder UK Drill, entwickelt.

Und den­noch: Hip­Hop wur­de in Euro­pa qua­si als "fer­ti­ges" Kon­strukt impor­tiert und hat sich nicht erst hier ent­wi­ckelt. Sowohl musi­ka­lisch als auch kul­tu­rell. Hier wur­den ledig­lich ein­zel­ne Aspek­te dar­aus adap­tiert, denn in ihrer Gesamt­heit passt die HipHop-​Kultur – aus genann­ten Grün­den – ledig­lich in modi­fi­zier­ter Form in die euro­päi­sche Gesell­schaft. Führt man die­sen Gedan­ken nun zu Ende, so könn­te man tat­säch­lich behaup­ten, Hip­Hop in Euro­pa sei kein Hip­Hop, son­dern ledig­lich etwas Neu­es, was sich dar­aus ent­wi­ckelt hat.

(Nico Matu­ro)
(Titel­bild von Dani­el Fersch)