CONNY – ein Gespräch über Männlichkeit

Fil­me sowie Comics mit Super­hel­den wie Bat­man, Hulk, Super­man und Spi­der­man haben die Jugend von vie­len geprägt. Dabei ging es nicht nur dar­um, die Welt zu ret­ten, son­dern oft­mals auch um eine Frau. Dabei wird die Frau meis­tens als hilf­los und schutz­be­dürf­tig dar­ge­stellt und ihre Befrei­ung erfolgt durch einen star­ken, männ­li­chen Hel­den. Sol­che Geschich­ten beein­flus­sen unse­re Vor­stel­lun­gen von Bezie­hun­gen und Geschlech­ter­rol­len. Die hyper­mas­ku­li­ne Dar­stel­lung der männ­li­chen Haupt­cha­rak­te­re hat außer­dem einen Ein­fluss auf unse­re Selbst­wahr­neh­mung. Superhelden-​Klischees und über­bor­den­des Männ­lich­keits­geh­a­be sind auch in der deut­schen Rap­sze­ne nicht unge­wöhn­lich. Doch es gibt auch Aus­nah­men, die mit die­sem ste­reo­ty­pi­schen Bild von Männ­lich­keit bre­chen. Einer davon ist der Rap­per CONNY. Sein äuße­res Erken­nungs­merk­mal sind sei­ne rosa­nen Haa­re. Dadurch fällt er beson­ders auf, denn Rosa wird oft mit Weib­lich­keit asso­zi­iert – und gen­der­spe­zi­fi­sche Vor­ur­tei­le sind im Rap­um­feld nach wie vor vor­herr­schend. Die Far­be Rosa zieht sich außer­dem durch das Art­work sei­nes aktu­el­len Pro­jekts "Manic Pixie Dream Boy". Was es mit der Far­be und dem Namen des Pro­jekts auf sich hat, woll­ten wir in unse­rem Inter­view mit ihm ergrün­den. Außer­dem ging es um den Wan­del sei­ner Defi­ni­ti­on von Männ­lich­keit, Vor­bil­der und Psychotherapie.

MZEE​.com: Das Kon­zept des "Manic Pixie Dream Girl" spielt in dei­nem aktu­el­len Pro­jekt eine gro­ße Rol­le. Es beschreibt Fil­me, in denen eine weib­li­che Rol­le nur dazu dient, das Leben eines männ­li­chen Prot­ago­nis­ten zu ver­bes­sern, ohne auf ihren eige­nen Cha­rak­ter ein­zu­ge­hen. Du hast die­sen Begriff auf das männ­li­che Geschlecht umge­münzt: "Manic Pixie Dream Boy". Was bedeu­tet der Titel für dich?

CONNY: Er hat meh­re­re Ebe­nen. Eine ist, dass ich es geil fin­de, einen medi­en­wis­sen­schaft­li­chen Begriff zu neh­men und in der Pop­kul­tur prä­sent zu machen. Nach­dem ich auf den Begriff des MPDG gesto­ßen bin, habe ich Fil­me ganz anders geguckt. Ich woll­te dem Publi­kum die­sen Titel an den Kopf schmei­ßen, denn die, die es wol­len, wer­den sich damit aus­ein­an­der­set­zen und die Refe­renz fin­den. Eine wei­te­re Ebe­ne ist, dass ich in vie­len Situa­tio­nen eine ähn­li­che Funk­ti­on für mei­ne Hörer:innen habe wie das MPDG. Es hat kei­ne wirk­li­che Back­sto­ry und bleibt feen­haft. Wir erle­ben es in den Fil­men ganz kurz. Es hilft dem männ­li­chen Haupt­dar­stel­ler, der sowohl eine Vor­ge­schich­te als auch eine Ver­gan­gen­heit und Zukunft hat, sich zu ent­wi­ckeln. Ich glau­be, dass mei­ne Hörer:innen etwas auf mich als Kunst­fi­gur pro­ji­zie­ren, wenn sie mei­ne Musik hören. In den Album­teasern wer­den Fra­gen gestellt: "Wer bist du denn eigent­lich, Manic Pixie Dream Boy? Woher kommst du?" Für die­se Kunst­fi­gur gibt es kei­ne Ver­gan­gen­heit oder Zukunft. Wie häu­fig pas­siert es, dass einen ein Album für einen Lebens­ab­schnitt beglei­tet und man die Künstler:in irgend­wann aus dem Blick ver­liert? Das ist auch eine Ana­lo­gie zum MPDG. Ich bin wie Mary Pop­pins. Ich gehe ein Stück des Weges mit den Leu­ten, danach wer­den sie sehr wahr­schein­lich allei­ne wei­ter­ge­hen. Natür­lich gibt es Fans, die ewig blei­ben, aber vie­le blei­ben nur eine begrenz­te Zeit. Des­we­gen fand ich den Titel so passend.

MZEE​.com: Ich fin­de es span­nend, dass du dei­ne Hörer:innen in der Ana­lo­gie als Protagonist:innen defi­nierst. Du gibst in dei­ner Musik ja sehr viel von dir preis und lässt einen an unter­schied­li­chen Pha­sen dei­nes Lebens teilhaben.

CONNY: Das "MPDB"-Projekt ist als Tri­lo­gie gedacht. Der ers­te Teil erscheint im Mai. Davon sind schon drei Sin­gles bekannt, auf denen man sehr per­sön­li­che Ein­bli­cke erhält. Es ist alles sehr rosa und noch ein biss­chen hoff­nungs­voll. Wir haben vor, eine rich­ti­ge Hel­den­rei­se zu machen. In einem klas­si­schen Drei­ak­ter gibt es Tag, Nacht und Tag. Wir fan­gen in der Tag-​Phase an. Der zwei­te Teil wird die dunk­le­re Nacht­pha­se. Hof­fent­lich wird der drit­te Teil wie­der hel­ler, aber das weiß ich noch nicht, denn ich habe ihn noch nicht geschrie­ben. Dann endet die Geschich­te vom MPDB. Für mich exis­tiert die Per­son des MPDB nur in dem Zeit­raum die­ser epi­schen Tri­lo­gie. Es ist nicht als Alter Ego wie Mar­si­mo­to bei Mar­te­ria gedacht. Du hast gera­de nach dem Prot­ago­nis­ten gefragt – ich fin­de, es sind defi­ni­tiv die Hörer:innen, aber irgend­wie bin ich es auch selbst. Das Schrei­ben und die Figur des MPDB beglei­ten mich. Ich kann dir aber nicht sagen, wie lan­ge der bleibt. Das hat er mir noch nicht ver­ra­ten. (lacht)

MZEE​.com: Das Art­work und die Vide­os für das Pro­jekt sind rosa gehal­ten. War­um hast du dich für die­se Far­be entschieden?

CONNY: 2019 habe ich mei­ne Haa­re aus einem Jux her­aus rosa gefärbt. Dann ist uns auf­ge­fal­len, dass das in der visu­el­len Spra­che extrem hilf­reich ist, um eine Mar­ke auf­zu­bau­en. Das klingt sehr mar­ke­ting­mä­ßig, aber ich mer­ke, dass es mir total hilft, eine visu­el­le Aus­drucks­form zu fin­den. Des­halb haben wir uns für die Far­be Rosa als Schlüs­sel­ele­ment entschieden.

MZEE​.com: Rosa ist mit Geschlech­ter­ste­reo­ty­pen behaf­tet. Man sagt, Rosa sei für Mäd­chen und Blau für Jun­gen. Woll­test du bewusst mit die­sem Ste­reo­typ brechen?

CONNY: Ja, abso­lut. Ich habe Rosa gewählt, weil es eine gegen­der­te Far­be ist. Als ich mei­ne Haa­re gefärbt habe, woll­te ich ein Irri­ta­ti­ons­mo­ment erschaf­fen, wenn man mich anschaut. Ich habe mich in Inter­views schon häu­fig an Katy Per­ry abge­ar­bei­tet. Ich war lan­ge Fan, dann nicht mehr und jetzt sind wir wie­der cool mit­ein­an­der. (lacht) Sie trug mal eine blaue Perü­cke, vor allem in dem "Cali­for­nia Gurls"-Video. Das hat mich unter­be­wusst getrig­gert und ich woll­te das mit Rosa machen.

MZEE​.com: Hat sich dei­ne Defi­ni­ti­on von Männ­lich­keit ver­än­dert, seit­dem du dich mit Femi­nis­mus auseinandersetzt?

CONNY: Die Ent­schei­dung, zu sagen, ich bin Femi­nist – und zwar auch als Künst­ler – hat nicht so viel dar­an geän­dert. Aber natür­lich habe ich mich seit­dem wei­ter damit beschäf­tigt. In dem Moment, in dem ich öffent­lich eine femi­nis­ti­sche Agen­da unter­stüt­ze, ver­pflich­te ich mich, mich wei­ter mit aktu­el­len femi­nis­ti­schen Dis­kur­sen aus­ein­an­der­zu­set­zen. Damit sind vie­le Din­ge ein­her­ge­gan­gen, die letz­ten Endes dazu geführt haben. Es hat mei­ne Sicht­wei­sen ver­än­dert. Ich habe letz­tes Jahr eine Psy­cho­the­ra­pie gemacht, in der ich viel dar­an gear­bei­tet habe, wie ich mich in mei­ner Partner:innenschaft ver­hal­te. Ich habe gelernt, was für mich Trig­ger­punk­te sind und wo ich bes­ser kom­mu­ni­zie­ren müss­te. Außer­dem habe ich viel dar­an gear­bei­tet, wie die Bezie­hung zu mei­nem Vater ist. Mir ist klar gewor­den, wie ich ihn als Stim­me inter­na­li­siert habe, die mir sagt: "Ich muss bes­ser sein." Das hat mich immer wie­der zu Höchst­leis­tun­gen, aber auch an den Erschöp­fungs­rand gebracht. Im Zuge des­sen reflek­tie­re ich natür­lich auch mei­nen Vater und mich als Mann. Ich wür­de schon sagen, dass mein Männ­lich­keits­bild sich in den letz­ten zwei Jah­ren extrem ver­än­dert hat.

MZEE​.com: Gab es einen Schlüs­sel­mo­ment, in dem du dich ent­schie­den hast, dich tie­fer­ge­hend mit Geschlech­ter­rol­len und Femi­nis­mus zu beschäftigen?

CONNY: Mei­ne dama­li­ge Part­ne­rin hat mir mal erzählt, dass sie sich in den letz­ten Wochen ganz stark als Frau gefühlt hat. Sie hat­te die Pil­le abge­setzt und mir erzählt, dass sich ihr Kör­per­ge­fühl dadurch sehr ver­än­dert und sie ihre "Weib­lich­keit" ganz anders gespürt hat. Wäh­rend­des­sen bin ich immer stil­ler gewor­den. Ich habe noch nie gedacht, dass ich mei­ne Männ­lich­keit total füh­le. Das war mir völ­lig fremd. An den Moment erin­ne­re ich mich. Die­se Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der Rol­le als Mann hat­te ich gar nicht. Es hat danach noch sehr lan­ge in mir gear­bei­tet. Ich habe gemerkt, dass viel dahin­ter­steckt und es mög­lich ist, dar­an zu arbei­ten. Also bin ich los­ge­lau­fen und habe mir ganz vie­le Bücher besorgt und ange­fan­gen, mich in das The­ma Femi­nis­mus einzugraben.

MZEE​.com: Du warst lan­ge in der Software-​Entwicklung tätig und bist es teil­wei­se immer noch. Das ist genau wie Rap eher ein von Män­nern domi­nier­ter Bereich. Hast du dort das Gefühl gehabt, dich geschlech­ter­spe­zi­fisch ver­hal­ten zu müssen?

CONNY: Ich habe im Soft­ware­ent­wick­lungs­um­feld nie star­ken Druck von außen gefühlt, als Mann per­for­men zu müs­sen. Da habe ich Glück gehabt. Als ich selbst­stän­dig gear­bei­tet habe, konn­te ich mir die Leu­te, mit denen ich arbei­ten woll­te, selbst aus­su­chen. Und auch, als ich spä­ter in einer Köl­ner Fir­ma ange­stellt war, waren alle super offen.

MZEE​.com: Ist das "MPDB"-Projekt eine Gegen­be­we­gung zu einem män­ner­do­mi­nier­ten Umfeld gewesen?

CONNY: Ich habe den MPDB nach einer Per­son erschaf­fen, die ich in mei­nem Leben bis Anfang 20 ger­ne gehabt hät­te. Gera­de in die­ser Zeit hat­te ich das Gefühl, mich in irgend­ei­ner Wei­se männ­lich ver­hal­ten zu müs­sen. Sowohl in mei­ner dama­li­gen Part­ner­schaft als auch in mei­nem sozia­len Leben. Das ist ein Klas­si­ker. Es wird einem sug­ge­riert, dass Erfolg bei Frau­en für Män­ner eine Art Qua­li­täts­merk­mal ist. Davon aus­ge­hend habe ich extrem viel Druck gespürt. In Bezug auf den MPDB arbei­te ich viel mit dem Ver­gleich zu Mary Pop­pins. Die Figur nimmt die­se bei­den Kin­der an die Hand und hilft ihnen dabei, erwach­sen zu wer­den. Ich hät­te mir auch jeman­den gewünscht, der so behut­sam ist und mir sagt, dass es okay ist, nicht so hart männ­lich zu sein und ande­re Sachen zu machen. Ich fand es zum Bei­spiel schon immer cool, zu tan­zen. Ins­ge­samt gibt es super weni­ge männ­li­che Rap­per, die das machen. Jetzt traue ich mich das ein­fach. Ich habe eine Cho­reo­gra­fin, die mit mir dar­an arbei­tet. Es gibt Tage, an denen gar nichts funk­tio­niert und ich an den Rand der Ver­zweif­lung kom­me. An ande­ren klappt es und ich ste­he vor dem Spie­gel und mache Hüft­krei­se. Es ist schon komisch, mich als Mann so zu sehen, aber wer sagt denn, dass ich das nicht machen kann? Das ist ja nur in mei­nem Kopf. Wenn sich das geil anfühlt, war­um nicht? Manch­mal stel­le ich mir vor, dass der MPDB für ande­re Men­schen, die gera­de in so einer Pha­se sind und das brau­chen, die Figur sein kann, die sie an die Hand nimmt.

MZEE​.com: Iden­ti­fi­ka­ti­on ist gera­de für jun­ge Men­schen wich­tig. Ich den­ke an Disney-​Filme und wie sie unse­re Vor­stel­lun­gen von Geschlech­ter­rol­len und Bezie­hun­gen geprägt haben – nicht immer im posi­ti­ven Sin­ne. Wel­che Vor­bil­der hat­test du in dei­ner Jugend?

CONNY: Spi­der­man hat mich lan­ge beglei­tet. Er ist ein tota­ler Nerd und war eine kras­se Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur für mich. Wenn der sich aus­ge­zo­gen hat, sah der aus wie 'ne Kan­te, da ist Sil­la gar nichts gegen. (lacht) Nachts muss­te er die Welt ret­ten und konn­te nicht bei sei­ner Frau Mary Jane blei­ben. Das habe ich als 13-​Jähriger krass auf­ge­so­gen. Davon möch­te ich mich heu­te lösen. Ich möch­te mei­ne Bezie­hung leben und raus­ge­hen und gefühlt mit mei­ner Musik die Welt ret­ten. Das ist zeh­rend. Die Vor­stel­lung eines gewis­sen Äuße­ren ist geblie­ben. Vor Coro­na habe ich drei- bis fünf­mal die Woche Sport gemacht und auf ein Kör­per­bild hin­ge­ar­bei­tet, das defi­ni­tiv von Super­hel­den­fi­gu­ren inspi­riert ist. Die zwei­te Figur ist Robin Hood. Er beklaut die Rei­chen, ist ein Held und bekommt am Ende Maid Mari­an. Ich habe immer noch die Bil­der im Kopf, wie er mit ihr an einem Seil schwingt, so Tar­zan und Jane-​mäßig. Das hat sich auf einer tie­fe­ren Ebe­ne eingebrannt.

MZEE​.com: Da ist viel Wah­res dran. Vor­bil­der beein­flus­sen auch unse­re Selbstwahrnehmung.

CONNY: Ich habe mit mei­nem The­ra­peu­tin viel dar­über gespro­chen, wie ich das Gefühl von Selbst­wert gene­rie­re. Mir ist deut­lich gewor­den, dass ich ein Mus­ter habe und anfan­ge, zu flir­ten, wenn ich mich wenig selbst­be­wusst füh­le. Ich ver­su­che dann, von Frau­en Bestä­ti­gung zu bekom­men. Viel­leicht sogar, indem ich von mei­ner Musik erzäh­le. Das lädt mei­ne Bat­te­rien für Selbst­wert total auf. Unter mei­nen männ­li­chen Kum­pels wür­de ich das nicht tun. Ich glau­be, dass das auch daher kommt, dass man von den Geschlech­terkli­schees in den Superheld:innenfilmen beein­flusst ist. Nicht nur, aber unter ande­rem. Wenn ich Songs schrei­be, mer­ke ich, dass es immer wie­der Figu­ren gibt, die nach die­ser Bestä­ti­gung dürs­ten, nach der Lie­be einer Frau, aber auch nach Frei­heit und etwas Grö­ße­rem. Mein lyri­sches Ich ist nicht zu ein­hun­dert Pro­zent die Pri­vat­per­son Con­stan­tin Höft, son­dern irgend­je­mand zwi­schen Kunst­fi­gur, MPDB, CONNY und Con­stan­tin Höft. Es ist schon krass, wenn man Songs fer­tig geschrie­ben hat und sich fragt, ob man nicht wie­der die glei­che Geschich­te repro­du­ziert. Auf "In frem­den Bet­ten über dich" ist die Frau nur Pro­jek­ti­ons­flä­che. Das ist total gefähr­lich und das will ich eigent­lich nicht machen. Wie kann ich mein Album ein femi­nis­ti­sches Pro­jekt nen­nen, wenn ich nur ein­di­men­sio­na­le Frau­en­fi­gu­ren baue? Des­we­gen habe ich zumin­dest ver­sucht, das zu durch­bre­chen, indem ich kom­ple­xe­re Frau­en­cha­rak­te­re auf­baue. Die nächs­te Sin­gle war "7000 Mei­len Frau". Das ist für mich der Zwil­lings­song zu "In frem­den Bet­ten über dich". Er ist danach ent­stan­den, als mir klar gewor­den ist, dass ich einen Gegen­ent­wurf zum Prot­ago­nis­ten in „In frem­den Bet­ten über dich“ brau­che. Dar­in gibt einen Typen, der die gan­ze Zeit flüch­tet. Des­halb braucht es eine Frau, die das­sel­be tut. Außer­dem möch­te ich auf dem Album auch Män­ner­fi­gu­ren zei­gen, die sich ver­letz­lich zei­gen und aus­spre­chen kön­nen, dass sie an der Stel­le ein Pro­blem haben wie in "Dra­ke ist auch nicht glück­lich". Ob das gelun­gen ist, müs­sen am Ende die Journalist:innen und Hörer:innen bewerten.

MZEE​.com: Ist es für dich leich­ter, ande­re Per­spek­ti­ven ein­zu­neh­men, weil du sehr viel – unter ande­rem auch Thea­ter­stü­cke – schreibst?

CONNY: Mei­ne Agen­da ist es, die Gesell­schaft abzu­bil­den und Din­ge sicht­bar zu machen. Dafür brau­che ich eine gro­ße Büh­ne. Es gibt die­ses Bild von den sich selbst malen­den Hän­den (Anm. d. Red.: "Drawing Hands" von M. C. Escher). Inzwi­schen den­ke ich in Pro­jek­ten. Ich glau­be, dass die Ent­schei­dung, sich nicht nur auf das Gen­re Rap zu beschrän­ken, mir die Mög­lich­keit gibt, grö­ßer zu den­ken. Ich schrei­be Kurz­ge­schich­ten, Pro­sa, ein Thea­ter­stück oder eben einen Song. Ich will damit nicht sagen, dass Rap allei­ne klein gedacht ist, aber wenn man sich von Anfang an einen Rah­men steckt, kann die­ser einen auch begren­zen. Das siehst du auch an der Text­men­ge, die ich schrei­be. "Dra­ke ist auch nicht glück­lich" hat zwei­mal 24 Zei­len. Wer schreibt das heut­zu­ta­ge noch? Hai­y­ti hat­te mal so 'nen Tweet: "Wel­cher Huren­sohn schreibt heu­te eigent­lich noch 16er?" (lacht) Den Screen­shot habe ich mei­nen bei­den Pro­du­zen­ten Johan­nes und Eli­as (Anm. d. Red.: DONKONG und Black Lemon) geschickt und mein­te: "Fuck! Sie hat uns erwischt." (lacht)

MZEE​.com: Eini­ge Eigen­schaf­ten, wie zum Bei­spiel Für­sorg­lich­keit, wer­den eher Frau­en zuge­schrie­ben. Im Gegen­satz dazu wird etwa Aggres­si­vi­tät als eher männ­lich ver­or­tet. Sol­che geschlech­ter­spe­zi­fi­schen Ste­reo­ty­pen sind immer noch vor­herr­schend. Was macht es mit uns, wenn das Aus­le­ben bestimm­ter Eigen­schaf­ten erschwert wird?

CONNY: Ich fin­de es gefähr­lich, wenn so etwas mit Scham kom­pen­siert wird. Ich über­zeich­ne das mal ein biss­chen. Was ist zum Bei­spiel mit der Fra­ge nach Eltern­zeit für Män­ner? Für vie­le ist das gar nicht so ein­fach, weil es sich komisch anfühlt, wenn der Mann zu Hau­se bleibt. Vie­le Män­ner wür­den viel­leicht sagen, dass das nicht dar­an liegt, dass sie sich schä­men. Aber war­um machen es nur so weni­ge? Ist es wirk­lich nur die sexis­ti­sche Struk­tur von Ehe­gat­ten­split­ting oder steckt da nicht noch mehr dahin­ter? Und zur Aggres­si­on: Frau­en, denen es unan­ge­nehm ist, wenn sie wütend wer­den. Oder ihre wüten­den Aus­sa­gen danach zurück­neh­men, weil sie sich im Nach­hin­ein für die­se Emo­ti­on schä­men. Die­se Sche­ma­ta, die uns vor­ge­ben, wel­che Eigen­schaf­ten wir als männ­lich oder weib­lich ver­or­ten, füh­ren dazu, dass man denkt, sie sei­en für das ande­re Geschlecht nicht so cool. Ganz vie­le mensch­li­che Emo­tio­nen wer­den als unan­ge­nehm emp­fun­den, aber brau­chen trotz­dem einen Out­put. Wie bei mir: dann färbt man sich die Haa­re rosa und erfin­det Mary Poppins-​Figuren. (lacht) Es bahnt sich den Weg und ist bei vie­len gar nicht mal so kon­struk­tiv. Es kann auch anders enden, in Depres­sio­nen zum Bei­spiel. Ich glau­be, die­ses Ein­tei­len von Eigen­schaf­ten in Geschlech­ter beraubt uns unse­rer Mensch­lich­keit. Das fin­de ich schreck­lich. Ich wün­sche mir, für ganz vie­le Men­schen, dass sie alle Eigen­schaf­ten aus­le­ben kön­nen, die sie möchten.

MZEE​.com: Vor­bil­der, die so etwas vor­le­ben, sind wich­tig. Ich den­ke da zum Bei­spiel an Rap­pe­rin­nen. Es gibt mitt­ler­wei­le mehr erfolg­rei­che Frau­en in der Sze­ne als frü­her. Wor­an, glaubst du, liegt es, dass sie sich ihren Raum ver­mehrt nehmen?

CONNY: Ich kann dir das nicht auf einer quan­ti­ta­ti­ven Ebe­ne mit Zah­len bele­gen. Viel­leicht gab es vor­her auch mehr, die ein­fach nicht sicht­bar waren. Die Sicht­bar­keit ist gestie­gen, weil es Din­ge wie Mona Linas Label "365XX" nur für Frau­en gibt. Das ist super­ni­ce. Ich den­ke auch, dass es damit zu tun hat, dass der Femi­nis­mus inzwi­schen stär­ker in den Main­stream gekom­men ist. Ich argu­men­tie­re natür­lich aus einer Bub­ble her­aus, in der er schon längst die Hoheits­macht an sich geris­sen hat. Dadurch, dass er nun stär­ker ver­tre­ten ist, wur­den vie­le Frau­en empowe­red. Struk­tu­ren müs­sen neu gedacht wer­den und wer­den dadurch auf­ge­bro­chen. Du hast gesagt, dass es wich­tig ist, Vor­bil­der zu haben und das glau­be ich auch. Im Nach­hin­ein ist es lächer­lich, dass Leu­te gesagt haben, dass Frau­en nicht rap­pen könn­ten. Wie ist die­ses Argu­ment zustan­de gekom­men? Es gibt ja kei­ne bio­lo­gi­sche Ver­an­la­gung, die die Fähig­keit, zu rap­pen, auf das Y-​Chromosom legt. Ich glau­be, dass vie­len Män­nern auf­ge­fal­len ist, dass eine Unsi­cher­heit bestan­den hat, wie weib­li­che MCs per­for­men, weil es eben so weni­ge Vor­bil­der gab. Als ich ange­fan­gen habe, Musik zu machen, habe ich erst mal alle mei­ne Lieb­lings­rap­per kopiert. Wenn du das als Frau machst, kopierst du einen Habi­tus, der super männ­lich geprägt ist. Das kommt dann total irri­tie­rend in einer Gesell­schaft, die auf dei­ne Gender-​Performance fokus­siert ist. In einer kom­plett von Män­nern domi­nier­ten Musik­sze­ne ist es als Frau tau­send­mal här­ter, sich etwas selbst zu erar­bei­ten. Jetzt, wo es mehr Frau­en und Vor­bil­der gibt, kön­nen Rap­pe­rin­nen, bevor sie ihr eige­nes Ding fin­den, ganz anders expe­ri­men­tie­ren. Und das ist so wichtig.

MZEE​.com: Ich den­ke, dass sich das all­ge­mein zum Posi­ti­ven ver­än­dert hat. Das wird zum Bei­spiel an der Debat­te um das Gen­dern von Tex­ten deut­lich. Es gibt eine Stu­die mit Grund­schul­kin­dern, die besagt, dass sich Schü­le­rin­nen eher in män­ner­do­mi­nier­ten Beru­fen sehen, wenn ihnen die­se in gegen­der­ter Form vor­ge­stellt werden.

CONNY: Von der Stu­die habe ich auch gehört. Damit ist eigent­lich alles gesagt. Wenn das der Preis dafür ist, dass Men­schen ganz ande­re Träu­me haben, dann bin ich bereit, den zu zah­len. Ich ver­ste­he nicht, wie sich Spit­zen­po­li­ti­ker wie Fried­rich Merz hin­stel­len und das lächer­lich machen kön­nen. Das ist so absurd. Ich ver­su­che, in mei­ner Sprech­spra­che und auch auf Whats­App zu gen­dern. Ich habe auch schon mehr­fach über­legt, in mei­nen Songs in Zukunft die Gen­der­lü­cke zu rap­pen. Ich fin­de es geil, gegen­dert zu rap­pen. War­um nicht?

MZEE​.com: Ich den­ke, wir kön­nen davon alle nur profitieren.

CONNY: Ich glau­be ganz stark dar­an, dass Spra­che unse­re Welt kon­stru­iert. Ich bin "Sprach­künst­ler" und glau­be dar­an, dass ich mit Spra­che mei­ne Traum­zu­kunft auf­bau­en kann. Des­halb muss ich ganz vor­ne mit dabei sein. Lass uns die Zukunft posi­tiv gestal­ten. Klar, man muss sich umge­wöh­nen und alle Umstel­lun­gen sind am Anfang komisch. Aber ich mache das ger­ne, weil es die Sicht­bar­keit für Frau­en in unse­rer Gesell­schaft erhöht. Die muss auch über vie­le ande­re Mit­tel und Wege erhöht wer­den, aber das ist eine Klei­nig­keit. Die kann ich sofort umset­zen und dann mache ich das.

(Malin Teegen)
(Fotos von Niels Freidel)