Afrika Bambaataa – ein zerschlagenes Denkmal?

Afri­ka Bam­baa­taa. Für vie­le eine abso­lu­te HipHop-​Legende. Vie­le jün­ge­re Rap-​Hörer dürf­ten sich wie­der­um zurecht fra­gen: "Wer?" Manch ande­rer sieht in Bam­baa­taa aber auch einen mehr als streit-, ja viel­leicht sogar frag­wür­di­gen Cha­rak­ter. War­um das so ist, wird im Ver­lauf sei­ner hier skiz­zier­ten Geschich­te deut­lich. Denn auch wenn man mit sei­ner Per­son nichts anfan­gen kann, las­sen sich in sei­ner Bio­gra­fie etli­che Phä­no­me­ne aus dem gro­ßen HipHop-​Kosmos wie­der­fin­den. Sie ist sowohl von posi­ti­ven als auch nega­ti­ven Abschnit­ten durch­zo­gen. So befin­den sich auf der einen Sei­te The­men wie Sam­pling und die Zulu Nati­on, aber auf der ande­ren Sei­te eben unter ande­rem auch Sexis­mus und sexu­el­le Gewalt. All dies ist Teil der mehr als absur­den Geschich­te Bam­baa­taas. Am Ende bleibt die Fra­ge bestehen, ob er sich ein Denk­mal ver­dient oder die­ses längst selbst zer­stört hat.

 

Afri­ka Bam­baa­taa – wer?

Bereits sein Künst­ler­na­me wirft eini­ge Fra­gen auf. Bis heu­te ist unge­klärt, inwie­weit die­ser zustan­de kam. Aktu­ell ist nur rela­tiv sicher, dass Bam­baa­taa sich die­sen Künst­ler­na­men in Anleh­nung an einen Anfüh­rer des Zulu-​Stammes gab. Er selbst beteu­ert, 1975 eine zwei­wö­chi­ge Rei­se durch Nige­ria, die Elfen­bein­küs­te, Guinea-​Bissau und eine wei­te­re Woche in Euro­pa durch einen Essay-​Wettbewerb von UNICEF gewon­nen zu haben. Eini­ge Mit­glie­der der New Yor­ker Stra­ßen­gang Black Spa­des, bei der Bam­baa­taa bis 1973 selbst Mit­glied war, sind hin­ge­gen der Mei­nung, er habe sich die Rei­se von Gang-​Membern finan­zie­ren las­sen. Wie­der­um ande­re Quel­len gehen von einer Finan­zie­rung durch den Gewinn eines Housing Aut­ho­ri­ty Con­test, einer Art Schreib­wett­be­werb, aus. Eine voll­stän­di­ge Auf­lö­sung die­ser wider­sprüch­li­chen Dar­stel­lun­gen lässt wohl wei­ter­hin auf sich warten.

Bam­baa­taa ist nicht nur auf­grund sei­nes hohen Alters als Teil der ers­ten Genera­ti­on der HipHop-​Kultur zu betrach­ten. Nein, der ver­mut­lich 1957 gebo­re­ne DJ ist ein wich­ti­ger Bestand­teil der Legen­de rund um die Ent­ste­hung der HipHop-​Kultur in den 1970er Jah­ren in der New Yor­ker Bronx. Er ist einer der DJs, die mit­ver­ant­wort­lich für das erfolg­rei­che Funk­tio­nie­ren der soge­nann­ten Block Par­tys sind. Für sei­ne ers­ten DJ-​Sets leiht er sich das Equip­ment von DJ Dis­co King Mario, der in der Bronx auch für vie­le ande­re DJs den Start­punkt ihrer Kar­rie­ren dar­stellt, wie zum Bei­spiel Grand­mas­ter Caz und Jazzy Jay. Auch Dis­co King Mario ist ein Mit­glied der Black Spa­des. 1976 legt Bam­baa­taa bei einem DJ-​Battle gegen Mario zum ers­ten Mal auf. Die­ser ver­an­stal­tet die Batt­les in den 1970er Jah­ren enorm häu­fig. Bereits auf die­ser Ver­an­stal­tung erhält Bam­baa­taa sein ers­tes aka: Mas­ter of Records. Der Titel begrün­det sich durch sei­ne enor­me Plat­ten­samm­lung, die er beim Auf­le­gen stets ein­setzt. So wer­den von dem "Mas­ter" auf den fol­gen­den Block Par­tys nicht nur rei­ne HipHop-​Platten auf­ge­legt, son­dern unter ande­rem auch Musik aus den Berei­chen Rock, Funk, Soul und Jazz. Außer­dem wer­den Sprach­schnip­sel von bei­spiels­wei­se Mal­colm X ein­ge­baut. Sei­ne eins­ti­ge Plat­ten­samm­lung umfasst etwa 41 000 Plat­ten, wel­che 2013 ihren Platz in der Samm­lung des HipHop-​Archivs der Cor­nell Uni­ver­si­ty in New York fin­den sollten.

Afri­ka Bam­baa­taa tritt jedoch längst nicht nur als rei­ner DJ und Ver­an­stal­ter von Par­tys in Erschei­nung, son­dern prägt mit sei­nen eige­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen den HipHop-​Sound ins­be­son­de­re Anfang der 1980er Jah­re. Für sei­ne ers­ten eige­nen Musik­pro­duk­tio­nen arbei­tet Bam­baa­taa mit den Jazzy 5 und der Soul­so­nic For­ce zusam­men. Mit letz­te­rer Crew ent­steht dann 1982 der größ­te HipHop-​Track aus die­ser Zeit neben "The Mes­sa­ge" von Grand­mas­ter Flash & The Furious Five: "Pla­net Rock". Der knapp über sechs Minu­ten lan­ge Song ist zwar ähn­lich tanz­bar wie die bis dato ver­öf­fent­lich­ten HipHop-​Tracks, ist aber im Ver­gleich durch den Beat wesent­lich bra­chia­ler und futu­ris­ti­scher. Der Song stellt die ein­zi­ge Sin­gle­aus­kopp­lung des gleich­na­mi­gen Albums dar und wird in den USA sogar für über 500 000 ver­kauf­te Ein­hei­ten mit Gold aus­ge­zeich­net. Haupt­ver­ant­wort­lich für den Sound sind dabei die unüber­hör­ba­ren Sam­ples der zwei Kraftwerk-​Songs "Trans-​Europe Express" und "Num­bers". Die Elektropop-​Band ist damit mit­ver­ant­wort­lich für einen Song, der den Sound eines gesam­ten Gen­res noch etli­che Jah­re beein­flus­sen soll­te. Die Kraftwerk-​Samples wur­den von Afri­ka Bam­baa­taa bis heu­te nicht geklärt und auch nie in offi­zi­el­len Credits von "Pla­net Rock: The Album" erwähnt, obwohl sie maß­geb­lich für den gesam­ten Sound des Albums sind. Statt­des­sen stand in den 80ern sogar, nach Aus­sa­ge von Bam­baa­taa, mal eine Zusam­men­ar­beit von ihm und Kraft­werk im Raum, zu der es aller­dings nie gekom­men ist. Es kommt bezüg­lich der offen­sicht­li­chen Sam­ples nie zu einem Rechts­streit zwi­schen den bei­den Par­tei­en, wäh­rend sich unter ande­rem Moses Pel­ham seit Ende der 90er in einem schein­bar ewig andau­ern­den Rechts­streit mit Kraft­werk befin­det. Pro­du­ziert wird sowohl die Sin­gle als auch das dazu­ge­hö­ri­ge Album zusam­men mit Arthur Baker, wel­cher kurz zuvor bei dem damals noch neu­en HipHop-​Label Tom­my Boy Records gesignt wird.

Afri­ka Bam­baa­taa & The Soul­so­nic For­ce - Pla­net Rock (Offi­cial Music Video)

"Pla­net Rock" selbst wur­de bis heu­te über 400-​mal ges­am­plet. Es ist damit nicht nur ein Klas­si­ker der HipHop-​Kultur, son­dern ver­mut­lich auch einer der am häu­figs­ten ges­am­ple­ten HipHop-​Tracks. Die Lis­te der Künst­ler, die das Sam­ple ver­wen­det haben, ist nicht nur lang, son­dern auch enorm viel­fäl­tig und dürf­te bis heu­te einen guten Quer­schnitt der HipHop-​Musik seit Anfang der 80er Jah­re dar­stel­len: Kendrick Lamar, Public Enemy, DJ Pre­mier, Mos Def, The Roots, Ice Cube, die Fugees, Mis­sy Elli­ot, Red­man, De La Soul, 2Pac, KRS-​One, Slick Rick oder auch Snoop Dogg.

Zwi­schen 1980 und 2000 ver­öf­fent­licht Afri­ka Bam­baa­taa etli­che Alben und Sin­gles, die aller­dings nie einen ähn­li­chen Erfolg wie "Pla­net Rock" mit sich brin­gen soll­ten. Ledig­lich im Ver­ei­nig­ten König­reich erlan­gen eini­ge Sin­gles etwas höhe­re Chart­plat­zie­run­gen. Weder sei­ne Ver­öf­fent­li­chun­gen noch sei­ne Feature-​Gäste sind dabei musi­ka­lisch zwin­gend dem Hip­Hop zuzu­ord­nen. So pro­du­ziert er unter ande­rem zusam­men mit James Brown, Geor­ge Clin­ton und Boy Geor­ge Songs. Auch auf­grund des aus­blei­ben­den Erfolgs wer­den Bam­baa­taas Ver­öf­fent­li­chun­gen mit Beginn der 2000er Jah­re wesent­lich sel­te­ner. Par­al­lel ent­wi­ckelt sich aller­dings ein Kult um sei­ne Figur, wes­halb er bis heu­te als gefrag­ter DJ um die Welt rei­sen kann. Nicht ganz unwich­tig für die­ses Phä­no­men ist auch die Zulu Nation.

 

Von den Black Spa­des bis zur Zulu Nation 

Bereits vor sei­nem Ein­stieg in den HipHop-​Kosmos war Afri­ka Bam­baa­taa ein Teil der Stra­ßen­gang Black Spa­des, die zwar aktu­ell als inak­tiv gilt, aber trotz­dem noch cir­ca 250 Mit­glie­der haben soll. Sie gilt als eine der ers­ten und größ­ten Stra­ßen­gangs der South Bronx. Wäh­rend der Grün­dung 1968 wur­de die Gang über­wie­gend von Mal­colm X, der Nati­on of Islam und den Black Pan­thers inspi­riert. Inso­fern hat­te die Gang zunächst eine ein­deu­tig poli­ti­sche und anti­ras­sis­ti­sche Aus­rich­tung, die in den fol­gen­den Jah­ren jedoch aus­ge­wei­tet und dem­entspre­chend auch etwas ver­wäs­sert wur­de. Anfang der 1970er Jah­re wur­den so unter dem Namen der Black Spa­des zuneh­mend kri­mi­nel­le Hand­lun­gen durch­ge­führt und auch Musik erhielt eine ste­tig wach­sen­de Rele­vanz im Gang-​Kontext. Ab 1973 fokus­sier­ten sich vie­le Mit­glie­der der Black Spa­des auf den Dro­gen­kon­sum und -ver­kauf, wäh­rend par­al­lel auch die HipHop-​Kultur im Zuge der zuneh­men­den Block Par­tys an Rele­vanz gewann. An die­sen nah­men vie­le Mit­glie­der eben­falls teil und orga­ni­sier­ten die­se zum Teil mit. Kool DJ Herc beschrieb die Gang dem­entspre­chend sogar als wich­ti­gen Teil der Anfän­ge der HipHop-Kultur.

Da die Black Spa­des bereits Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jah­re rela­tiv groß waren, wur­den sie in meh­re­re Divi­sio­nen auf­ge­teilt. Eine die­ser Divi­sio­nen ope­rier­te unter der Füh­rung von Afri­ka Bam­baa­taa, der damals noch nicht die­sen Namen getra­gen hat. Anfang der 1970er Jah­re nahm die Gewalt in der Bronx, wel­che unter ande­rem von den Black Spa­des aus­ge­gan­gen ist, ste­tig zu und so wur­de auch ein Freund Bam­baa­taas bei einem Poli­zei­ein­satz erschos­sen. Daher ent­schloss sich Bam­baa­taa, mit eini­gen ande­ren Mit­strei­tern einen neu­en Weg zu gehen. Er grün­de­te die Uni­ver­sal Zulu Nati­on, wel­che zu Beginn noch The Orga­ni­sa­ti­on hieß. Im Prin­zip stell­te die Orga­ni­sa­ti­on das genaue Gegen­stück zu den zuneh­mend gewalt­be­rei­ten Stra­ßen­gangs ins­be­son­de­re in New York dar. Ihr Mit­tel­punkt war die HipHop-​Kultur, die mit einem Akti­vis­mus gegen Gewalt und Dro­gen­kon­sum ver­knüpft wur­de. Wer ein Teil der Zulu Nati­on wer­den woll­te, muss­te sich die­sen Grund­wer­ten ver­schrei­ben. Zunächst waren fast aus­schließ­lich Brea­ker und DJs Teil der Zulu Nati­on und ins­be­son­de­re Brea­ker über­nah­men neben Bam­baa­taa Führungspositionen.

In den fol­gen­den Jah­ren ent­wi­ckel­te sich die Zulu Nati­on ste­tig wei­ter und wur­de zu einer inter­na­tio­nal bekann­ten und aner­kann­ten Orga­ni­sa­ti­on, die zumeist als HipHop-​Organisation wahr­ge­nom­men wur­de, da sie sich Wer­ten wie Frei­heit, Gerech­tig­keit, Wis­sen, Weis­heit und Ver­ständ­nis ver­schrieb. Beson­ders in Euro­pa wur­den dem­entspre­chend ab den 1980er Jah­ren soge­nann­te Chap­ter, also Zweig­stel­len, der Zulu Nati­on eröff­net. So zum Bei­spiel in Frank­reich, Ita­li­en, Hol­land, Spa­ni­en, der Tür­kei, Groß­bri­tan­ni­en und auch in Deutsch­land, wo Bam­baa­taa 1985 Torch zum König des deut­schen Chap­ters ernann­te. Und so sind oder waren bereits etli­che deut­sche und inter­na­tio­na­le Grö­ßen des Hip­Hops bereits Mit­glied der Zulu Nati­on: A Tri­be Cal­led Quest, De La Soul, Fla­vor Flav, Ice-​T, die Jung­le Bro­thers, Queen Lati­fah, KRS-​One, Cora E., Jan Delay, DJ Sty­lewarz, Toni-​L und Mar­cus Staiger.

 

Trügt der Schein? 

Bis vor weni­gen Jah­ren hät­te man guten Gewis­sens Afri­ka Bam­baa­taas Geschich­te als Bei­spiel eines ech­ten HipHop-​Märchens betrach­ten kön­nen: der jun­ge Künst­ler, der nicht nur die ers­ten Jah­re der HipHop-​Kultur als DJ und Pro­du­zent ent­schei­dend mit­prägt, son­dern sich par­al­lel vom Leben als Teil einer Stra­ßen­gang distan­ziert, um eine Orga­ni­sa­ti­on zu grün­den, die bis heu­te für fried­vol­le Wer­te im HipHop-​Kontext ein­steht. Doch dann kommt das Jahr 2016. Die HipHop-​Aktivisten Ronald Sava­ge und Hassan Camp­bell berich­ten unter ande­rem in einem Gespräch mit der New York Dai­ly News, Bam­baa­taa habe sie als Kin­der in den 1980er Jah­ren sexu­ell beläs­tigt. Nur kurz dar­auf mel­den sich auch ande­re Opfer zu Wort, die teil­wei­se anonym blei­ben wollen.

Afri­ka Bam­baa­taa 'mole­sted' me: Ronald Savage

Die Vor­wür­fe ste­hen bis heu­te im Raum, sind bis­her aller­dings nie voll­stän­dig auf­ge­klärt wor­den. Dies liegt unter ande­rem auch dar­an, dass Kin­des­miss­brauch in New York bis 2019 ab dem voll­ende­ten 23. Lebens­jahr des Opfers als ver­jährt galt und dem­entspre­chend kei­ne Ermitt­lun­gen gegen (mut­maß­li­che) Täter statt­fan­den. Mitt­ler­wei­le liegt die­se Alters­gren­ze in New York bei 55 Jah­ren. Afri­ka Bam­baa­taa strei­tet bis heu­te die Anschul­di­gun­gen ab und auch die Zulu Nati­on springt ihm zunächst zur Sei­te, spricht sogar von einer Regie­rungs­ver­schwö­rung gegen­über Bam­baa­taa und der Zulu Nati­on. Außer­dem bezeich­net die Orga­ni­sa­ti­on Ronald Sava­ge in ihrem State­ment als "geis­tig behin­dert" und Hassan Camp­bell als einen Lüg­ner. Eben­falls eine ver­tei­di­gen­de Posi­ti­on nimmt das HipHop-​Urgestein und der lan­ge Weg­ge­fähr­te von Bam­baa­taa KRS-​One ein. Er möch­te zunächst die Bedeu­tung von Bam­baa­taas Schaf­fen für Hip­Hop ein­deu­tig von sei­ner Per­son und sei­nem Pri­vat­le­ben tren­nen: "Denn was HipHop-​Geschichte ist, bleibt HipHop-​Geschichte." Zudem wünscht er sich einen genau­en Blick auf die Fak­ten und einen Ver­zicht auf das Ver­ur­tei­len von Per­so­nen ohne kon­kre­te Bewei­se. Auch Kool DJ Herc hält nach den Vor­wür­fen zu Bam­baa­taa und bezeich­net die Situa­ti­on ledig­lich als inter­nen Kon­flikt in sei­ner Organisation.

Die Zulu Nati­on ver­öf­fent­licht nur kurz nach ihrer ers­ten Reak­ti­on ein erneu­tes State­ment, in dem sie sich nicht nur von Afri­ka Bam­baa­taa distan­ziert, son­dern sich auch bei den Opfern ent­schul­digt. Bam­baa­taa tritt nur wenig spä­ter offi­zi­ell als "Kopf" der Zulu Nati­on zurück. Inso­fern ist davon aus­zu­ge­hen, dass es sich bei den Vor­wür­fen sexu­el­len Miss­brauchs eben längst nicht nur um Vor­wür­fe han­delt. Das Miss­brauchs­op­fer Ronald Sava­ge berich­tet zudem, dass es im engs­ten Umfeld Bam­baa­taas und somit auch inner­halb der Zulu Nati­on etli­che Mit­wis­ser geben soll, die eine enor­me Ver­tu­schungs­ar­beit leis­ten. Zu die­ser "Arbeit" sol­len unter ande­rem auch Mord­dro­hun­gen gegen­über Miss­brauchs­op­fern zäh­len. Die Vor­wür­fe aus dem Jahr 2016 sind außer­dem längst nicht die ers­ten gewe­sen. Bereits in den 1980er und 1990er Jah­ren mach­te sich zumin­dest in der New Yor­ker Bronx das Gerücht breit, Bam­baa­taa wür­de sich sexu­ell an Teen­agern ver­grei­fen. Ab den 2000er Jah­ren wur­den die Vor­wür­fe von ver­schie­de­nen Sei­ten zuneh­mend grö­ßer und öffent­lich­keits­wirk­sa­mer. Doch auf­grund von Druck, Dro­hun­gen und Bestechungs­ver­su­chen durch die Zulu Nati­on nah­men vie­le Opfer und Zeu­gen des sexu­el­len Miss­brauchs ihre Aus­sa­gen und Beschul­di­gun­gen zurück. Laut dem Miss­brauchs­op­fer Hassan Camp­bell soll es längst nicht nur Opfer in New York geben, son­dern auch in Groß­bri­tan­ni­en oder Bra­si­li­en. Eine Viel­zahl der Miss­brauchs­op­fer soll zudem Selbst­mord began­gen haben oder an einer Über­do­sis gestor­ben sein in Fol­ge des Miss­brauchs durch Bam­baa­taa und der Dro­hun­gen durch Mit­glie­der der Zulu Nati­on. Wäh­rend sich die Orga­ni­sa­ti­on seit Mit­te 2016 aus­drück­lich öffent­lich von Bam­baa­taa distan­ziert und vie­le Mit­wis­ser wohl ihre Pos­ten räu­men muss­ten, übt Bam­baa­taa trotz­dem auf die ver­blie­be­nen Köp­fe der Zulu Nati­on Druck aus. Soll­ten die Vor­wür­fe stim­men, sind die gesam­ten Gescheh­nis­se enorm zu ver­ur­tei­len, allen vor­an Afri­ka Bam­baa­taa per­sön­lich. Ins­be­son­de­re in Kom­bi­na­ti­on mit der schein­bar men­schen­freund­li­chen und fried­li­chen Aus­rich­tung der Zulu Nati­on ist die gesam­te Situa­ti­on sehr besorg­nis­er­re­gend und ein gefähr­li­ches Bei­spiel für ähn­li­che Gescheh­nis­se in der HipHop-Welt.

 

"Was habt ihr bis­her gemacht, außer See­len zer­tram­pelt und mit zuge­dröhn­ten Schä­deln jun­ge Mädels miss­han­delt?!"

Bam­baa­taa stellt mit die­sen Taten längst kei­nen Ein­zel­fall dar. Der sexu­el­le Miss­brauch ist in sei­nem Fall nur eben an Absur­di­tät und Schreck­lich­keit kaum zu über­tref­fen, da er jahr­zehn­te­lang als Sym­bol und Kopf einer ver­meint­lich fried­fer­ti­gen Orga­ni­sa­ti­on fun­gier­te. Ins­be­son­de­re bei Betrach­tung etli­cher Rap-​Texte dürf­ten sexu­el­le Miss­brauchs­fäl­le lei­der längst nicht mehr über­ra­schen. Schon mit Beginn der HipHop-​Kultur in den USA fand zum Bei­spiel das fast schon obli­ga­to­ri­sche "Mut­ter­ge­fi­cke" Platz im Rap und auch das "Ein­la­den" von jun­gen weib­li­chen Fans in den Back­stage­be­reich ist bis heu­te ein viel ver­wen­de­tes Bild. "And a bad litt­le mama with her ass in my face. I'ma lick that, stick that, break her off, Kit-​Kat. Snuck her in back­stage, you don't need a wrist­band", rap­pen Kool Moe Dee, Grand­mas­ter Caz und Mel­le Mel auf dem Track "Down­ton" von Mack­lemo­re, der sogar regel­mä­ßig Air­plays erhält. Fast selbst­ver­ständ­lich stößt die­ses Bild auch in Deutsch­land auf Anklang. Kol­le­gah hat bei­spiels­wei­se einen genau­en Plan für den Ablauf im Back­stage: "Bring dei­ne Ex-​Lady, Pen­ner. Wir fil­men mit der Chick dann im Back­stage Sextapes. Geben Dick in ihr Drecks­face, Licht aus und sie kriegt kei­ne Luft, wäh­rend sie Dick saugt." Selbst ein Conscious-​Rapper wie Torch hielt es für unver­zicht­bar, fol­gen­de Zei­le in die Hook sei­nes bekann­tes­ten Tracks "Wir waren mal Stars" ein­zu­bau­en: "Ihr rockt die Charts und wir hocken in den Bars, lan­gen Mädels an den Arsch und lee­ren Glas nach Glas." Auf text­li­cher Ebe­ne kann man sich natür­lich stets auf ein Kon­zept wie die Kunst­frei­heit beru­fen und sich dem­entspre­chend ver­tei­di­gen. Die­ses Recht­fer­ti­gungs­ar­gu­ment ist aller­dings rela­tiv dünn, beach­tet man den Umstand, dass etli­che Rap­per und HipHop-​nahe Künst­ler auch real für sexu­el­le Miss­brauchs­fäl­le ver­ant­wort­lich sind. Denn Afri­ka Bam­baa­taa ist längst kein Ein­zel­fall. Die Lis­te ist eben­so lang wie viel­fäl­tig und reicht von Underground-​Künstlern über bereits ver­stor­be­ne Legen­den bis hin zu Per­so­nen, die zeit­wei­lig sogar als Pop-​Idole gefei­ert wurden.

Auch ein Name wie 2Pac ist Teil die­ser Lis­te. Der Rap­per, der bis heu­te einen Legenden-​Status inne­hat, sowohl medi­al als auch von Fans post­hum abge­fei­ert wird und immer wie­der in der Dis­kus­si­on auf­taucht, wenn es um die Fra­ge geht, wer der bes­te MC aller Zei­ten ist. Ayan­na Jack­son zeig­te ihn Mit­te der 1990er Jah­re an, da die­ser sie ver­ge­wal­tigt haben soll. Pac wur­de dar­auf­hin 1995 unter ande­rem für sexu­el­le Beläs­ti­gung und uner­laub­ten Waf­fen­be­sitz zu über vier Jah­ren Gefäng­nis ver­ur­teilt, konn­te die­ses jedoch bereits nach nur neun Mona­ten ver­las­sen, da sein Label­chef Suge Knight für ihn eine Kau­ti­on von 1.400.000 US-​Dollar bezahlt hat­te. Wäh­rend 2Pac sei­ne Haft­zeit hin­ter sich brach­te, konn­te sein Album "Me Against The World" trotz­dem – oder gera­de des­we­gen – Platz eins der ame­ri­ka­ni­schen Charts erreichen.

Ayan­na Jack­son on Mee­ting 2Pac, Sexu­al Ass­ault, Tri­al, After­math (Full Interview)

Ende der 2000er Jah­re ging ein Bild von Rihan­na viral, wel­ches ihr Gesicht mit etli­chen Ver­let­zun­gen zeig­te. Der Ver­ur­sa­cher war kein Gerin­ge­rer als ihr dama­li­ger Lebens­ge­fähr­te Chris Brown. Der Sän­ger und Rap­per lässt sich defi­ni­tiv auch dem HipHop-​Kosmos zuord­nen. Der Künst­ler gelob­te Bes­se­rung und ent­schul­dig­te sich bei Rihan­na, die ihm auch ver­zieh. Er erhielt für die Prü­gel­at­ta­cke ledig­lich eine fünf­jäh­ri­ge Bewäh­rungs­stra­fe und eine Ver­ur­tei­lung zu 180 Tagen gemein­nüt­zi­ger Arbeit. Brown ist wei­ter­hin ein gern gese­he­ner Feature-​Gast etli­cher Rap­per, von sei­ner ver­spro­che­nen Bes­se­rung ist aller­dings bis heu­te nichts zu sehen. Unter ande­rem soll er 2016 eine Frau mit einer Waf­fe bedroht haben und Anfang 2019 ist er wahr­schein­lich sogar Mit­tä­ter bei einer Grup­pen­ver­ge­wal­ti­gung in Paris gewe­sen. Der Sän­ger war nach kur­zer Zeit in Gewahr­sam und einer Befra­gung jedoch bereits wie­der auf frei­em Fuß und ver­ließ Frank­reich umge­hend. Er selbst strei­tet die Vor­wür­fe nicht nur ab, son­dern bezeich­net das ver­mut­li­che Opfer unter ande­rem als "lügen­de Schlam­pe" auf Instagram.

Die­se The­ma­tik ist aller­dings kein Pro­blem, das nur ame­ri­ka­ni­sche Künst­ler betrifft. Auch in Deutsch­land exis­tiert sie inner­halb des Rap-​Kosmos. So sind die 187-​Member Gzuz und Bonez MC zum Bei­spiel schon seit eini­gen Jah­ren immer wie­der in Vor­wür­fe und Pro­zes­se hin­sicht­lich sexu­el­ler Beläs­ti­gung und Miss­brauchs ver­wi­ckelt. Erschre­ckend sind dabei nicht nur die Vor­wür­fe an sich, son­dern auch ihr Umgang mit die­sen. Selbst wenn die Beschul­di­gun­gen nicht alle zutref­fen soll­ten, ist es voll­stän­dig inak­zep­ta­bel, sich über die Opfer zu belus­ti­gen, wie im Fal­le von Bonez MC. Denn nach Vor­wür­fen hin­sicht­lich häus­li­cher Gewalt der dama­li­gen Freun­din von Gzuz pos­te­te Bonez MC bei Insta­gram eini­ge "lus­ti­ge" Fotos in Anleh­nung an die geschil­der­ten Vorwürfe.

 

Eine Legen­de mit Freifahrtschein?

Die­se Bei­spie­le bil­den nur einen Bruch­teil der Vor­wür­fe und Vor­fäl­le von sexu­el­lem Miss­brauch im HipHop-​Kosmos ab. Dabei haben sie häu­fig ähn­li­che Aus­wir­kun­gen für die jewei­li­gen Künst­ler. Zumeist sind die recht­li­chen Kon­se­quen­zen in Form von Gefäng­nis­stra­fen enorm gering im Ver­gleich zu ande­ren Ver­ge­hen wie zum Bei­spiel Steu­er­hin­ter­zie­hung. Auch die Rezep­ti­on von Fans, Medi­en und Boo­kern fällt in den meis­ten Fäl­len ins­ge­samt unbe­ein­druckt aus. Künst­ler wie Gzuz und Chris Brown zäh­len noch immer zu den erfolg­reichs­ten Künst­lern ihres Gen­res, ver­kau­fen Kon­zer­te aus und ste­hen bei Fes­ti­vals auf der Haupt­büh­ne. Auch 2Pac dürf­te für eine gan­ze Genera­ti­on die Rap-​Legende schlecht­hin dar­stel­len. Bam­baa­taas Rele­vanz und Ein­fluss scheint sich hin­ge­gen nach den Vor­wür­fen zuneh­mend zu verringern.

An die­ser Stel­le tritt jedoch erneut die Zulu Nati­on ins Spiel und führt die eige­ne Debat­te um den DJ ad absur­dum. So hat­te man sich zunächst nach dem zuneh­men­den öffent­li­chen Druck von Bam­baa­taa getrennt und zudem auch etwai­ge Mit­wis­ser und Kom­pli­zen aus der Orga­ni­sa­ti­on gewor­fen. Kein Jahr spä­ter scheint die Tren­nung der bei­den Par­tei­en jedoch wie­der Geschich­te zu sein. Afri­ka Bam­baa­taa ist wei­ter­hin welt­weit als DJ unter­wegs und pro­du­ziert auch mit ver­schie­de­nen Musi­kern neue Musik. Ende 2017 bewirbt er einen DJ-​Gig in Bra­si­li­en, unten rechts auf dem Fly­er zu sehen: das Logo der Zulu Nati­on. Die­ses Flyer-​Design könn­te natür­lich ohne das Mit­wir­ken und Ein­ver­ständ­nis der Zulu Nati­on ent­stan­den sein. Doch anstatt sich von die­sem Pro­mo­mo­ve zu distan­zie­ren, lädt man den DJ statt­des­sen sogar auf eine eige­ne Ver­an­stal­tung ein. Im Novem­ber 2017 fei­er­te die Zulu Nati­on den eige­nen 44. Geburts­tag und den 43. Geburts­tag der HipHop-​Kultur. Ein Jahr spä­ter war Afri­ka Bam­baa­taa sogar bereits wie­der der Head­liner der jähr­lich statt­fin­den­den Geburts­tags­par­ty der Zulu Nati­on. Seit­dem fin­den etli­che Auf­trit­te Bam­baa­taas unter dem Logo der Zulu Nati­on statt und er ist auch ein gern gese­he­ner Gast bei ver­schie­dens­ten Chap­tern. Die ange­kün­dig­te kla­re Tren­nung der bei­den Par­tei­en ist jeden­falls schnell Geschich­te gewe­sen. Ein erneu­tes State­ment zu die­sem "Umden­ken" gab es sei­tens der Zulu Nati­on nicht, lie­gen doch die offi­zi­el­len Social Media-​Seiten seit 2016 brach und auch der letz­te Bei­trag der Web­site ist aus dem Jahr 2019.

Eine Orga­ni­sa­ti­on, die sich als fried­fer­tig und gewalt­frei dar­stellt, dürf­te Künst­lern, die im Ver­dacht ste­hen, sexu­el­len Kin­des­miss­brauch began­gen zu haben, kei­ne Büh­ne geben. Lei­der scheint sich die Zulu Nati­on nicht von ihrem Grün­der tren­nen zu kön­nen und ist ver­mut­lich auch abhän­gig von ihrem ein­zi­gen Aus­hän­ge­schild mit inter­na­tio­na­ler Strahl­kraft. Dem­entspre­chend blei­ben drei Fra­gen, die sich ins­be­son­de­re Rap-​Hörer immer wie­der stel­len müs­sen: Soll­te man Künst­ler, die teil­wei­se sogar mehr­fach durch sexu­el­le Straf­ta­ten auf­fäl­lig gewor­den sind, über­haupt noch hören und unter­stüt­zen? Und wie geht man mit der teil­wei­se bis ins Extrems­te aus­ge­reiz­ten, sprach­li­chen Gewalt in Rap-​Texten um? Lässt sich das wirk­lich alles durch die Kunst­frei­heit legi­ti­mie­ren oder soll­te auch hier eine deut­li­che­re Tren­nungs­li­nie gezo­gen werden?

Afri­ka Bam­baa­taa hat in sei­ner lan­gen Kar­rie­re den ein oder ande­ren Mei­len­stein erreicht: die Grün­dung der Zulu Nati­on, eine ganz beson­de­re Art, Plat­ten auf­zu­le­gen, oder auch ein inter­na­tio­na­ler Hit wie "Pla­net Rock". Trotz­dem brö­ckelt sein Denk­mal durch das Offen­le­gen der Schat­ten­sei­ten sei­ner Per­son enorm. Mel­le Mel dürf­te mit einem sei­ner jüngs­ten Inter­views sogar noch wei­te­re Denk­mä­ler, inklu­si­ve sei­nem eige­nen, zum Brö­ckeln brin­gen. So beschreibt er Afri­ka Bam­baa­taa als Kory­phäe des Hip­Hop, von des­sen Schat­ten­sei­ten nicht nur Mit­glie­der der Zulu Nati­on wuss­ten, son­dern nahe­zu alle Künst­ler und Rap­per, die auf gemein­sa­men Ver­an­stal­tun­gen mit ihm auf­ge­tre­ten sind. Trotz­dem reist Bam­baa­taa wei­ter­hin bis heu­te unbe­ein­druckt als DJ, mit dem Logo der Zulu Nati­on im Gepäck, durch die Welt. All dies lie­fert ein ins­ge­samt mehr als frag­wür­di­ges Bild ab.

(Alec Weber)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)