Takt32 – ein Gespräch über das Ego

In einer Umfra­ge zur Musik­rich­tung, in der sich die größ­ten Egos tum­meln, wür­de Rap mit ziem­li­cher Sicher­heit den ers­ten Platz bele­gen. In den USA brau­chen Stars wie Dra­ke oder Rick Ross mitt­ler­wei­le Paläs­te mit dem Fas­sungs­ver­mö­gen einer Klein­stadt, um ihr Ego zu beher­ber­gen. Auch deut­scher Rap hat sich mit nar­ziss­ti­schen Epi­so­den und Anflü­gen von Grö­ßen­wahn in der Ver­gan­gen­heit nicht zurück­ge­hal­ten. Das Ber­li­ner Urge­stein Takt32 will sich davon gar nicht frei­spre­chen, trotz­dem nimmt er in der Sze­ne eine Rol­le ein, die ihn zu einem inter­es­san­ten Gesprächs­part­ner zum The­ma macht: Als gefrag­ter Song­wri­ter für erfolg­rei­che Artists streicht er zwar respek­ta­bles GEMA-​Money ein, agiert dabei aber eher im Hin­ter­grund. Beißt sich das mit sei­nem Ego? Wie hat er die Zeit als Back­up von Kool Savas erlebt? Von wel­chen Umstän­den wur­de sein Ego geprägt und wie­so spielt es sei­ner Mei­nung nach all­ge­mein so eine gro­ße Rol­le in der Sze­ne? Über die­se und vie­le wei­te­re Fra­gen haben wir mit Takt32 gesprochen.

MZEE​.com: Rap­pern wird häu­fig nach­ge­sagt, ein rie­si­ges Ego zu haben – das kann einem in man­chen Situa­tio­nen im Weg ste­hen. Du selbst hast auf dei­nem mitt­ler­wei­le fünf Jah­re alten Song "Pyra­mi­den" gerappt, dass dein Ego dein größ­ter Feind sei. Wür­dest du das heu­te auch noch sagen?

Takt32: In Tei­len schon, ja. Die Wahr­neh­mung des eige­nen Ichs steht immer noch häu­fig der Rea­li­tät im Weg. Natür­lich ist man mit dem Alter wesent­lich selbst­kri­ti­scher gewor­den und hat vie­les über sich gelernt. Den­noch gibt es Din­ge, die man über sich selbst nicht weiß oder meint zu wis­sen und die in der Außen­wahr­neh­mung ganz anders sind. Es ist viel­leicht nicht mehr der größ­te Feind, aber immer noch einer.

MZEE​.com: Hast du eher Pro­ble­me mit einem zu gro­ßen Ego oder könn­test du manch­mal auch mehr Selbst­ver­trau­en gebrauchen?

Takt32: Ich glau­be, an der Grö­ße des Egos schei­tert es nicht. Pro­ble­me macht eher die Wahr­neh­mung des eige­nen Ichs im Ver­hält­nis dazu, wie ande­re dich wahr­neh­men. Da lernt man zwar dazu, aber per­fek­tio­niert es nie. Das merkst du schon, wenn du mit dei­nen Groß­el­tern redest und sie eine Situa­ti­on ganz anders wahr­neh­men, als sie tat­säch­lich ist. Es ist nicht so, dass ich in einen Raum kom­me und den­ke, viel kras­ser als alle zu sein oder dass alle kras­ser sind als ich. Aber du willst eben ein bestimm­tes Bild von dir reprä­sen­tie­ren, das nicht zu 100 Pro­zent so rüberkommt.

MZEE​.com: Kannst du die­sen Unter­schied in der Wahr­neh­mung ein biss­chen ausführen?

Takt32: Neh­men wir mal eine Live-​Show als Bei­spiel. Ich habe Gigs gespielt, bei denen ich wuss­te, dass mich dort 100 Leu­te ken­nen und 500 nicht. Da willst du natür­lich zei­gen, dass du der Kras­ses­te bist, ganz in Ber­li­ner Battlerap-​Attitüde. Dann ist eben die Fra­ge, ob die das auch so wahr­neh­men oder ob du dich in dem Moment maß­los über­schätzt. Viel­leicht fra­gen die sich, war­um ich so tue, als müss­ten die mich ken­nen, obwohl die mich noch nie gese­hen haben. In sol­che Situa­tio­nen gera­ten Künst­ler, glau­be ich, häufig.

MZEE​.com: Das lässt sich ja auch auf den Ent­ste­hungs­pro­zess von Songs oder Alben bezie­hen. Da schwan­ken vie­le Künst­ler zwi­schen "Ich bin der Kras­ses­te" und "Das ist gar nichts".

Takt32: Safe. Ich glau­be, in jedem krea­ti­ven Schaf­fens­pro­zess hast du die­sen Kon­flikt mit der Selbst­ein­schät­zung dei­nes Egos. Dar­an kommt man vor allem im Rap nicht vor­bei. Es geht so viel dar­um, die Eier auf den Tisch zu packen und sich zu pro­fi­lie­ren. In vie­len Berei­chen ist Rap immer noch Com­pe­ti­ti­on und da sto­ßen Egos auf­ein­an­der. Das kann auch das Ego des Künst­lers gegen 100 000 unbe­kann­te poten­zi­el­le Hörer-​Egos sein. Die­sen Kon­flikt wirst du zumin­dest im Rap nie umge­hen kön­nen. In ande­ren Gen­res ist das viel­leicht etwas ein­fa­cher. Wenn du dar­über singst, dass du Lie­bes­kum­mer hast, knallst du wahr­schein­lich weni­ger mit ande­ren aneinander.

MZEE​.com: Du hast an meh­re­ren Aus­ga­ben von Rap am Mitt­woch teil­ge­nom­men. Ich kann mir vor­stel­len, dass dort eini­ge star­ke Egos auf­ein­an­der­pral­len. Wel­che Rol­le hat Batt­ler­ap bei der Ent­wick­lung dei­nes Egos gespielt? 

Takt32: Auf jeden Fall eine gro­ße, weil du dort direk­tes Feed­back bekommst. Das fehlt, glau­be ich, heu­te vie­len Rap­pern, die nur im Internet-​Kosmos statt­fin­den. Wenn jemand bei You­Tube einen Dau­men hoch drückt, gehe ich zwar davon aus, dass er mich fei­ert, aber es könn­te auch nur ein zutrau­li­ches Klat­schen sein. Digi­tal ist es super­schwer abzu­schät­zen, wie die Leu­te auf dich reagie­ren. Bei Rap am Mitt­woch muss­test du dei­nen Geg­ner batt­len und zei­gen, dass dein Ego grö­ßer ist. Selbst wenn der ande­re gewinnt, musst du trotz­dem der Kras­ses­te sein. (grinst) Gleich­zei­tig soll­test du mit den 500 ande­ren Egos im Raum kom­mu­ni­zie­ren und dafür sor­gen, dass du Applaus ern­test. Das ist eine kras­se Erfah­rung, durch die du lernst, dich selbst bes­ser einzuschätzen.

MZEE​.com: Die Battle-​Kultur hat vor Coro­na ja ver­stärkt wie­der auf der Büh­ne statt­ge­fun­den, zum Bei­spiel bei Don't Let The Label Label You. Ver­folgst du das? 

Takt32: Ich hab' DLTLLY und RAM eher peri­pher ver­folgt, ein paar Batt­les hab' ich mir ange­se­hen. DLTLLY hat es ja etwas mehr beim Kern­ge­dan­ken belas­sen, teil­wei­se ohne Mikro­fon und Büh­ne. Wenn man das hob­by­psy­cho­lo­gisch ana­ly­sie­ren will, bringt das Rap­per und Zuschau­er natür­lich ego­tech­nisch mehr auf eine Ebe­ne. Eine Büh­ne mit gro­ßen Lich­tern bläst das Ego auf. Wenn jemand auf eine Büh­ne tritt, ist er für die Zuschau­er offen­sicht­lich jemand, der etwas Wich­ti­ges zu sagen hat. Ich fand die­sen "Star­ted from the bottom"-Appeal bei DLTLLY sym­pa­thisch. Du muss­test dich auf Augen­hö­he mit allen her­aus­kris­tal­li­sie­ren. Respekt an jeden, der das macht.

MZEE​.com: Denkst du, dass das Ego in der Rap­sze­ne eine grö­ße­re Rol­le spielt als in ande­ren Lebens­be­rei­chen und -räumen? 

Takt32: Ich wür­de schon sagen, dass es eine Musik­rich­tung ist, in der das Ego eine rie­sen­gro­ße Rol­le spielt. Man darf nicht ver­ges­sen, dass Rap in sei­nem Ursprung ein Spie­gel der Stra­ße und der "Unter­schicht" ist. Er kam von Leu­ten, die finan­zi­ell im Nach­teil waren und in einem kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tem das Gefühl ver­mit­telt beka­men, dass sie ohne Geld nichts wert wären. Des­halb pusht man durch die Musik sein Ego so hoch, dass man irgend­wann dar­über­steht. Man kauft Luxus­ar­ti­kel, um sein Ego auf­zu­bla­sen. Das liegt dar­an, dass man uns frü­her gesagt hat, dass wir uns das nicht leis­ten könn­ten. Das kränkt das Selbst­wert­ge­fühl und wenn du dann die Koh­le hast, kaufst du die Sachen eben. Das ist Über­kom­pen­sa­ti­on. Rap ist sehr prä­de­sti­niert für die­se Vor­gän­ge, aber am Ende des Tages geht es um die Klas­sen­fra­ge. Jede Musik­rich­tung, die in kapi­ta­lis­ti­schen Sys­te­men aus unte­ren Klas­sen her­vor­kommt, wird ein Ego-​Problem haben. Das wird ver­mut­lich auch noch eine gan­ze Wei­le so blei­ben. Es sieht nicht so aus, als wür­de die Sche­re zwi­schen Arm und Reich in den nächs­ten Wochen klei­ner werden.

MZEE​.com: Das Ego-​Ding im Rap zeigt sich ja schon dadurch, dass Rap­per ger­ne ihre Zei­len mit ihrem Künst­ler­na­men begin­nen. Das gibt's in ande­ren Gen­res nicht.

Takt32: Ja, voll. Her­bert Grö­ne­mey­er wür­de sei­ne Stro­phe nicht mit einem "Her­bert!" begin­nen. (lacht) Künst­ler in ande­ren Gen­res sind aber meist psy­cho­lo­gisch auch so getrimmt, dass sie wahr­ge­nom­men wer­den. Die kom­men in einen Raum und sind Teil der Gesell­schaft. Das war bei uns anders. Wir muss­ten schrei­en, wenn wir wahr­ge­nom­men wer­den woll­ten. Ich glau­be, dass die­ses Raus­brül­len von Namen damit zu tun hat. Im Graf­fi­ti ist es ja nicht anders. Dass du dei­nen Namen über­all hin­sprühst, ist am Ende des Tages auch ein Ego-​Ding und ein Schrei nach Aufmerksamkeit.

MZEE​.com: Du hast frü­her eine Zeit lang in Ban­lieues in Frank­reich gelebt und warst dort in der Graffiti-​Szene aktiv. Wel­che Rol­le hat die­se Zeit für die Ent­wick­lung dei­nes Egos gespielt?

Takt32: Ich war noch jung, zwi­schen 15 und 17. Mit Graf­fi­ti hat­te ich schon in Ber­lin zu tun, dort ging es wei­ter. Es war das­sel­be Prin­zip. Die Ver­hal­tens­wei­sen, die das Ego und den Klas­sen­kampf ange­hen, waren in Mar­zahn fast die glei­chen wie in den Pari­ser Vor­städ­ten. Natür­lich ist es dort noch etwas bra­chia­ler gewor­den. Zu der Zeit, in der ich dort gelebt habe, wur­den die Arbei­ter­schutz­ge­set­ze ver­än­dert. Da sind eini­ge Leu­te durch­ge­dreht. In der Innen­stadt haben die Bul­len dei­nen Aus­weis kon­trol­liert. Wenn sie gese­hen haben, dass du nicht in der Innen­stadt wohnst, wur­dest du fest­ge­hal­ten. Dei­ne Bewe­gungs­frei­heit wur­de ein­ge­schränkt und dir wur­de zu ver­ste­hen gege­ben, dass du nicht in das rei­che Vier­tel gehörst, son­dern schön in der Vor­stadt blei­ben sollst. Natür­lich war ich nur Gast, aber ich habe gese­hen, wie sich das auf die Egos mei­nes Gast­bru­ders und der ande­ren Jungs aus­ge­wirkt hat. Natür­lich sind die noch aggres­si­ver raus­ge­gan­gen und haben mehr Sachen gebombt und zugetaggt, um gese­hen zu wer­den. Das ist das Inter­es­san­te an Graf­fi­ti: 90 Pro­zent der Leu­te kön­nen das gar nicht lesen oder neh­men es nicht mal wahr. Die lau­fen an bun­ten Bil­dern vor­bei und hal­ten es für Schmie­re­rei. Uns hat es trotz­dem das Gefühl gege­ben, wahr­ge­nom­men zu wer­den. Wir dach­ten, dass die Men­schen so bemer­ken, dass es uns gibt.

MZEE​.com: Du nimmst dir einen Raum in der Stadt, der dir sonst nicht ein­ge­räumt wird.

Takt32: Du holst dir den Raum zurück, der dei­nem Ego genom­men wur­de. Mich fragt ja auch kei­ner, ob ich die Hämorrhoidensalben-​Werbung über mei­nem Sitz in der U-​Bahn haben will. Die gan­ze Stadt wird mit Wer­be­ta­feln zuge­kleis­tert. Das nimmt mei­nen Raum ein. Graf­fi­ti ist die Gegen­be­we­gung dazu.

MZEE​.com: Kannst du dich an kon­kre­te Situa­tio­nen erin­nern, in denen dir ein zu gro­ßes Ego im Weg stand? 

Takt32: Tat­sa­che ist, dass man als Ber­li­ner immer ein biss­chen auf alle ande­ren scheißt und sich für den Kras­ses­ten hält. (lacht) Bei mei­nen ers­ten Auf­nah­men und Alben stand mir das schon etwas im Weg. Man hat eher nicht gesun­gen, weil das zu der Zeit ein­fach nicht der Vibe war. Da tref­fen wie­der die Ein­schät­zung der äuße­ren Wahr­neh­mung und Selbst­ein­schät­zung auf­ein­an­der. Die ändert sich mit der Erfah­rung. Du fes­tigst dein Ego, scheißt drauf und singst ein­fach die Hook oder benutzt irgend­wel­che Country-​Samples. Dazu kommt der Lokal­pa­trio­tis­mus als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fak­tor, der dein Ego pusht. Damals hat man kei­ne Songs mit Ham­bur­gern oder Frank­fur­tern gemacht. Das gehör­te dazu und im End­ef­fekt fan­den wir das lus­tig. Aber eigent­lich war das ein biss­chen blöd und hat dem musi­ka­li­schen Pro­zess im Weg gestanden.

MZEE​.com: Gab es auf der ande­ren Sei­te Situa­tio­nen, in denen dir mehr Ego gut­ge­tan hätte?

Takt32: Eigent­lich haben wir immer ganz schön auf die Kacke gehau­en. (lacht) Ich glau­be, viel mehr wäre schon sehr grö­ßen­wahn­sin­nig gewe­sen. Das war schon okay so, das hät­te man nur mit Koka­in­kon­sum noch top­pen kön­nen. (grinst)

MZEE​.com: Du schreibst als Song­wri­ter unter ande­rem an Tex­ten für bad­mómzjay, Elif oder Nico San­tos mit. Vor allem bad­mómzjay kom­mu­ni­ziert sehr offen, dass du an den Tracks betei­ligt bist. Ist es dir wich­tig, die­se Aner­ken­nung zu bekommen?

Takt32: Eigent­lich nicht. Am Ende des Tages ist es ein Job und ich wer­de bezahlt. Und zwar für Krea­tiv­ar­beit, die ich sowie­so ger­ne mache. Ich kann mit Leu­ten arbei­ten, auf die ich Bock habe und damit Geld ver­die­nen. Das muss nicht immer öffent­lich­keits­wirk­sam bekannt gemacht wer­den. Es steht auch nicht jeder Mit­ar­bei­ter, der an einem Mer­ce­des geschraubt hat, mit sei­ner Unter­schrift auf dem Auto. Okay, beim AMG unter­schreibt tat­säch­lich der Inge­nieur, der den Motor gebaut hat, den Mer­ce­des. Aber es haben auch ande­re dar­an gear­bei­tet, die sich nicht ver­ewi­gen. Damit kann man es ver­glei­chen. Ich fle­xe nicht damit, an Songs mit­ge­schrie­ben zu haben. Ich pos­te die Sachen, die ich sup­por­te und geil finde.

MZEE​.com: Die finan­zi­el­le Absi­che­rung durch das Song­wri­ting gibt einem eine gewis­se Sicher­heit, um krea­tiv und unab­hän­gig an die eige­ne Musik her­an­ge­hen zu kön­nen, oder?

Takt32: Voll. Ich mache das aber auch ein­fach ger­ne, weil ich mich aus­to­ben und mal etwas ande­res machen kann. Text­lich kann ich in Rich­tun­gen gehen, die ich nicht für mich ver­wen­den wür­de, aber schon immer mal schrei­ben woll­te. Ich kann Gesangs­li­ni­en aus­pro­bie­ren, die ich selbst nicht sin­gen könn­te. Es ist auch cool, eine ande­re Stim­me die eige­nen Wor­te per­for­men zu hören. Das ist der krea­ti­ve Aspekt. Und klar, der mone­tä­re Aspekt ist nicht zu unter­schät­zen. Es wäre Quatsch, zu ver­schwei­gen, dass ich damit gutes Geld ver­die­ne. Wenn ich das machen kann statt irgend­ei­ner ande­ren Schei­ße, ist das doch Win-win.

MZEE​.com: Eini­ge Songs, an denen du mit­ge­schrie­ben hast, haben deut­lich höhe­re Streaming-​Zahlen als dei­ne eige­nen. Kratzt das manch­mal an dei­nem Ego? 

Takt32: Um mein Ego kurz zu pushen: Mei­ne Zah­len sind mitt­ler­wei­le ganz gut. (grinst) Tat­säch­lich habe ich teil­wei­se mehr Streams als die Songs, an denen ich mit­ge­schrie­ben habe. Aber über die gro­ßen Hits müs­sen wir natür­lich nicht reden. Ich weiß ein­fach, dass die­se Songs nicht so erfolg­reich gewor­den wären, wenn ich sie gerappt hät­te. Meis­tens passt schon der Text gar nicht zu mir. Außer­dem muss man ver­nünf­tig und reflek­tiert sein und sagen kön­nen: Es ist eben nicht nur der Text, der einen Song krass macht, son­dern auch die Atti­tu­de, das Auf­tre­ten und alles drum­her­um. Wie gibt man sich auf der Büh­ne und auf Social Media? Wie klei­det man sich, was für ein Cha­rac­ter ist man? Das muss mit dem Text har­mo­nie­ren, dann wird es meis­tens erfolg­reich. Wenn ich eine Nico Santos-​Hook sin­ge, wird das nicht so geil wie bei ihm. Er hat die Stim­me und den Vibe dafür. Dafür kackt der wahr­schein­lich ab, wenn er irgend­wel­che Oldschool-​Flows auf einen 90 BPM-​Beat rap­pen soll. Wenn die Selbst­re­fle­xi­on da ist, kann man in der Writing-​Szene rela­tiv weit kom­men. Die meis­ten schei­tern tat­säch­lich an ihrem Ego. Die den­ken, dass Artists nur wegen ihrer Tex­te erfolg­reich wären. Dicker, halt die Fres­se. Du hät­test mit dem Song wahr­schein­lich nicht so einen Erfolg gehabt.

MZEE​.com: Das lässt sich teil­wei­se auf Künst­ler über­tra­gen, die behaup­ten, dass sie jeder­zeit auf den Zeit­geist auf­sprin­gen könn­ten und nur kei­nen Erfolg hät­ten, weil sie sich nicht "ver­kau­fen". Die meis­ten davon könn­ten wahr­schein­lich nicht auf Knopf­druck erfolg­rei­che Musik machen. 

Takt32: Das stimmt. Die Leu­te ver­su­chen, ihren nicht vor­han­de­nen Erfolg zu kom­pen­sie­ren. Des­halb sagen sie, dass es nur dar­an liegt, dass sich die ande­ren "ver­kau­fen". Gleich­zei­tig mes­sen sie ihren Erfolg auch an Ver­käu­fen und Zah­len. Wenn dein Album Gold gehen wür­de, wür­dest du dir auch einen dar­auf run­ter­ho­len. Das ist schein­hei­lig. Und mit dem Argu­ment, dass erfolg­rei­che Musik so ein­fach und anspruchs­los wäre, kannst du dich auch über­all her­aus­re­den. Teil­wei­se sind die ein­fa­chen Sachen viel schwe­rer zu machen. Ich sag' dir ganz ehr­lich: Ein Boom bap-​Album schreib' ich dir in einer Woche. Für so ein Gunna-​Ding brau­che ich ein bis zwei Mona­te, bis das halb­wegs iden­tisch klingt. Die­se Ein­fach­heit ist nicht zu unterschätzen.

MZEE​.com: Du warst ab 2017 für mehr als zwei Jah­re Back­up von Kool Savas und hast somit bei sei­nen Shows eher im Hin­ter­grund agiert. 

Takt32: Ich bin jetzt seit gut einem Jahr nicht mehr Savas-​Backup. Weil ich durch Song­wri­ting und mei­ne eige­nen Sachen mitt­ler­wei­le so viel zu tun habe, haben wir beschlos­sen, dass wir einen Nach­fol­ger fin­den. Das wird er ankün­di­gen, wenn das Live-​Geschäft wie­der los­geht. Es gibt jemand Neu­en. Aber Savas und ich sind wei­ter­hin sehr gute Freun­de, alles gut.

MZEE​.com: Wie hast du die Rol­le als Back­up mit dei­nem Rapper-​Ego vereinbart?

Takt32: Das ist mir total egal gewe­sen. Wenn ich mit Savas auf der Büh­ne stand, war ich ja schon sicht­ba­rer als vor­her. Ich bin mit sei­ner Musik groß gewor­den. Machen wir uns nichts vor: Er ist für 90 Pro­zent der deut­schen Rap­per immer noch ein Idol. Dadurch war das für mich ein­fach krass. Man muss Savas zugu­te­hal­ten, dass er mir Raum zum Rap­pen ein­ge­räumt hat. Wir haben gefree­styl­et, er hat mir Props gege­ben und so wei­ter. Außer­dem ist es, genau wie das Song­wri­ting, eben ein Job. Ich wur­de dafür bezahlt und habe viel Erfah­rung gesam­melt. Es war eine kras­se Schu­le, mit einem der bes­ten auf dem Frau­en­feld vor 80 000 Leu­ten auf der Büh­ne zu ste­hen. Oder eine splash!-Hauptbühnenshow mit Savas – dafür ist man ein­fach dankbar.

MZEE​.com: Hast du von ihm etwas über den Umgang mit dem eige­nen Ego gelernt – auch in Bezug auf dei­ne Karriere?

Takt32: Ja, schon. Du lernst von Savas, dass es ein Mara­thon ist. Natür­lich kannst du in drei Jah­ren so viel Cash machen, dass du aus­ge­sorgt hast, aber für ihn war es immer eher ein lan­ger Weg. Er hat nicht pro­biert, Radio­hit nach Radio­hit zu machen. 90 Pro­zent der Tracks auf sei­nen Alben sind immer noch Strai­ght in die Fresse-​Rap. Du lernst von ihm, dass du die Leu­te um dich rum ver­nünf­tig behan­deln soll­test. Du siehst sie wie­der. Savas ist zu den Ver­an­stal­tern immer super akku­rat, egal, ob es eine klei­ne oder gro­ße Show ist. Er weiß genau, dass es in einem ande­ren Jahr viel­leicht nicht so gut bei ihm läuft. Dann wird er trotz­dem gebucht, weil er sich nicht wie ein Arsch­loch auf­ge­führt hat. Es gibt Künst­ler, die ein oder zwei Jah­re im Geschäft sind und sich beneh­men, als gehör­te ihnen die gan­ze Welt. Da den­ke ich mir: Wenn du in fünf Jah­ren nicht mehr ange­sagt bist, dann viel Spaß damit, wenn die Men­schen dich so behan­deln, wie du sie behan­delt hast. Das größ­te Pro­blem der meis­ten Rap­per aktu­ell ist, dass ihr Ego schnel­ler wächst als ihre Fähig­kei­ten. Das liegt auch dar­an, dass Hypes so schnell über das Inter­net ent­ste­hen. Die sind jung und hung­rig. Dann sind sie ein Jahr am Start und haben Mil­lio­nen Streams, aber waren noch nie auf einer Büh­ne und haben zehn Shows am Stück gespielt. Eine gewis­se Pro­fes­sio­na­li­tät ist noch gar nicht erreicht, aber das Ego ist schon da. Die über­schät­zen ihre Außen­wahr­neh­mung und fal­len meis­tens auf die Schnau­ze, wenn sie nicht mehr ange­sagt sind.

MZEE​.com: Wir kom­men zur letz­ten Fra­ge. Der Singer-​Songwriter Nis­se schreibt wie du für ver­schie­de­ne Künst­ler. Er hat mal gesagt, dass er es mag, dass sei­ne Tex­te auch auf ande­ren Kon­zer­ten als sei­nen eige­nen gesun­gen wer­den. Kannst du die­sen Gedan­ken nachvollziehen? 

Takt32: Ja, schon. Es ist ein Werk, an dem du betei­ligt bist. Wenn jemand die "Deutschrap Brandneu"-Playlist oder "Modus Mio" hört, den­ke ich mir das auch bei vie­len Songs. Das ist wie mit dem Mer­ce­des vor­hin. Du hast etwas dazu bei­getra­gen und ein Stück von dir mit hin­ein­ge­ge­ben. Wenn Men­schen das fei­ern, ist man auch ein biss­chen stolz dar­auf. Das kann ich gut nach­voll­zie­hen. Ich fei­er' es auch, wenn Songs, an denen ich mit­ge­schrie­ben habe, live gespielt wer­den und funktionieren.

(Alex­an­der Hollenhorst)
(Fotos von Den­nis Hardt)