Vega – ein Gespräch über Loyalität

"Die Stra­ße war Fami­lie, des­we­gen sag' ich Bru­der zu Frem­den", "Gan­ze Jacke vol­ler Löcher, aber teil­ten aus Prin­zip", "Ich hab's dir nie gesagt, doch ich wär' mit­ge­gan­gen" … Wie man es auch dreht und wen­det: Ehre, Inte­gri­tät und Brü­der­lich­keit sind Wer­te, die man immer fin­den wird – egal, wel­ches Vega-​Album man aus dem Regal zieht. Zusam­men­halt und eine immer­wäh­ren­de Treue den weni­gen engen Men­schen gegen­über, die man in all dem Cha­os um sich hat, schon immer hat­te und wohl auch immer haben wird, spie­len eine zen­tra­le Rol­le im Schaf­fen des Frank­fur­ters seit "Lie­ber bleib ich bro­ke". Ähn­lich ist es auch die­ses Mal: Vor einer Woche wur­de Vegas neu­es Stu­dio­al­bum "069" ver­öf­fent­licht – die titel­ge­ben­de Lie­be und Ver­bun­den­heit zu sei­ner Hei­mat­stadt hät­te er nicht deut­li­cher unter­mau­ern kön­nen. Weni­ges schien also nahe­lie­gen­der zu sein, als uns an einem eisi­gen Win­ter­abend im Lock­down ein­mal vir­tu­ell mit ihm zusam­men­zu­set­zen und in Ruhe eine Stun­de über Loya­li­tät zu sprechen …

MZEE​.com: Da sich unser heu­ti­ges Gespräch um das The­ma "Loya­li­tät" dreht, haben wir dir die Defi­ni­ti­on von Wiki­pe­dia mit­ge­bracht: "Loya­li­tät bedeu­tet, im Inter­es­se eines gemein­sa­men höhe­ren Zie­les, die Wer­te […] des ande­ren zu tei­len und […] die­se auch dann zu ver­tre­ten, wenn man sie nicht voll­um­fäng­lich teilt, solan­ge dies der Bewah­rung des gemein­sam ver­tre­te­nen höhe­ren Zie­les dient. Loya­li­tät zeigt sich sowohl im Ver­hal­ten gegen­über dem­je­ni­gen, dem man loy­al ver­bun­den ist, als auch Drit­ten gegen­über." – Was sagst du dazu?

Vega: Das ist schon rela­tiv nah an mei­ner Mei­nung über Loya­li­tät, aber die hat sich in den letz­ten Jah­ren auch geän­dert. Frü­her war ich ein ganz gro­ßer Loya­li­täts­fa­na­ti­ker, aber inzwi­schen hat gera­de das, was du vor­ge­le­sen hast, einen nega­ti­ven Bei­geschmack für mich. Die­se "fal­sche Loya­li­tät", die eini­ge Leu­te an den Tag legen, ist mei­ner Mei­nung nach eine sehr kopf­lo­se Eigen­schaft. Für vie­le bedeu­tet es, dass sie die Men­schen, die ihnen nahe­ste­hen, in kei­ner Wei­se mehr kri­ti­sie­ren kön­nen. Oder ihnen Feh­ler nicht auf­zei­gen kön­nen. Dafür gibt es eini­ge Bei­spie­le, von denen ich aber kei­nes nen­nen kann, weil es dann auf­grund fal­scher Loya­li­tät Streit geben wür­de. (lacht) Das ist ein kom­pli­zier­tes The­ma. Zwei mei­ner Freun­de haben zum Bei­spiel unter­ein­an­der Streit, ich mag aber bei­de und das sind bei­des mei­ne Brü­der. Aber so wie Loya­li­tät in vie­ler­lei Hin­sicht aus­ge­legt wird, wür­de es bedeu­ten, dass ich mich auf eine Sei­te schmei­ßen muss. Sonst könn­te man mir vor­wer­fen, ich wäre nicht loy­al. Aber ich fin­de nicht, dass das zwin­gend so sein muss.

MZEE​.com: Und musst du jeman­des Wer­te tei­len, um ihm gegen­über loy­al zu sein? Die Defi­ni­ti­on sagt ja, dass man, selbst wenn Wer­te nicht über­ein­stim­men, dem gemein­sa­men Ziel zulie­be loy­al bleibt.

Vega: Ich glau­be, die Defi­ni­ti­on sagt schon, dass man grund­sätz­lich gemein­sa­me Wer­te hat – aber die Aus­rei­ßer, die man mit­geht, lie­gen im Ermes­sen des Ein­zel­nen. Trotz­dem soll­te es auch einen Punkt geben, an dem man sagt: "Guck mal, Bru­der: Ich wür­de alles für dich tun, aber ich glau­be, du bist hier nicht im Recht. Ers­tens wür­de es mir sehr weh­tun zu sehen, wie du von der Brü­cke springst und zwei­tens kann ich nicht nur um des Sprin­gens Wil­len hin­ter­her­sprin­gen." Ich habe das Gefühl, man braucht am meis­ten Loya­li­tät, wenn man sich in einer Bezie­hung unsi­cher ist. Zumin­dest war das bei mir so. Ich habe Loya­li­tät ein­ge­for­dert, wenn ich Angst hat­te, dass die Con­nec­tion gar nicht so stark ist, wie ich dach­te. Man erzwingt das dann mit: "Das ist die Vor­ga­be hier. Wenn du hier mit­ma­chen willst, dann bist du bis in den Tod loy­al." Das ist kei­ne gute Basis.

MZEE​.com: Man kann das ja auch wei­cher aus­le­gen. Für mich ist Loya­li­tät zum Bei­spiel auch, dass mir jemand nicht in den Rücken fällt, wenn ich gera­de nicht vor Ort bin. 

Vega: Ja, klar. Das ist für mich aller­dings so eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, dass ich nicht dar­über nach­ge­dacht habe. Aber da hast du auf jeden Fall Recht.

MZEE​.com: Der Text geht wei­ter mit "Man kann in sie hin­ein­ge­bo­ren wer­den […]". – Denkst du, dass es der Fami­lie gegen­über eine ange­bo­re­ne Loya­li­tät gibt?

Vega: Das hät­te ich dir wahr­schein­lich vor zehn Jah­ren noch anders beant­wor­tet. Die Con­nec­tion, die ich zum Bei­spiel zu mei­nem Bru­der habe … Ohne zu über­trei­ben: Ich wür­de ein­fach für ihn ster­ben. Das ist ein Gefühl der Ver­bun­den­heit, das unbe­schreib­lich ist. Aber bei 80 Pro­zent mei­ner Fami­lie habe ich das nicht – so hart das auch klin­gen mag. Über die Jah­re habe ich Leu­te ken­nen­ge­lernt und Freund­schaf­ten gepflegt, die mir mehr bedeu­ten als Tei­le mei­ner Familie.

MZEE​.com: Ist das etwas, das sich mit den Jah­ren gesell­schaft­lich ver­än­dert hat? Dass es frü­her viel natür­li­cher war, der Fami­lie gegen­über so eine Loya­li­tät zu haben? 

Vega: Selbst­ver­ständ­lich. Es war ja auch viel not­wen­di­ger. Das klingt viel­leicht dumm, aber ich bin dies­be­züg­lich in einer Welt mit rela­tiv alten Ver­hält­nis­sen auf­ge­wach­sen. (grinst) Ich war lan­ge bei mei­ner Uroma, die schon über 80 Jah­re alt war. In ihrem Eltern­haus, in dem mei­ne Oma, mei­ne Mut­ter und mein Onkel auf­ge­wach­sen sind. Mei­ne gan­ze Fami­lie hat seit über 60 Jah­ren in die­sem Haus gelebt. Unten wohn­te mei­ne Uroma, oben mei­ne Oma, mei­ne Mut­ter und ich. Zeit­wei­se waren es vier Genera­tio­nen. Da war das natür­lich alles viel not­wen­di­ger. Aber das ist heut­zu­ta­ge nicht mehr so. Den Groß­teil mei­ner Fami­lie sehe ich genau ein­mal im Jahr an Weihnachten.

MZEE​.com: Glaubst du, dass das dein Ver­ständ­nis von Loya­li­tät geprägt hat? 

Vega: (über­legt) Ich bin halt jemand, der ein paar Leu­te hat, mit denen er schon sehr lan­ge unter­wegs ist. Das mag abge­dro­schen klin­gen, aber die Jungs, mit denen ich auf der Stra­ße rum­hing, waren mei­ne Fami­ly. Ich habe mei­ne Jungs früh ken­nen­ge­lernt. Das sind die Leu­te, mit denen ich nach 24 Jah­ren immer noch zusam­men bin. Seit­dem ist nicht viel dazu­ge­kom­men. Da ploppt mal was auf, da geht mal was weg – aber das ist ein­fach die Basis. Bei denen habe ich mich immer am wohls­ten und ver­stan­den gefühlt. Und wenn du zu jeman­dem kei­ne Con­nec­tion hast, hast du halt kei­ne Con­nec­tion. Da kann es dei­ne Tan­te sein oder nicht. (lacht) Aber das ist bei mir auch extrem. Ich ken­ne ja mei­nen leib­li­chen Vater nicht und bin mit mei­nem Stief­va­ter auf­ge­wach­sen, der qua­si zu mei­nem Vater gewor­den ist. Das, was die Ver­bin­dung, Lie­be und Loya­li­tät zu ihm macht, ist nicht das Blut. Mein Bru­der ist auf dem Papier auch mein Halb­bru­der – aber er ist mein Ein und Alles.

MZEE​.com: Gibt es irgend­et­was, das die­ses Ver­hält­nis ins Wan­ken brin­gen könnte?

Vega: Wenn er sich ein­fach zu einem Scheiß­hau­fen ent­wi­ckeln wür­de. (lacht) Nein, ich wür­de alles für ihn tun. Auch weil ich glau­be, dass er ein sehr fei­ner jun­ger Mann ist, von dem ich viel ler­nen kann. Der hand­let man­che Sachen so, dass ich mir den­ke: "Hät­te ich das mit 21 so hand­len kön­nen, hät­te ich mir viel Schei­ße erspart." Er kann Sachen anspre­chen und sagen, wenn ihn etwas stört. Ich war ganz anders, viel wüten­der. Es gibt eini­ges, wofür ich ihn sehr bewun­de­re, obwohl er über 15 Jah­re jün­ger ist. Aber wenn ich den­ken wür­de, dass er ein Wich­ser ist, wäre es auch egal, dass er mein Bru­der ist.

MZEE​.com: Als wir das Inter­view vor­be­rei­tet haben, haben wir gemerkt, dass in unse­rer Wahr­neh­mung gera­de Män­ner oft über Loya­li­tät spre­chen und sie sehr beto­nen. Hän­gen Männ­lich­keit und Loya­li­tät für dich zusammen? 

Vega: Ich den­ke, gera­de bei Män­nern, die krass Ego-​driven sind, ist das so, weil sie Schiss haben. Es ist immer eine Art von Kon­trol­le, Leu­te dazu zu brin­gen, dir gegen­über loy­al zu sein. Du räumst dir die Frei­heit ein, Feh­ler machen zu kön­nen, die dir nie­mand übel nimmt. Und das ist das gro­ße Pro­blem. Loya­li­tät ist etwas unglaub­lich Schö­nes, aber es darf nicht zu Gehor­sam wer­den. Man kann nicht alles durch­ge­hen las­sen. Ich muss­te aller­dings erst älter wer­den, um zu ver­ste­hen, dass man auch sagen kann: "Bru­der, das ist nicht richtig."

MZEE​.com: Loya­li­tät hat für dich also auch eine Ver­bin­dung zu Macht. 

Vega: Ich glau­be, sie wird halt oft so genutzt. Und das ist die Gefahr. Wie, als wür­de ich bei Freun­de von Nie­mand sagen: "Ey Jungs, ihr habt der Schei­ße gegen­über loy­al zu sein. Das ist unser Ding. Wir hal­ten zusam­men. Und wenn ich etwas ent­schei­de, macht ihr mit – egal, ob euch das gefällt oder nicht." Es kann doch nicht sein, dass sich jemand gezwun­gen fühlt, einen Weg mit­zu­ge­hen, wenn er der Mei­nung ist, dass es der fal­sche ist.

MZEE​.com: Aber das ist doch in der Rap­sze­ne gang und gäbe.

Vega: Ja, klar. Das ist ja auch Katastrophe.

MZEE​.com: War­um spielt das in die­ser Sze­ne so eine gro­ße Rol­le, wer zu wem hält? 

Vega: (seufzt und lacht gleich­zei­tig) Weil die Leu­te am Ende des Tages wirk­lich gro­ße Pro­ble­me haben. Ich bin ja selbst auf die­sem Street-​Ding und Stra­ßen­rap­per, habe mich in vie­len Sachen ver­lo­ren und gehö­re zu einer gro­ßen Grup­pe, bei der ich auch Halt suche. Auch fuß­ball­mä­ßig. Wir haben alle die Idee davon, uns in einer Gemein­schaft zu schüt­zen. Ich habe nicht gese­hen, dass Cro so einen Beef hat. Und ich habe auch nicht gese­hen, dass Yung Hurn so einen Beef hat. Das ist ein bestimm­ter Schlag Mensch, der die­se Pro­ble­me hat – und das sind halt ein­fach wir Stra­ßen­rap­per … Aber ganz tief im Inne­ren ist das ein­fach nur Angst. Man ver­sucht damit, Leu­te an sich zu bin­den und sie zu zwin­gen, zu einem zu hal­ten. Egal, was man macht.

MZEE​.com: Es wird oft auch gegen­sei­ti­ger Respekt unter Künst­lern erwar­tet – selbst, wenn man nichts mit dem ande­ren zu tun hat. Und mit Wor­ten wie "Bru­der" eine Ver­bin­dung ver­mit­telt, die es gar nicht gibt. Kannst du nach­voll­zie­hen, was ich meine? 

Vega: Ja. Da wird die Stra­ßen­spra­che, glau­be ich, völ­lig über­be­wer­tet. Das Ding ist ein­fach: Wenn ich einen Post­bo­ten sehe und er mir einen Brief gibt, sage ich: "Dan­ke, Bruder."

MZEE​.com: Damit ver­mit­telst du ja einem Außen­ste­hen­den, dass du mit ihm eng bist – was wahr­schein­lich gar nicht so ist. Aber mir zum Bei­spiel kommt das so vor.

Vega: Das ist aber ja ein biss­chen dein Pro­blem. (schmun­zelt)

MZEE​.com: Aber du wür­dest ja nicht "Bru­der" zu jeman­dem sagen, der blöd zu dir ist. Das ist ver­mut­lich schon eine Fra­ge des Respekts … 

Vega: Genau, das ist ein Respekt-​Ding. Heu­te zum Bei­spiel war ich ein­kau­fen und da war ein … Bru­der … woll­te ich gera­de sagen. (lacht) Da war jemand, der die Ein­kaufs­wa­gen des­in­fi­ziert hat. Das war ein tür­ki­scher Bru­der. Und ich gebe ihm mei­nen Ein­kaufs­wa­gen nach dem Ein­kauf zurück und er macht ihn sau­ber und ich sage: "Dan­ke, Bru­der. Bis zum nächs­ten Mal." Ich habe den Chabo noch nie gese­hen. Aber so reden wir halt. Die Leu­te neh­men da das Wort "Bru­der" zu ernst.

MZEE​.com: Hat das dann auch etwas mit der Natio­na­li­tät zu tun? Wür­dest du zu mei­nem deut­schen Vater in Bir­ken­stock auch "Bru­der" sagen? 

Vega: Nein. (grinst) Die Natio­na­li­tät macht es ein­fa­cher. Das kann auch ein Deut­scher sein. Aber man erkennt ein­fach, ob er von der Stra­ße ist oder nicht. Und der im Laden war halt mein Bru­der. Das hat nichts mit Fami­lie zu tun.

MZEE​.com: Es gibt ja auch die Redens­art "jeman­dem sein Wort geben", die für vie­le Men­schen eine gro­ße Bedeu­tung hat. Wel­che Bedeu­tung hat es für dich – gera­de im Busi­ness –, wenn dir jemand sein Wort gibt? 

Vega: Wenn das jemand expli­zit sagt, ist das Ding für mich eigent­lich eine beschlos­se­ne Sache. Das kann auch nicht ohne einen sehr trif­ti­gen Grund gebro­chen wer­den. Wird es aber eigent­lich auch fast nie. Wenn einer expli­zit sagt "Hun­dert­tau­send­pro­zen­tig. Du hast mein Wort", dann pas­siert das auch.

MZEE​.com: Wür­dest du dar­auf auch Geschäfts­be­zie­hun­gen aufbauen? 

Vega: Ja, safe. Und das pas­siert tat­säch­lich in mei­ner Geschäfts­welt in sehr vie­len Fäl­len. Ich habe mit den wenigs­ten Leu­ten, mit denen ich Geschäf­te mache, Ver­trä­ge. Aber das wird sich die­ses Jahr ändern.

MZEE​.com: Das ist wahr­schein­lich auch eine Mentalitäts- oder Erzie­hungs­fra­ge – ohne das als gut oder schlecht zu bewerten. 

Vega: Ja, das ist auf jeden Fall auch ein kul­tu­rel­les Ding. Das kommt aber ein­fach aus einer alten Zeit. In Deutsch­land gab es das auch. Das ist nichts, das irgend­je­mand gebun­kert hat. Du konn­test genau ein­mal einen Deal machen und ihn bre­chen. Danach hast du nie wie­der ein Geschäft mit jeman­dem gemacht, weil es das gan­ze kack Dorf wuss­te. Daher kommt das ja: "Du hast mein Wort, hier ist mei­ne Hand!" Und wenn ich es nicht gemacht habe und das nächs­te Mal drei Esel ver­kau­fen will, sagen die doch: "Ja, Bru­der, du hältst doch dein drecks Wort nicht!" (lacht) Ich glau­be ein­fach, da gibt es unter­schied­lichs­te Men­schen. Es gibt natür­lich Leu­te, denen man ver­traut – und ich mache das auch nicht mit jedem. Manch­mal kann so ein Ver­trags­ge­döns aber ein biss­chen den Vibe kaputt­ma­chen. Dar­um geht's.

MZEE​.com: Du hast eben schon gesagt, dass sich das über die Jah­re bei dir ver­än­dert hat. Trotz­dem kurz ein Zitat aus dei­nem Track "Alles wie gehabt": "Und ich for­der' fana­tisch Loya­li­tät, denn ich opfer­te alles für unse­ren Weg. Sek­ten­ähn­li­che Zustän­de. Die­se Label ist der Grund, wie­so ich ein­fach ein Mes­ser zücke und zuste­che." – Ist oder war bedin­gungs­lo­se Loya­li­tät eine Vor­aus­set­zung, Teil der Freun­de von Nie­mand sein?

Vega: Das war auf jeden Fall so. Jetzt ist es nicht mehr so, aber ich erwar­te trotz­dem, dass man im Sin­ne der Gemein­schaft han­delt, wenn man zur Ban­de gehört. Es ist schon an gewis­se Sachen gekop­pelt. Solan­ge man das Logo auf dem Pul­li trägt, gibt es Regeln, wie man sich ver­hal­ten soll­te. Das ist für mich wich­tig – aber nicht mehr so, wie es mal war.

MZEE​.com: Gab es Chan­cen, die du dir auf­grund der Label-​Treue in den letz­ten zehn Jah­ren selbst ver­wehrt hast? 

Vega: Na ja, mir raten schon län­ger Leu­te dazu, dass ich solo wei­ter­ma­chen und mei­ne Ener­gie nur in mei­ne eige­ne Musik inves­tie­ren soll­te. Da habe ich mich immer gegen gestellt. Natür­lich bringt die­ses Crew-​Ding auch Opfer mit sich. Safe. (über­legt) Irgend­wann konn­te ich aber auch sel­ber nicht mehr das geben, was ich gefor­dert habe. Da habe ich gemerkt, dass es voll­kom­me­ner Unsinn ist, immer blind loy­al zu sein.

MZEE​.com: Bereust du es dann manch­mal, nicht schon frü­her mehr auf dei­nen eige­nen Weg geschaut zu haben? 

Vega: Ich bin nie­mand, der viel über Ver­gan­ge­nes nach­denkt oder über­legt, was gewe­sen sein könn­te. Das ist ein­fach nicht mei­ne Art. Sachen pas­sie­ren zu der Zeit, zu der sie pas­sie­ren sol­len. Inzwi­schen bin ich an einem Punkt, an dem ich mir den­ke, dass es Sinn machen wür­de, mehr Ener­gie in das zu ste­cken, was mir am meis­ten Spaß macht. Das ist mei­ne Musik. Das soll aber nicht bedeu­ten, dass ich Freun­de von Nie­mand schlie­ßen wer­de oder so. Aber ich will auf jeden Fall Wege fin­den, wie ich mei­nen Fokus auf das len­ken kann, wes­we­gen ich ange­fan­gen habe.

MZEE​.com: Wie reagierst du dar­auf, wenn du fest­stellst, dass jemand aus dei­nem nahen Umfeld nicht mehr kom­plett hin­ter dir steht? 

Vega: Meis­tens sehr schlecht. Lei­der Got­tes bin ich da immer noch extrem hitz­köp­fig und emo­tio­nal. Wenn sich bei­spiels­wei­se Leu­te, mit denen ich zusam­men­ar­bei­te, bei ande­ren Per­so­nen hin­ter­rücks aus­kot­zen, fällt mir das sehr schwer. Da muss ich viel­leicht auch zum Psych­ia­ter, aber für mich ist das so: "Wenn wir die­sen Pakt hier ein­ge­hen und das zusam­men machen, dann lass uns wenigs­tens ein biss­chen den Schein wah­ren. Und nicht nach ein paar Bier vor irgend­je­man­dem, der nicht dazu­ge­hört, Sachen erzäh­len. Wenn was nicht stimmt, lass uns quat­schen und das aus dem Weg räu­men – aber nicht nach außen demons­trie­ren, dass wir rum­lau­fen und über­ein­an­der reden." Das Pro­blem hat­te ich schon öfter. Und das fin­de ich schwie­rig. Sehr schwierig.

MZEE​.com: Gibt es für dich in Hin­blick dar­auf zwei­te Chancen?

Vega: Ich glau­be, ich bin da schon rela­tiv kulant, aber man­che Leu­te machen das halt ein­fach. Die mei­nen das wahr­schein­lich auch nicht böse, aber sind ein­fach strai­ght up Trat­sch­mäu­ler. Ich rede auch gern. Und zu Hau­se bei mei­ner Dame oder bei Men­schen, bei denen ich mich sicher füh­le, erzäh­le ich auch Din­ge, die ich sonst nie­man­dem erzäh­le … Aber ich mei­ne die­se Talk­run­den nach ein paar Bier. Am Ende des Tages – ohne jetzt den God­f­a­ther raus­hän­gen zu las­sen – lan­det es eh irgend­wie bei mir. Das ist ja ganz nor­mal, irgend­ei­ner hört es immer.

MZEE​.com: Gibt es etwas, das du einer nahe­ste­hen­den Per­son auf per­sön­li­cher Ebe­ne nie ver­zei­hen könntest? 

Vega: Ich glau­be ehr­lich gesagt nicht. Wenn ich jeman­den zu den Leu­ten zäh­le, die ich wirk­lich abgöt­tisch lie­be, wür­de mir erst mal nichts ein­fal­len, was irrepa­ra­bel zer­stö­rend ist. Men­schen sind so. Ich bin doch sel­ber unter­le­gen und weiß, was für däm­li­che Sachen man macht. Bestimm­te Din­ge pas­sie­ren auch ein­fach nicht mit Men­schen, die man zu sei­nen Top fünf zählt. Und ich tref­fe auch ein­fach kei­ne neu­en Leu­te, die ich mag. (lacht) Wenn ich wirk­lich mal einen tref­fe, den ich mag, dann spü­re ich direkt, dass er noch ewig mein Freund sein wird. Das pas­siert aber ein­mal in zehn Jah­ren. Ich glau­be, das beschützt mich ein biss­chen. Viel­leicht ist das auch Selbst­schutz, aber ich fin­de die meis­ten Leu­te rich­tig Bana­ne. (lacht) Ich habe da Hyper­glück. Es gibt einen Men­schen, mit dem ich so eine Sto­ry hat­te. Irgend­wann habe ich gesagt: "Guck mal, ich lie­be dich. Du bist qua­si mein bes­ter Freund. Aber so, wie du mich jetzt zehn­mal behan­delt hast, geht das nicht. Du liebst mich ein­fach nicht zurück. Es gibt nichts, was ich mir auf der Welt mehr wün­schen wür­de, aber du bist lei­der ein­fach nicht mein Freund." Das war eine der schmerz­lichs­ten Erfah­run­gen, die ich je gemacht habe. Wir hat­ten zehn Jah­re kei­nen Kon­takt und jetzt hän­gen wir wie­der seit einer Wei­le rum. Er ist ein ande­rer Mann, ich bin ein ande­rer Mann, unser Wer­te­sys­tem hat sich ein biss­chen ver­än­dert und wir sind gut miteinander.

MZEE​.com: Wie schwer ist es, in so einer emo­tio­na­len Situa­ti­on eine ratio­na­le Ent­schei­dung zu treffen? 

Vega: Das war bru­tal. Und hat sich auch über Jah­re gezo­gen. Es gibt bei Freund­schaf­ten ja auch Unter­schie­de. Das hat nichts mit bes­ser oder schlech­ter zu tun – es gibt ein­fach Leu­te, die man trifft und es fließt ab der ers­ten Sekun­de. Man hat immer etwas zu reden, es ist immer lus­tig und es gibt kei­ne Antast­mo­men­te. Man merkt ein­fach: Der ande­re ist zu tau­send Pro­zent er und ich bin zu tau­send Pro­zent ich. Bei vie­len, sogar sehr engen Freund­schaf­ten, hat man das nicht. Und genau so ein Freund war er für mich. Selbst nach zehn Jah­ren ohne Kon­takt war es genau­so. Das hat es aber dop­pelt schmerz­haft gemacht.

MZEE​.com: Lass uns zum Schluss noch über etwas Posi­ti­ves spre­chen: Hat jemand aus der Rap­sze­ne dir gegen­über mal über­ra­schend Loya­li­tät bewiesen?

Vega: (über­legt lan­ge) Das ist nicht so ein­fach zu beant­wor­ten … Es gibt auf jeden Fall zwei Per­so­nen, bei denen es mich nicht über­rascht hat, ich aber sehr froh dar­über bin, dass es so gekom­men ist. Das ist ein­mal Max Möns­ter von Uni­ver­sal, der nach so vie­len Jah­ren in die­sem Wahn­sinn durch Busi­ness ein Freund gewor­den ist. Das hat einen Wert, den ich nicht beschrei­ben kann. Jede Plat­te, die ich mit ihm raus­brin­ge, hat ein Stern­chen für mich, weil ich sie mit ihm gemacht habe. Den schät­ze ich so sehr. Und er beweist immer wie­der Loya­li­tät mir gegen­über. Ich habe auch schon Ange­bo­te abge­lehnt, weil ich ihn dann nicht hät­te. Und dann ist da Moses, der auch ein rich­ti­ger Freund für mich gewor­den ist, mit dem ich über vie­le Sachen spre­chen kann, der immer einen guten Rat hat und den ich für das, was er ist, krass bewun­de­re. Ich weiß, dass er immer zu mir ste­hen wür­de und umge­kehrt ist es genau­so. Sol­che Men­schen gefun­den zu haben, ist echt was Beson­de­res. Guck mal, die Leu­te hal­ten es nicht mal acht Mona­te mit­ein­an­der aus. Die sind in einer Crew, wer­den gemein­sam Mil­lio­nä­re und hal­ten es nicht mit­ein­an­der aus … Über die zwei bin ich ein­fach sehr glücklich.

(Flo­rence Bader & Yas­mi­na Rossmeisl)
(Fotos von Skapa)