Zwischen Chartstürmern und Klickkäufern – wie das Streaming-​Geschäft die HipHop-​Szene beeinflusst

In den letz­ten etwa fünf bis zehn Jah­ren über­rum­pel­te das flä­chen­de­cken­de Auf­kom­men des Musik­strea­mings das gesam­te Musik­ge­schäft und mach­te dabei auch vor der HipHop-​Szene nicht halt. Ganz im Gegen­teil: Gera­de Akteu­re aus der HipHop-​Welt nut­zen die neue Spiel­flä­che enorm und machen dabei immer wie­der auf sich auf­merk­sam. Die­se Auf­merk­sam­keit spie­gelt sich wider in enor­men Erfol­gen, dem Bre­chen von Rekor­den, aber auch in Skan­da­len, zum Bei­spiel rund um das Fäl­schen von Strea­ming­zah­len. Doch inwie­weit beein­flusst Strea­ming über­haupt kon­kret die deut­schen Charts und was ver­än­dert das Gan­ze eigent­lich an unse­rer Art, Musik zu machen und zu konsumieren?

 

Rap wird chartrelevant

Zu Beginn der 2000er Jah­re schien die klei­ne, aber stets gewach­se­ne HipHop-​Blase zu plat­zen. Vie­le alte Hel­den konn­ten ihre Erfol­ge der 90er Jah­re nicht wie­der­ho­len oder waren längst nicht mehr als Rap­per bezie­hungs­wei­se in der HipHop-​Szene aktiv. So fan­den sich in den Top 100 Single-​Jahrescharts gera­de ein­mal drei deut­sche HipHop-​Acts: Samy Delu­xe, die Bro­thers Kee­pers und Fet­tes Brot. Auch wenn inner­halb der Sze­ne eini­ge neue Unter­grund­phä­no­me­ne auf­tauch­ten und wuch­sen, waren die Char­ter­fol­ge der HipHop-​Szene bis Ende der 2000er Jah­re zumeist an einer Hand abzu­zäh­len. Dies soll­te sich zwi­schen 2010 und 2013 grund­le­gend ändern. In die­ser Zeit wur­den Künst­ler wie Mar­te­ria, Cro oder Casper zu Stars und erober­ten mit meh­re­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen die Spit­ze der Charts.

Seit­dem ist Deutschrap nicht mehr aus den Charts weg­zu­den­ken und hat sei­ne Main­stream­re­le­vanz nicht nur hal­ten, son­dern sogar noch stei­gern kön­nen. Waren es 2012 schon sie­ben deut­sche HipHop-​Acts, wie zum Bei­spiel Mar­te­ria, Cro, Deich­kind oder Max Her­re, die sich teil­wei­se mehr­fach in den Top 100 Single-​Jahrescharts wie­der­fan­den, stamm­ten 2019 bereits min­des­tens die Hälf­te aller Songs der Top 100 Single-​Jahrescharts aus dem Deutschrap-​Kosmos. Apa­che 207, Capi­tal Bra, Lore­da­na oder Mero sind nur ein paar der Künst­ler, die teil­wei­se mit drei oder mehr Songs in den Charts ver­tre­ten waren. In den Top 100 Album-​Jahrescharts 2019 zeich­ne­te sich ein ähn­li­ches Bild, auch wenn die Deutschrap-​Vertreter teil­wei­se ande­re Namen tra­gen, wie zum Bei­spiel Den­de­mann, Trett­mann oder Kool Savas. Der stei­gen­de Erfolg von HipHop-​Musik ist in den letz­ten Jah­ren deut­lich zu beob­ach­ten und es stellt sich die Fra­ge, was genau eigent­lich kon­kret Strea­ming damit zu tun hat.

 

Das Zeit­al­ter des Strea­mings – Ver­än­de­run­gen auf sämt­li­chen Ebenen

Seit meh­re­ren Jahr­zehn­ten sind die Ver­kaufs­zah­len phy­si­scher Ton­trä­ger in Deutsch­land enorm rück­läu­fig. Allein zwi­schen 2010 und 2019 san­ken sie von 115 Mil­lio­nen auf nur noch knapp 46 Mil­lio­nen ver­kauf­te Ein­hei­ten. Wäh­rend sich der Down­load­ab­satz noch bis 2012 posi­tiv ent­wi­ckel­te, sinkt die­ser seit 2015 eben­falls beacht­lich. Die­se Ein­brü­che der Ver­kaufs­zah­len sind das Ergeb­nis des zuneh­men­den Auf­kom­mens von Streaming-​Portalen wie Spo­ti­fy, Dee­zer, Apple Music und Co.

Musik-​Streaming sorgt für wach­sen­den Umsatz

Ein ähn­li­ches Schick­sal ist dem Radio bis­her erspart geblie­ben, auch wenn die Nut­zer­zah­len in den letz­ten Jah­ren eben­falls san­ken. Aller­dings scheint es, dass die deut­sche Rap-​Landschaft seit jeher mit die­sem Medi­um auf Kriegs­fuß steht. Sowohl im For­ma­t­ra­dio als auch im Pro­gramm­ra­dio erhal­ten nur die wenigs­ten Künst­ler Air­play. Noch immer wird bei der Bewer­tung von Deutschrap häu­fig pau­scha­li­siert, die­se Musik sei per se frau­en­feind­lich, gewalt­ver­herr­li­chend und homo­phob. Zudem wer­den Künst­ler mit Skan­da­len und pro­ble­ma­ti­schen Ver­hal­tens­wei­sen oft zu Nega­tiv­bei­spie­len der gesam­ten Sze­ne und somit auch für die deut­sche Radio­land­schaft. Die­se möch­te hin­ge­gen nicht den even­tu­el­len Feh­ler machen, pro­ble­ma­ti­schen Künst­lern eine Büh­ne zu bie­ten und es sich dadurch mit ihrer Hörer­schaft zu ver­scher­zen. Nichts­des­to­trotz bleibt die Fra­ge berech­tigt, ob des­halb ein gesam­tes Gen­re igno­riert wer­den soll­te. An die­ser Stel­le set­zen die Streaming-​Portale an und bie­ten die per­fek­te Mög­lich­keit für Hörer, ihre eige­nen musi­ka­li­schen Favo­ri­ten zu ver­fol­gen. So las­sen sich zum Bei­spiel ein­zel­ne Tracks in indi­vi­du­el­len Play­lis­ten spei­chern, wodurch man nicht mehr abhän­gig von Pro­gramm­ent­schei­dun­gen der hie­si­gen Radio­sta­tio­nen ist.

Deut­scher Rap­mu­sik hät­te also kaum etwas bes­se­res pas­sie­ren kön­nen, als die­se "neue" Form des Musik­kon­sums zu nut­zen: das Strea­ming. Doch lei­der fin­den sich auch hier gewis­se Par­al­le­len zum Radio. Spe­zi­ell auf Spo­ti­fy gibt es mitt­ler­wei­le enorm viel Wer­bung und kura­tier­te Play­lis­ten, wel­che let­zen Endes nur das digi­ta­le Gegen­stück zum For­ma­t­ra­dio bil­den. "Modus Mio" spal­tet qua­si die Sze­ne. Auf der einen Sei­te Künst­ler, die nahe­zu alles für eine Auf­nah­me in die Play­list tun wür­den, auf der ande­ren Sei­te jene, die "Modus Mio" expli­zit zum Feind­bild erklä­ren. "Denn Spo­ti­fy befiehlt das, ich füh­re aus und salu­tie­re. Ja, Sir, dan­ke, Sir, Modus Mio, nein", rappt bei­spiels­wei­se Juse Ju auf "Frie­de den Rappern".

Spe­zi­ell finan­zi­ell betrach­tet ist das Streaming-​Geschäft gera­de für "klei­ne­re" Künst­ler nicht beson­ders lukra­tiv im Ver­gleich zu ande­ren For­men des Musik­kon­sums. Bei Spo­ti­fy erhal­ten die Künst­ler aktu­ell etwa 2,85 Euro für 1 000 Streams und somit nicht mal einen Cent pro Stream. Auch wenn die Aus­schüt­tun­gen bei ande­ren Streaming-​Anbietern wie Naps­ter, Apple Music oder Ama­zon Music höher aus­fal­len, sind sie trotz­dem noch enorm gering. Im Ver­gleich dazu erhal­ten Musi­ker, wenn ein Song im Radio läuft, zwi­schen 1,50 Euro und 15 Euro. Auch die Umsät­ze im Down­load­be­reich oder durch den Ver­kauf phy­si­scher Ton­trä­ger fal­len wesent­lich höher aus, wobei hier natür­lich beach­tet wer­den muss, dass der Gewinn nicht annä­hernd dem Umsatz ent­spricht. Im Schnitt bezahlt man auf Down­load­por­ta­len etwa 1,50 Euro pro Song. Um zum Bei­spiel bei Spo­ti­fy einen ähn­li­chen Umsatz zu erzie­len, müss­te ein Song dem­nach min­des­tens 525-​mal von einer Per­son gestreamt wer­den. Für die "Klick­mil­lio­nä­re" der Sze­ne ist das natür­lich kein Pro­blem. Der Track "Rol­ler" von Apa­che 207 wur­de bis­her etwa 233 Millionen-​mal auf Spo­ti­fy gestreamt (Stand 5. Dezem­ber 2020). Dem­nach hat Apa­che 207 allein mit die­sem Song etwa 667 000 Euro über Spo­ti­fy umge­setzt. Zum Ver­gleich: Um einen ähn­li­chen Betrag umzu­set­zen, müss­te er etwa 44 500 CDs zu einem Preis von je 15 Euro verkaufen.

 

Wan­del auch auf musi­ka­li­scher Ebene

Es ist daher also nicht ver­wun­der­lich, wenn Künst­ler ver­mehrt dar­auf hin­wei­sen, die jeweils neu­en Sin­gles auf Dau­er­schlei­fe zu strea­men und in sämt­li­che Play­lis­ten zu packen. Auch die Songs selbst wer­den immer häu­fi­ger genau dar­auf aus­ge­rich­tet. Etli­che Tracks sind mitt­ler­wei­le kaum län­ger als zwei bis drei Minu­ten. Dabei star­ten sie zumeist direkt mit einer Hook, um den Hörer zu cat­chen. Lan­ge war es üblich, dass ein Rap­t­rack aus drei Parts mit jeweils 16 Zei­len bezie­hungs­wei­se Bars bestand. Mitt­ler­wei­le sind die Parts über­wie­gend nicht nur immer kür­zer gewor­den, son­dern der drit­te Part scheint, zumin­dest im Main­stream­be­reich, fast gänz­lich aus­ge­stor­ben zu sein. Statt­des­sen erhal­ten wir am Ende eines Songs häu­fig eine Kom­bi­na­ti­on aus Hook, Bridge und Hook. Die­se Ent­wick­lung muss nicht zwin­gend nega­tiv bewer­tet wer­den, aber sie ist defi­ni­tiv span­nend zu beob­ach­ten und zu ver­fol­gen. Noch in den 1990er Jah­ren muss­ten HipHop-​Tracks extra für Single- bezie­hungs­wei­se Radio­ver­sio­nen gekürzt wer­den, um über­haupt Air­play zu erhal­ten. Ein deut­li­ches Bei­spiel lie­fert hier­zu der Pos­se Cut "Nor­disch by Natu­re" von Fet­tes Brot, der im Ori­gi­nal über neun Minu­ten lang ist. Knapp zwei Drit­tel des Songs muss­ten damals für die Radio­ver­si­on weichen.

Fet­tes Brot - Nor­disch by Natu­re (Offi­cial)

An jenem Bei­spiel lässt sich auch eine wei­te­re Ver­än­de­rung im Zeit­al­ter des Strea­mings erken­nen. "Nor­disch by Natu­re" war eine von ins­ge­samt drei Sin­gles des Albums "Auf einem Auge blöd", die jedoch alle­samt erst nach Erschei­nen des Albums aus­ge­kop­pelt wur­den. Im August 2020 erschien das Album "Kitsch­Krieg" des gleich­na­mi­gen Pro­du­zen­ten­teams. Vor Erschei­nen des Albums hat­te man bereits fünf Tracks dar­aus releast, zwei davon sogar schon im Jahr 2018 bezie­hungs­wei­se 2019. Auch die Feature-​Kultur hat sich in den letz­ten Jah­ren inner­halb der HipHop-​Szene enorm gewan­delt. In den 1990er Jah­ren waren Fea­tures eher orga­ni­scher Natur. Das bedeu­te­te, dass sich bereits befreun­de­te Künst­ler gegen­sei­tig unter­stütz­ten und auch über­wie­gend zusam­men in den­sel­ben Stu­di­os an Songs arbei­te­ten. Heu­te gibt es eine Rei­he von Künst­lern, die fast offen­sicht­lich mög­lichst erfolgs­ver­spre­chen­de Fea­tures pla­nen. Das Spek­trum der Fea­tures reicht dann von erfolg­rei­chen deut­schen Pop­stim­men über zumeist ein­ge­kauf­te inter­na­tio­na­le Rap-​Parts bis hin zu den aktu­ell erfolg­reichs­ten Deutschrap­pern. Nicht sel­ten schlägt sich das dann auch in der Qua­li­tät der abge­lie­fer­ten Parts nie­der, die manch­mal inhalt­lich nicht zum Rest der jewei­li­gen Tracks pas­sen. So tum­meln sich zum Bei­spiel auf dem letz­ten Album "CB7" von Capi­tal Bra unter ande­rem Sido, Lore­da­na, San­tos, Nimo, Sum­mer Cem, Sam­ra, Clue­so, KC Rebell, Cro und SDP.

 

Ver­fälscht Strea­ming die Charts?

Capi­tal Bra ist auch der Künst­ler, der 2019 in Deutsch­land eine erneu­te Debat­te rund um das The­ma Strea­ming ent­fach­te. Mit der Cover­ver­si­on des Tracks "Cher­ry Lady" von Modern Tal­king sicher­te er sich zum damals zwölf­ten Mal die Num­mer eins der deut­schen Sin­glecharts, stürz­te damit die Beat­les vom Thron und brach ihren über 50 Jah­re alten Rekord. Seit 2016 berück­sich­tigt die GfK Enter­tain­ment auch die Musikstreaming-​Dienste bei der Ermitt­lung der offi­zi­el­len deut­schen Charts. Die GfK Enter­tain­ment ist ein deut­sches Markt­for­schungs­un­ter­neh­men, das welt­weit Markt­for­schung im Bereich Enter­tain­ment betreibt. Der­zeit über­mit­teln die Anbie­ter Apple Music, Dee­zer, You­Tube Music, Naps­ter, Quo­buz, Spo­ti­fy und TIDAL ihre Streaming-​Daten an die GfK Entertainment.

Mitt­ler­wei­le hat Capi­tal Bra sogar über zwan­zig­mal die Num­mer eins der deut­schen Sin­glecharts erlangt und befin­det sich dabei noch am Anfang einer mög­li­cher­wei­se lang anhal­ten­den Kar­rie­re. Die Musik- und Medi­en­land­schaft in Deutsch­land war und ist jeden­falls seit­her in Auf­ruhr. Vie­le Dis­kus­sio­nen dre­hen sich unter ande­rem um die Fra­ge, ob und wie die Erfol­ge von den Beat­les und Capi­tal Bra über­haupt zu ver­glei­chen sind. Obwohl die­se Debat­te natür­lich voll­kom­men legi­tim ist, mün­de­te sie in eini­gen Fäl­len jedoch in plum­pen Ver­un­glimp­fun­gen des Erfolgs von Capi­tal Bra, wie zum Bei­spiel dem Argu­ment, dass er nichts mit Musik und ech­ter Kunst zu tun habe.

Genau hier liegt auch die berühm­te Nadel im Heu­hau­fen: Denn am Ende müs­sen die Hörer eben selbst ent­schei­den, wel­che Musik sie kon­su­mie­ren wol­len. Die bereits erwähn­te Fra­ge nach der Ver­gleich­bar­keit der Erfol­ge bleibt wei­ter­hin gerecht­fer­tigt. Nur soll­te dabei beach­tet wer­den, dass die Erfol­ge der Beat­les, spe­zi­ell aus den 60er Jah­ren, bereits nicht mit den Erfol­gen von Künst­lern der 80er, 90er und 2000er zu ver­glei­chen sind, da sich die Art des über­wie­gen­den Musik­kon­sums eben per­ma­nent wan­delt und dem­entspre­chend auch die Erfolgs­mög­lich­kei­ten in den deut­schen Charts beein­flusst. So ermög­lich­te das Auf­kom­men der CD im Jahr 1982 den Künst­lern bes­se­re Absatz­mög­lich­kei­ten für ihre Musik, da sie eben kos­ten­güns­ti­ger pro­du­ziert wer­den konn­te als eine Schall­plat­te und dem­zu­fol­ge auch güns­ti­ger ver­kauft wur­de, wodurch sich wie­der­um ins­ge­samt der Absatz phy­si­scher Ton­trä­ger erhöh­te. In die­sem Bereich des Musik­ge­schäfts ist Capi­tal Bra zum Bei­spiel längst nicht füh­rend und liegt der­zeit sogar hin­ter den Beat­les und eini­gen ande­ren deutsch­spra­chi­gen HipHop-​Acts wie Bonez MC, The Cra­tez und RAF Camo­ra. Auf­fäl­lig ist, dass sich in die­sem Bereich bis­her kein deut­scher HipHop-​Act bis in die Top Zwan­zig vor­kämp­fen konn­te. Die­se enor­me Dis­kre­panz zwi­schen Streaming-​Erfolgen und dem Ver­kauf phy­si­scher Ton­trä­ger ergibt sich auch dar­aus, dass Hip­Hop nach wie vor eine Musik­rich­tung ist, die über­wie­gend von einem jün­ge­ren Publi­kum kon­su­miert wird. Die­sem fehlt es zumeist an finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten, ihre Lieb­lings­künst­ler durch den Kauf phy­si­scher Ton­trä­ger zu unter­stüt­zen. So wer­den alter­na­tiv eben die neu­es­ten Songs ger­ne mal auf Dau­er­schlei­fe gestreamt.

 

Was ist schon "Erfolg"?

Trotz­dem darf nicht ver­ges­sen wer­den, dass das Streaming-​Geschäft auch noch auf ande­ren Ebe­nen für Ver­än­de­run­gen sorgt. Seit jeher ist die Gol­de­ne Schall­plat­te ein Sta­tus­sym­bol im Rap, mit dem sich Künst­ler ger­ne brüs­ten. Auch Fans sehen in den Aus­zeich­nun­gen zumeist ein Qua­li­täts­merk­mal und ein Sym­bol für Rele­vanz und Erfolg. "Für alle, die den­ken, Rele­vanz lässt sich nur durch Erfolg bestim­men, hän­gen an den Wohn­zim­mer­wän­den unse­rer Vil­len die Gol­de­nen!", rappt Kool Savas auf "Masa­faka" von Sido. Die Idee, Wohn­zim­mer­wän­de mit gol­de­nen Schall­plat­ten zu ver­schö­nern, war noch in den 90er Jah­ren eine fast unmög­li­che Vor­stel­lung für nahe­zu alle Mit­glie­der der deut­schen HipHop-​Szene. Selbst etli­che soge­nann­te "All-​Time-​Classics" haben es bis heu­te nicht geschafft, genü­gend Ein­hei­ten zu ver­kau­fen, um mit Gold oder gar Pla­tin aus­ge­zeich­net zu wer­den. Dabei soll­te beach­tet wer­den, dass Alben bis 1999 250 000-​mal ver­kauft wer­den muss­ten, um mit Gold aus­ge­zeich­net zu wer­den. Seit 2003 wer­den Alben bereits nach "nur" 200 000 ver­kauf­ten Ein­hei­ten schon mit Pla­tin aus­ge­zeich­net. Für die­se Aus­zeich­nung waren bis 1999 hin­ge­gen über 500 000 ver­kauf­te Ein­hei­ten not­wen­dig. Seit 2016 wer­den auch die soge­nann­ten "Premium-​Streamings", also Streams die von einem bezahl­ten "Premium"-Abonnement getä­tigt wer­den, erfasst und gehen in die Wer­tung für die Anzahl ver­kauf­ter Ein­hei­ten mit ein. Dabei wird kon­kret ein durch­schnitt­li­cher Streaming-​Wert errech­net, der sich aus den zwölf meist­ge­hör­ten Tracks eines Albums ergibt. Die­ser Streaming-​Wert wird dann mit einem Fak­tor von 2 000:1 als "ver­kauf­te Ein­heit" berück­sich­tigt. Hat ein Künst­ler also zum Bei­spiel durch­schnitt­lich 100 000 "Premium-​Streamings" für die Songs sei­nes Albums, ent­spricht das dem Ver­kauf von etwa 50 Einheiten.

In letz­ter Zeit wur­de die­ses Hin­zu­zie­hen der Streaming-​Zahlen zur Ermitt­lung der Ver­kaufs­zah­len und Charts aller­dings wie­der etwas kri­ti­scher betrach­tet, da es ver­mehrt zu Fäl­len kam, in denen sich Künst­ler Streams kauf­ten, um höher zu char­ten. Mitt­ler­wei­le gibt es eine gan­ze Rei­he von Anbie­tern, die Klicks in unter­schied­lichs­ten Grö­ßen­ord­nun­gen ver­kau­fen. Spo​ti​streams​.de bie­tet aktu­ell zum Bei­spiel 50 000 Streams für 120 Euro an und wirbt damit, schnel­ler in Spotify-​Playlisten zu lan­den und rele­van­ter für den Spotify-​Algorithmus zu wer­den. Zu beach­ten ist hier­bei, dass das Gan­ze natür­lich ille­gal ist. Gleich­zei­tig kön­nen Streams und Klicks von jeder belie­bi­gen Per­son gekauft wer­den, unab­hän­gig davon, ob Künst­ler, Label­be­trei­ber oder Fan. Bis­her fin­den spe­zi­ell die gro­ßen Strea­ming­diens­te kei­ne aus­rei­chen­de Lösung, um gegen das Kau­fen von Klicks gezielt vorzugehen.

Die­ses Pro­blem ist aller­dings kein Phä­no­men, das erst mit dem Auf­kom­men von Musik­strea­ming ent­stand. Mani­pu­la­tio­nen im Bereich der Charts fin­den schon seit Jahr­zehn­ten statt und wur­den frü­her oder spä­ter auch Teil jedes Musik­me­di­ums, sei es CD, Radio oder Down­load. Nun muss sich aller­dings eine Kul­tur, die auf Wer­te wie Kre­di­bi­li­tät, Real­ness und Authen­ti­zi­tät setzt, die Fra­ge gefal­len las­sen, war­um es gera­de in die­sem Bereich zu der hohen Anzahl an Mani­pu­la­tio­nen und Tricks kommt, "nur" um höher zu char­ten. Mitt­ler­wei­le scheint das Kau­fen von Klicks von eini­gen Künst­lern gar kom­plett akzep­tiert zu sein. So warb bei­spiels­wei­se Shin­dy im Juli auf Insta­gram damit, dass er für Laas Unltd. eini­ge Klicks gekauft hätte.

Fern­ab die­ser mehr als frag­wür­di­gen Metho­den bie­tet das Streaming-​Geschäft jedoch gera­de klei­ne­ren Künst­lern enorm gute Mög­lich­kei­ten für das Relea­sen von Musik. Die Anti­lo­pen Gang ver­öf­fent­lich­te im August 2020 mit "Adre­no­chrom" ihr zwei­tes Album im glei­chen Jahr und ver­zich­te­te dabei sowohl auf eine Pro­mo­pha­se als auch auf phy­si­sche Ton­trä­ger. Die­se Form des Relea­ses wäre noch vor zwan­zig Jah­ren unmög­lich gewe­sen. Auch inter­na­tio­nal bie­ten die Streaming-​Plattformen einen enor­men Vor­teil für Neu­erschei­nun­gen. Sie kön­nen nun näm­lich welt­weit zeit­gleich erschei­nen, zumin­dest digi­tal. Bis Anfang der 2000er war es hin­ge­gen üblich, dass eini­ge inter­na­tio­na­le Alben teil­wei­se erst Mona­te nach dem offi­zi­el­len Release in Deutsch­land zur Ver­fü­gung stan­den. Die­se Pro­ble­me beim Ver­trieb von phy­si­schen Ton­trä­gern fal­len über den digi­ta­len Ver­triebs­weg natür­lich weg.

Trotz­dem hat auch das Strea­ming sei­ne Nach­tei­le für die Hörer­schaft, wenn zum Bei­spiel gewis­se Alben nicht oder nur auf ein­zel­nen Platt­for­men ver­füg­bar sind. Meh­re­re Jah­re war fast die gesam­te Dis­ko­gra­phie von Jay-​Z nicht auf Spo­ti­fy und Co. ver­tre­ten, da die­ser die Hörer dazu ani­mie­ren woll­te, sei­ne Musik bei sei­nem eige­nen Strea­ming­dienst TIDAL zu hören. Gut drei Vier­tel der Dis­ko­gra­phie von De La Soul sind eben­falls auf kei­ner Streaming-​Plattform zu fin­den. Dar­un­ter fal­len ihre bekann­tes­ten Alben, wie zum Bei­spiel "3 Feet High And Rising", "De La Soul Is Dead" und "Sta­kes Is High". Der Grund ist hier aller­dings ein ande­rer als bei Jay-​Z. Die Band befand sich in den letz­ten Jah­ren immer wie­der in Gesprä­chen mit ihrem Ex-​Label Tom­my Boy Records bezüg­lich der Rech­te ihrer Alben zwi­schen 1989 und 2001. Da hier bis heu­te kei­ne Eini­gung erzielt wer­den konn­te, durch die die Band an den Ein­nah­men der Musik betei­ligt wer­den wür­de, feh­len die Alben wei­ter­hin auf sämt­li­chen Platt­for­men. Auf­grund der enorm lan­gen Gesprä­che zwi­schen den Par­tei­en, die ohne Erfolg blie­ben, rief De La Soul 2019 sogar zu einem gene­rel­len Boy­kott des Labels auf. Soll­ten die Alben also irgend­wann auf etwai­gen Platt­for­men erschei­nen, wür­de die Band nicht an den Ein­nah­men betei­ligt werden.

MC Rene - X-​Kalibur feat. Die P & Ter­ra Pete (prod. the intern, 7apes & Figub Brazle­vic) | #Krek­pek

Ähn­li­che Situa­tio­nen sind auch in der deut­schen HipHop-​Szene zu beob­ach­ten."Stream rules ever­ything around me. Die wah­ren Schät­ze fin­dest du meis­tens nur unter Staub­schicht", rappt MC Rene auf "X-​Kalibur" und meint damit ver­mut­lich auch sein eige­nes Werk. Er selbst ver­öf­fent­lich­te nach sei­ner Zeit bei MZEE Records zwei Alben Anfang der 2000er Jah­re, "Ein Album namens Bernd" und "Scheiss auf euren Hip Hop". Die Rech­te die­ser Wer­ke lie­gen bis heu­te bei den Labels Ario­la und Impro­ver­sum. MC Rene selbst könn­te sich zwar um eine Auf­nah­me in sei­nen Streaming-​Katalog bemü­hen, was aller­dings nur mit Arbeit und Pro­mo­ti­on für ihn ver­bun­den wäre, an der er selbst nichts ver­die­nen wür­de. Dies sind nur eini­ge weni­ge Bei­spie­le für ein Phä­no­men, das sich immer wie­der beob­ach­ten lässt. Spe­zi­ell in den Anfangs­jah­ren der Kar­rie­ren vie­ler Künst­ler kommt es oft zu "unglück­li­chen" Ver­trags­si­tua­tio­nen mit Labels. Inso­fern bleibt es also wei­ter­hin sinn­voll, zumin­dest die eige­nen Lieb­lings­künst­ler auch fern­ab von Strea­ming durch den Kauf von phy­si­schen Ton­trä­gern oder Down­loads zu unter­stüt­zen. Denn wer weiß schon sicher, wel­che Musik auf wel­chen Streaming-​Plattformen dau­er­haft ver­füg­bar sein wird, bezie­hungs­wei­se wel­che Streaming-​Anbieter gene­rell dau­er­haft bestehen werden?

 

Was bringt die Zukunft?

Natür­lich sind aktu­el­le Streaming-​Rekorde und damit ver­bun­de­ne Char­ter­fol­ge ein Sym­bol für die eige­nen Leis­tun­gen. Doch sind jene Sym­bo­le noch längst kein Garant für die Exis­tenz­si­che­rung der ein­zel­nen Kul­tur­schaf­fen­den und der sich aus ihnen erge­ben­den gesam­ten HipHop-​Kultur, spe­zi­ell in Zei­ten einer welt­wei­ten Pan­de­mie. "Die Charts sind ein Blend­werk!", rappt Juse Ju auf "Jus­tus BWL". Gera­de in den letz­ten Mona­ten wur­de deut­lich, dass sich beson­ders klei­ne­re Acts defi­ni­tiv nicht über das Streaming-​Geschäft allein finan­zie­ren kön­nen. Gleich­zei­tig bie­tet Strea­ming Fans aus nahe­zu allen sozia­len Milieus die Mög­lich­keit, an der Musik teil­ha­ben zu kön­nen, ohne ent­we­der auf eine Men­ge ver­zich­ten zu müs­sen oder Musik auf ille­ga­len Wegen zu konsumieren.

Die Hörer­schaft soll­te sich aber immer die Fra­ge stel­len, wel­che Rele­vanz sie Charts und Prei­sen zuspricht. Selbst­ver­ständ­lich hat die Arbeit der GfK Enter­tain­ment einen hohen Wert, gera­de wenn es zum Bei­spiel dar­um geht, mög­li­che Trends und Ent­wick­lun­gen dar­zu­stel­len und zu erken­nen. Nur bleibt Musik am Ende immer noch eine Fra­ge des Geschmacks, bei der die Fra­ge, ob es in Ord­nung sei, dass Capi­tal Bra einen Rekord der Beat­les ein­stell­te, womög­lich zu viel Raum ein­nimmt. Lässt sich fak­tisch oder objek­tiv über­haupt bestim­men, wer die "bes­se­re" Musik geschaf­fen hat? Das muss eher jeder Hörer für sich selbst ent­schei­den. Natür­lich hat das Strea­ming Capi­tal Bra in die­ser Hin­sicht einen Vor­teil gegen­über den Beat­les ver­schafft, nur wer­den die­sen Vor­teil eben alle Künst­ler fort­an nut­zen kön­nen, wenn es nicht schon in naher Zukunft bereits eine neue Form des Musik­kon­sums oder Ände­run­gen für die Ermitt­lung der Charts geben wird. Letzt­lich könn­ten also in ein­hun­dert Jah­ren sowohl die Beat­les als auch Capi­tal Bra eine enor­me Rele­vanz haben oder aber auch nur noch einen eher unre­le­van­ten Teil der Musik­ge­schich­te dar­stel­len. So etwas lässt sich nicht sicher vor­her­be­stim­men, auch nicht durch irgend­wel­che Charterfolge.

(Alec Weber)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)